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Nachhaltige Musik-Tourneen beginnen nicht auf der Bühne

Ein riesiger Konzertbühnen-Auflieger fährt nachts über eine leuchtende Straße; darüber steht: Tourneen im Klimacheck, nicht die Bühne, sondern die Wege.

Wer über nachhaltige Musik-Tourneen nachdenkt, sieht meist zuerst das Helle: Scheinwerfer, LED-Wände, Lautsprechertürme, Trucks, Pyrotechnik. Das ist verständlich, aber analytisch oft der falsche Startpunkt. Die ökologische Härte einer Tournee sitzt häufig in Dingen, die kaum jemand mit dem eigentlichen Musikerlebnis verwechselt: in der Route zwischen Städten, in der Frage, ob Material lokal verfügbar ist, in der Anreise des Publikums und in der Art, wie Venue, Transport und Bühnenbau zusammen geplant werden.


Kernaussagen


  • Die größte Klimabelastung einer Tournee entsteht oft nicht auf der Bühne selbst, sondern durch Fan-Anreise, Fracht und andere Mobilitätsketten rund um die Show.

  • Strom für Live-Produktionen lässt sich vergleichsweise schneller dekarbonisieren als Langstreckenflüge, schwere Logistik und kurzfristig zusammengestellte Tour-Routen.

  • Nachhaltigeres Touring ist deshalb vor allem ein Planungsproblem: Venue-Wahl, Routing, lokales Equipment und reduzierte Materialbewegung entscheiden früh über einen großen Teil der Bilanz.

  • Vorzeigeprojekte zeigen, dass deutliche Einsparungen möglich sind. Sie belegen aber auch, dass die Branche nicht mit einer Einzelmaßnahme auskommt.


Das Problem sitzt selten im Rampenlicht


Wer eine Tour nur als Reihe von Konzerten betrachtet, unterschätzt ihr eigentliches System. Eine Live-Produktion besteht aus vielen verketteten Bewegungen: Musikerinnen und Musiker reisen, Crew und Material reisen, Spielorte müssen technisch vorbereitet werden, und Tausende oder Zehntausende Menschen bewegen sich in engen Zeitfenstern zu derselben Location und wieder zurück. Genau deshalb kommt der Tyndall-Roadmap für klimaarmes Live-Musik-Touring zu einem nüchternen, aber wichtigen Punkt: Emissionsminderung muss von Beginn an in Routing, Venue-Auswahl, Transport, Set-Design und Personalplanung eingebaut werden, nicht erst als grüner Nachsatz vor Tourstart.


Das widerspricht einer bequemen Erzählung. Viele Debatten hängen an sichtbaren Symbolen wie Generatoren oder Pyroeffekten. Doch eine vollständige Bilanz verschiebt den Blick. Die aktuelle Carbon Impacts Assessment von A Greener Future zeigt für Festivals, dass Publikumsanreise im Durchschnitt zwar der größte Einzelposten sein kann, aber eben nicht das ganze Bild erklärt: Im Mittel liegt sie dort bei rund 41 Prozent, je nach Veranstaltung aber in einer Spanne von etwa 18 bis 79 Prozent. Gleichzeitig können breitere Reiseanteile einschließlich Produktion, Händlerinnen, Händler und Künstlerinnen zusammen sogar noch höher liegen. Schon diese Verteilung macht klar, warum simple Schlagworte wie "die Fans sind das Problem" oder "die Bühne ist das Problem" zu kurz greifen.


Für Tourneen gilt eine ähnliche Logik. Sie sind Teil eines Musiksystems, das sich technisch, ökonomisch und organisatorisch permanent umbaut. Wer diese Geschäftslogik besser verstehen will, findet im Hintergrund auch Anschlüsse zur Geschichte der Musikindustrie: Immer dann, wenn sich Infrastruktur ändert, ändern sich nicht nur Kosten und Reichweiten, sondern auch Machtverhältnisse und Routinen. Beim Klima ist das nicht anders.


Warum Mobilität der härteste Block bleibt


Die größte Schwierigkeit nachhaltiger Tourneen ist nicht, dass die Branche keine Ideen hätte. Sie liegt darin, dass Mobilität ungleich schwer zu dekarbonisieren ist. Die Tyndall-Roadmap formuliert das auffallend klar: Für Oberflächenverkehr lassen sich konkrete Nullziele denken, für Fluganteile dagegen ist in den kommenden Jahren vor allem Nachfragereduktion realistisch, weil technische Lösungen auf breiter Front zu spät kommen dürften. Mit anderen Worten: Man kann Generatoren tauschen, LEDs effizienter machen oder Stromanschlüsse verbessern. Man kann Langstrecken nicht in derselben Geschwindigkeit "entkarbonisieren", wenn eine Tournee auf enge Sprünge zwischen Kontinenten, starre Festivalfenster und hohe Materialvolumina angewiesen bleibt.


Genau hier kippt der Blick von der Moral zur Logistik. Eine klimafreundlichere Tour verlangt andere Routen, längere Aufenthalte, mehr regionale Cluster, weniger Luftfracht und häufiger lokal verfügbare Technik. Das klingt unspektakulär, ist aber der Kern. In der Nature-Einordnung zum wachsenden Druck auf die Live-Musik-Branche wird genau dieser Punkt sichtbar: Nicht die einzelne gute Absicht zählt am meisten, sondern ob eine ganze Produktionskette umgebaut wird. Eine Tournee bleibt eben kein abstraktes Kulturprodukt, sondern eine physische Bewegung von Menschen, Energie und Material.


Für das Publikum ist das besonders heikel. Anreise lässt sich nicht einfach per App wegoptimieren. Sie hängt an Bahnverbindungen, Nachtverkehr, Ticketbündeln, sicheren Wegen zum Venue und der Frage, ob ein Konzertort überhaupt mit öffentlichem Verkehr gut erreichbar ist. Deshalb ist die Verbindung zur urbanen Klanglandschaft mehr als dekorativ: Musikereignisse sind immer auch Verkehrsereignisse. Wer ernsthaft über Tour-Emissionen spricht, spricht zwangsläufig über Stadt- und Regionalinfrastruktur.


Faktencheck: Warum die Bühne allein keine ehrliche Bilanz ergibt


Eine Show kann sichtbar auf erneuerbaren Strom setzen und trotzdem klimatisch schwer wiegen, wenn Publikum, Crew und Material auf emissionsintensive Weise anreisen. Umgekehrt kann eine mäßig spektakuläre Produktion bilanziell besser abschneiden, wenn Routing, Venue und Mobilität sauberer organisiert sind.


Strom lässt sich umbauen, Distanz nicht so leicht


Das heißt nicht, dass Energie vor Ort unwichtig wäre. Im Gegenteil: Gerade weil sie technisch greifbarer ist, kann sie schneller verbessert werden. Die Tyndall-Roadmap empfiehlt für Outdoor-Shows, die Emissionen des eingesetzten Stroms rasch an das Niveau des regulären Netzes heranzuführen, und markiert Venue-Energie als einen Bereich, in dem Standards, Infrastruktur und Beschaffung relativ direkt wirken können.


Wie weit das praktisch gehen kann, zeigt der von Tyndall ausgewertete Act-1.5-Testlauf von Massive Attack in Bristol. Dort war gerade nicht nur das Ziel wichtig, sondern der Beweis der Machbarkeit: ein großes Event vollständig mit Batteriesystemen zu versorgen, pflanzenbasierte Verpflegung durchzusetzen und Transportmaßnahmen nicht als Begleitkommunikation, sondern als Teil des Eventdesigns zu behandeln. Der Bericht hält sogar fest, dass die vollständig pflanzenbasierte Verpflegung gegenüber einem konventionelleren Vergleichsfall rund 89 Prozent weniger Treibhausgasemissionen verursacht hätte. Das löst die strukturellen Probleme des Sektors nicht, aber es verschiebt die Grenze des Vorstellbaren.


Auch Coldplays Tour ist als Beispiel interessant, solange man sie nicht mit unabhängiger Branchenwahrheit verwechselt. Laut dem Emissions-Update der Band von Juni 2024 lagen die direkten Emissionen aus Showproduktion, Fracht sowie Band- und Crew-Reisen in den ersten beiden Tourjahren pro Show um 59 Prozent unter der eigenen Stadiontour von 2016/17; die Angaben wurden nach Banddarstellung von MIT Environmental Solutions Initiative validiert. Das ist relevant, weil es zeigt, dass große Produktionen ihre direkten Emissionen spürbar senken können. Es ist aber ebenso wichtig, dass Coldplay selbst die Fan-Anreise weiterhin als großen Emissionsblock beschreibt. Die schwierigen Posten verschwinden also nicht, nur weil die Bühne sauberer wird.


Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied: Stromsysteme kann man umrüsten. Distanzen muss man vermeiden oder anders organisieren. Wer nur über Technik spricht, verfehlt daher die eigentliche Asymmetrie der Aufgabe.


Das eigentliche Designproblem einer Tournee


Die spannendste Verschiebung in der Debatte ist vielleicht diese: Nachhaltigeres Touring ist weniger ein Thema später Korrekturen als eines früher Entwurfsentscheidungen. Das erinnert erstaunlich stark an andere Branchen. Der Beitrag Nachhaltige Mode beginnt am Reißbrett macht für Kleidung sichtbar, dass Umweltwirkung oft bereits im Design festgelegt wird. Für Tourneen gilt fast dasselbe. Wer ein Bühnenbild entwickelt, das nur aufwendig per Ferntransport funktioniert, oder eine Route plant, die ohne Flüge nicht mehr stabil ist, hat die spätere Bilanz weitgehend vorentschieden.


Dasselbe betrifft temporäre Infrastruktur. Festivals und große Open-Air-Produktionen arbeiten mit mobilen Bauten, Kabelwegen, Versorgungspunkten, Sanitär- und Food-Strukturen. In dieser Hinsicht lohnt sogar der Seitenblick auf mobile Architektur: Bewegliche Systeme wirken leicht und improvisiert, sind aber logistisch oft material- und transportintensiv. Ein nachhaltigerer Bühnenbau bedeutet deshalb nicht nur recycelbare Materialien, sondern weniger Masse, mehr Wiederverwendung, höhere lokale Verfügbarkeit und weniger Zwang zum permanenten Mitschleppen eigener Komplettlösungen.


Das ist auch der Grund, warum reine Kompensationslogik so unerquicklich wirkt. Die Tyndall-Forschenden argumentieren im Roadmap-Bericht, dass Ausgleichsmodelle allenfalls dort eine Rolle spielen sollten, wo echte Reduktionen vorerst nicht möglich sind, und selbst dann eher über robuste Formen von Carbon Removal als über bequeme Symbolik. Für die Kulturbranche ist das eine ungemütliche, aber gesunde Zumutung: Nicht alles, was sich moralisch vermarkten lässt, ist technisch oder bilanziell gleich wertvoll.


Was realistisch drin ist und was vorerst offen bleibt


Die gute Nachricht ist, dass Live-Musik nicht auf einen Null-oder-Nichts-Moment warten muss. Vieles ist bereits heute verbesserbar: effizientere Licht- und Soundsysteme, Venue-Standards, lokalere Beschaffung, weniger Luftfracht, besseres Routing, Anreizsysteme für Bahn und Bus, pflanzenbasierte Catering-Standards, kleinere Materialvolumina, gebündelte Tourfenster. Der Act-1.5-Fall zeigt, dass selbst bei großen Formaten mehrere Hebel gleichzeitig aktiviert werden können.


Die schlechtere Nachricht ist, dass nachhaltigeres Touring nicht elegant in einer Maßnahme aufgeht. Genau deshalb ist die Frage "Kann Live-Musik nachhaltig werden?" nur halb hilfreich. Präziser wäre: Unter welchen infrastrukturellen Bedingungen werden Tourneen deutlich klimaverträglicher, und welche Geschäftsmodelle stehen dem noch im Weg? Solange Städte nachts schlecht angebunden sind, Tourneen eng zwischen Kontinenten springen, Venues ihre Energie- und Technikstandards kaum koordinieren und schwere Setups als Qualitätsmerkmal gelten, bleibt jede Klimastrategie brüchig.


Nachhaltigere Live-Musik wird deshalb nicht an einem einzelnen grünen Symbol erkennbar sein. Sie wird daran erkennbar sein, dass weniger unnötig bewegt werden muss: weniger Material, weniger Leerfahrten, weniger Flugzwang, weniger schlecht angeschlossene Orte. Die Tournee der Zukunft wäre dann nicht die moralisch reinste, sondern die intelligenter entworfene. Das klingt weniger heroisch als die große Geste auf der Bühne. Für die Bilanz ist es wahrscheinlich viel wichtiger.


Autorenprofil


Benjamin Metzig ist Gründer, Autor und redaktionell Verantwortlicher von Wissenschaftswelle.de. Wissenschaftswelle ist ein persönlich geführtes redaktionelles Wissensprojekt, das komplexe Themen aus unterschiedlichen Fachbereichen sorgfältig recherchiert, strukturiert und verständlich aufbereitet. Moderne Recherche-, Analyse- und KI-Werkzeuge dienen dabei als Unterstützung, während Auswahl, Einordnung, Ton, Quellenbewertung und Veröffentlichung redaktionell bei Benjamin Metzig verantwortet bleiben. Mehr zum Profil: Autorenprofil von Benjamin Metzig.



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