Blogverzeichnis Bloggerei.de
top of page

Hermann Ebbinghaus und die Vermessung des Vergessens

Pionierarbeit im Selbstversuch: Als das Gedächtnis messbar wurde


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen allein in einem kargen Zimmer, vor Ihnen ein Stapel kleiner Kärtchen. Auf jedem Kärtchen steht eine Kombination aus drei Buchstaben, die absolut keinen Sinn ergibt: ZAT, BOK, QIR. Sie lesen diese Silben immer und immer wieder, im Takt eines Metronoms, über Stunden, Tage, Monate hinweg. Für die meisten Menschen klingt das nach einer besonders perfiden Form der modernen Folter. Für Hermann Ebbinghaus war es der Weg zu einer wissenschaftlichen Revolution.


Im späten 19. Jahrhundert herrschte in der jungen Psychologie eine klare Meinung vor, die vor allem von Wilhelm Wundt geprägt wurde: Man könne zwar einfache Sinnesempfindungen im Labor untersuchen, aber „höhere geistige Prozesse“ wie das Gedächtnis oder das Denken seien viel zu komplex, zu individuell und zu flüchtig für das Experiment. Ebbinghaus, ein Privatgelehrter ohne Labor und ohne Assistenten, sah das anders. Inspiriert von der Physik und den mathematischen Arbeiten von Gustav Theodor Fechner, beschloss er, das Gedächtnis zu vermessen – und zwar mit einer Präzision, die man bis dahin nur aus der Astronomie kannte. Sein Labor war sein Arbeitszimmer, sein einziger Proband war er selbst.


Die Erfindung des Bedeutungslosen: Die sinnlose Silbe


Das größte Problem bei der Erforschung des Gedächtnisses ist, dass wir nicht als unbeschriebenes Blatt (Tabula Rasa) beginnen. Wenn ich Sie bitte, sich eine Liste von Wörtern wie „Apfel“, „Liebe“ und „Auto“ zu merken, spielt Ihr Vorwissen eine riesige Rolle. Vielleicht lieben Sie Äpfel, oder Sie hatten gerade einen Autounfall. Diese persönlichen Assoziationen machen eine objektive Messung unmöglich. Ebbinghaus erkannte dieses methodische Hindernis und erfand eine geniale Lösung: die sinnlose Silbe (Nonsense Syllable).


Er konstruierte etwa 2.300 Kombinationen aus Konsonant-Vokal-Konsonant, die in der deutschen Sprache kein existierendes Wort bildeten. Indem er diese künstlichen Reize verwendete, schaltete er den Einfluss von Bedeutung und Vorwissen faktisch aus. Er schuf ein „reines“ Gedächtnisphänomen. In jahrelanger, akribischer Kleinarbeit lernte er Listen dieser Silben auswendig, prüfte sich selbst in verschiedenen Zeitabständen und protokollierte jede einzelne Wiederholung. Er kontrollierte sogar seine Lebensumstände, um sicherzustellen, dass weder Kaffee noch Schlafmangel seine Daten verfälschten. Es war der Versuch, den menschlichen Geist in eine berechenbare Maschine zu verwandeln, um seine innersten Gesetzmäßigkeiten zu verstehen.


Die Entdeckung der Vergessenskurve: Warum wir Wissen verlieren


Das wohl berühmteste Ergebnis dieser jahrelangen Selbstdisziplin ist die Ebbinghaus’sche Vergessenskurve. Ebbinghaus wollte wissen: Wie schnell schwindet Wissen aus unserem Bewusstsein? Die Antwort war ernüchternd, aber mathematisch verblüffend exakt. Er stellte fest, dass das Vergessen unmittelbar nach dem Lernen extrem schnell einsetzt. Bereits nach zwanzig Minuten ist ein großer Teil des mühsam Gelernten weg. Nach einem Tag sind oft nur noch etwa 30 Prozent vorhanden.


Doch die Kurve enthält auch eine tröstliche Botschaft: Sie verläuft nicht linear bis auf Null, sondern asymptotisch. Das bedeutet, das Vergessen verlangsamt sich mit der Zeit. Was nach zwei Tagen noch im Kopf ist, bleibt dort tendenziell sehr lange stabil. Ebbinghaus entdeckte damit ein universelles Prinzip der Biologie: Unser Gehirn ist ein hocheffizienter Filter. Es löscht Unwichtiges sofort und behält nur das, was durch Wiederholung oder Relevanz eine Daseinsberechtigung im Speicher nachweist. Er berechnete dies mit der sogenannten Ersparnismethode. Er maß nicht, wie viele Silben er noch wusste, sondern wie viel Zeit er bei einem erneuten Lernen der Liste im Vergleich zum ersten Mal sparte. Diese „Ersparnis“ war für ihn das wahre Maß für das Gedächtnis – auch wenn man glaubte, alles vergessen zu haben, war im Unterbewusstsein noch eine Spur vorhanden.


Massiertes vs. verteiltes Lernen: Die Geburtsstunde der Lernstrategie


Ebbinghaus begnügte sich nicht damit, das Verschwinden von Wissen zu beobachten; er untersuchte auch, wie man es am effektivsten behält. Dabei stieß er auf ein Phänomen, das heute jeder Studierende kennen sollte: den Spacing Effect (Effekt der Verteilung). Er fand heraus, dass es weitaus effizienter ist, eine Lernleistung auf mehrere kleine Einheiten über mehrere Tage zu verteilen, als dieselbe Zeit in einer einzigen, massiven Sitzung („Bulimie-Lernen“) aufzuwenden.


Seine Daten zeigten deutlich: Zehn Wiederholungen, verteilt auf fünf Tage, führen zu einem wesentlich stabileren Gedächtnisbesitz als fünfzig Wiederholungen an einem einzigen Tag. Dieses Prinzip der Lernpsychologie ist bis heute eines der am besten gesicherten Ergebnisse der gesamten Psychologie. Zudem entdeckte er den seriellen Positionseffekt: Wir merken uns den Anfang einer Liste (Primacy-Effekt) und das Ende einer Liste (Recency-Effekt) besonders gut, während die Mitte oft im mentalen Treibsand versinkt. Diese Erkenntnisse waren nicht nur akademische Spielereien; sie bildeten das Fundament für die gesamte spätere Bildungsforschung und die Gestaltung von Lehrplänen.


Kritik, Ethik und das Ende des Elfenbeinturms


Trotz seiner Genialität blieb Ebbinghaus nicht kritikfrei. Spätere Psychologen, insbesondere die Vertreter der Gestaltpsychologie, warfen ihm vor, er habe das Gedächtnis „entseelt“. Indem er den Sinn aus seinen Experimenten verbannte, habe er zwar die Mechanik des Speicherns verstanden, aber völlig ignoriert, wie Menschen im echten Leben lernen – nämlich durch das Verknüpfen von Bedeutungen. Ein Mensch merkt sich ein Gedicht anders als eine Liste von ZAT und BOK.


Auch die Methode des Selbstversuchs wurde kritisch beäugt. Kann ein Forscher gleichzeitig Beobachter und Objekt sein? Besteht nicht die Gefahr, dass man unbewusst die Daten so beeinflusst, dass sie zur eigenen Hypothese passen? Ebbinghaus’ Rigorosität hielt diesem Vorwurf zwar weitgehend stand, doch seine Arbeit markierte gleichzeitig das Ende der Ära der „Ein-Mann-Labore“. Die Psychologie wurde danach zunehmend zu einer Wissenschaft, die große Stichproben und unterschiedliche Probanden benötigte, um allgemeingültige Aussagen treffen zu können.


Ein Erbe, das bleibt: Die Kognitive Wende vorweggenommen


Hermann Ebbinghaus hat mit seinem Werk „Über das Gedächtnis“ (1885) bewiesen, dass die Psychologie eine Naturwissenschaft sein kann. Er hat das Unmessbare messbar gemacht und dabei mathematische Funktionen gefunden, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Ohne seine Pionierarbeit wäre die kognitive Wende der 1960er Jahre, in der das Gehirn als Informationsprozessor verstanden wurde, kaum denkbar gewesen.


Er lehrte uns, dass Vergessen kein Defekt ist, sondern ein systematischer Prozess. Seine Arbeit ist eine Mahnung an unsere heutige Informationsgesellschaft: Wissen braucht Zeit, Struktur und Wiederholung. In einer Welt, in der Informationen in Millisekunden verfügbar sind, bleiben die biologischen Grenzen unseres Gedächtnisses, die Ebbinghaus in seinem einsamen Arbeitszimmer vermessen hat, eine unumstößliche Konstante. Er hat gezeigt, dass wir zwar viel vergessen, aber dass wir durch die richtige Methode die Kontrolle darüber gewinnen können, was in unserem Geist Bestand hat.

bottom of page