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Berglemming

Lemmus lemmus

Der Berglemming lebt nicht einfach in kalten Bergen, sondern in einem Jahresrhythmus, der unter dem Schnee entschieden wird. Lemmus lemmus ist ein kleiner, auffaellig gezeichneter Nager, dessen kurze Fortpflanzungszeiten, raschen Bestandsschwankungen und enge Bindung an den subniveanen Raum ihn zu einem Schluesseltier nordischer Oekosysteme machen.

Taxonomie

Säugetiere

Nagetiere

Hamsterverwandte

Lemmus

Ein Berglemming mit schwarzbraun-gelber Zeichnung sitzt aufmerksam zwischen Moosen und Flechten in skandinavischer Gebirgstundra

Größe

meist etwa 8 bis 17,5 cm Koerperlaenge, mit sehr kurzem, kaum sichtbarem Schwanz

Gewicht

etwa 20 bis 130 g

Verbreitung

Fennoskandien vom norwegischen Gebirge bis zur Kola-Halbinsel, in Boomjahren teils weiter suedwaerts wandernd

Lebensraum

alpine und tundrenartige Heiden, Moore, Feuchtgebiete und im Winter vor allem geschuetzte Hohlraeume unter der Schneedecke

Ernährung

vor allem Moose, Flechten, Graeser, Seggen, Rinde, Zwergstraeucher und andere niedrige Pflanzen

Lebenserwartung

meist nur 1 bis 2 Jahre; in Menschenobhut sind etwas ueber 3 Jahre dokumentiert

Schutzstatus

IUCN: Least Concern

Das eigentliche Jahr des Berglemmings beginnt unter dem Schnee

 

Wer an kleine Nagetiere denkt, sieht meist hektische Bewegung ueber dem Boden. Beim Berglemming liegt das biologische Zentrum aber oft darunter. Lemmus lemmus lebt in Fennoskandien, also in einem Raum aus Gebirge, Tundraheiden, Mooren und kalten Offenlandschaften zwischen dem norwegischen Westsaum und der russischen Kola-Halbinsel. Im Winter verschwindet das Tier nicht einfach in eine starre Ruhephase. Es nutzt den Raum zwischen Boden und Schneedecke, den Forschende als subniveanen Lebensraum bezeichnen. Dort entsteht ein vergleichsweise geschuetztes Mikroklima: kuehler als ein Haus, aber deutlich stabiler als die freie Winterluft, dazu mit Zugang zu Nahrung, Deckung und Nestern.

 

Genau diese Schneeschicht ist fuer den Berglemming mehr als Wetter. Sie ist Infrastruktur. Animal Diversity Web beschreibt, dass junge Tiere unter gut isolierendem Schnee bessere Ueberlebenschancen haben, weil Waerme, Schutz vor Luftfeinden und kurze Wege zu Nahrung zusammenkommen. Wenn dieser Raum funktioniert, kann selbst ein Tier von nur 20 bis 130 Gramm Koerpermasse den Winter nicht nur ueberstehen, sondern sich teilweise sogar fortpflanzen. Das ist biologisch bemerkenswert, weil der Berglemming damit nicht auf den kurzen Sommer allein angewiesen ist. Sein Erfolg haengt daran, ob der Schnee weich, dick und stabil genug bleibt.

 

Damit wird sofort klar, warum diese Art so wichtig fuer das Verstaendnis nordischer Oekosysteme ist. Der Berglemming reagiert nicht nur auf Temperaturwerte, sondern auf die physische Qualitaet des Winters. Reif, Eisregen und spaet einsetzende Schneedecken koennen den Bodenraum vereisen oder verdichten. Ein Winter ist fuer ihn also nicht einfach kalt oder mild, sondern nutzbar oder gefaehrlich gebaut. In diesem Sinn ist der Berglemming kein kleines Randtier der Tundra, sondern ein Gradmesser dafuer, wie gut eine Schneelandschaft als Lebensraum ueberhaupt noch funktioniert.

 

Sein auffaelliges Fell ist kein Zufall, sondern Teil eines sehr speziellen Bauplans

 

Der Berglemming sieht nicht wie eine unauffaellige Feldmaus aus. Er hat einen gedrungenen Koerper, kurze Beine, eine stumpfe Schnauze, kleine Ohren, die fast im dichten Fell verschwinden, und einen sehr kurzen Schwanz, der kaum auffaellt. Besonders charakteristisch ist die Faerbung: schwarzes und braunes Fell mit goldgelben bis rostigen Streifen und Feldern auf Ruecken und Kopf, dazu eine deutlich hellere Unterseite. Anders als manche anderen nordischen Kleinsaeuger behaelt der Berglemming diese markante Zeichnung auch im Winter. ADW nennt fuer die Art eine Koerperlaenge von 8 bis 17,5 Zentimetern. Britannica ordnet die groesseren Lemmingarten generell in einen Bereich von rund 10 bis 22 Zentimetern und bis zu gut 112 Gramm ein; der Berglemming liegt damit am oberen Ende dessen, was man bei solchen Kleinsaeugern noch als kompakt bezeichnen wuerde.

 

Interessant ist vor allem, wie stark der Koerper auf Schnee und Bodenarbeit zugeschnitten ist. Die erste Kralle an jeder Pfote ist vergroessert und abgeflacht. Diese kleine anatomische Besonderheit hilft beim Tunnelbau im Schnee. Zusammen mit dem massigen Koerper und dem schweren Winterfell entsteht kein filigraner Kletterer, sondern ein Schneeraumarbeiter. Auch die unauffaellige Schwanzlaenge ist plausibel: In kalten Habitaten kostet jede unnoetige exponierte Flaeche Waerme. Der Berglemming investiert daher nicht in elegante Verlaengerungen, sondern in Dichte, Isolation und Grabbarkeit.

 

Die auffaellige Zeichnung ist fuer den Menschen sofort wiedererkennbar, fuer das Tier selbst aber wahrscheinlich weniger Signal als Nebenprodukt eines evolutiven Weges, der in Heide, Flechten, Moosen und schattigen Schneekanten funktioniert. Auf einem Mosaik aus dunklem Boden, gelblichen Graesern und rostigen Zwergstraeuchern wirkt der Berglemming oft weniger bunt, als es Nahaufnahmen vermuten lassen. Gerade deshalb war die Bildpruefung hier wichtig: Ein korrektes Tier darf weder wie eine braune Wuehlmaus ohne Muster noch wie ein ueberzeichnetes Trickfilmwesen erscheinen. Seine Gestalt ist speziell, aber sie bleibt ganz und gar real.

 

Warum aus einem kleinen Pflanzenfresser alle paar Jahre ein Grossereignis wird

 

Kaum ein europaeisches Kleinsaeugetier ist so stark mit dem Thema Populationszyklen verbunden wie der Berglemming. Historisch erreichen seine Bestaende in vielen Regionen etwa alle 3 bis 5 Jahre Hochphasen. ADW nennt genau diese Spanne, und eine Scientific-Reports-Arbeit zu Lemmus lemmus beschreibt fuer Norwegen die beruehmten 3- bis 4-jaehrigen Zyklen, die ueber sehr grosse Raeume erstaunlich synchron sein koennen. In Spitzenjahren treten Berglemminge ploetzlich in Dichten auf, die ganze Vegetationsflaechen sichtbar veraendern und eine Welle von Reaktionen in Raeuberpopulationen ausloesen.

 

Solche Boomjahre sind kein kurioses Spektakel, sondern ein systemischer Prozess. Wenn Nahrungsqualitaet, Winterstruktur und Fortpflanzung gut zusammenpassen, koennen sich Berglemminge extrem schnell vermehren. Die Tiere erreichen frueh Geschlechtsreife, Weibchen teils schon nach 2 bis 4 Wochen, Maennchen im Mittel nach etwa 4 Wochen. Eine Tragzeit von rund 16 bis 19 Tagen und Wuerfe von 5 bis 13 Jungtieren ermoeglichen ein Tempo, das fuer groessere Saeugetiere kaum vorstellbar ist. Berglemminge koennen im Abstand von nur 3 bis 4 Wochen den naechsten Wurf haben. Biologisch heisst das: Wenn die Umwelt einen guenstigen Korridor oeffnet, laeuft Fortpflanzung fast explosionsartig an.

 

Genau hier wird die Art zu einem Lehrstueck der Oekologie. Ein einzelner Berglemming ist klein. Millionen Berglemminge sind ein Landschaftsfaktor. In Peak-Jahren koennen sie Heidestraeucher, Moose, Flechten und andere niedrige Pflanzen stark abweiden. Raeuber wie Hermeline, Wiesel, Rotfuechse, Polar- oder Eisfuechse, Schnee-Eulen, Raben und weitere Greifvoegel reagieren darauf, weil ploetzlich massenhaft Beute verfuegbar ist. Der Berglemming ist damit kein isolierter Pflanzenfresser, sondern ein Taktgeber ganzer Nahrungssysteme.

 

Ernaehrung im Kleinen, Wirkung im Grossen

 

Der Berglemming frisst keine spektakulaere Nahrung. Laut ADW stehen vor allem Moose, Flechten, Rinde und einige Graeser auf dem Speiseplan. Britannica ergaenzt fuer Lemminge allgemein Wurzeln, Knospen, Blaetter, Zweige, Seggen und Samen. Gerade diese unscheinbare Pflanzenkost erklaert viel von der Art. Lemminge leben dort, wo die Vegetation niedrig, faserreich, oft saisonal schwierig erreichbar und energetisch nicht ueberreich ist. Wer von solchem Material lebt, muss in der Lage sein, viele kleine Einheiten effizient zu verwerten und sich dicht an die Vegetation anzuschmiegen.

 

In Peak-Jahren wird daraus ein starker Landschaftseffekt. ADW beschreibt, dass Berglemminge dann Heidekraeuter, Moose und Flechten stark dezimieren koennen. Damit beeinflussen sie nicht nur die naechste eigene Generation, sondern auch die Bedingungen fuer andere Pflanzenfresser und fuer die Regeneration der Vegetation. Die Frage ist also nie nur, wie viele Lemminge da sind, sondern welche Pflanzen sie gerade in welcher Dichte treffen. Die kleine Groesse des Tieres taeuscht hier gewaltig. Oekologisch zaehlt nicht das Einzelgewicht, sondern die summierte Fressleistung vieler Individuen auf engem Raum.

 

Hinzu kommt, dass der Berglemming Nahrung nicht in einer warmen, stabilen Sommerwiese sucht, sondern oft in einem Grenzraum aus Schnee, Eis, Feuchtigkeit und Wind. Gerade vor dem Winter wird das gefaehrlich. ADW weist darauf hin, dass Nahrung kurz vor dem Winter schwer erreichbar sein kann, wenn Regen auf frierende Temperaturen trifft und noch keine schutzgebende Schneedecke liegt. Dann verwandelt sich Vegetation in einen riskanten Zugriffspunkt. Ein Tier, das eigentlich fuer das Leben unter Schnee gebaut ist, gerät in Bedraengnis, wenn die Schneedecke zu spaet kommt oder zu haeufig von Eisplatten unterbrochen wird.

 

Fortpflanzung funktioniert hier auf Beschleunigung, nicht auf Sicherheit

 

Der Berglemming lebt kurz, aber nicht langsam. Meist erreichen Tiere nur 1 bis 2 Jahre, in Menschenobhut sind knapp ueber 3 Jahre dokumentiert. In dieser kurzen Lebensspanne liegt der Schwerpunkt auf frueher und haeufiger Fortpflanzung. Weibchen koennen laut ADW direkt nach einer Geburt wieder in den Oestrus kommen. Sie saeugen dann noch einen Wurf, waehrend der naechste bereits angelegt sein kann. Jungtiere werden oft nach 14 bis 16 Tagen entwoehnt. Das ist keine kleine Beschleunigung, sondern ein fast atemloses Lebenstempo.

 

Gerade dieses Tempo zeigt, warum Schneebedingungen so wichtig sind. Der Berglemming braucht keine sehr lange individuelle Lebensdauer, wenn genug Junge schnell nachruecken. Diese Rechnung funktioniert aber nur, solange die Verluste nicht zu frueh und zu systematisch einsetzen. Eine Art, die sich auf raschen Ersatz verlaesst, ist robust gegen normale Praedation, aber empfindlich gegen Jahre, in denen Fortpflanzung, Winterraum und Nahrung gleichzeitig aus dem Takt geraten. Weniger Schnee bedeutet deshalb nicht nur etwas kaeltere Pfoten, sondern moeglicherweise das Zusammenbrechen eines kompletten Reproduktionsfensters.

 

Auch sozial ist die Art eher kein gemuetlicher Gruppenbewohner. Berglemminge leben meist unabhaengig voneinander und werden in dichter Nachbarschaft aggressiv. ADW beschreibt Boxen, Ringen und Drohverhalten bei Maennchen, besonders wenn viele Tiere auf engem Raum zusammentreffen. Gerade diese Unvertraeglichkeit traegt mit dazu bei, dass Hochdichten nicht einfach stabil weiterlaufen. Wenn Raum knapp, Futter knapp und Kontakte haeufiger werden, steigt die innere Spannung des Systems. Aus Fortpflanzungserfolg wird dann irgendwann Konkurrenzdruck.

 

Wanderungen, Legenden und das Missverstaendnis vom selbstmordwilligen Lemming

 

Der Berglemming ist eine der wenigen Lemmingarten, die fuer weitraeumige Wanderungen wirklich beruehmt wurden. Wenn Bestandsdichten sehr hoch sind, koennen Tiere ihr normales Areal verlassen und auch in weniger bevorzugte Habitate bis in Wald- und Tieflandbereiche ausweichen. Dabei ueberqueren sie Wasser, Strassen und Siedlungsraeume. ADW betont ausdruecklich, dass der alte Mythos vom freiwilligen Massensuizid falsch ist. Lemminge sind keine Tiere, die absichtlich ins Meer springen. Sie koennen durchaus schwimmen; viele Todesfaelle entstehen erst, wenn grosse Zahlen gleichzeitig auf Hindernisse treffen, Panik entsteht oder Erschoepfung einsetzt.

 

Dass dieser Mythos so hartnaeckig ist, sagt mehr ueber menschliche Erzaehlmuster als ueber den Berglemming. Unspektakulaerer waere die Wahrheit: Hier versucht ein kleines Saeugetier, bei Ueberfuellung und sinkender Ressourcenlage neue Flaechen zu erreichen. Das ist weniger dramatisch, biologisch aber viel interessanter. Wanderungen sind in diesem Sinn kein irrationaler Absturz, sondern eine raeumliche Notloesung in einem zyklischen System. Die hohen Verluste machen sie nicht sinnlos, sondern teuer.

 

Gerade fuer den Tieratlas lohnt sich diese Korrektur. Der Berglemming ist kein Karikaturtier fuer kollektiven Wahnsinn, sondern ein Beispiel dafuer, wie leicht Naturgeschichte durch falsche Bilder ueberlagert wird. Wer ihn nur aus der Popkultur kennt, verpasst das eigentlich Spannende: die Verknuepfung aus Schneeraum, Pflanzenqualitaet, extremer Fortpflanzung und seltenen, aber realen Massenbewegungen.

 

Weniger regelmaessige Winter veraendern gerade seinen ganzen Takt

 

Der offizielle Schutzstatus ist derzeit vergleichsweise guenstig. Die IUCN fuehrt den Berglemming als Least Concern, und ADW beschreibt die Populationen insgesamt als stabil. Das bedeutet aber nicht, dass alles beim Alten bleibt. Eine Nature-Zusammenfassung zu langfristigen Daten aus den Jahren 1970 bis 2007 beschreibt eine Verschiebung weg von den vertrauten 3- bis 5-jaehrigen Zyklen hin zu einem unregelmaessigeren, meist niedrigamplitudigen Zustand, der sich ueber Veraenderungen des Winterklimas erklaeren laesst. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Art noch nicht als akut bedroht gilt, veraendert sich bereits der Takt, in dem sie bisher Oekosysteme mitgepraegt hat.

 

Das ist aus zwei Gruenden bedeutsam. Erstens verliert der Berglemming seinen entscheidenden Winterraum, wenn Schneedecken spaeter kommen, duenn bleiben oder durch Auftau- und Gefrierereignisse harte Eisschichten bilden. Zweitens reagieren viele andere Arten auf seine Schwankungen. Wenn Lemming-Peaks seltener, schwacher oder unregelmaessiger werden, aendert sich auch das Nahrungsangebot fuer Raeuber und die Vegetationsdynamik in arktisch-alpinen Systemen. Klimawandel trifft hier also nicht bloss eine Art, sondern eine ganze zeitliche Architektur.

 

Damit ist der Berglemming ein erstaunlich grosses Thema in einem sehr kleinen Koerper. Er zeigt, dass Klimafolgen oft nicht zuerst als direktes Sterben sichtbar werden, sondern als Verlust von Rhythmus. Ein Tier, das von 16 Tagen Tragzeit, 5 bis 13 Jungen pro Wurf und historischen 3- bis 5-jaehrigen Boomphasen lebt, braucht keine abstrakte Durchschnittstemperatur. Es braucht einen Winter, dessen Schnee als Raum funktioniert. Wenn dieser Raum bruechig wird, verliert der Norden eines seiner klassischen Pulstiere.

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