
Energie
Warum Tandem-Solarzellen nicht am flexiblen Unterbau scheitern müssen
Eine am 30. Mai 2026 in Communications Materials veröffentlichte Material- und Solarzellstudie zeigt, wie kesterit/perowskitische 4-Terminal-Tandems auf Glas und auf Metallfolie mehr als 22 beziehungsweise 20 Prozent Wirkungsgrad erreichen.
Die eigentliche Solarfrage lautet nicht nur, wie viel Licht eine Zelle schluckt, sondern worauf sie leben darf
Die Photovoltaik kennt einen alten Reflex: Sobald irgendwo ein höherer Wirkungsgrad auftaucht, kreist fast die ganze Aufmerksamkeit um Rekordzahlen. Das ist verständlich, aber oft zu kurz gedacht. Denn eine Solarzelle ist kein nackter Laborwert. Sie ist immer auch ein Bauteil mit Gewicht, Steifigkeit, Materialkosten und Einbaugrenzen. Genau deshalb sind flexible Tandemzellen so interessant. Sie versprechen nicht bloß mehr Strom pro Fläche, sondern eine andere Art von Solartechnik: leichter, potenziell integrierbar in gekrümmte Oberflächen, mobile Systeme oder gebäudeintegrierte Anwendungen, bei denen starre Glasplatten unpraktisch sind.
Die am 30. Mai 2026 in Communications Materials veröffentlichte Studie setzt genau hier an. Sie kombiniert eine kesteritbasierte Dünnschicht-Unterzelle mit einer Perowskit-Oberzelle in einer 4-Terminal-Architektur und zeigt, dass diese Kombination nicht nur auf starrem Glas funktioniert, sondern auch auf flexibler Molybdänfolie. Der Punkt ist nicht bloß ein weiterer Wirkungsgradrekord. Der Punkt ist, dass eine vergleichsweise nachhaltiger gedachte Unterzelle aus häufigeren und weniger problematischen Elementen überhaupt in eine leistungsfähige Tandemarchitektur gebracht wurde, die auf einem biegsamen Substrat noch über 20 Prozent erreicht.
Was die Forschenden konkret gebaut haben
Der Studientyp ist eine peer-reviewte Material- und Solarzellstudie mit Dünnschicht-Fabrikation, Materialoptimierung und Geräte-Demonstration. Im Zentrum steht Kesterit, chemisch Cu2ZnSn(S,Se)4 oder kurz CZTSSe. Dieses Material ist für die Energieforschung interessant, weil es auf vergleichsweise häufigen und nicht hochtoxischen Elementen basiert, ein einstellbares Bandgap besitzt und sich prinzipiell auch für flexible Photovoltaik eignet. Das allein macht aber noch keine gute Tandemzelle. Die Schwierigkeit liegt darin, eine ausreichend starke Unterzelle zu bauen, ihre Mikrostruktur zu kontrollieren und sie dann sinnvoll mit einer geeigneten Oberzelle zu koppeln.
Genau dafür beschreibt das Team einen lösungsbasierten Herstellungsweg für seleniumreiche CZTSSe-Unterzellen auf zwei verschiedenen Trägern: auf Molybdän-beschichtetem Sodakalkglas und auf flexibler Molybdänfolie. Um Morphologie und Korngröße des Absorbers zu verbessern, wurden laut Studie Natriumdotierung und Silberlegierung eingesetzt. Als Oberzelle diente ein lösungsprozessierter Perowskit mit der Zusammensetzung Cs0.17FA0.83Pb(I0.90Br0.10)3 und einem Bandgap von 1,63 Elektronenvolt. Die beiden Teilzellen wurden dann als 4-Terminal-Tandem kombiniert, also nicht monolithisch in einer einzigen Strombahn verschaltet, sondern als getrennte Teilgeräte optisch gestapelt.
Warum die Zahlen mehr sind als bloße Rekordkosmetik
Die auffälligen Kennzahlen sind klar. Laut Abstract übertreffen die 4-Terminal-Tandems 22 Prozent Wirkungsgrad auf starren Substraten und 20 Prozent auf flexiblen Substraten. Für die Einordnung ist wichtig, was daran eigentlich stark ist. Die starre Variante ist erwartbar etwas stärker, weil flexible Systeme fast immer zusätzliche technische Hürden mitbringen: andere thermische Spannungen, schwierigere Oberflächen, potenziell kompliziertere Schichtqualität. Dass die flexible Version trotzdem die 20-Prozent-Marke überschreitet, ist deshalb nicht nur eine hübsche Rundzahl. Es zeigt, dass der Übergang vom starren Demonstrator zur biegsamen Plattform hier nicht in einem massiven Leistungsverlust endet.
Ebenso wichtig ist die Bandgap-Logik des Tandems. Die seleniumreiche Kesterit-Unterzelle mit rund 1,1 Elektronenvolt eignet sich als lichtschluckende Basis für langwelligere Photonen, während die Perowskit-Oberzelle mit 1,63 Elektronenvolt die energiereicheren Anteile des Sonnenspektrums abfängt. Genau diese spektrale Arbeitsteilung macht Tandemzellen überhaupt attraktiv. Sie versuchen nicht, ein einziges Material alles erledigen zu lassen, sondern verteilen die Aufgabe intelligenter über mehrere Schichten. Der Befund der Studie lautet also nicht nur: Diese Zellen sind effizienter. Er lautet: Diese Materialkombination funktioniert auch in einem flexiblen Dünnschichtkonzept technisch glaubwürdig.
Die eigentliche Stärke liegt im Materialpfad, nicht nur in der Prozentzahl
Viele Solar-Schlagzeilen konzentrieren sich auf den obersten Zahlenwert, obwohl der oft nur begrenzt darüber entscheidet, ob eine Technologie später robust, skalierbar und interessant wird. Die größte Stärke dieser Arbeit liegt deshalb nicht allein in der 22- beziehungsweise 20-Prozent-Marke, sondern in der Kombination mehrerer Punkte: ein lösungsbasierter Herstellungsweg, eine kesteritische Unterzelle aus häufigeren Elementen, gezielte Optimierung über Natrium und Silber und schließlich die Demonstration auf flexibler Metallfolie. Das ergibt eine deutlich substanziellere Geschichte als ein isolierter Rekord unter Spezialbedingungen.
Hinzu kommt, dass Kesterit seit Jahren als nachhaltiger Kandidat gehandelt wird, in der Praxis aber oft an Defekten, Mikrostrukturproblemen und Leistungsgrenzen laboriert. Eine Studie, die diesen Werkstoff nicht als Endlösung verkauft, sondern ihn in eine funktionierende Tandemarchitektur hebt, ist deshalb wissenschaftlich wertvoll. Der erlaubte Schluss lautet: Kesterit kann als flexible Tandem-Unterzelle deutlich ernster genommen werden als viele frühere Einzeldemonstrationen nahelegten. Der nicht erlaubte Schluss wäre: Die Photovoltaik könne nun kurzfristig massenhaft auf ungiftigere, flexible Tandems umsteigen oder Silizium stehe unmittelbar vor der Ablösung.
Was die Studie wirklich zeigt und was nicht
Gerade in der Energieforschung ist diese Unterscheidung entscheidend. Die Arbeit ist keine Lebensdauerstudie über Jahre im Außenbetrieb, kein Feldtest auf Dächern und kein Nachweis industrieller Massenfertigung. Sie zeigt einen Prototypenpfad in einer wissenschaftlich überzeugenden Labor- und Geräteumgebung. Das ist viel, aber es ist nicht alles. Offene Fragen bleiben bei Langzeitstabilität, Kapselung, mechanischer Ermüdung durch wiederholtes Biegen, Fertigungstoleranzen auf größeren Flächen und bei den Kosten der gesamten Stapelarchitektur. Auch die Perowskit-Oberzelle bringt ihre bekannten Stabilitäts- und Skalierungsfragen mit.
Die 4-Terminal-Bauweise ist zudem ein methodischer Vorteil und eine praktische Grenze zugleich. Sie erlaubt es, zwei Teilzellen vergleichsweise elegant zu kombinieren, ohne sofort alle elektrischen Anpassungsprobleme monolithischer Tandems lösen zu müssen. Für einen belastbaren Machbarkeitsnachweis ist das sinnvoll. Für spätere industrielle Systeme kann genau diese Architektur aber zusätzliche Komplexität bei Integration, Verkapselung und Kosten bedeuten. Die wichtigste Grenze der Arbeit ist also nicht ein methodischer Fehler, sondern der Abstand zwischen einem starken Proof of Concept und einer breit ausrollbaren Solartechnologie.
Warum das für die Energiekategorie trotzdem ein starkes Thema ist
Genau hier wird sichtbar, warum diese Studie in die schwache Kategorie Energie gehört. Sie handelt nicht nur von einem neuen Material, sondern von einer Grundfrage der Energiewende: Ob leistungsfähige Photovoltaik künftig auch leichter, biegsamer und materialseitig breiter aufgestellt werden kann. Flexible Solarzellen werden oft wie hübsche Nischen erzählt. Tatsächlich könnten sie dort relevant werden, wo klassische Module physisch unpraktisch sind: in gebäudeintegrierten Fassaden, mobilen Anwendungen, leichten Strukturen oder Spezialflächen mit Gewichtslimits.
Die Pointe der Arbeit lautet deshalb nicht, dass das Solarproblem gelöst wäre. Die Pointe lautet, dass flexible Hochleistungs-Tandems nicht zwangsläufig an einem schwachen oder toxikologisch ungünstigen Unterbau hängen müssen. Wenn sich kesteritische Unterzellen weiter verbessern und die Langzeitstabilität der Perowskit-Komponente beherrschbarer wird, könnte genau diese Richtung eine ernsthafte Ergänzung zu etablierten Plattformen werden. Noch ist das ein starker Labor- und Entwicklungsbefund. Aber es ist einer, der die Zukunft der Photovoltaik nicht bloß höher, sondern auch beweglicher denken lässt.
Communications Materials / University of Milano-Bicocca / UPC
Communications Materials
Einordnung:
Stark für den gezeigten Machbarkeitsnachweis, weil Materialoptimierung, Bandlückenanpassung und funktionsfähige Tandemgeräte auf Glas und Metallfolie zusammengeführt werden; begrenzt für unmittelbare Anwendung, weil Langzeitstabilität, großflächige Fertigung, Verkapselung und Industriekosten noch offen sind.
