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Neandertaler in Sachsen-Anhalt betrieben gezielte Fettgewinnung im großen Stil

Aktualisiert: 8. Mai

Neandertaler zerschlagen an einem Seeufer Knochen großer Beutetiere, um mithilfe von Feuer und Wasser Knochenfett zu gewinnen.

Wenn Archäologinnen und Archäologen über Steinwerkzeuge, Schnittspuren und Knochen sprechen, klingt das oft nach nüchterner Kleinarbeit. In Wahrheit geht es manchmal um eine der härtesten Fragen des Überlebens: Wie kommt man an genug Energie, wenn Jagderfolg allein noch keine volle Ernährung garantiert?


Genau darum ist eine neue Studie aus Sachsen-Anhalt so spannend. Das Forschungsteam um Lutz Kindler beschreibt für den Fundplatz Neumark-Nord 2/2B keinen gewöhnlichen Schlachtplatz, sondern einen spezialisierten Ort, an dem Neandertaler vor rund 125.000 Jahren große Mengen Tierknochen systematisch zerkleinerten, erhitzten und offenbar auf Knochenfett ausbeuteten. Die Studie in Science Advances macht aus einer unscheinbaren Masse von Splittern plötzlich ein Bild von Planung, Logistik und kalorischer Intelligenz.


Warum ausgerechnet Fett die eigentliche Sensation ist


Mark aus langen Röhrenknochen zu holen, ist für eiszeitliche Jäger kein überraschender Befund. Knochen aufschlagen, Mark herauslösen, essen: Das ist ein direkter und naheliegender Zugriff auf wertvolle Energie. Knochenfett ist etwas anderes. Es sitzt tiefer im Gewebe, vor allem in schwammigen Knochenbereichen und in kleinen Resten, die sich nicht einfach mit einem Schlag gewinnen lassen.


Wer dieses Fett nutzen will, muss mehr tun. Knochen müssen gesammelt, in kleine Stücke zerschlagen und anschließend in Wasser erhitzt werden, damit sich das Fett löst. Das ist arbeitsintensiv, zeitaufwendig und lohnt sich nur, wenn genügend Material zusammenkommt. Genau deshalb ist der Befund so bedeutend: Er spricht nicht für eine spontane Mahlzeit, sondern für eine bewusste Strategie.


Kernidee: Der entscheidende Punkt


Die neue Studie zeigt nicht einfach, dass Neandertaler Tiere jagten. Sie zeigt, dass sie den Unterschied zwischen Fleisch, Mark und schwer zugänglichem Knochenfett praktisch nutzten und dafür einen eigenen Verarbeitungsschritt organisierten.


Was in Neumark-Nord gefunden wurde


Neumark-Nord liegt in Sachsen-Anhalt und ist seit Jahren einer der aufschlussreichsten Fundkomplexe zur Lebenswelt der Neandertaler in der letzten Warmzeit. Die neue Untersuchung konzentriert sich auf einen eng begrenzten Uferbereich in einer damaligen Seenlandschaft. Dort fanden die Forschenden laut Paper und begleitender Pressemitteilung des Leibniz-Zentrums für Archäologie über 120.000 kleine Knochenfragmente und mehr als 16.000 Feuerstein-Artefakte auf rund 50 Quadratmetern.


Allein diese Dichte ist auffällig. Noch wichtiger ist aber, wie die Knochen aussehen und welche Tiere vertreten sind. Das Team rekonstruiert die Verarbeitung von mindestens 172 großen Säugetieren, darunter Hirsche, Pferde und Auerochsen. Die Knochen wurden nicht nur für Mark geöffnet, sondern anschließend weiter zertrümmert, bis zehntausende kleine Bruchstücke entstanden. Dazu kommen Hinweise auf Feuer und eine auffällige räumliche Bündelung der Funde.


Für sich genommen könnte jeder einzelne Befund noch mehrdeutig sein. Zusammengenommen erzählen sie jedoch eine sehr spezifische Geschichte: Tierteile wurden an diesen Ort gebracht, dort erneut zerlegt und offenbar in einem standardisierten Ablauf verarbeitet.


Das ist mehr als Jagd, das ist Nachernte-Logistik


Die eigentliche Pointe der Studie liegt in der Organisation hinter dem Befund. Neandertaler mussten Beute nicht nur erlegen. Sie mussten entscheiden, welche Teile sofort verbraucht, welche transportiert und welche vielleicht zwischengelagert wurden. Die Forschenden sprechen deshalb von möglichem caching, also einer Form von Vorratshaltung oder Zwischenlagerung. Das ist wichtig, weil Knochenfettproduktion erst dann sinnvoll wird, wenn genug Rohmaterial auf einmal verfügbar ist.


Das Bild, das sich daraus ergibt, ist bemerkenswert modern im ökologischen Sinn. Wer eine Ressource vollständig ausnutzen will, braucht nicht nur Jagdglück, sondern ein Gespür für Zeitfenster, Arbeitsaufwand und Energieertrag. Genau das scheint hier sichtbar zu werden. Die Neandertaler von Neumark-Nord nutzten Tiere nicht nur bis zum letzten Muskelfaserrest, sondern erschlossen auch jene Kalorien, die im Knochen stecken und nur mit zusätzlichem Aufwand erreichbar sind.


Kontext: Warum Fett metabolisch zählt


In stark tierbasierten Ernährungsweisen ist Fett nicht bloß ein Bonus. Es liefert konzentrierte Energie und hilft, die Grenzen einer zu mageren, proteinlastigen Kost zu umgehen. Wer also Knochenfett gewinnt, reagiert nicht auf Luxus, sondern auf ein echtes Ernährungsproblem.


Was das über Neandertaler sagt


Über Jahrzehnte wurden Neandertaler gern als robuste, aber im Denken begrenzte Eiszeitmenschen dargestellt: gute Jäger, schlechte Planer. Solche Bilder halten immer schlechter stand. Schon frühere Arbeiten aus demselben Landschaftsraum zeigten, dass Neandertaler in der Region gerade Stoßzahn-Elefanten jagten und zerlegten und damit Beutetiere bewältigten, die gewaltige Mengen Fleisch und Fett lieferten. Weitere Forschung argumentiert sogar, dass sie die Landschaft von Neumark-Nord durch wiederholte Präsenz und Feuergebrauch aktiv mitprägten.


Die neue Fett-Studie passt genau in dieses größere Bild. Sie zeigt Neandertaler nicht als bloße Reagierer auf Umweltbedingungen, sondern als Akteure, die ihre Umgebung lesen, zerlegen und effizient nutzen konnten. Sie jagten, transportierten, verarbeiteten und planten womöglich über Tage oder Wochen hinweg. Das ist keine romantische Überhöhung. Es ist die nüchterne Konsequenz dessen, was die Funde hergeben.


Warum der Begriff "Fettfabrik" zugleich stark und heikel ist


In der öffentlichen Kommunikation fiel schnell der Begriff "fat factory". Er ist journalistisch wirksam, aber man sollte ihn nicht falsch verstehen. Niemand hat eine Werkhalle der Steinzeit entdeckt. Es gibt keine Töpfe aus Metall, keine Produktionsstraße und keine Serienfertigung im modernen Sinn.


Trotzdem hat das Bild einen wahren Kern. Der Ort scheint funktional spezialisiert gewesen zu sein. Die Verarbeitung war wiederholt, konzentriert und auf einen klaren Zweck ausgerichtet: möglichst viel Energie aus Knochen zu ziehen. Insofern beschreibt "Fettfabrik" keinen technischen Apparat, sondern eine soziale und ökologische Logik. Viele Schritte waren aufeinander abgestimmt, und der Ort war offenbar genau dafür ausgewählt.


Der größere Perspektivwechsel


Die wichtigste Folge dieser Studie ist vielleicht gar nicht die Datierung, obwohl sie beeindruckend ist. Bislang galt aufwendige Fettgewinnung aus Knochen eher als Praxis deutlich späterer Populationen. Nun gibt es dafür einen gut dokumentierten Beleg, der rund 125.000 Jahre zurückreicht. Das verschiebt nicht nur eine Technik in die Tiefe der Zeit. Es verschiebt auch unseren Maßstab dafür, was wir Neandertalern an Planungstiefe, Ernährungswissen und Organisationsvermögen zutrauen.


Das ist der eigentliche Erkenntnisgewinn: Neandertaler waren nicht nur stark genug, große Tiere zu jagen. Sie waren offenbar auch klug genug, aus deren Überresten ein präzises Kalorienmanagement zu machen.


Und vielleicht ist genau das die erwachsenere Sicht auf Urgeschichte. Fortschritt beginnt nicht erst dort, wo Menschen schreiben, bauen oder rechnen. Manchmal beginnt er an einem Seeufer in Sachsen-Anhalt, zwischen Feuerstein, Splitterknochen und der sehr modernen Einsicht, dass Überleben oft eine Frage guter Energieökonomie ist.


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