Hysterie und die Geburtsstunde der Psychoanalyse: Das Rätsel der „Anna O.“

Das Spektakel der Nerven: Hysterie als Rätsel des 19. Jahrhunderts
Um zu verstehen, wie die Psychoanalyse überhaupt entstehen konnte, müssen wir uns in eine Zeit zurückversetzen, in der die Medizin vor einem unlösbaren Rätsel stand. In den prunkvollen Krankensälen des 19. Jahrhunderts tauchte ein Phänomen auf, das die Ärzte in den Wahnsinn trieb: die Hysterie. Frauen – und es waren fast ausschließlich Frauen – zeigten dramatische Symptome, für die es keine organische Erklärung gab. Sie erblindeten plötzlich, obwohl ihre Augen gesund waren; sie litten unter Lähmungen, ohne dass ihre Nerven geschädigt waren; sie bekamen Krampfanfälle, die wie Epilepsie aussah, es aber nicht waren. Die damalige Schulmedizin reagierte oft mit Unverständnis oder gar Verachtung. Man unterstellte den Patientinnen Simulation oder eine „wandernde Gebärmutter“ – ein antikes Konzept, das der Krankheit ihren Namen gab, denn „Hystera“ ist das griechische Wort für Gebärmutter.
In dieser hitzigen Debatte markiert der junge Sigmund Freud einen Wendepunkt. Während seiner Studienreise nach Paris beobachtete er den berühmten Neurologen Jean-Martin Charcot an der Salpêtrière. Charcot führte Hysterikerinnen wie Zirkusattraktionen vor und bewies durch Hypnose etwas Revolutionäres: Die Symptome ließen sich durch psychische Suggestion hervorrufen und auch wieder zum Verschwinden bringen. Für Freud war das ein Erweckungserlebnis. Er begriff, dass die Ursache dieser Leiden nicht im Fleisch, sondern im Geist liegen musste. Die Hysterie war kein Betrug, sondern eine „Sprache des Körpers“, die nach einer Übersetzung verlangte. Zurück in Wien tat er sich mit seinem älteren Kollegen Josef Breuer zusammen, und gemeinsam stießen sie auf einen Fall, der als die eigentliche Geburtsstunde der Psychoanalyse in die Geschichte eingehen sollte: den Fall der Anna O.
Bertha Pappenheim und die Erfindung der „Redekur“
Hinter dem Pseudonym Anna O. verbarg sich die hochintelligente Bertha Pappenheim. Ihr Fall ist das wohl wichtigste „Labor“ der frühen Psychoanalyse. Pappenheim litt unter einer Vielzahl bizarrer Symptome: Sie hatte Halluzinationen, verlor zeitweise die Fähigkeit, ihre Muttersprache Deutsch zu sprechen (während sie fließend Englisch redete), und litt unter einer einseitigen Lähmung sowie einer extremen Wasserscheu. Josef Breuer behandelte sie und machte dabei eine zufällige, aber geniale Entdeckung. Er bemerkte, dass ihre Symptome schwächer wurden oder ganz verschwanden, wenn sie im Zustand der Hypnose oder in tiefer Entspannung über die Entstehung des jeweiligen Symptoms sprach.
Bertha Pappenheim selbst gab diesem Verfahren den Namen „Talking Cure“ – die Redekur – oder nannte es scherzhaft „Chimney Sweeping“ (Schornsteinfegen). Es war eine Reinigung der Seele durch das Wort. Ein berühmtes Beispiel war ihre plötzliche Unfähigkeit, Wasser zu trinken. In einer Sitzung erinnerte sie sich voller Ekel daran, wie sie gesehen hatte, dass der Hund ihrer ungeliebten Gesellschafterin aus einem Glas getrunken hatte. Nachdem sie diesen unterdrückten Zorn und Ekel ausgesprochen hatte, verlangte sie sofort nach einem Glas Wasser und die Störung war geheilt. Diese Beobachtung führte Breuer und Freud zu der Annahme, dass hysterische Symptome „reingefressene“ Emotionen sind, die keine Abfuhr gefunden haben. Das Symptom ist demnach ein Rest einer traumatischen Erinnerung, die im Unbewussten gefangen ist und durch das Sprechen „abregiert“, also emotional entladen werden kann.
Von der kathartischen Methode zur freien Assoziation
Die Zusammenarbeit von Breuer und Freud mündete 1895 in dem Werk Studien über Hysterie. Hier legten sie dar, dass der Hysteriker meist an Erinnerungen leidet. Die Behandlungsmethode nannten sie zunächst „kathartisch“ (von griechisch Katharsis für Reinigung). Doch schon bald begannen sich die Wege der beiden Männer zu trennen, und genau in diesem Riss entstand das, was wir heute als die spezifisch Freud’sche Psychoanalyse kennen. Breuer war die Sache zunehmend unheimlich geworden. In der Behandlung von Anna O. war es zu einem massiven Phänomen der Übertragung gekommen: Die Patientin entwickelte eine intensive emotionale Bindung zu Breuer, die schließlich in einer scheinbaren hysterischen Schwangerschaft gipfelte, bei der sie behauptete, ein Kind von ihm zu erwarten. Breuer, der bürgerliche Arzt, war schockiert und brach die Behandlung ab.
Freud hingegen war fasziniert. Wo Breuer eine Gefahr sah, erkannte Freud einen Mechanismus. Er begriff, dass diese Gefühle des Patienten gegenüber dem Arzt nicht zufällig waren, sondern eine Wiederholung alter Beziehungskonflikte darstellten. Zudem begann Freud, die Hypnose aufzugeben. Er merkte, dass die Heilerfolge oft nicht von Dauer waren und dass viele Patienten gar nicht hypnotisierbar waren. Er ersetzte die Hypnose durch die „freie Assoziation“. Die Patienten sollten einfach alles sagen, was ihnen einfiel, auch wenn es peinlich oder nebensächlich schien. Damit verschob sich der Fokus von der bloßen Beseitigung eines Symptoms hin zur Erforschung der gesamten psychischen Struktur. Die Hysterie war nun nicht mehr nur eine seltsame Krankheit, sondern der Schlüssel zum Verständnis des Unbewussten schlechthin.
Das Trauma-Dilemma: Die umstrittene Verführungstheorie
Ein kritischer und bis heute heftig debattierter Punkt in Freuds Auseinandersetzung mit der Hysterie ist die sogenannte Verführungstheorie. In seinen frühen Schriften war Freud davon überzeugt, dass hinter jeder Hysterie ein reales sexuelles Trauma in der Kindheit steckte – meist ein Missbrauch durch eine nahestehende Person, oft den Vater. Er präsentierte diese Erkenntnis 1896 vor der Wiener Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie und erntete eisiges Schweigen. Die Vorstellung, dass in den „anständigen“ Wiener bürgerlichen Familien massenhafter Kindesmissbrauch stattfand, war für seine Zeitgenossen unvorstellbar und skandalös.
Nur ein Jahr später vollzog Freud eine radikale Kehrtwende, die in der Geschichte der Psychologie oft als „Verrat an den Opfern“ oder als genialer theoretischer Durchbruch bezeichnet wird. In einem berühmten Brief an seinen Freund Wilhelm Fließ schrieb er: „Ich glaube meinen Neurotica nicht mehr.“ Er kam zu dem Schluss, dass seine Patientinnen ihm nicht von realen Erlebnissen berichtet hatten, sondern von unbewussten Fantasien und Wünschen. Aus dem realen Trauma wurde der psychische Wunschkonflikt – der Ödipuskomplex war geboren. Kritiker werfen Freud bis heute vor, er habe vor dem gesellschaftlichen Druck kapituliert und den realen Missbrauch in die Welt der Fantasie verbannt, um seine Karriere zu retten. Psychoanalytiker hingegen argumentieren, dass Freud erst dadurch die Bedeutung der inneren Realität und der kindlichen Sexualität entdeckte, was die Psychoanalyse überhaupt erst zu einer umfassenden Theorie des Geistes machte.
Die Hysterie als kulturelles Spiegelbild
Die Debatte um die Hysterie war jedoch nie nur eine medizinische, sondern immer auch eine gesellschaftspolitische. Wenn man sich die Fallstudien der damaligen Zeit ansieht, erkennt man ein Muster: Es waren oft junge, hochbegabte Frauen aus dem Bürgertum, deren intellektuelle und sexuelle Bedürfnisse in der engen Moral des Fin de Siècle keinen Platz fanden. Die Hysterie kann als ein stummer Protest gegen die Unterdrückung verstanden werden. Da es den Frauen verboten war, ihren Ärger, ihr Begehren oder ihre Ambitionen offen auszuleben, „konvertierte“ die Psyche diesen Konflikt in körperliche Symptome. Die Lähmung der Beine verhinderte beispielsweise symbolisch den „Schritt in die Selbstständigkeit“.
Diese Sichtweise erklärt auch, warum die klassische Hysterie in der Form, wie Freud sie beschrieb, heute fast verschwunden ist. In einer Gesellschaft, in der über Sexualität offen gesprochen werden kann und Frauen weitaus mehr Freiheiten genießen, braucht die Psyche diesen dramatischen Umweg über den Körper seltener. Dennoch sind die Mechanismen, die Freud an der Hysterie entdeckte – Verdrängung, Konversion und Symbolbildung –, zeitlos. Heute finden wir sie in Form von psychosomatischen Beschwerden, Essstörungen oder dissoziativen Identitätsstörungen wieder. Die Hysterie war das Chamäleon unter den Krankheiten, und Freud war der Erste, der begriff, dass das Chamäleon seine Farbe wechselt, um etwas zu verbergen, das ausgesprochen werden will.
Das Erbe der Fallstudien: Zwischen Wissenschaft und Erzählkunst
Was bleibt heute von den Debatten um Anna O., Dora oder den „kleinen Hans“? Wissenschaftlich gesehen sind Freuds Fallstudien problematisch. Er veränderte Details, um seine Theorien zu stützen, und seine Erfolgsberichte waren oft optimistischer als die Realität – Bertha Pappenheim etwa war nach Breuers Behandlung keineswegs „geheilt“, sondern verbrachte danach noch viel Zeit in Sanatorien, bevor sie später eine bedeutende Sozialreformerin und Frauenrechtlerin wurde. Doch als literarische und psychologische Dokumente sind diese Texte unerreicht. Freud schrieb keine trockenen Krankenakten, er schrieb „Novellen der Seele“.
Er hat uns gelehrt, dass jedes Symptom einen Sinn hat und dass die Lebensgeschichte eines Menschen der Schlüssel zu seinem Leiden ist. Die Hysterie-Debatte hat die Mauer zwischen Körper und Geist eingerissen. Sie hat gezeigt, dass Worte heilen können und dass das Schweigen krank macht. Auch wenn wir heute über die damaligen Vorstellungen von „weiblicher Nervosität“ schmunzeln mögen, so verdanken wir der Auseinandersetzung mit der Hysterie doch die Erkenntnis, dass wir alle ein Unbewusstes haben, das mit uns spricht – manchmal leise in Träumen und manchmal lautstark durch unseren Körper. Die Psychoanalyse begann mit einer Frau, die nicht mehr trinken konnte, und endete mit einer Theorie, die das Selbstbild des modernen Menschen grundlegend erschütterte.



