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Die Ibu in der Geltasche: Warum Schmerzmittel vor dem Marathon kein harmloses Ritual sind

Quadratisches Cover mit einem verschwitzten Läufer kurz vor dem Start, der eine weiße Tablette an den Mund hält, während im halbtransparenten Oberkörper eine rot glühende Niere sichtbar wird; darüber die gelbe Überschrift „IBU VOR DEM START?“ und der rote Banner „Warum die kleine Tablette den Lauf riskanter machen kann“.

Am Abend vor einem großen Lauf werden meistens dieselben Dinge zurechtgelegt: Startnummer, Uhr, Gels, Wechselshirt, vielleicht noch ein Salztablettröhrchen. In erstaunlich vielen Taschen liegt daneben aber noch etwas, das gar nicht wie Sportequipment aussieht: Ibuprofen. Für manche ist es eine Art Versicherung. Die Knie zwicken seit Tagen, die Wade ist nicht ganz ruhig, der Kopf sagt: Lieber vorher etwas nehmen, dann wird der Lauf nicht von Schmerzen ruiniert.


Genau an dieser Stelle beginnt das Missverständnis. Ibuprofen vor dem Start wirkt wie Vorsorge, ist physiologisch aber oft eher ein Eingriff in ein System, das unter Ausdauerbelastung ohnehin schon an mehreren Stellen auf Kante läuft. Das gilt nicht nur für Eliteathleten in Extremrennen. Es betrifft auch Freizeitläufer, die Halbmarathon oder Marathon nicht mit medizinischem Team, sondern mit Ehrgeiz, Forenwissen und einer Hausapotheke bestreiten.


Was Ibuprofen beim Laufen anders macht


Ibuprofen gehört zu den NSAIDs, also nichtsteroidalen Antirheumatika. Diese Medikamente dämpfen Schmerzen und Entzündung, indem sie die Bildung bestimmter Prostaglandine bremsen. Im Alltag klingt das vernünftig: weniger Schmerz, weniger Schwellung, weniger Reibung. Unter langer Ausdauerbelastung haben diese Prostaglandine aber noch eine zweite Rolle. Sie helfen unter anderem dabei, die Durchblutung der Niere auch dann aufrechtzuerhalten, wenn der Kreislauf gerade andere Prioritäten setzt.


Beim Laufen verschiebt der Körper seine Ressourcen. Blut geht stärker in die arbeitende Muskulatur, Wärme muss abgeführt werden, Flüssigkeit geht über Schweiß verloren, der Magen-Darm-Trakt wird relativ schlechter versorgt. Wer verstehen will, warum Schmerz nicht bloß Störung, sondern oft auch Schutzsignal ist, findet dafür im Wissenschaftswelle-Artikel Warum Schmerz übertreibt einen guten Hintergrund. Beim prophylaktischen Griff zur Ibu wird dieses Signal nicht nur gedämpft. Es wird in eine Situation hinein gedämpft, in der der Körper auf Reserven angewiesen ist, die das Medikament gleichzeitig teilweise mit belastet.


Wenn die Niere unter Belastung mitarbeiten muss


Dass lange Läufe die Niere beanspruchen, ist keine Außenseiteridee. Eine prospektive Studie an Marathonläufern von Mansour und Kollegen zeigte, dass 82 Prozent der untersuchten Teilnehmer nach dem Lauf eine Kreatinin-Erhöhung im Bereich einer akuten Nierenschädigung nach AKIN-Kriterien aufwiesen; 73 Prozent zeigten zusätzlich Urinbefunde, die zu einer tubulären Schädigung passen. Das heißt nicht automatisch, dass Marathon massenhaft bleibende Nierenschäden produziert. Eine systematische Übersicht kommt im Gegenteil zu dem nüchternen Schluss, dass solche Werte oft innerhalb von 48 Stunden wieder zurückgehen. Aber genau dieser Befund ist wichtig: Schon ohne Schmerzmittel arbeitet die Niere nach einem langen Lauf oft nicht im Normalmodus.


Wenn dann noch Ibuprofen dazukommt, verschiebt sich die Risikolage weiter. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie über ein 80-Kilometer-Rennen entwickelten unter Ibuprofen 52 Prozent der Läufer eine akute Nierenschädigung, unter Placebo 34 Prozent. Die Autoren berechneten eine Number Needed to Harm von 5,5. Das ist kein Beweis dafür, dass jede einzelne Ibu vor dem Wettkampf gefährlich endet. Aber es ist ein ziemlich klares Signal, dass das Medikament in dieser Belastungssituation nicht neutral ist.


Auch kürzere Distanzen sind nicht automatisch harmlos. Eine Studie an Freizeitläufern fand, dass bei Halbmarathon-Teilnehmern mit Ibuprofen- oder Naproxen-Nachweis der Nierenschadensmarker uNGAL stärker anstieg als bei Läufern ohne solche Medikamente. Die Botschaft daraus ist unangenehm schlicht: Man muss nicht erst durch die Wüste laufen, damit NSAIDs und Ausdauerbelastung zusammen problematisch werden.


Viel trinken löst das Problem nicht immer


Die gängige Gegenintuition lautet oft: Dann trinke ich eben genug, dann passt das schon. Nur ist „genug“ im Ausdauersport ein heikler Begriff. Zu wenig Flüssigkeit ist schlecht. Zu viel aber auch. Die Wilderness Medical Society beschreibt Übertrinken ausdrücklich als den wichtigsten Risikofaktor für belastungsassoziierte Hyponatriämie. Ihre Leitlinie empfiehlt für die meisten Teilnehmer eine am Durst orientierte Hydration statt eines starren Nachfüllreflexes.


Warum ist das hier relevant? Weil NSAIDs nicht nur die Niere mechanistisch belasten können, sondern auch als möglicher Risikofaktor für Hyponatriämie mitdiskutiert werden. Eine Marathonstudie von Whatmough und Kollegen zeigte, dass das Serum-Natrium in der NSAID-Gruppe im Mittel um 2,1 mmol/L sank, während es in der Kontrollgruppe um 2,3 mmol/L stieg. Gleichzeitig korrelierte höhere Flüssigkeitsaufnahme mit niedrigeren Natriumwerten. Entscheidend ist also nicht bloß die Literzahl, sondern das Verhältnis von Belastung, Durst, Schweißverlust, Wasseraufnahme und renaler Ausscheidung. Das ist die eigentliche Tücke der Situation: Wer Schmerzen prophylaktisch wegdämpft, fühlt sich womöglich stabiler, trinkt dazu „vorsichtshalber“ viel und merkt nicht, dass zwei Schutzlogiken gegeneinander arbeiten.


Gerade bei Hitze wird diese Konstellation schärfer. Der Körper verliert mehr Flüssigkeit, die Kreislaufbelastung steigt, und das Gefühl für angemessenes Trinken wird unzuverlässiger. Warum derselbe Lauf an warmen Tagen plötzlich ein anderes physiologisches Ereignis ist, lässt sich im Beitrag Wenn derselbe Lauf plötzlich härter wird gut nachlesen. Ibuprofen macht Hitze nicht zum Hauptproblem. Es nimmt dem Körper aber einen Teil seiner Puffer genau dort, wo diese Belastung schon enger wird.


Schmerz stillt nicht den Schaden


Zum Risiko gehört nicht nur die Niere. NSAIDs können unter Belastung auch den Magen-Darm-Trakt zusätzlich strapazieren. Eine große Kohortenstudie zum Bonn-Marathon zeigte, dass Läufer mit Analgetika vor dem Start eine fast fünffach höhere Nebenwirkungsrate hatten; neun Personen berichteten sogar von vorübergehenden Krankenhausaufenthalten, darunter drei Fälle temporären Nierenversagens nach Ibuprofen. Der Punkt ist nicht, aus einzelnen schweren Verläufen eine Katastrophengeschichte zu bauen. Der Punkt ist: Das verbreitete Ritual ist nicht klein genug, um medizinisch egal zu sein.


Hinzu kommt eine psychologische Verschiebung. Schmerzmittel helfen nicht nur gegen Schmerz. Sie verändern die Entscheidungslage. Wer vor dem Start schon etwas eingeworfen hat, hat sich innerlich oft auf „Heute ziehe ich durch“ festgelegt. Beschwerden unterwegs werden dann leichter als normaler Wettkampfschmerz umgedeutet. Das Medikament repariert aber keinen überlasteten Sehnenansatz, keinen gereizten Magen und keine Niere unter Durchblutungsstress. Das Risiko besteht also nicht nur darin, dass Ibuprofen biologische Belastung erhöht. Es besteht auch darin, dass Warnsignale später ernst genommen werden.


Der neuere Überblick von Pannone und Abbott ist in dieser Hinsicht hilfreich, weil er nicht überzieht. Die Autoren betonen, dass die Evidenzbasis insgesamt begrenzt ist und nicht jeder Bereich statistisch glasklar belegt ist. Gleichzeitig tauchen ausgerechnet bei Nierenfunktion und Elektrolytbalance immer wieder Risikosignale auf. Für den Freizeitsport bedeutet das: Wer prophylaktische Schmerzmittel vor langen Läufen als harmlose Gewohnheit behandelt, ignoriert ausgerechnet die Stellen, an denen die Literatur am ehesten skeptisch wird.


Warum diese Praxis im Freizeitsport so normal wirken kann


Im Amateurbereich gibt es eine eigentümliche Mischung aus Gesundheitsbewusstsein und Improvisation. Viele trainieren diszipliniert, lesen Studienzusammenfassungen, optimieren Ernährung, kaufen teure Schuhe und vertrauen gleichzeitig auf Umkleidenwissen, wenn es um Medikamente geht. Schmerzmittel werden dann nicht als medizinischer Eingriff erlebt, sondern als kleiner Funktionshelfer. Genau diese Grauzone beschreibt auch der frühere Wissenschaftswelle-Beitrag Wenn Leistung aus der Hausapotheke kommt.


Dazu kommt ein kulturelles Problem: Im Freizeitsport gilt Ausfallen oft als persönliches Scheitern, nicht als vernünftige Belastungssteuerung. Wer monatelang trainiert hat, will nicht wegen eines zwickenden Knies am Start zurückziehen. Wer im Training Müdigkeit, diffuse Schmerzen oder überlagerte Erschöpfung erlebt, schiebt das leicht in Richtung Härteprüfung. Warum das gefährlich kurz gedacht sein kann, zeigt auch Übertraining erkennen, bevor Leistung kippt. Schmerzmittel passen in diese Kultur perfekt hinein: Sie versprechen Handlungsfähigkeit, ohne dass man den Plan ändern muss.


Gute Betreuung sieht anders aus. Im Text Personal Training braucht mehr als Motivation geht es genau um diesen Unterschied zwischen Coaching und bloßem Antreiben. Ein evidenzorientierter Umgang mit Beschwerden fragt nicht zuerst: Wie kann ich das Symptom schnell leiser machen? Sondern: Was versucht mir dieses Symptom unter genau dieser Belastungskonstellation zu sagen?


Welche Warnsignale nach dem Lauf nicht banal sind


Nicht jedes Unwohlsein nach einem langen Lauf ist dramatisch. Aber manche Zeichen sind keine normale Nachwirkung mehr.


Hinweis: Nach dem Lauf genauer hinschauen


Wenig oder gar kein Urin, anhaltendes Erbrechen, Verwirrtheit, starke Schwellungen, schwarz verfärbter Stuhl, heftige Oberbauch- oder Flankenschmerzen, ungewöhnliche Benommenheit oder eine Gewichtszunahme trotz langem Lauf sind keine Signale zum Wegignorieren. Gerade nach NSAID-Einnahme vor oder während des Laufs sollte man solche Symptome medizinisch ernst nehmen.


Entscheidend ist die Kombination aus Kontext und Symptom. Ein Kopfweh nach Stunden in der Sonne ist etwas anderes als Kopfweh zusammen mit Übelkeit, Desorientierung und exzessiver Flüssigkeitszufuhr. Ein bisschen Bauchgrummeln ist etwas anderes als Blut im Stuhl. Ein müder Körper ist etwas anderes als ein Körper, der kaum noch Wasser lässt.


Was von der Ibu vor dem Start übrig bleibt


Ibuprofen vor dem Marathon ist so verbreitet, weil es in der Logik des Freizeitsports plausibel aussieht: kleines Mittel, großes Ziel gerettet. Die Forschung zeichnet aber ein anderes Bild. Lange Läufe setzen Nieren, Kreislauf und Flüssigkeitshaushalt ohnehin unter Druck. NSAIDs greifen ausgerechnet in diese Stresslage hinein. Die Risiken sind nicht bei jedem Lauf spektakulär sichtbar, aber deutlich genug, um prophylaktische Normalität schlecht aussehen zu lassen.


Die nüchternste Konsequenz lautet deshalb nicht: Schmerzmittel sind im Sport immer tabu. Sie lautet: Ein prophylaktisches Schmerzmittel vor langem Ausdauertraining oder Wettkampf ist kein harmloses Ritual. Wer vor dem Start nur deshalb zur Ibu greift, um Warnsignale überspringen zu können, macht den Körper nicht robuster. Er macht seine Grenzen nur schwerer lesbar.


Autorenprofil


Benjamin Metzig ist Gründer, Autor und redaktionell Verantwortlicher von Wissenschaftswelle.de. Wissenschaftswelle ist ein persönlich geführtes redaktionelles Wissensprojekt, das komplexe Themen aus unterschiedlichen Fachbereichen sorgfältig recherchiert, strukturiert und verständlich aufbereitet. Moderne Recherche-, Analyse- und KI-Werkzeuge dienen dabei als Unterstützung, während Auswahl, Einordnung, Ton, Quellenbewertung und Veröffentlichung redaktionell bei Benjamin Metzig verantwortet bleiben. Mehr zum Profil: Autorenprofil von Benjamin Metzig.


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