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Franz Joseph Gall und die Phrenologie: Die Vermessung des Charakters

Der Blick unter die Schädeldecke: Ein radikaler Neuanfang


Stellen Sie sich vor, Sie könnten den Charakter eines Menschen, seine verborgenen Talente, seine kriminellen Neigungen oder seine Liebesfähigkeit einfach mit den Fingerspitzen ertasten. Was heute wie eine bizarre Jahrmarkts-Attraktion oder eine Szene aus einem Steampunk-Roman klingt, war um das Jahr 1800 eine wissenschaftliche Sensation, die Europa und Amerika in Atem hielt. Franz Joseph Gall, ein brillanter Anatom aus Wien, trat mit einer bahnbrechenden Behauptung an: Das Gehirn ist das Organ des Geistes, und seine Form verrät alles über unsere Seele.


Gall war kein Scharlatan, sondern ein exzellenter Beobachter der menschlichen Natur. Sein Ansatz, den er selbst „Organologie“ nannte und der später als Phrenologie weltbekannt wurde, markiert einen der wichtigsten – wenn auch wissenschaftlich später gescheiterten – Wendepunkte in der Geschichte der Psychologie. Er wagte den Schritt weg von der philosophischen Spekulation über die „immaterielle Seele“ hin zu einer materialistischen, biologisch begründeten Theorie des menschlichen Verhaltens. Damit legte er, trotz aller methodischen Irrtümer, den Grundstein für das, was wir heute als moderne Neurowissenschaften bezeichnen.


Von Schulhofbeobachtungen zum biologischen Determinismus


Die Geburtsstunde der Phrenologie lag nicht im Labor, sondern auf der Schulbank. Gall beobachtete schon als Junge, dass Mitschüler mit besonders guten Gedächtnisleistungen oft markante, hervorquellende Augen hatten – die sogenannten „Ochsenaue“. Er schlussfolgerte daraus, dass der Teil des Gehirns, der für das Gedächtnis zuständig war, direkt hinter den Augen liegen müsse und durch seine Größe die Augäpfel nach vorne drückte. Diese Beobachtung wurde zur Keimzelle seines gesamten Systems.


Gall postulierte drei revolutionäre Thesen: Erstens, das Gehirn ist das exklusive Organ aller geistigen Fähigkeiten. Zweitens, der Geist ist keine Einheit, sondern setzt sich aus verschiedenen, angeborenen Vermögen zusammen, die jeweils an einem festen Ort im Gehirn lokalisiert sind. Und drittens – hier liegt der entscheidende phrenologische Kniff – die Größe eines Hirnareals entspricht der Stärke der jeweiligen Eigenschaft. Da sich der knöcherne Schädel während der Entwicklung an die Form des wachsenden Gehirns anpasst (so Galls Annahme), lässt sich die Ausprägung der Talente und Triebe direkt an den Erhebungen und Vertiefungen der Kopfoberfläche ablesen. Gall nannte dies Kranioskopie, das Volk nannte es schlicht „Schädellehre“.


Die Kartierung der Seele: Galls 27 Organe


Gall begann, das menschliche Gehirn wie eine Landkarte zu parzellieren. Er identifizierte ursprünglich 27 grundlegende „Organe“ oder Fakultäten des Geistes. Diese reichten von rein kognitiven Fähigkeiten wie dem Sprachsinn oder dem Zahlensinn bis hin zu komplexen emotionalen und moralischen Eigenschaften. Besonders faszinierend – und aus heutiger Sicht moralisch höchst fragwürdig – war seine Einteilung in „niedere“ und „höhere“ Instanzen.


So verortete er im Hinterkopf den „Fortpflanzungstrieb“ und die „Kinderliebe“. Seitlich, über den Ohren, glaubte er den „Witz“ oder den „Zerstörungssinn“ gefunden zu haben. Die höchsten menschlichen Qualitäten wie Religion, Mitgefühl oder die „Vergleichungsfähigkeit“ suchte er ganz oben, unter dem Scheitelgewölbe. Gall war überzeugt: Ein Mörder besitze ein übermäßig entwickeltes Organ der „Mordlust“ hinter dem Ohr, das ihn biologisch zu seinen Taten dränge. Diese Sichtweise war ein Schock für die zeitgenössische Theologie und Justiz, denn sie stellte die Idee des freien Willens radikal infrage. Wenn das Gehirn die Tat diktiert, wie kann der Mensch dann schuldig sein?


Methodik und Wahnsinn: Die Suche nach dem Beweis


Methodisch ging Gall weitaus systematischer vor, als man ihm heute oft nachsagt. Er sammelte Tausende von Schädeln und fertigte Gipsabgüsse von Menschen an, die durch extreme Eigenschaften auffielen. Er besuchte Gefängnisse, um die Köpfe von Schwerverbrechern zu vermessen, und Irrenanstalten, um nach den organischen Ursachen des Wahnsinns zu suchen. Er sezierte Gehirne mit einer Präzision, die selbst seine schärfsten Kritiker bewunderten; so entdeckte er unter anderem die Kreuzung der Pyramidenbahnen im Hirnstamm.


Das Problem war jedoch seine Bestätigungsfehlerei (Confirmation Bias). Fand Gall bei einem bekannten Dieb eine Beule an der entsprechenden Stelle des Schädels, sah er seine Theorie bestätigt. Fehlte die Beule, erfand er Ad-hoc-Hypothesen: Vielleicht war ein anderes Organ so stark ausgeprägt, dass es den Diebstahlstrieb unterdrückte? Gall suchte nach Belegen, nicht nach Widerlegungen. Zudem ignorierte er die Tatsache, dass die Dicke des Schädels keineswegs präzise die Windungen des Gehirns widerspiegelt. Zwischen der Gehirnoberfläche und der Schädeldecke liegen Membranen und Flüssigkeitsräume, die jede direkte mechanische Übertragung von „Hirnbeulen“ auf den Knochen verhindern.


Der Siegeszug der Phrenologie als Popkultur


Obwohl Gall 1801 von Kaiser Franz I. aus Wien vertrieben wurde – seine Lehre galt als materialistisch und damit gottlos –, trat die Phrenologie einen beispiellosen Siegeszug durch Europa an. In Paris wurde Gall ein Star. Sein Schüler Johann Spurzheim und später der Schotte George Combe entwickelten das System weiter und machten es massentauglich. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Phrenologie in England und den USA allgegenwärtig.


Es entstanden phrenologische Gesellschaften, Fachzeitschriften und Beratungsstellen. Arbeitgeber ließen die Köpfe potenzieller Angestellter vermessen, und Paare suchten phrenologischen Rat vor der Eheschließung, um ihre „organische Kompatibilität“ zu prüfen. Die Phrenologie versprach eine schnelle, objektive Menschenkenntnis in einer Zeit des rasanten sozialen Wandels. Sie war die Psychologie des „kleinen Mannes“ – ein Werkzeug zur Selbstoptimierung und sozialen Einordnung. Literaten wie Charlotte Brontë oder Edgar Allan Poe ließen phrenologische Beschreibungen in ihre Charakterisierungen einfließen. Wer damals etwas auf sich hielt, kannte seine „Bumps“.


Wissenschaftlicher Widerstand und der Sündenfall der Rassenlehre


Während das Volk die Schädellehre feierte, formierte sich in der Wissenschaft heftiger Widerstand. Der französische Physiologe Marie-Jean-Pierre Flourens führte Experimente an Tauben und Kaninchen durch, bei denen er Teile des Gehirns entfernte. Er stellte fest, dass die Funktionen oft nicht streng lokalisiert waren, sondern das Gehirn als Ganzes reagierte. Flourens’ Diktum der „Äquipotenzialität“ stand Galls Lokalisationslehre diametral gegenüber.


Noch dunkler wurde das Erbe der Phrenologie durch ihre politische Instrumentalisierung. Da Galls Theorie davon ausging, dass geistige Eigenschaften angeboren und organisch fixiert seien, wurde sie rasch missbraucht, um soziale und rassistische Hierarchien zu rechtfertigen. Phrenologen begannen, die Schädel verschiedener „Rassen“ zu vergleichen. Sie behaupteten, die Köpfe von Europäern zeigten größere „Intelligenzorgane“, während die Schädel kolonisierter Völker angeblich Anzeichen von „primitiven Trieben“ aufwiesen. Hier verwandelte sich eine wissenschaftliche Pionierleistung in ein gefährliches Werkzeug der Unterdrückung, das später in die pseudowissenschaftlichen Gräuel der Eugenik und der NS-Rassenideologie mündete.


Was bleibt von Gall? Ein Erbe zwischen Irrtum und Genialität


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschwand die Phrenologie aus dem Kanon der ernsthaften Wissenschaft. Zu offensichtlich waren ihre methodischen Mängel, zu laut die Kritik an der mechanistischen Deutung des Geistes. Dennoch wäre es ein Fehler, Gall als bloße Randnotiz der Geschichte abzutun.


Er war der Erste, der konsequent behauptete, dass verschiedene geistige Funktionen an anatomisch definierbare Orte im Gehirn gebunden sind. Nur wenige Jahrzehnte nach Galls Tod bestätigte der Neurologe Paul Broca diese Grundidee, als er das Sprachzentrum lokalisierte – ironischerweise fast genau an der Stelle, die Gall für den Sprachsinn vorhergesagt hatte. Gall hatte recht mit der Lokalisierung, aber er irrte fundamental bei der Diagnostik (der Schädelform) und der Zerlegung des Geistes (seinen 27 Organen).


Heute erleben wir durch bildgebende Verfahren wie das MRT eine Art „Neo-Phrenologie“. Wir können zusehen, welche Hirnareale aufleuchten, wenn wir rechnen, lieben oder lügen. Der moderne Blick auf das Gehirn ist unendlich viel komplexer als Galls Beulen-Theorie, doch der Grundgedanke bleibt: Wir sind unser Gehirn. Franz Joseph Gall hat das Fenster zu dieser Erkenntnis aufgestoßen – auch wenn er selbst durch den Rahmen fiel.

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