Space Mining Rohstoffe: Warum der „Platin-Asteroid“ kein Geschäftsmodell ist
- Benjamin Metzig
- vor 24 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Space Mining Rohstoffe: 8 Versprechen im Faktencheck
Stell dir vor, du hältst ein Stück Asteroid in der Hand. Nicht als Museumskuriosum, sondern als Rohstofflieferung. Platin für Katalysatoren, Nickel für Legierungen, Wasser für Treibstoffdepots im All. In dieser Vision steckt ein uraltes Motiv: Knappheit durch „neue Welten“ lösen.
Nur: Im Weltraum ist nichts „nur weit weg“. Es ist weit weg und teuer und rechtlich unordentlich und technisch eigenwillig. Genau deshalb lohnt ein nüchterner Blick auf die typischen Zukunftsversprechen.
Warum Space-Mining-Versprechen so gut klingen
Hypes funktionieren wie Abkürzungen im Kopf: ein Problem (Rohstoffabhängigkeit) + ein Bild (Asteroid = Erzbrocken) = eine Lösung (abbauen, zurückbringen, fertig). Das macht „Space Mining Rohstoffe“ zu einer besonders dankbaren Projektionsfläche: futuristisch, scheinbar grenzenlos, moralisch aufgeladen („weniger Umweltschäden auf der Erde!“).
Der Test ist banal und brutal: Welche Behauptung würde auch dann noch stimmen, wenn niemand klatscht?
Mythos 1: „Asteroiden sind voll mit Platin – wir lösen die Knappheit“
Ja, manche Asteroiden sind metallreich, und Platinmetalle kommen in bestimmten Klassen häufiger vor als in der durchschnittlichen Erdkruste. Aber daraus folgt nicht automatisch „Knappheit gelöst“.
Erstens: Rohstoffknappheit ist selten rein geologisch. Sie ist politisch (Lieferketten), ökonomisch (Preiszyklen), technologisch (Substitution) und sozial (wer profitiert). Ein plötzlicher Platinzufluss würde zudem Preise drücken – gut für Abnehmer, schlecht für den Business Case des Abbaus.
Zweitens: „voll mit Platin“ ist oft eine sprachliche Übertreibung. „Metallreich“ heißt nicht „leicht trennbar“. Trennung, Raffination und Qualitätskontrolle sind im All kein Nebenjob, sondern der Job.
Und drittens: „Zurück zur Erde“ ist nicht die einzig sinnvolle Richtung. Der wirklich interessante Markt könnte im Orbit entstehen: Treibstoff, Wasser, Baustoffe – Dinge, die man nicht wieder durch die Atmosphäre prügeln muss.
Mythos 2: „Wir haben den Beweis: Wir können Material von Asteroiden holen – also bald auch abbauen“
Der Beweis ist real – aber die Schlussfolgerung ist zu groß.
NASA hat 2023 Material vom Asteroiden Bennu zurückgebracht; die gemessene Masse des „Bulk Sample“ lag bei 121,6 Gramm. Das ist wissenschaftlich ein Triumph, wirtschaftlich ein Staubkorn.
Warum ist das wichtig? Weil Sample Return und industrieller Abbau verschiedene Sportarten sind:
Sample Return: wenige hundert Gramm, maximaler wissenschaftlicher Wert, extrem hohe Toleranz für Kosten.
Abbau: Tonnenmaßstab, robuste Prozesse, Preis- und Lieferzuverlässigkeit.
Dass wir einen Löffel Wasser aus einem See holen können, beweist nicht, dass wir eine Trinkwasserversorgung für eine Stadt gebaut haben.
Mythos 3: „Das ist nur eine Frage billigerer Raketen – dann rechnet es sich“
Günstigere Starts helfen. Aber sie sind nicht der magische Schalter, der „unwirtschaftlich“ in „profitabel“ verwandelt.
Selbst wenn der Preis pro Kilogramm in den Orbit fällt, bleiben die großen Kostentreiber:
Mission Design (Energie, Transferzeiten, Navigation)
Autonomie (Robotik ohne menschliche Reparatur)
Redundanz (weil „ein kaputtes Ventil“ nicht mit einem Schraubenschlüssel zu lösen ist)
Versicherung, Haftung, Genehmigungen
Marktrisiko (Preisverfall, Nachfrageunsicherheit)
Viele Analysen betonen genau diese systemische Perspektive: Startkosten sind wichtig, aber sie sind nur ein Parameter unter mehreren – und oft nicht der dominierende.
Mythos 4: „Umweltfreundlicher als Bergbau auf der Erde“
Diese Behauptung ist verführerisch: Dreck nach oben, Erde sauber. Nur verschiebt sie Fragen, statt sie zu beantworten.
Ja, Weltraumbergbau kann lokale Umweltschäden auf der Erde vermeiden – wenn er tatsächlich Erdbergbau ersetzt. Aber er erzeugt neue Belastungen:
Startemissionen und Produktion der Raumfahrtsysteme
Weltraummüll- und Kollisionsrisiken
Planetary Protection / Kontaminationsfragen (je nach Ziel und Mission)
Rebound-Effekt: Mehr Rohstoffverfügbarkeit kann Mehrverbrauch fördern
Und: Wenn das Geschäftsmodell vor allem auf „zurück zur Erde“ zielt, ist die ökologische Bilanz nicht automatisch besser – sie muss sauber gerechnet werden. Oft fehlt genau diese vollständige Bilanz, während das grüne Narrativ schon fertig ist.
Mythos 5: „Rechtlich ist das geklärt: Man darf Ressourcen besitzen“
Hier wird es spannend – und unbequem.
Der Outer Space Treaty verbietet nationale Aneignung von Himmelskörpern (Souveränität, Nutzung oder Besetzung „oder auf andere Weise“). Das ist der harte Rahmen.
Aber: Mehrere Staaten haben Gesetze geschaffen, die Eigentum an gewonnenen Ressourcen anerkennen, ohne „das Land“ zu beanspruchen. In den USA regelt das u. a. der Commercial Space Launch Competitiveness Act (2015) Rechte an gewonnenen Asteroiden- und Weltraumressourcen und betont zugleich, die USA würden damit keine Souveränität über Himmelskörper beanspruchen.
Luxemburg hat ebenfalls einen gesetzlichen Rahmen, der Unternehmen Rechte an gewonnenen Ressourcen zusichert und Genehmigungsauflagen vorsieht.
Das Ergebnis ist keine „Klärung“, sondern ein Interpretationsmodus: Ressourcen ja, Territorium nein. Kritiker sagen: Das sei eine kreative Umgehung; Befürworter: eine pragmatische Konkretisierung, solange internationale Verpflichtungen eingehalten werden. Genau diese Debatte ist der Punkt – nicht ein Häkchen auf einer Checkliste.
Mythos 6: „Die Artemis Accords machen das global salonfähig“
Die Artemis Accords betonen, dass Ressourcennutzung möglich sein soll und mit dem Outer Space Treaty vereinbar durchgeführt werden könne.
Nur: Die Accords sind kein UN-Vertrag, sondern ein politischer Rahmen, den Staaten unterzeichnen können. Er schafft Normen, aber keine universelle Rechtslage. Das kann trotzdem mächtig sein – Normen formen Praxis –, aber es ist kein Ersatz für breite multilaterale Regeln, wenn es um Konfliktvermeidung, Haftung, Sicherheitszonen und Zugangsgerechtigkeit geht.
Übersetzt: Die Accords sind ein Schritt. Sie sind nicht „die Weltordnung fürs All“.
Mythos 7: „In zehn Jahren ist Asteroidenbergbau Alltag“
Zeitpläne sind im Raumfahrtbereich besonders anfällig für Wunschdenken – weil sie oft Marketing, Finanzierung und Politik bedienen.
Ein realistischer Blick erkennt ein anderes Muster: Zuerst wird im All verbraucht, was im All gebraucht wird. Das ist der ISRU-Gedanke (In-Situ Resource Utilization): Ressourcen vor Ort nutzen, um Versorgung, Treibstoff oder Bau zu ermöglichen. NASA positioniert ISRU ausdrücklich als Schlüssel für nachhaltige Mondpräsenz (Wasser, Treibstoff, Baustoffe).
Asteroiden sind dafür nicht ausgeschlossen, aber der Mond ist näher, planbarer, politisch stärker priorisiert – und als Testbett attraktiver. ESA treibt entsprechende Challenges und Infrastruktur rund um „lunar regolith processing“ ebenfalls voran.
Die wahrscheinlichste „erste Ökonomie“ ist daher nicht: Erzbrocken zur Erde. Sondern: Wasser/Oxygen/Material für Missionen im Erd-Mond-System.
Mythos 8: „Der entscheidende Engpass ist die Robotik“
Robotik ist zentral – aber sie ist nicht allein.
Der Engpass ist das Zusammenspiel aus:
Energie (Abbau und Verarbeitung sind energiehungrig; im All ist Energie nicht „umsonst“, sie ist Fläche, Masse und Thermal-Management)
Prozessstabilität (Staub, Abrasion, extreme Temperaturwechsel, Vibrationen, Strahlung)
Fehlerkultur (Industrie lebt von Wartung. Im All musst du Wartung mitdenken, bevor etwas kaputtgeht.)
Logistik (Transport von Material, Rendezvous, Lagerung, Umfüllen)
Marktlogik (Wem verkaufst du was – und zu welchem Preis, wenn du plötzlich selbst den Preis veränderst?)
Deshalb ist „Space Mining“ weniger ein einzelnes Gerät als ein komplettes Industrie-Ökosystem.
Was bleibt übrig, wenn man die PR abzieht?
Drei robuste Aussagen:
Technisch: Wir können Körper im All erreichen, vermessen, beproben und langfristig umkreisen. Missionen wie Psyche zeigen: Metallreiche Ziele sind wissenschaftlich und technologisch interessant, auch wenn das noch kein Abbauplan ist.
Ökonomisch: Der erste sinnvolle Markt liegt wahrscheinlich im All (Wasser, Treibstoff, Baustoffe), nicht auf der Erde.
Politisch-rechtlich: Die Regeln sind im Kern alt (1967), die Praxis wird neu – und genau da entstehen Konfliktlinien, die man nicht „weg-innovieren“ kann.
Eine Faustregel für die nächste Space-Mining-Schlagzeile
Wenn du das nächste Mal liest „Start-up X will Rohstoffe im All abbauen“, stell dir drei Fragen:
Wo ist der Kunde? Erde oder Orbit?
Was ist der Engpass? Energie/Verarbeitung/Logistik – oder wirklich nur „noch ein bisschen Robotik“?
Welches Recht gilt konkret? Genehmigung, Aufsicht, Haftung, Konfliktvermeidung?
Wenn eine Meldung diese Fragen nicht einmal erwähnt, ist sie wahrscheinlich eher ein Zukunftsversprechen als ein Projekt.
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#SpaceMining #Rohstoffe #Raumfahrt #ISRU #Asteroiden #Technikfolgen #Weltraumrecht #Innovation #Klimapolitik #Faktencheck
Quellen:
UNOOSA – Outer Space Treaty (Volltext/Übersicht) – https://www.unoosa.org/oosa/en/ourwork/spacelaw/treaties/outerspacetreaty.html
U.S. Congress – H.R. 2262 / Commercial Space Launch Competitiveness Act (Text & Zusammenfassung) – https://www.congress.gov/bill/114th-congress/house-bill/2262
CRS (Library of Congress) – Space Resource Extraction: Overview and Issues for Congress (R48144, 29.07.2024) – https://www.congress.gov/crs-product/R48144
NASA – Artemis Accords (Grundsatzdokument & Einordnung) – https://www.nasa.gov/artemis-accords/
NASA Blog – OSIRIS-REx Bulk Sample Mass (121,6 g; Rückkehr 24.09.2023) – https://science.nasa.gov/blogs/osiris-rex/2024/02/15/nasa-announces-osiris-rex-bulk-sample-mass/
AP News – NASA final tally OSIRIS-REx sample mass (121,6 g) – https://apnews.com/article/2ea5ff565570c4db8ad492ed67dc2037
NASA – Mission Psyche (Ziel, Zeitplan, wissenschaftliche Ziele) – https://science.nasa.gov/mission/psyche/
NASA – Overview: In-Situ Resource Utilization (ISRU) – https://www.nasa.gov/overview-in-situ-resource-utilization/
ESA – Space Resources Challenge (Regolith sammeln & verarbeiten) – https://src.esa.int/space_resources_challenge_2025/
Gouvernement du Luxembourg – Space Resources (Mitteilung; Stand 20.08.2024) – https://meco.gouvernement.lu/fr/actualites.gouvernement2024%2Bfr%2Bactualites%2Btoutes_actualites%2Bcommuniques%2B2016%2B11-novembre%2B11-presentation-spaceresources.html
Luxembourg – Law of 20 July 2017 on the exploration and use of space resources (PDF) – https://bumblebee-turkey-m7n3.squarespace.com/s/Law-of-20-July-2017.pdf
Peace Palace Library – Space Mining and (U.S.) Space Law (Einordnung 2015) – https://peacepalacelibrary.nl/blog/2015/space-mining-and-us-space-law
Yale Law School (OpenYLS) – Interpreting the Outer Space Treaty’s non-appropriation principle (PDF) – https://openyls.law.yale.edu/bitstreams/53f751d8-60f8-41bc-a263-26bff3fd375f/download
PNAS – Corrado et al. (2023): Space exploration and economic growth (Launch-cost-Diskussion) – https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2221341120








































































































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