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John Locke & der Empirismus: Die Geburtsstunde des beschriebenen Blattes

Der radikale Bruch mit dem Gestern: Warum wir sind, wer wir werden


Stellen Sie sich vor, Sie kommen auf die Welt und Ihr Kopf ist absolut leer. Keine Konzepte von Gott, keine mathematischen Grundwahrheiten, keine moralischen Instinkte – nichts als eine stille, unbeschriebene weiße Tafel. Für uns klingt das heute vielleicht nach einer psychologischen Binsenweisheit, doch im 17. Jahrhundert war dieser Gedanke eine intellektuelle Atombombe. Der Mann, der diesen Zünder betätigte, war der englische Philosoph und Mediziner John Locke. Mit seinem 1690 erschienenen Hauptwerk An Essay Concerning Human Understanding (Versuch über den menschlichen Verstand) legte er nicht nur den Grundstein für die moderne Erkenntnistheorie, sondern wurde zum heimlichen Urvater der wissenschaftlichen Psychologie.


Bevor Locke die Bühne betrat, dominierte der Rationalismus, angeführt von René Descartes. Die Vorstellung war: Der Mensch bringt „angeborene Ideen“ (ideae innatae) mit auf die Welt. Wir wüssten quasi schon ab Werk, dass $A$ nicht gleichzeitig $Nicht-A$ sein kann oder dass es eine höhere Macht gibt. Locke hielt das für einen gefährlichen Irrtum. Er beobachtete Kinder, „Idioten“ (wie man damals politisch unkorrekt sagte) und Menschen aus fernen Kulturen und stellte fest: Nichts davon ist universell vorhanden. Wenn wir also nicht mit Wissen geladen sind, wie kommt es dann in uns hinein? Lockes Antwort war so simpel wie folgenreich: durch die Erfahrung. Damit begründete er den Empirismus, die Lehre, dass alle unsere Erkenntnis auf Sinneswahrnehmung beruht.


Die Tabula Rasa: Die Psychologie der unbeschriebenen Tafel


Das berühmteste Bild, das Locke prägte, ist das der Tabula Rasa. Er verglich den menschlichen Geist bei der Geburt mit einem weißen Blatt Papier, das frei von allen Schriftzeichen ist. Alles, was wir später denken, fühlen und wissen, wird erst durch den Griffel der Erfahrung darauf geschrieben. Für die damalige Zeit war das eine zutiefst demokratische und fast schon subversive Idee. Wenn wir nämlich als „leere Blätter“ starten, dann sind wir bei der Geburt – zumindest potenziell – alle gleich. Unterschiede in Intelligenz, Charakter oder sozialem Status sind dann keine gottgegebenen Vorbestimmungen, sondern das Resultat von Erziehung und Umwelt.


Dieser Gedanke verschob den Fokus der Menschheitsbetrachtung radikal. Weg von der Metaphysik, hin zur Pädagogik und zur Beobachtung. Locke argumentierte, dass unser Wissen aus zwei Quellen gespeist wird: der Sensation (äußere Wahrnehmung) und der Reflection (innere Wahrnehmung). Die Sensation liefert uns die Rohdaten der Außenwelt – das Gelb einer Zitrone, die Kälte von Eis, den Duft einer Rose. Die Reflection hingegen ist die Tätigkeit unseres Geistes, der diese Daten verarbeitet, sie vergleicht, kombiniert und daraus neue, komplexe Gedanken formt. Ohne die Sinne gäbe es kein Material für das Denken; der Geist wäre ein Motor ohne Treibstoff.


Von einfachen Bausteinen zu komplexen Welten


Locke ging in seiner psychologischen Analyse fast schon wie ein Chemiker vor. Er versuchte, das menschliche Denken in seine kleinsten Bestandteile zu zerlegen. Er unterschied zwischen einfachen Ideen und komplexen Ideen. Eine einfache Idee ist eine einzelne, nicht weiter zerlegbare Sinnesempfindung, wie etwa „süß“ oder „hart“. Unser Geist verhält sich hier rein passiv; er kann sich nicht aussuchen, ob er die Süße schmeckt, wenn er Zucker auf der Zunge hat.


Die Magie passiert jedoch bei der Bildung komplexer Ideen. Hier wird der Geist aktiv. Er nimmt die einfachen Bausteine und setzt sie zusammen. Nehmen wir das Beispiel „Apfel“: Das ist keine einzelne Wahrnehmung, sondern eine komplexe Idee, die unser Verstand aus den einfachen Ideen von „rot“, „rund“, „knackig“ und „süßsäuerlich“ konstruiert hat. Locke erkannte damit als einer der Ersten, dass unsere Wahrnehmung der Welt eine Konstruktionsleistung des Gehirns ist. Wir sehen nicht „die Welt“, wir sehen das Produkt unserer geistigen Verarbeitungsprozesse.


Primäre und sekundäre Qualitäten: Was ist wirklich real?


Ein besonders spannender Aspekt in Lockes Lehre, der bis heute in der Neuropsychologie nachhallt, ist die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten. Locke fragte sich: Welche Eigenschaften gehören wirklich zum Objekt da draußen und welche existieren nur in unserem Kopf?

Primäre Qualitäten sind objektiv messbar: Größe, Gestalt, Zahl und Bewegung. Sie wären auch da, wenn kein Mensch hinsähe. Sekundäre Qualitäten hingegen – wie Farben, Töne, Gerüche oder Geschmack – sind laut Locke subjektiv. Sie entstehen erst im Zusammenspiel zwischen dem Objekt und unseren Sinnesorganen.


Ein Apfel ist nicht an sich „rot“; er hat lediglich eine Oberflächenbeschaffenheit, die Licht in einer Weise reflektiert, die in unserem Nervensystem die Empfindung „Rot“ auslöst. Diese Trennung ist psychologisch fundamental, denn sie markiert den Moment, in dem die Wissenschaft begriff, dass die subjektive Erfahrung ein eigenes Forschungsfeld ist. Wenn die Farbe nur im Kopf entsteht, müssen wir den Kopf untersuchen, um die Farbe zu verstehen. Damit ebnete Locke den Weg für die spätere Psychophysik eines Gustav Theodor Fechner oder Wilhelm Wundt.


Die Identität des Selbst: Du bist deine Erinnerung


Locke begnügte sich nicht mit der Frage, wie wir wissen, sondern stellte auch die Frage: Wer sind wir eigentlich? In einer Zeit, in der die Identität meist an eine unsterbliche, metaphysische Seele geknüpft war, bot Locke eine psychologische Definition an. Er definierte das Selbst über das Bewusstsein und vor allem über die Erinnerung.


Für Locke ist eine Person genau dann dieselbe Person wie gestern, wenn sie sich an ihre Handlungen und Gedanken von gestern erinnern kann. Diese „Kontinuität des Bewusstseins“ ist der Klebstoff unserer Identität. Wenn ich mich nicht mehr an das erinnern könnte, was ich vor zehn Jahren getan habe, wäre ich – psychologisch gesehen – nicht mehr dieselbe Person. Diese Sichtweise ist heute die Basis für unser Verständnis von Demenzerkrankungen oder Amnesie und deren Auswirkungen auf die Persönlichkeit. Locke machte die Psychologie des Ichs greifbar, indem er sie von der Religion löste und im Erleben verankerte.


Gesellschaftliche Wirkung und das Erbe des Empirismus


Die Implikationen von Lockes Empirismus waren gigantisch. Wenn der Mensch als Tabula Rasa beginnt, ist er formbar. Das führte direkt zur Aufklärung und zu einem neuen Optimismus in der Erziehung. Man glaubte nun, dass man durch die richtige Umgebung und Bildung bessere Menschen erschaffen könne. Lockes Ideen beeinflussten die amerikanische Unabhängigkeitserklärung ebenso wie die moderne Pädagogik.


In der Psychologiegeschichte ist Locke der direkte Vorläufer des Assoziationismus. Wenn Ideen durch Erfahrung in den Geist gelangen, wie verbinden sie sich dann? Locke schlug vor, dass Ideen, die oft gemeinsam auftreten, im Geist verknüpft werden. Das ist die theoretische Brücke, die später direkt zum Behaviorismus von John B. Watson und B.F. Skinner führte. Auch diese sahen den Menschen primär als ein Wesen, das durch Umweltreize (Erfahrungen) geformt wird.


Natürlich wissen wir heute durch die moderne Genetik und Evolutionspsychologie, dass Lockes Bild der totalen Tabula Rasa eine Übertreibung war. Wir kommen nicht ganz „leer“ auf die Welt; wir bringen genetische Blaupausen, Temperamente und evolutionär bedingte Reflexe mit. Doch das Grundprinzip Lockes bleibt bestehen: Ohne die Interaktion mit der Umwelt, ohne das „Füttern“ unserer neuronalen Netze mit Sinnesdaten, bliebe das menschliche Gehirn ein ungenutztes Potenzial.


John Locke hat uns gelehrt, dass wir nicht Gefangene eines vorgegebenen Schicksals sind, sondern Wesen, die durch ihre Erfahrungen wachsen. Er machte die Psychologie zu einer Wissenschaft der Beobachtung und des Lernens. Jedes Mal, wenn wir heute davon sprechen, dass „frühkindliche Prägung“ wichtig ist oder dass wir aus unseren Erfahrungen lernen, sprechen wir – ob wir es wissen oder nicht – im Geiste von John Locke.

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