Feldman Barrett, Lisa
Die Frau, die unsere Gefühle neu erfunden hat
Haben Sie schon einmal gehört, dass man Emotionen wie Wut, Trauer oder Freude an ganz bestimmten Gesichtsausdrücken ablesen kann? Dass es in unserem Gehirn ein „Angstzentrum“ namens Amygdala gibt, das wie ein Alarmknopf funktioniert? Oder dass wir ein uraltes „Echsenhirn“ besitzen, das unsere vernünftigen Gedanken manchmal mit wilden Emotionen überrennt? Falls ja, dann sind Sie in guter Gesellschaft – fast jedes Lehrbuch der Psychologie und zahllose Hollywood-Filme erzählen uns diese Geschichte. Doch wenn es nach Lisa Feldman Barrett geht, ist das meiste davon schlichtweg falsch.
Lisa Feldman Barrett, Professorin für Psychologie an der Northeastern University und Forscherin am Massachusetts General Hospital der Harvard Medical School, hat in den letzten drei Jahrzehnten nichts Geringeres getan, als unser Verständnis davon, was es bedeutet, ein fühlendes Wesen zu sein, auf den Kopf zu stellen. In ihrem Weltbild sind Emotionen keine Reflexe, die uns einfach „passieren“. Sie sind keine biologischen Erbstücke aus der Steinzeit, die tief in uns verborgen liegen und darauf warten, ausgelöst zu werden. Stattdessen sind Gefühle Konstruktionen unseres Gehirns – hochkomplexe Vorhersagen, die unser Verstand in jedem Augenblick neu erschafft, um uns am Leben zu erhalten.
Vom Fingerabdruck-Mythos zur Revolution
Barretts wissenschaftliche Reise begann mit einem Scheitern. Als junge Forscherin versuchte sie, die klassische Theorie der Emotionen experimentell zu belegen. Diese Theorie besagt, dass jede Emotion einen biologischen „Fingerabdruck“ hat: ein spezifisches Muster an Gesichtsbewegungen, eine bestimmte Veränderung der Herzrate oder eine eindeutige Aktivierung in einem Hirnareal. Doch egal, wie präzise sie maß, sie fand diese Fingerabdrücke nicht. Bei einer Person stieg der Blutdruck bei Wut, bei einer anderen sank er. Mal war die Amygdala bei Angst aktiv, mal herrschte dort Stille.
Anstatt dieses Rauschen in den Daten als Fehler abzutun, stellte Barrett die radikale Frage: Was, wenn die Variabilität selbst die Antwort ist? Sie begann, die jahrzehntealten Studien der Emotionsforschung (etwa von Paul Ekman) kritisch zu hinterlegen und stellte fest, dass die vermeintlich „universellen“ Gesichtsausdrücke oft nur in westlichen Kulturen funktionieren oder nur dann erkannt werden, wenn man den Probanden die Antwortmöglichkeiten bereits vorgibt. Diese Erkenntnis führte sie zu ihrer „Theorie der konstruierten Emotion“ (Theory of Constructed Emotion). Sie erkannte, dass das Gehirn nicht passiv auf die Welt reagiert, sondern sie aktiv erschafft.
Das Gehirn als Wahrsager: Die Theorie der konstruierten Emotion
Um Barretts Theorie zu verstehen, müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass unsere Sinne wie Videokameras funktionieren, die die Realität aufzeichnen. Für Barrett ist das Gehirn eine „Vorhersagemaschine“. Es sitzt in einer dunklen, stillen Knochenkapsel (unserem Schädel) und erhält von den Sinnen nur unvollständige, verrauschte Daten – Blitze von Licht, Druckwellen in der Luft, chemische Moleküle. Um diesen Daten Sinn zu verleihen, nutzt das Gehirn seine einzige Ressource: Erfahrung.
In jedem Moment fragt Ihr Gehirn: „Was ist das in meiner Vergangenheit Erlebte, das diesen jetzigen Sinnesdaten am ähnlichsten ist?“ Wenn Sie im Wald einen langen, dünnen Gegenstand auf dem Boden sehen, wartet Ihr Gehirn nicht, bis Sie ihn genau identifiziert haben. Es simuliert basierend auf Erfahrungen die Wahrscheinlichkeit „Schlange“ und versetzt Ihren Körper in Alarmbereitschaft. Erst kurz darauf korrigiert es die Wahrnehmung vielleicht zu „Ast“. Dieser Prozess der Simulation und Vorhersage ist die Basis für alles, was wir erleben – auch für unsere Gefühle.
Emotionen sind laut Barrett nichts anderes als Konzepte, die das Gehirn nutzt, um körperliche Empfindungen zu erklären. Wenn Ihr Herz rast und Ihre Handflächen schwitzen, während Sie auf eine Bühne gehen, konstruiert Ihr Gehirn daraus vielleicht das Konzept „Lampenfieber“. Wenn die exakt gleichen körperlichen Signale auftreten, während Sie Ihren geliebten Partner nach langer Zeit wiedersehen, konstruiert das Gehirn daraus „Vorfreude“. Die körperliche Basis ist identisch – die Emotion entsteht erst durch die Interpretation des Kontexts und die Vorhersage des Gehirns.
Body Budgeting: Warum Stress eigentlich eine Rechenaufgabe ist
Ein zentraler Pfeiler in Barretts Theorie ist die sogenannte „Allostase“, ein Konzept, das sie oft anschaulich als „Body Budgeting“ (Körper-Budgetierung) bezeichnet. Ihr Gehirn hat eine Hauptaufgabe: Es muss die Ressourcen Ihres Körpers – Glukose, Wasser, Salz, Sauerstoff – so effizient wie möglich verwalten. Es führt ein ständiges Buch über Ihre Ausgaben und Einnahmen.
Wenn Sie zu wenig schlafen, sich schlecht ernähren oder ständigem sozialen Stress ausgesetzt sind, gerät Ihr Körper-Budget ins Defizit. In diesem Zustand der „Pleite“ senden Ihre inneren Organe Signale an das Gehirn, die Barrett als „Affekt“ bezeichnet. Ein Affekt ist noch keine Emotion; es ist ein grundlegendes Gefühl von angenehm/unangenehm oder aktiviert/deaktiviert. Wenn Ihr Körper-Budget chronisch im Minus ist, fühlen Sie sich dauerhaft unwohl oder erschöpft. Das Gehirn nutzt dann oft emotionale Konzepte wie „Depression“ oder „Angst“, um diesen schlechten Kontostand zu erklären. Barrett zeigt damit auf, wie eng unsere mentale Gesundheit mit der biologischen Regulation unseres Körpers verknüpft ist. Ein emotionales Problem ist oft, zumindest teilweise, ein Budget-Problem unseres Organismus.
Emotionale Granularität: Warum Worte unsere Biologie verändern
Wenn Gefühle Konstruktionen aus Konzepten sind, dann folgt daraus eine faszinierende Konsequenz: Je mehr Konzepte wir kennen, desto präziser kann unser Gehirn unsere Erfahrungen gestalten. Barrett nennt dies „emotionale Granularität“.
Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich einfach nur „schlecht“. Das ist eine sehr grobe Auflösung. Wenn Sie aber unterscheiden können, ob Sie sich „frustriert“, „einsam“, „überwältigt“, „melancholisch“ oder vielleicht einfach nur „hungrig“ fühlen, kann Ihr Gehirn viel spezifischer reagieren. Wer über eine hohe emotionale Granularität verfügt, kann seine Reaktionen besser steuern und ist nachweislich resilienter gegenüber Stress. Denn ein Gehirn, das viele verschiedene „Vokabeln“ für Gefühle hat, kann präzisere Vorhersagen treffen und das Körper-Budget effizienter verwalten. In Barretts Welt ist das Erlernen neuer Wörter für Gefühle also keine bloße Sprachübung, sondern echtes Gehirntraining, das unsere biologische Realität verändert.
Ein neues Menschenbild für das 21. Jahrhundert
Die Tragweite von Lisa Feldman Barretts Arbeit reicht weit über die psychologische Forschung hinaus. Sie stellt fundamentale Annahmen unseres Rechtssystems, der Medizin und sogar der künstlichen Intelligenz infrage. Wenn Gesichtsausdrücke keine universellen Indikatoren für Schuld oder Unschuld sind, wie können Jurys dann über die Reue eines Angeklagten urteilen? Wenn KI-Systeme darauf programmiert werden, Emotionen an Gesichtern zu „erkennen“, basieren sie vielleicht auf einer wissenschaftlichen Mythenbildung.
Barretts Botschaft ist eine der Selbstermächtigung, aber auch der Verantwortung. Wir sind nicht länger Sklaven unserer Impulse oder Opfer unserer „biologischen Schaltkreise“. Da unser Gehirn heute die Vorhersagen für morgen auf Basis unserer aktuellen Erfahrungen trifft, haben wir einen gewissen Einfluss darauf, wie wir in Zukunft fühlen werden. Wir können neue Konzepte lernen, wir können unser Körper-Budget besser pflegen und wir können die sozialen Realitäten, in denen wir leben, kritisch hinterfragen.
Lisa Feldman Barrett hat uns gezeigt, dass wir keine passiven Empfänger der Realität sind, sondern ihre Architekten. Ihr Werk lädt uns dazu ein, die Komplexität unseres Inneren nicht als festgeschriebenes Schicksal zu betrachten, sondern als einen fortlaufenden, kreativen Prozess. Wir sind die Konstrukteure unserer eigenen Welt – ein Gedanke, der ebenso herausfordernd wie befreiend ist.



