Wem Wissen dient: Wie Macht seit Jahrhunderten bestimmt, was Wissenschaft sieht
- Benjamin Metzig
- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit

Wissenschaft erzählt sich gern als Gegenwelt zur Macht. Hier zählen, so die ideale Selbstbeschreibung, nicht Rang, Herkunft oder Lautstärke, sondern Belege. Genau deshalb genießt sie bis heute ein besonderes Prestige. Wo Daten sprechen, sollen Autoritäten schweigen.
Nur stimmt diese Geschichte immer nur halb.
Denn Wissenschaft war historisch fast nie ein neutraler Raum, der einfach frei im Vakuum schwebte. Sie brauchte Höfe, Akademien, Drucker, Kolonialverwaltungen, Armeen, Stiftungen, Ministerien, Laborgebäude, Förderprogramme und heute zusätzlich Plattformen, Rankings und Kennzahlen. Wer Forschung finanziert, organisiert und bewertet, steuert nicht automatisch jedes Ergebnis. Aber er beeinflusst sehr wohl, welche Fragen überhaupt gestellt werden, wer als glaubwürdig gilt und welches Wissen am Ende sichtbar wird.
Die heikle Pointe lautet deshalb: Wissenschaft ist nicht deshalb unrein, weil Macht an ihr zerrt. Sie ist vielmehr seit ihren Anfängen ein Feld, in dem Wahrheitssuche und Herrschaftsordnungen ständig ineinandergreifen.
Der große Gründungsmythos lautet: Nur die Fakten zählen
Als die Royal Society im 17. Jahrhundert ihren Wahlspruch Nullius in verba übernahm, war das ein intellektueller Befreiungsschlag. Sinngemäß heißt er: Nimm niemanden einfach beim Wort. Behauptungen sollen nicht wegen Status oder Tradition gelten, sondern weil sie sich an der Erfahrung prüfen lassen.
Dieser Bruch mit bloßer Autorität war revolutionär. Er ist ein Grund, warum moderne Wissenschaft überhaupt so wirkmächtig wurde. Aber schon derselbe historische Blick zeigt die erste Schieflage: Die frühen Fellows der Royal Society stammten laut eigener Darstellung aus professionellen und aristokratischen Schichten; sie waren ausschließlich Männer. Der Raum, in dem man Autorität kritisierte, war selbst sozial streng sortiert.
Definition: Was Macht im Wissenschaftssystem bedeutet
Macht zeigt sich in der Wissenschaft nicht nur als Verbot oder Zensur. Sie wirkt auch darüber, wer Zugang zu Institutionen bekommt, welche Methoden als seriös gelten, welche Themen Geld erhalten und welche Ergebnisse Aufmerksamkeit erzeugen.
Das macht die frühe Wissenschaft nicht wertlos. Aber es zerstört die naive Vorstellung, sie sei je vollständig von gesellschaftlichen Hierarchien getrennt gewesen. Selbst dort, wo man Autorität methodisch begrenzen wollte, blieb die Frage offen, wer überhaupt mitreden durfte.
Wer publizieren darf, bestimmt mit, was als Wissen gilt
Besonders sichtbar wird das beim wissenschaftlichen Publizieren. Die Royal Society beschreibt, dass Philosophical Transactions seit 1665 das erste und älteste fortlaufende Wissenschaftsjournal der Welt ist. Das klingt zunächst wie reine Wissenschaftsgeschichte. In Wahrheit erzählt es auch eine Machtgeschichte.
Denn mit Journalen entstand nicht nur ein Speicher für Erkenntnisse, sondern ein Filter. Wer gedruckt wurde, gewann Reichweite, Priorität, Zitationschancen und Reputation. Im 19. Jahrhundert wurden Begutachtung und Auswahl systematischer, also institutioneller. Aus dem lockeren Kreis gelehrter Korrespondenz wurde schrittweise ein Verfahren, das entscheidet, welche Stimmen in den offiziellen Wissensbestand eingehen.
Das ist kein Randdetail. Wer heute über Peer Review spricht, spricht über Qualitätssicherung. Wer historisch genauer hinschaut, sieht zusätzlich eine Infrastruktur der Sichtbarkeit. Wissenschaft braucht solche Filter. Ohne sie würde sie im Lärm versinken. Aber Filter sind nie neutral. Sie spiegeln Standards, Vorlieben, Netzwerke und die Selbstbilder der Institutionen, die sie betreiben.
Genau deshalb lohnt sich auch der Blick auf Beiträge wie Galileo Galilei: Teleskop, Wahrheit und der Konflikt mit der Kirche. Der Fall erinnert daran, dass neue Beobachtungen nicht automatisch gewinnen, nur weil sie besser sind. Sie müssen durch bestehende Ordnungen hindurch.
Empire machte aus Naturbeobachtung ein Herrschaftswerkzeug
Besonders deutlich wird die Verbindung von Wissen und Macht im kolonialen Zeitalter. Dort ging es nicht nur darum, Pflanzen, Gesteine, Tiere oder Klimata besser zu verstehen. Es ging oft zugleich darum, Territorien zu sichern, Ressourcen zu erfassen, Handelswege zu stabilisieren und imperiale Ansprüche zu legitimieren.
Die Royal Botanic Gardens Kew zeigen das ungewöhnlich offen. In Imperial botany and the networks of science wird beschrieben, wie ein Netz kolonialer Sammler Wissen produzierte: Beamte, Missionare, Armeeangehörige, private Soldaten, Siedler und weitgehend unbezahlte Korrespondenten lieferten Pflanzen, Daten und Beschreibungen. In Kew and colonialism: A history of entanglement heißt es noch deutlicher, wirtschaftliche Botanik sei zentral für die koloniale Ära gewesen, weil sie Pflanzen weltweit im Dienst britischer Prosperität dokumentieren und nutzbar machen sollte.
Das ist eine wichtige Korrektur an der romantischen Vorstellung vom großen Naturforscher, der nur staunend sammelt. Natürlich gab es Neugier, echte Erkenntnis und oft enorme intellektuelle Leistung. Aber dieselben Expeditionen hingen vielfach an Schiffen, Gouverneuren, Vermessungen, Eigentumsordnungen und Gewaltverhältnissen.
Man kann das auch an der modernen Debatte über koloniale Wissensordnungen ablesen. Ein offener Beitrag in Nature Communications beschreibt Geowissenschaften ausdrücklich als historisch kolonial geprägtes Feld: Kartierung, Vermessung und Ressourcenerfassung dienten imperialen Projekten; indigene Bevölkerungen wurden dabei oft intellektuell und ökonomisch ausgebeutet.
Das Entscheidende daran ist nicht nur moralische Rückschau. Es verändert, wie wir Wissenschaft verstehen. Wissen wächst nicht bloß durch kluge Köpfe. Es wächst auch entlang von Verkehrswegen, Besitzansprüchen, Verwaltungsapparaten und materiellen Zugriffen auf die Welt.
Wer das an einer Person nachvollziehen will, findet im Beitrag über Alexander von Humboldt bereits ein gutes Beispiel dafür, wie eng Messung, Expedition und Politik in der Geschichte moderner Naturforschung miteinander verbunden waren.
Der moderne Forschungsstaat entstand nicht gegen Macht, sondern mit ihr
Spätestens im 20. Jahrhundert wurde aus dieser Verflechtung eine neue Größenordnung. Wissenschaft war nun nicht mehr nur mit Höfen, Museen oder imperialen Sammlungen verbunden, sondern mit riesigen staatlichen Finanzierungs- und Sicherheitsapparaten.
Die NSF-Rückschau auf Science — The Endless Frontier beschreibt ziemlich nüchtern, was der Zweite Weltkrieg bedeutete: die bis dahin größte staatliche Investition in Forschung und Entwicklung. Universitäten, Industrie und Regierungslabore wurden in einem strategischen Verbund auf nationale Verteidigung ausgerichtet. Nach 1945 verschwand diese Logik nicht einfach wieder. Sie wurde institutionell verstetigt.
Das ist der Moment, in dem der moderne Mythos der freien Grundlagenforschung eine zweite, bequemere Erzählung bekam. Wissenschaft erschien nun gern als etwas, das der Staat großzügig ermöglicht, damit die Wahrheit wachsen kann. Was dabei oft unterbelichtet bleibt: Schon die Verteilung dieser Großzügigkeit ist eine politische Handlung. Fördert man Teilchenphysik, Agrarwissenschaft, Rüstung, Infektionsbiologie, Raumfahrt, KI, Batterietechnik oder Sozialforschung? Welche Risiken gelten als national relevant? Welche Innovation soll beschleunigt werden, welche nicht?
Nicht jede staatliche Förderung korrumpiert Wissenschaft. Das wäre Unsinn. Ohne öffentliche Finanzierung gäbe es einen Großteil moderner Forschung gar nicht. Aber die Richtung der Geldflüsse schreibt Prioritäten. Und Prioritäten sind geronnene Macht.
Heute regiert Macht oft leiser: über Kennzahlen, Reputationsmärkte und Förderdesign
Gerade deshalb ist es zu einfach, Macht in der Wissenschaft nur dort zu suchen, wo Regierungen offen zensieren oder Autokraten Forschende einschüchtern. In vielen demokratischen Systemen arbeitet Macht subtiler. Sie tritt als Wettbewerb, Effizienz, Exzellenz oder Wirkungsmessung auf.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Debatte um Forschungsbewertung. Die San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) kritisiert seit 2012, dass Journal Impact Factors in Berufungen, Förderentscheidungen und Karrieren als Ersatzmaß für Qualität verwendet werden. Das Problem ist nicht bloß technisch. Es ist strukturell. Wenn wenige Indikatoren darüber entscheiden, was als exzellente Wissenschaft gilt, dann verschieben sich Verhalten und Aufmerksamkeit in Richtung genau dieser Signale.
Dann wird aus wissenschaftlicher Freiheit schnell ein Spiel mit Anreizsystemen. Forschende fragen nicht nur: Was ist wichtig? Sondern auch: Was ist förderfähig? Was ist schnell publizierbar? Was passt in die Sprache eines Calls? Was zählt in Evaluationsrunden? Was macht sich im Lebenslauf?
Diese Formen der Steuerung sehen harmloser aus als das alte Patronagesystem. Aber sie können ähnlich wirksam sein. Früher brauchte es einen Hof, einen Mäzen oder eine Kolonialverwaltung. Heute reichen manchmal eine Ausschreibung, ein Ranking oder eine Metrik, um ganze Felder in bestimmte Richtungen zu schieben.
Wissenschaftsfreiheit ist kein Naturzustand, sondern eine politische Konstruktion
Gerade deshalb ist Wissenschaftsfreiheit keine hübsche Nebenbemerkung für Sonntagsreden, sondern eine institutionelle Daueraufgabe. Die UNESCO-Empfehlung zu Wissenschaft und wissenschaftlich Forschenden formuliert das bemerkenswert klar: Forschung braucht intellektuelle Freiheit, Schutz vor unangemessenen Einflüssen, ethische Verantwortung und geeignete Verfahren, um gesellschaftliche Folgen wissenschaftlicher Entwicklung zu reflektieren.
Das ist mehr als ein moralischer Appell. Es ist ein Eingeständnis. Wenn Wissenschaft wirklich so unabhängig wäre, wie sie sich manchmal darstellt, müsste man diese Unabhängigkeit nicht ständig schützen. Dass man sie schützen muss, zeigt ihre Verletzlichkeit.
Hier liegt auch die eigentliche Gegenwartsfrage: Wie organisiert man Wissenschaft so, dass sie auf Ressourcen, Staatlichkeit und Öffentlichkeit angewiesen sein darf, ohne sich vollständig von deren Interessen verschlucken zu lassen?
Eine ernsthafte Antwort darauf hätte mehrere Teile:
Förderentscheidungen müssen nachvollziehbarer werden, damit politische und institutionelle Prioritäten sichtbarer sind.
Bewertungsmaßstäbe dürfen nicht auf wenige Metriken zusammenschrumpfen, wenn sie Neugier, Risiko und intellektuelle Vielfalt nicht abwürgen sollen.
Wissenschaftliche Institutionen müssen offener damit umgehen, welche historischen Ausschlüsse in ihren eigenen Strukturen fortwirken.
Wissenschaftskommunikation sollte nicht nur Ergebnisse feiern, sondern auch Entstehungsbedingungen transparent machen.
Das eigentliche Problem ist nicht die Nähe zur Macht, sondern ihre Unsichtbarkeit
Wissenschaft wird nie außerhalb von Gesellschaft existieren. Sie soll es auch nicht. Eine Forschung, die völlig unverbunden mit Öffentlichkeit, Finanzierung, Konflikten und Bedürfnissen wäre, hätte kaum Relevanz und oft nicht einmal Infrastruktur.
Die bessere Forderung lautet deshalb nicht: Befreit Wissenschaft endlich ganz von Macht. Das ist illusionär. Die bessere Forderung lautet: Machtverhältnisse in der Wissenschaft müssen sichtbar, kritisierbar und korrigierbar werden.
Denn erst wenn wir anerkennen, dass auch Wahrheitsinstitutionen soziale Architekturen haben, können wir sinnvoll darüber sprechen, wie sie gerechter, pluraler und erkenntnisstärker werden. Wer so tut, als entstünde Wissenschaft einfach dort, wo die klügsten Argumente automatisch gewinnen, verwechselt Norm mit Wirklichkeit.
Vielleicht ist genau das die unsichtbare Logik von Wissenschaft und Macht: Nicht dass Herrschaft Wahrheit immer besiegt. Sondern dass sie schon vorher darüber mitentscheidet, welche Wahrheiten eine faire Chance bekommen.
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