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WTF-Fragen
 

Warum aßen Könige und Adelige in Europa über Jahrhunderte mit den Händen – obwohl Gabeln existierten?

 

Kategorie:

Kulturgeschichte

Der kurze TEASER:

Stell dir vor, dein Essen landet direkt in der Hand, auch am Hofe. Jahrhundertelang galten Gabeln als Teufelswerk, als überflüssiger Luxus oder sogar als sündhaft.

Die ausführliche Antwort:

Der Anblick eines königlichen Banketts heute ist geprägt von akribisch angeordnetem Besteck – Löffel, Messer, und natürlich Gabeln in Reih und Glied. Doch blicken wir nur ein paar Jahrhunderte zurück, vor allem in Westeuropa, da wäre dir ein höchst befremdlicher Anblick geboten worden: Könige, Fürsten und der gesamte Hofstaat, wie sie genüsslich Fleisch und Gemüse mit bloßen Fingern zum Mund führten. Das scheint auf den ersten Blick unhygienisch und rückständig, gerade angesichts der hoch entwickelten Kulturen, die der europäische Adel damals repräsentierte. Aber warum diese scheinbare Ablehnung eines Werkzeugs, das uns heute so selbstverständlich erscheint? Die Gabel hat eine faszinierende, oft übersehene Geschichte, die viel über die sozialen, religiösen und kulturellen Normen vergangener Zeiten verrät. Ihre Wurzeln reichen weit zurück, länger als man vielleicht vermuten würde. Bereits im antiken Ägypten wurden zweizinkige Gabeln verwendet, hauptsächlich zum Servieren oder Aufnehmen von Speisen aus einem Topf, nicht direkt zum Mundführen. Auch im Byzantinischen Reich waren Gabeln schon im 10. Jahrhundert gebräuchlich, vor allem bei den Oberschichten. Man nutzte sie dort für Speisen, die kleinteilig oder besonders klebrig waren, um die Kleidung nicht zu beschmutzen. Der Sprung nach Westeuropa erfolgte im 11. Jahrhundert. Eine byzantinische Prinzessin namens Theodora Doukaina, die eine venezianische Doge heiratete, soll 1004 eine goldene Gabel zu ihrer Hochzeit mitgebracht haben. Man könnte meinen, das wäre der Startschuss für eine neue Esskultur gewesen. Doch weit gefehlt. Die Reaktion war überwiegend Ablehnung, ja sogar Empörung. Der Klerus brandmarkte die Gabel als Instrument des Teufels, ein Zeichen der Dekadenz und übermäßigen Sinnesfreude. Sie sei eine Beleidigung Gottes, weil sie die von Gott gegebenen Finger überflüssig mache. „Gott hat den Menschen die Finger gegeben, damit sie ihr Fleisch fassen können“, so die gängige Predigt. Hinzu kam, dass Theodora kurz nach ihrer Ankunft an einer schweren Krankheit starb, was von vielen als göttliche Strafe für ihre „unchristlichen“ Essgewohnheiten interpretiert wurde. Diese religiöse Ablehnung war ein mächtiger Faktor. Aber es gab auch praktische und soziale Gründe. Essen war im Mittelalter und der frühen Neuzeit ein gemeinschaftliches Erlebnis. Man teilte Platten, und das direkte Berühren der Speisen mit den Händen war ein Zeichen der Gemeinschaft, der Verbundenheit. Jeder Tischgenosse wusste, dass die Hände vor dem Mahl gewaschen wurden – oft in speziellen Wasserschalen, die herumgereicht wurden. Das Hantieren mit einem Metallinstrument wurde als unhöflich empfunden, als distanzierend. Es fehlte schlicht an der Notwendigkeit und der sozialen Akzeptanz. Ein weiterer Aspekt war die Art der zubereiteten Speisen. Viele Gerichte waren Eintöpfe oder Fleischstücke, die leicht mit den Fingern oder einem Messer geteilt werden konnten. Eine Gabel mit ihren oft nur zwei Zinken war wenig praktisch für diese Konsistenzen. Es dauerte, bis sich die Gabeln technisch weiterentwickelten und mehr Zinken bekamen, die das Aufspießen erleichterten. Der Wandel setzte in Italien ein, überraschenderweise, wo die byzantinischen Einflüsse stärker waren und eine ausgeprägte Stadtkultur und Bürgertum entstand, das neue Sitten annahm. Im 14. Jahrhundert begannen reiche italienische Kaufleute, Gabeln zu benutzen, zuerst für Süßigkeiten oder Nudeln, die sonst schwer zu handhaben waren. Es war ein Zeichen von Status und Raffinesse, sich ein solches Besteck leisten zu können und damit umzugehen. Die Verbreitung nach Frankreich und schließlich nach England erfolgte erst viel später und zögerlich. Katharina von Medici, die im 16. Jahrhundert König Heinrich II. heiratete, brachte die Gabel aus Italien an den französischen Hof. Doch auch hier stieß sie zunächst auf Widerstand und Spott. Man sah sie als affektiert und weibisch an. Es war noch kein Massenphänomen. Erst im 17. und 18. Jahrhundert, im Zuge der aufkommenden Etikette-Bücher und der Verfeinerung der Hofsitten, setzte sich die Gabel langsam, aber stetig durch. Mit dem Aufkommen von neuen Gerichten, die leichter zu essen waren, wie auch der allgemeinen Zunahme von Sauberkeit und Hygiene, wurde die Gabel immer mehr akzeptiert. Sie wurde zum Symbol der Zivilisation und der Manieren, ein Zeichen dafür, dass man nicht mehr "wie ein Bauer" aß. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts machte Besteck dann schließlich erschwinglich für breitere Schichten, und so wurde die Gabel zum unverzichtbaren Bestandteil jeder gedeckten Tafel. Wenn du heute also deine Gabel in die Hand nimmst, denk kurz darüber nach, welch lange und manchmal steinige Reise dieses unscheinbare Besteckstück hinter sich hat – von einem verpönten Instrument des Teufels zu einem Symbol der modernen Zivilisation. Es zeigt eindrucksvoll, wie tief kulturelle Gewohnheiten verwurzelt sein können und wie lange es dauert, bis sich Innovationen, selbst so praktische wie die Gabel, wirklich durchsetzen.
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