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Bandura, Albert

Vom Weizenfeld zum Gipfel der Psychologie


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem kleinen Kino und sehen einen Film, in dem jemand eine lebensgroße, aufblasbare Stehaufmännchen-Puppe – eine sogenannte „Bobo Doll“ – nach allen Regeln der Kunst vermöbelt. Sie sehen zu, wie die Person die Puppe schlägt, beschimpft und mit einem Hammer traktiert. Was glauben Sie: Würden Sie dieses Verhalten einfach so übernehmen? Lange Zeit dachte die Psychologie, dass wir nur das lernen, was wir selbst am eigenen Leib erfahren und was uns belohnt oder bestraft wird. Doch dann kam Albert Bandura. Er zeigte uns, dass der Mensch weit mehr ist als eine Marionette von Belohnung und Bestrafung. Er ist ein Beobachter, ein Nachahmer und vor allem: ein Gestalter seines eigenen Schicksals.


Albert Bandura, geboren 1925 in einem winzigen Dorf in Alberta, Kanada, war ein Kind der Weite und der Eigeninitiative. In seiner kleinen Schule gab es kaum Lehrer und noch weniger Material; die Schüler mussten sich den Stoff oft selbst beibringen. Vielleicht war es genau diese frühe Erfahrung, die ihn lehrte, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu steuern. Nach seinem Studium in den USA landete er schließlich an der Stanford University, wo er über sechs Jahrzehnte lang forschte und zu einem der einflussreichsten Psychologen aller Zeiten wurde – oft in einem Atemzug mit Freud, Skinner und Piaget genannt. Bandura war der Mann, der die Brücke schlug zwischen dem harten Behaviorismus (der nur das messbare Verhalten sah) und der kognitiven Psychologie (die sich für die Blackbox in unserem Kopf interessiert).


Das Bobo-Doll-Experiment: Revolution im Kinderzimmer


Anfang der 1960er Jahre erschütterte Bandura die Fachwelt mit einer Versuchsreihe, die heute als Klassiker in die Geschichte eingegangen ist: dem Bobo-Doll-Experiment. Er ließ Kinder beobachten, wie Erwachsene aggressiv mit einer Plastikpuppe umgingen. Das Ergebnis war verblüffend und für damalige Verhältnisse besorgniserregend: Die Kinder, die das aggressive Vorbild gesehen hatten, imitierten das Verhalten fast eins zu eins – und zwar ohne, dass sie selbst jemals für dieses Verhalten belohnt worden wären. Sie lernten allein durch das Zuschauen.


Damit begründete Bandura die Theorie des sozialen Lernens (später die Sozialkognitive Lerntheorie). Er bewies, dass wir „Modelle“ brauchen, um zu lernen. Das können Eltern sein, Lehrer, aber eben auch Charaktere in Filmen oder Videospielen. Bandura machte deutlich, dass Lernen ein kognitiver Prozess ist, der in einem sozialen Kontext stattfindet. Wir beobachten nicht nur, wir bewerten auch: Was passiert dem Vorbild? Wird es für sein Verhalten belohnt oder bestraft? Diese „stellvertretende Verstärkung“ entscheidet darüber, ob wir das Gesehene später selbst ausführen oder nicht. In einer Zeit, in der das Fernsehen gerade erst seinen Siegeszug in die Wohnzimmer antrat, waren Banduras Erkenntnisse über die Wirkung von Mediengewalt eine Sensation und ein Weckruf zugleich.


Die kognitive Wende: Der Mensch als Regisseur


Bandura gab sich jedoch nicht damit zufrieden, uns nur als Nachahmer zu beschreiben. Er entwickelte das Konzept des „triadischen reziproken Determinismus“. Das klingt kompliziert, ist aber im Grunde ein geniales Modell dafür, wie wir funktionieren. Er sagte: Unser Verhalten, unsere inneren Überzeugungen (Person) und unsere Umwelt beeinflussen sich ständig gegenseitig. Wir sind nicht nur Opfer unserer Umstände, sondern wir erschaffen unsere Umstände mit. Wenn ich glaube, dass ich gut in Mathe bin (Überzeugung), werde ich mich mehr anstrengen (Verhalten) und dadurch vielleicht ein Lob vom Lehrer bekommen (Umwelt), was wiederum meine Überzeugung stärkt.


Damit holte Bandura den Geist zurück in die Psychologie. Er betonte, dass Menschen die Fähigkeit zur Selbstregulation besitzen. Wir setzen uns Ziele, wir beobachten unser eigenes Verhalten und wir bewerten uns selbst. Wenn wir ein Ziel erreichen, empfinden wir Stolz – eine innere Belohnung, die viel mächtiger sein kann als jedes äußere Lob. Bandura verwandelte das Bild des Menschen von einem passiven Reiz-Reaktions-Wesen in einen proaktiven Akteur, der über Symbole nachdenken und die Zukunft planen kann.


Die Macht der Selbstwirksamkeit: „Ich schaffe das“


Wenn man nach dem wichtigsten Vermächtnis von Albert Bandura fragt, dann ist es zweifellos das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung (Self-Efficacy). Es ist der Glaube an die eigene Fähigkeit, Handlungen so zu organisieren und auszuführen, dass ein gewünschtes Ziel erreicht wird. Es ist der Unterschied zwischen „Ich wünschte, ich könnte“ und „Ich weiß, dass ich es kann, wenn ich mich anstrenge“.


Bandura fand heraus, dass dieser Glaube an sich selbst fast alle Bereiche unseres Lebens steuert: wie wir denken, wie wir uns fühlen und wie wir handeln. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit sehen schwierige Aufgaben als Herausforderungen, die es zu meistern gilt, statt als Bedrohungen, denen man ausweichen muss. Sie erholen sich schneller von Rückschlägen und sind weniger anfällig für Stress und Depressionen.


Woher kommt dieses Vertrauen? Bandura nannte vier Quellen: Erfolgserlebnisse (die wichtigste Quelle: „Ich habe es schon einmal geschafft“), stellvertretende Erfahrungen („Wenn die das schafft, schaffe ich das auch“), verbale Überzeugungen („Du packst das!“) und die Interpretation unserer körperlichen Signale (ist das Herzklopfen vor der Prüfung Angst oder freudige Erregung?). Dieses Konzept hat die Psychotherapie, den Sport, die Wirtschaft und die Pädagogik grundlegend verändert. Es ist der psychologische Treibstoff für Resilienz und persönliches Wachstum.


Moralische Aussetzer und gesellschaftliche Verantwortung


In seinen späteren Jahren widmete sich Bandura einer dunkleren Seite der menschlichen Psyche: dem „Moral Disengagement“ (moralische Entkopplung). Er wollte verstehen, wie es möglich ist, dass anständige Menschen grausame Dinge tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Er beschrieb Mechanismen, mit denen wir unsere moralischen Selbstsanktionen ausschalten – etwa durch Euphemismen (man nennt einen Angriff „chirurgischen Eingriff“), durch die Abwälzung von Verantwortung auf Vorgesetzte oder durch die Dehumanisierung der Opfer.


Seine Forschung war hier zutiefst politisch und aktuell. Er untersuchte, wie Industrien (wie die Tabakindustrie) oder politische Systeme diese psychologischen Tricks nutzen, um schädliches Verhalten zu rechtfertigen. Bandura sah die Psychologie immer auch als ein Werkzeug zur Verbesserung der Gesellschaft. Er war überzeugt, dass wir durch das Verständnis dieser Mechanismen widerstandsfähiger gegen Manipulation werden können.


Ein unsterbliches Erbe: Der optimistische Realist


Albert Bandura verstarb im Jahr 2021 im Alter von 95 Jahren. Bis zuletzt war er geistig aktiv und interessiert an den Entwicklungen der digitalen Welt. Er hinterlässt ein Werk, das uns Mut macht. Seine Theorien sind nicht trocken oder abstrakt; sie sind eine Einladung zur Selbstermächtigung. Er hat uns gezeigt, dass wir nicht Gefangene unserer Gene oder unserer Kindheit sind. Durch Beobachtung, Reflexion und den Aufbau von Selbstwirksamkeit können wir uns verändern und die Welt um uns herum mitgestalten.


Für Studierende bleibt er der Meister der klaren Strukturen und der empirischen Belege. Für Laien ist er der Mann, der uns erklärte, warum Vorbilder so wichtig sind und warum der Glaube an uns selbst der Schlüssel zum Erfolg ist. Bandura war ein optimistischer Realist: Er kannte die Abgründe menschlichen Verhaltens, aber er vertraute fest auf die menschliche Plastizität – die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen. Wenn Sie das nächste Mal vor einer großen Herausforderung stehen und tief durchatmen, um sich zu sagen: „Ich kriege das hin“, dann ist das ein kleiner Gruß von Albert Bandura.

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