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René Descartes: Dualismus & Reflexkonzept

Der Zweifel als Fundament der modernen Psychologie


Stellen wir uns eine Welt vor, in der die Grenze zwischen Geist und Materie vollkommen verschwommen ist. Im frühen 17. Jahrhundert war genau das der Fall. Die Psychologie als eigenständige Wissenschaft existierte noch nicht, und das Verständnis des menschlichen Wesens war tief in einer Mischung aus aristotelischer Philosophie und kirchlicher Dogmatik verwurzelt. Dann kam René Descartes. Inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges und einer Zeit des wissenschaftlichen Umbruchs setzte er sich das ehrgeizige Ziel, das gesamte Wissen seiner Zeit auf ein unerschütterliches Fundament zu stellen. Sein Werkzeug war der radikale Zweifel. Descartes hinterfragte alles: die Sinne, die Existenz der Außenwelt, sogar die Mathematik. Übrig blieb nur eine einzige, unumstößliche Gewissheit: „Ich denke, also bin ich“ (Cogito ergo sum). Dieser Moment markiert die Geburtsstunde des modernen Subjekts und legte den Grundstein für eine Debatte, die die Psychologie bis heute in Atem hält – das Leib-Seele-Problem.


Die Zweiteilung der Welt: Res Cogitans und Res Extensa


Descartes’ radikalste Neuerung war die Einführung eines strikten Dualismus. Er teilte die gesamte Existenz in zwei völlig unterschiedliche Substanzen auf, die nichts miteinander gemein hatten. Auf der einen Seite steht die res cogitans, die denkende Substanz. Sie ist unkörperlich, unteilbar, frei und nimmt keinen Raum ein. Hier verortete Descartes das Bewusstsein, die Vernunft und die unsterbliche Seele des Menschen. Auf der anderen Seite finden wir die res extensa, die ausgedehnte Substanz. Dazu gehört alles Materielle, vom fernen Stern bis hin zu unserem eigenen Körper. Die res extensa folgt rein mechanischen Gesetzen, sie ist messbar, teilbar und hat keinen freien Willen.


Diese Trennung war für die damalige Zeit eine intellektuelle Revolution mit weitreichenden Folgen. Indem Descartes den Körper der materiellen Welt zuschlug, entzog er ihn der religiösen Mystik und machte ihn zum legitimen Gegenstand der Naturwissenschaft. Der menschliche Körper wurde in dieser Sichtweise zu einer hochkomplexen Maschine. Für die spätere Psychologie bedeutete dies jedoch eine gewaltige Herausforderung: Wenn Geist und Körper zwei völlig verschiedene Welten sind, wie können sie dann überhaupt miteinander interagieren? Wie kann der rein geistige Entschluss, einen Arm zu heben, dazu führen, dass sich materielle Muskeln zusammenziehen?


Der Körper als Automat und die Entdeckung des Reflexes


Um die Funktionsweise des Körpers zu erklären, griff Descartes auf die modernste Technologie seiner Zeit zurück: die Hydraulik. In den königlichen Gärten von Saint-Germain-en-Laye gab es wasserbetriebene Automaten, die sich bewegten oder Musik spielten, wenn man auf bestimmte Bodenplatten trat. Descartes nutzte dies als Analogie für das menschliche Nervensystem. Er stellte sich vor, dass durch die Nervenbahnen – die er als feine Röhren begriff – ein extrem feiner Stoff fließt, die sogenannten spiritus animales oder „Lebensgeister“. Diese waren für ihn keine mystischen Wesen, sondern eher ein sehr dünnes Gas oder ein feines Blutfiltrat.


Hier entwickelte Descartes eines seiner einflussreichsten Konzepte: den Reflexbogen. In seinem Werk Über den Menschen beschreibt er das berühmte Beispiel eines Jungen, der seinen Fuß zu nah an ein Feuer hält. Die Hitze des Feuers setzt eine mechanische Kette in Gang: Sie zieht an einem feinen Faden innerhalb des Nervenstrangs, wodurch im Gehirn eine Klappe geöffnet wird. Durch diese Klappe strömen die spiritus animales zurück in die Beinmuskulatur, was dazu führt, dass der Fuß weggezogen wird. Das Entscheidende hierbei ist: Dieser Vorgang geschieht vollkommen automatisch, ohne dass die Seele oder der Verstand eingreifen müssen. Descartes legte damit das Fundament für die wissenschaftliche Untersuchung unwillkürlicher Reaktionen, ein Thema, das Jahrhunderte später von Iwan Pawlow und den Behavioristen aufgegriffen wurde.


Die Zirbeldrüse: Das mysteriöse Hauptquartier der Seele


Obwohl Descartes den Körper als Maschine betrachtete, war er überzeugt, dass der Mensch mehr ist als nur ein Automat. Im Gegensatz zu Tieren, die er als „Bêtes-machines“ (Maschinen-Tiere) ohne Bewusstsein und Schmerzempfinden ansah, besitze der Mensch eine rationale Seele. Doch wo treffen sich diese ungleichen Partner? Descartes suchte nach einem Ort im Gehirn, der nicht paarig angelegt war – denn während wir zwei Augen und zwei Ohren haben, nehmen wir die Welt als eine Einheit wahr. Seine Wahl fiel auf die Glandula pinealis, die Zirbeldrüse.


Er vermutete, dass an diesem zentralen Punkt die Seele direkt auf die spiritus animales einwirken kann, wie ein Reiter auf sein Pferd. Durch feine Bewegungen der Zirbeldrüse könne die Seele den Strom der Lebensgeister in verschiedene Nervenbahnen lenken und so den Körper steuern. Umgekehrt würden Sinneseindrücke die Zirbeldrüse in Schwingung versetzen und so der Seele vermitteln, was in der materiellen Welt vor sich geht. Aus heutiger neurowissenschaftlicher Sicht ist diese Theorie natürlich falsch – die Zirbeldrüse produziert hauptsächlich Melatonin –, doch der Versuch, eine Schnittstelle zwischen Hardware (Körper) und Software (Geist) zu definieren, prägt die psychologische Forschung bis heute.


Ethische Implikationen und die Abwertung des Tieres


Descartes' Dualismus hatte nicht nur theoretische, sondern auch drastische praktische Konsequenzen. Seine Sichtweise auf Tiere als seelenlose Automaten führte dazu, dass Schmerzensschreie von Tieren lediglich als mechanisches Quietschen einer schlecht geölten Maschine interpretiert wurden. Dies rechtfertigte in den Augen vieler Zeitgenossen grausame Experimente und Vivisektionen ohne jede Betäubung. In der Geschichte der Psychologie und Biologie hinterließ dies ein schwieriges Erbe bezüglich des ethischen Umgangs mit Lebewesen.


Gleichzeitig ermöglichte Descartes' Fokus auf die res cogitans eine neue Form der Selbstbeobachtung. Wenn die Seele eine vom Körper getrennte Substanz ist, dann ist die Erforschung des Bewusstseins ein eigenständiges Feld. Die Introspektion – das Hineinschauen in den eigenen Geist –, die später von Wilhelm Wundt methodisch verfeinert wurde, hat hier ihre philosophischen Wurzeln. Descartes machte das Denken zum Dreh- und Angelpunkt der menschlichen Identität, was einerseits die individuelle Freiheit betonte, andererseits aber eine tiefe Kluft zwischen Mensch und Natur riss.


Das Erbe: Descartes’ Irrtum und die kognitive Wende


Trotz der massiven Kritik, die Descartes über die Jahrhunderte einstecken musste, ist sein Einfluss ungebrochen. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio prägte den Begriff „Descartes’ Irrtum“, um darauf hinzuweisen, dass Geist und Körper eben nicht getrennt funktionieren können, sondern dass Emotionen und körperliche Zustände für vernünftige Entscheidungen essenziell sind. Wir wissen heute, dass psychische Prozesse physische Grundlagen haben und umgekehrt – Psychosomatik ist das Stichwort.


Dennoch begegnet uns Descartes’ Erbe in der modernen Psychologie an jeder Ecke. Wenn wir heute von „Informationsverarbeitung“ im Gehirn sprechen, nutzen wir eine moderne Version seiner mechanistischen Analogie. Die Computer-Metapher des Geistes, die die Kognitive Wende im 20. Jahrhundert einleitete, ist im Grunde ein kartesianisches Erbe: der Geist als Software, der Körper als Hardware. Auch wenn wir den strikten Dualismus heute weitgehend abgelegt haben, bleibt die Frage, wie aus Materie Bewusstsein entsteht (das „harte Problem des Bewusstseins“), das vielleicht größte ungelöste Rätsel der Wissenschaft. René Descartes hat uns nicht die endgültigen Antworten geliefert, aber er hat die Fragen so präzise formuliert, dass wir uns heute noch an ihnen abarbeiten.

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