Herzzyklus und Pumpleistung

Der Rhythmus des Lebens: Präzision auf engstem Raum
Dass wir den Großteil unseres Lebens verbringen können, ohne auch nur eine Sekunde aktiv über unseren Herzschlag nachdenken zu müssen, ist einer der größten evolutionären Luxusgüter unseres Körpers. Während wir lesen, schlafen oder über komplexe Probleme grübeln, verrichtet ein etwa faustgroßer Hohlmuskel im Zentrum unseres Brustkorbs eine Arbeit, die jede von Menschen geschaffene Maschine in den Schatten stellt. Rund 100.000 Mal am Tag zieht sich das Herz zusammen und entspannt sich wieder, um mehrere tausend Liter Blut durch ein Gefäßsystem zu jagen, das zusammengerechnet mehr als doppelt so lang ist wie der Erdäquator.
Doch hinter diesem vermeintlich simplen Pochen verbirgt sich ein hochgradig koordinierter Ablauf physikalischer und biologischer Prozesse: der Herzzyklus. Er ist das Ergebnis eines perfekt getakteten Zusammenspiels von Elektrizität, Druckverhältnissen und Ventilmechanik, das sicherstellt, dass jede Zelle unseres Körpers exakt die Menge an Sauerstoff erhält, die sie gerade benötigt. Es ist die Geschichte einer Pumpe, die sich niemals eine Pause gönnt und sich dabei in Millisekunden an extremste Bedingungen anpassen kann.
Die Mechanik des Schlags: Systole und Diastole
Der Herzzyklus lässt sich in zwei Hauptphasen unterteilen, die wir als Systole und Diastole bezeichnen. Man kann sich diesen Vorgang vereinfacht wie eine Saug-Druck-Pumpe vorstellen, wobei die Realität weitaus eleganter ist. Die Diastole ist die Entspannungs- und Füllungsphase. Hier weitet sich der Herzmuskel, der Druck in den Kammern sinkt unter den Druck in den Vorhöfen, und das Blut strömt passiv ein. Es ist die Phase des Luftholens, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Würde das Herz nur aus Muskelkraft bestehen, ohne diese elastische Entspannungsfähigkeit, könnte es sich niemals effizient mit Blut füllen.
Auf die Diastole folgt die Systole, die Anspannungs- und Austreibungsphase. In Bruchteilen einer Sekunde baut der Kammermuskel eine enorme Spannung auf. Sobald der Druck in der linken Herzkammer den Druck in der Hauptschlagader übersteigt, springen die Taschenklappen auf, und das Blut wird mit Wucht in den Kreislauf geschleudert. Dieser rhythmische Wechsel ist so präzise, dass die Vorhöfe immer einen winzigen Moment vor den Kammern kontrahieren, um das Maximum an Füllung herauszuholen – eine Art biologischer Turbolader, der die Effizienz der Pumpe kurz vor dem Hauptschlag noch einmal steigert.
Einbahnstraße mit Ventilsteuerung: Die Rolle der Herzklappen
Damit die Pumpleistung des Herzens nicht in einem chaotischen Hin und Her der Flüssigkeit endet, verfügt das Herz über ein ausgeklügeltes Ventilsystem. Die vier Herzklappen fungieren als biologische Rückschlagventile, die sicherstellen, dass das Blut nur in eine Richtung fließt. Die Segelklappen zwischen Vorhöfen und Kammern verhindern während der Systole, dass Blut zurück in die Vorhöfe gepresst wird. Die Taschenklappen am Ausgang der Kammern verhindern wiederum, dass das bereits in die Aorta oder die Lungenarterie beförderte Blut während der Entspannungsphase zurück in das Herz stürzt.
Interessanterweise ist das, was wir als Herzschlag hören – das typische Lubb-Dupp – gar nicht das Geräusch der arbeitenden Muskeln. Es sind vor allem die Geräusche der zuschlagenden Ventile und der dadurch entstehenden Turbulenzen im Blutstrom. Der erste Herzton markiert das Schließen der Segelklappen zu Beginn der Systole, der zweite das Schließen der Taschenklappen am Ende der Austreibungsphase. Diese mechanische Präzision ist so entscheidend, dass schon kleinste Undichtigkeiten oder Verengungen dieser Klappen die gesamte Pumpleistung massiv beeinträchtigen können, da das Herz gegen einen unnötigen Widerstand arbeiten muss.
Die Logik der Ausdauer: Das Herzzeitvolumen
Um die tatsächliche Pumpleistung des Herzens wissenschaftlich zu bewerten, nutzen wir die Größe des Herzzeitvolumens. Es beschreibt die Menge an Blut, die das Herz pro Minute in den Kreislauf befördert. Das Herzzeitvolumen ergibt sich ganz einfach aus der Herzfrequenz pro Minute multipliziert mit der Menge an Blut, die pro Schlag aus der Kammer gepresst wird, dem sogenannten Schlagvolumen.
In Ruhe schlägt das Herz eines gesunden Erwachsenen etwa 60 bis 80 Mal pro Minute und befördert dabei pro Schlag etwa 70 bis 80 Milliliter Blut. Das ergibt ein Ruhe-Herzzeitvolumen von etwa fünf Litern pro Minute. Das bedeutet, dass unser gesamtes Blutvolumen etwa einmal pro Minute das Herz passiert. Das Faszinierende ist jedoch die enorme Anpassungsfähigkeit unter Belastung. Ein trainiertes Herz kann dieses Volumen auf 25 bis 30 Liter pro Minute steigern. Dabei erhöht sich nicht nur die Frequenz, sondern durch eine kräftigere Kontraktion auch das Schlagvolumen. Das Herz ist also keine statische Pumpe, sondern ein dynamisches System, das seine Leistung innerhalb von Sekunden vervielfachen kann.
Dynamische Anpassung: Der Frank-Starling-Mechanismus
Wie aber weiß das Herz, dass es plötzlich mehr Blut pumpen muss, noch bevor das Gehirn über Hormone oder Nervensignale eingreifen kann? Hier kommt eine geniale Eigenschaft des Herzmuskels ins Spiel: der Frank-Starling-Mechanismus. Dieser besagt vereinfacht, dass das Herz umso kräftiger schlägt, je mehr es während der Füllungsphase gedehnt wird. Fließt beim Sport mehr Blut aus den Venen zurück zum Herzen, werden die Muskelfasern in der Kammerwand stärker auseinandergezogen.
Auf mikroskopischer Ebene führt diese Dehnung dazu, dass die kontraktilen Elemente der Muskelzellen in eine optimalere Position geraten, um Kraft zu erzeugen. Das Herz reagiert auf die stärkere Füllung also unmittelbar mit einer kräftigeren Kontraktion beim nächsten Schlag. Dies sorgt für einen automatischen Ausgleich zwischen der einströmenden und der ausströmenden Blutmenge. Es ist ein eingebauter Sicherheitsmechanismus, der verhindert, dass sich Blut vor dem Herzen staut, und der sicherstellt, dass beide Herzhälften trotz unterschiedlicher Druckverhältnisse immer die gleiche Menge Blut befördern.
Effizienz und Grenzen: Wenn die Pumpe unter Druck steht
Die Pumpleistung des Herzens ist jedoch nicht unbegrenzt steigerbar. Ein limitierender Faktor ist die Zeit. Bei extrem hohen Herzfrequenzen verkürzt sich vor allem die Diastole, also die Füllungsphase. Schlägt das Herz zu schnell, bleibt schlichtweg nicht genug Zeit, um die Kammern ausreichend mit Blut zu füllen, wodurch das Schlagvolumen sinkt und trotz hoher Frequenz das Herzzeitvolumen paradoxerweise wieder abnehmen kann.
Zudem ist das Herz selbst auf eine gute Blutversorgung angewiesen. Die Herzkranzgefäße, die den Muskel mit Sauerstoff versorgen, werden fast ausschließlich während der Diastole durchblutet, wenn der Muskel locker ist und die Gefäße nicht zusammengedrückt werden. Ein Herz, das ständig unter Hochdruck arbeitet oder keine ausreichenden Entspannungsphasen bekommt, riskiert also seine eigene Energieversorgung. Die Gesundheit unseres Herz-Kreislauf-Systems hängt daher maßgeblich davon ab, wie effizient dieser Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung funktioniert. Ein gut trainiertes Herz zeichnet sich nicht durch einen ständig hohen Output aus, sondern durch ein großes Schlagvolumen bei niedriger Ruhefrequenz – ein Zeichen für ökonomische Arbeit mit großen Reserven.



