Seestern
Stachelhäuter

Schon bei der ersten Begegnung wirkt der Seestern wie ein stilles Versprechen der Ozeane: vertraut und zugleich fremd. Seine scheinbar einfache Sternform verbirgt eine Biologie, die gängigen Vorstellungen von Körperbau, Sinneswahrnehmung und Selbstheilung widerspricht. Wer ihm Zeit gibt und genau hinsieht, erkennt kein „primitives“ Tier, sondern ein hochspezialisiertes Wesen, das seit Hunderten Millionen Jahren erfolgreich durch die Meere gleitet. Der Seestern lädt uns ein, unsere Maßstäbe von Intelligenz, Verletzlichkeit und Anpassung neu zu denken.
Taxonomie
Seesterne gehören zum Stamm der Stachelhäuter (Echinodermata), einer Tiergruppe, die ausschließlich im Meer lebt und durch ihren ungewöhnlichen Bauplan auffällt. Innerhalb dieses Stammes bilden sie die Klasse Asteroidea, die heute über 1.900 beschriebene Arten umfasst. Trotz ihrer äußeren Einfachheit sind sie näher mit Seeigeln und Seegurken verwandt als mit Muscheln oder Krebsen. Charakteristisch ist ihre fünfstrahlige Symmetrie, die sich erst im Erwachsenenstadium ausbildet – ihre Larven sind zunächst bilateral symmetrisch und erinnern eher an kleine, frei schwimmende Pfeilformen.
Taxonomisch spannend ist die enorme Vielfalt innerhalb der Asteroidea: Von winzigen Arten mit wenigen Zentimetern Durchmesser bis hin zu Riesenseesternen mit Spannweiten von über einem Meter. Die Zahl der Unterarten variiert stark je nach Gattung; viele Linien sind noch unzureichend erforscht, besonders in der Tiefsee. Genau hier zeigt sich, dass Taxonomie kein abgeschlossenes Ordnungssystem ist, sondern ein lebendiger Prozess, der mit jeder Expedition weitergeschrieben wird.
Aussehen und besondere Merkmale
Der klassische Seestern besitzt fünf Arme, doch dieses Bild greift zu kurz. Einige Arten tragen sechs, zehn oder sogar über zwanzig Arme, die strahlenförmig von einer zentralen Scheibe ausgehen. Der Körper ist von einer Kalkplatte gestützt, die unter der Haut liegt und dem Tier Stabilität verleiht. Auf der Oberseite finden sich oft Dornen, Warzen oder leuchtende Farbmuster – nicht nur zur Abschreckung, sondern auch als Tarnung im Spiel von Licht und Schatten des Meeresbodens.
Besonders bemerkenswert ist das Wassergefäßsystem mit seinen Ambulakralfüßen. Diese röhrenförmigen Strukturen dienen gleichzeitig der Fortbewegung, dem Festhalten, der Atmung und der Nahrungsaufnahme. Je nach Art erreichen Seesterne Durchmesser von etwa 1–2 cm bis über 100 cm. Ihr Gewicht variiert entsprechend von wenigen Gramm bis zu mehreren Kilogramm. Die Lebenserwartung ist schwer zu bestimmen, liegt aber bei vielen Arten zwischen 10 und 35 Jahren – ein stilles, langsames Leben im Rhythmus der Gezeiten.
Lebensraum und geografische Verbreitung
Seesterne sind echte Kosmopoliten der Ozeane. Sie besiedeln alle Meere der Erde, von tropischen Korallenriffen bis zu den kalten Tiefen der Polarregionen. Manche Arten leben in wenigen Metern Tiefe, andere wurden in über 6.000 Metern nachgewiesen. Diese enorme Spannweite zeigt ihre Anpassungsfähigkeit an Druck, Temperatur und Lichtverhältnisse.
Die meisten Seesterne bevorzugen strukturreiche Lebensräume: Felsküsten, Seegraswiesen, Riffe oder Schlammböden, in denen sie Beute finden und Schutz vor Strömungen haben. Wanderungen über große Distanzen unternehmen sie nicht; Migration im klassischen Sinn ist ihnen fremd. Stattdessen bewegen sie sich langsam, oft nur wenige Meter pro Tag – und prägen doch ganze Ökosysteme durch ihre Präsenz.
Verhalten und Lebensweise in freier Wildbahn
Seesterne wirken reglos, fast meditativ, doch ihr Verhalten ist alles andere als passiv. Sie sind überwiegend bodenlebend und folgen chemischen Spuren ihrer Beute mit erstaunlicher Präzision. Viele Arten sind nachtaktiv und verbringen den Tag verborgen in Spalten oder unter Sediment.
Ihre Lebensweise ist geprägt von Geduld. Ohne Gehirn im klassischen Sinn koordinieren sie ihre Bewegungen über ein Nervennetz, das jeden Arm eigenständig agieren lässt. Wird ein Arm verletzt oder abgetrennt, kann er – je nach Art – vollständig nachwachsen. Dieses Vermögen zur Regeneration ist nicht nur biologisch faszinierend, sondern auch ein Schlüssel zu ihrem langfristigen Überleben in dynamischen Lebensräumen.
Ernährung
Die Ernährung von Seesternen ist vielfältig, doch viele Arten sind Räuber. Besonders bekannt ist ihr Jagdverhalten auf Muscheln: Mit ihren Ambulakralfüßen ziehen sie die Schalen minimal auseinander und stülpen dann ihren Magen nach außen, um die Beute vorzuverdauen. Erst danach wird die Nahrung wieder in den Körper aufgenommen – ein Prozess, der Stunden dauern kann.
Je nach Art umfasst der Speiseplan außerdem:
Muscheln und Schnecken
Würmer und kleine Krebstiere
Aas oder organische Partikel
Diese Ernährungsweise macht Seesterne zu wichtigen Regulatoren mariner Gemeinschaften. Ohne sie könnten einzelne Beutearten ganze Lebensräume dominieren und aus dem Gleichgewicht bringen.
Fortpflanzung und Aufzucht der Jungen
Die Fortpflanzung erfolgt meist sexuell durch äußere Befruchtung. Männchen und Weibchen geben ihre Keimzellen synchron ins Wasser ab, oft ausgelöst durch Temperaturänderungen oder Mondphasen. Die Tragzeit im klassischen Sinn entfällt; stattdessen entwickeln sich aus den befruchteten Eiern frei schwimmende Larven, die mehrere Wochen im Plankton leben.
Ein Gelege kann aus mehreren Millionen Eiern bestehen – ein notwendiger Überschuss, da nur ein Bruchteil das Erwachsenenalter erreicht. Einige Arten zeigen zudem asexuelle Fortpflanzung, bei der aus abgetrennten Körperteilen neue Individuen entstehen. Diese Vielfalt an Strategien macht Seesterne zu Meistern der Reproduktion im Meer.
Kommunikation und Intelligenz
Seesterne besitzen kein zentrales Gehirn, doch das bedeutet nicht, dass sie „reaktionslos“ wären. Ihr Nervensystem erlaubt komplexe Koordination und Reizverarbeitung. Chemische Signale im Wasser dienen der Kommunikation, etwa zur Warnung vor Fressfeinden oder zur Synchronisation der Fortpflanzung.
Ihre Intelligenz ist dezentral organisiert – ein Konzept, das in der Biologie wie in der Robotik zunehmend Beachtung findet. Entscheidungen entstehen nicht an einem Ort, sondern im Zusammenspiel vieler gleichwertiger Einheiten. Seesterne zeigen damit eine Form von „verkörperter Intelligenz“, die ohne Bewusstsein im menschlichen Sinne auskommt.
Evolution und Verwandtschaft innerhalb der Tierwelt
Die Vorfahren der Seesterne tauchten bereits vor über 450 Millionen Jahren auf. Fossilien belegen, dass ihr grundlegender Bauplan seitdem erstaunlich stabil geblieben ist. Diese evolutionäre Beständigkeit spricht für einen hochfunktionalen Entwurf.
Innerhalb der Stachelhäuter teilen sie ihre Abstammung mit Seelilien, Seeigeln und Seegurken. Gemeinsam ist ihnen das Wassergefäßsystem und die Fähigkeit zur Regeneration. Evolutionär betrachtet sind Seesterne keine „einfachen“ Tiere, sondern Spezialisten für ein Leben jenseits bilateraler Symmetrie.
Gefährdung, Bedrohungen und Schutzmaßnahmen
Viele Seesternarten gelten derzeit nicht als akut bedroht, doch regionale Populationen können stark schwanken. Besonders das Seestern-Schwundsyndrom, eine Erkrankung mit massiven Bestandsverlusten, hat in den letzten Jahren Aufmerksamkeit erregt. Hinzu kommen Klimawandel, Ozeanversauerung und Verschmutzung.
Schutzmaßnahmen setzen vor allem auf den Erhalt mariner Lebensräume und die Reduktion von Schadstoffen. Da Seesterne Schlüsselarten sind, wirkt ihr Schutz indirekt auf ganze Ökosysteme.
Seestern und der Mensch – Bedeutung, Beziehung, Konflikte
Für den Menschen ist der Seestern Symbol und Störenfried zugleich. In der Popkultur steht er für Meeresromantik, in der Fischerei gilt er mancherorts als Konkurrent. Gleichzeitig spielt er eine wichtige Rolle in der Forschung und im Umweltmonitoring.
Konflikte entstehen, wenn sich Seesterne in Aquakulturen vermehren oder invasive Arten lokale Muschelbestände dezimieren. Doch diese Konflikte sind meist menschengemacht – ein Hinweis darauf, wie sensibel marine Gleichgewichte sind.
Forschung und aktuelle Erkenntnisse
Die Regenerationsfähigkeit der Seesterne macht sie zu Modellsystemen in der Regenerationsbiologie. Forschende untersuchen, wie Zellen ihre Identität neu festlegen und komplexe Strukturen erneut bilden. Auch ihr dezentrales Nervensystem inspiriert neue Ansätze in der Neurobiologie und Robotik.
Aktuelle Studien zeigen zudem, dass Umweltstress ihre Regenerationsrate beeinflusst – ein möglicher Indikator für den Zustand der Meere.
Überraschende Fakten
Wenige Tiere überraschen so leise wie der Seestern. Er besitzt Augen an den Armspitzen, kann ohne Blutkreislauf auskommen und regeneriert ganze Körperteile. Manche Arten können sogar aus einem einzelnen Arm ein neues Individuum bilden – vorausgesetzt, ein Teil der Zentralscheibe ist vorhanden.
Warum der Seestern unsere Aufmerksamkeit verdient
Der Seestern erinnert uns daran, dass Komplexität viele Formen hat. Er lebt ohne Gehirn, ohne Herz, ohne Eile – und ist doch hochgradig erfolgreich. In einer Zeit, in der wir Intelligenz und Wert oft an Geschwindigkeit und Zentralisierung messen, zeigt er eine andere Möglichkeit des Daseins. Still, widerständig und tief mit seinem Lebensraum verwoben verdient der Seestern nicht nur Bewunderung, sondern auch unseren Schutz.



