Wissenschaftliche Meldungen
Gibt es „Haie“ eigentlich gar nicht? Genomstudien stellen den Stammbaum der Meeresräuber infrage
16.3.26, 08:15
Biologie, Zoologie

Ein vertrauter Begriff gerät ins Wanken
Haie gelten als klassische Spitzenräuber der Ozeane. Doch neue genetische Analysen könnten ein grundlegendes biologisches Konzept infrage stellen: Möglicherweise gibt es evolutionsbiologisch betrachtet gar keine natürliche Gruppe „Haie“. Genomdaten deuten darauf hin, dass viele Arten, die wir als Haie bezeichnen, enger mit Rochen verwandt sein könnten als mit einigen anderen Hai-Linien. Diese Ergebnisse könnten den Stammbaum der Knorpelfische – der Gruppe der sogenannten Chondrichthyes – neu ordnen.
Die Arbeit basiert auf umfangreichen genetischen Datensätzen und schlägt vor, dass die traditionelle Einteilung der Tiere möglicherweise kein monophyletisches System darstellt. In der Evolutionsbiologie bezeichnet „monophyletisch“ eine Gruppe, die alle Nachfahren eines gemeinsamen Vorfahren umfasst. Wenn eine Gruppe dieses Kriterium nicht erfüllt, gilt sie als künstliche Zusammenstellung – ähnlich wie das bekannte Beispiel „Fische“, das evolutionsbiologisch ebenfalls keine geschlossene Abstammungslinie bildet.
Genomdaten bringen Bewegung in einen alten Stammbaum
Die Analyse stützt sich auf große genomische Datensätze aus verschiedenen Hai- und Rochenarten. Forschende verglichen Tausende Gene, um evolutionäre Verwandtschaften genauer zu rekonstruieren. Solche phylogenomischen Methoden gelten als deutlich präziser als ältere Ansätze, die nur wenige Gene oder hauptsächlich morphologische Merkmale berücksichtigten.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine bestimmte, ungewöhnliche Linie von Haien – eine relativ kleine Gruppe – früher vom gemeinsamen Vorfahren abzweigte. Viele der übrigen Haiarten könnten dagegen enger mit Rochen verwandt sein als mit dieser Linie. Sollte sich dieses Muster bestätigen, wäre die traditionelle Gruppe „Haie“ evolutionsbiologisch nicht mehr haltbar.
Das würde bedeuten, dass das Bild der Haie als einheitliche evolutionäre Gruppe ähnlich problematisch ist wie der Begriff „Fisch“, der ebenfalls viele evolutionär weit auseinanderliegende Linien zusammenfasst.
Warum solche Revisionen in der Evolution normal sind
Evolutionäre Stammbäume sind keine statischen Modelle. Mit jeder neuen Generation von Daten – insbesondere durch komplette Genome – können sich bisherige Annahmen verschieben. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die sogenannte Phylogenomik zahlreiche klassische Tiergruppen neu geordnet.
Besonders schwierig ist die Rekonstruktion bei sehr alten Linien. Knorpelfische entstanden bereits vor rund 400 Millionen Jahren. Über solche Zeiträume können genetische Signale stark überlagert werden, etwa durch unterschiedliche Evolutionsraten einzelner Gene oder durch sogenannte „long-branch effects“, bei denen schnelle genetische Veränderungen die Analyse verzerren.
Deshalb vergleichen Forschende heute möglichst viele Gene gleichzeitig und wenden komplexe statistische Modelle an, um solche Effekte zu minimieren.
Studiendesign und wissenschaftliche Einordnung
Die zugrunde liegenden Analysen basieren auf umfangreichen genomischen Datensätzen verschiedener Knorpelfischarten. Die zentralen Ergebnisse wurden zunächst als Preprint veröffentlicht, also vor der formalen Begutachtung durch unabhängige Fachgutachter (Peer Review). Das bedeutet, dass die Resultate noch überprüft und möglicherweise korrigiert werden können.
Die Studie verwendet phylogenomische Methoden, bei denen große Mengen genetischer Sequenzen statistisch analysiert werden, um Verwandtschaftsverhältnisse zu rekonstruieren. Solche Modelle berücksichtigen unter anderem unterschiedliche Mutationsraten zwischen Genen sowie mögliche Verzerrungen durch evolutionäre Prozesse.
Zu Stichprobengröße, konkreten Sequenzierungsverfahren oder statistischen Parametern liegen in der zugrunde liegenden News-Quelle keine detaillierten Angaben vor.
Was sich für die Biologie ändern könnte
Sollten weitere Studien die Ergebnisse bestätigen, hätte das vor allem Konsequenzen für die Systematik – also die wissenschaftliche Einordnung von Arten. Taxonomische Gruppen würden dann neu definiert, um die tatsächlichen Abstammungsverhältnisse widerzuspiegeln.
Für die ökologische Forschung oder den Naturschutz hätte dies zunächst wenig praktische Auswirkungen: Die Tiere selbst bleiben natürlich dieselben. Dennoch kann eine korrekte Einordnung wichtig sein, um evolutionäre Anpassungen, Entwicklungsprozesse oder genetische Besonderheiten besser zu verstehen.
Noch kein endgültiger Konsens
Die neuen Ergebnisse sind wissenschaftlich spannend, aber noch nicht endgültig akzeptiert. In der Evolutionsbiologie ist es üblich, dass konkurrierende Stammbäume über Jahre hinweg diskutiert werden, bis sich ein stabiler Konsens bildet.
Gerade bei tiefen evolutionären Abzweigungen können unterschiedliche Datensätze oder statistische Modelle zu abweichenden Ergebnissen führen. Ob die Gruppe „Haie“ tatsächlich evolutionsbiologisch aufgelöst werden muss, wird daher erst künftige Forschung entscheiden.
Zu möglichen Interessenkonflikten der beteiligten Forschenden liegen in der zugrunde liegenden Quelle keine Angaben vor.
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