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Dweck, Carol

Vom Geheimnis des Scheiterns und der Lust am Lernen


Zwei Kinder stehen vor derselben kniffligen Matheaufgabe. Beide scheitern beim ersten Versuch. Das eine Kind wirft frustriert den Stift hin und sagt: „Ich kann das einfach nicht, ich bin zu dumm dafür.“ Das andere Kind runzelt die Stirn, beißt sich auf die Lippen und murmelt: „Hm, das war schwierig. Aber wenn ich es anders versuche, kriege ich es vielleicht hin.“


Warum reagieren wir so unterschiedlich auf Rückschläge? Ist es Talent? Charakter? Oder einfach nur Glück? Die Psychologin Carol Dweck hat ihr gesamtes wissenschaftliches Leben der Frage gewidmet, was Menschen dazu bringt, über sich hinauszuwachsen oder vor Herausforderungen zu kapitulieren. Sie entdeckte dabei etwas Erstaunliches: Es ist nicht die Intelligenz an sich, die über Erfolg entscheidet, sondern die Überzeugung, die wir über unsere Intelligenz haben. Dweck hat uns gelehrt, dass unser Selbstbild wie eine unsichtbare Linse funktioniert, durch die wir die gesamte Welt betrachten – und dass wir diese Linse selbst polieren können.


Die Entdeckung der zwei Welten: Fixed vs. Growth Mindset


Geboren 1946, begann Carol Dwecks Weg in der akademischen Welt von New York, wo sie am Barnard College und später in Yale promovierte. Doch der eigentliche Funke für ihre bahnbrechende Forschung zündete, als sie beobachtete, wie unterschiedlich Grundschüler mit unlösbaren Aufgaben umgingen. Während die meisten Psychologen jener Zeit sich darauf konzentrierten, wie schlau Kinder waren (den IQ), interessierte sich Dweck dafür, wie sie mit dem Nicht-Wissen umgingen.


Sie entwickelte daraus ihre berühmte Theorie der zwei Mindsets (Denkweisen). Auf der einen Seite steht das Fixed Mindset (das statische Selbstbild). Menschen in diesem Modus glauben, dass ihre Talente und ihre Intelligenz gottgegebene, unveränderliche Steinmetz-Arbeiten sind. Man hat sie oder man hat sie nicht. Ein Fehler ist für sie deshalb eine Katastrophe, weil er direkt ihr gesamtes Sein infrage stellt: „Wenn ich scheitere, bin ich nicht talentiert.“


Auf der anderen Seite steht das Growth Mindset (das dynamische Selbstbild). Hier ist die Intelligenz kein Steinblock, sondern ein Muskel, den man trainieren kann. Herausforderungen werden nicht als Bedrohung der eigenen Identität gesehen, sondern als Chance, die eigenen Synapsen ein wenig mehr zum Glühen zu bringen. Für Dweck war diese Erkenntnis revolutionär: Erfolg ist kein Zustand, sondern ein Prozess.


Ein Experiment, das die Erziehung veränderte


Eines der berühmtesten Experimente von Carol Dweck – oft zitiert und heute Standardwissen in der Lehrerausbildung – ist die Studie mit Fünftklässlern aus den späten 1990er Jahren. Dweck und ihr Team ließen die Kinder eine Reihe von Aufgaben lösen. Nach dem ersten Erfolg erhielt eine Gruppe ein Lob für ihre Intelligenz („Du musst ja richtig schlau sein!“), während die andere Gruppe für ihren Prozess gelobt wurde („Du hast dich wirklich angestrengt!“).


Die Ergebnisse waren dramatisch. Als die Aufgaben schwieriger wurden, gaben die „schlau“ gelobten Kinder schneller auf. Sie hatten Angst, ihren Status als „Wunderkind“ zu verlieren, wenn sie Fehler machten. Die Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt worden waren, blieben dagegen hartnäckig, hatten mehr Spaß und verbesserten ihre Leistung am Ende sogar deutlich.


Dweck bewies damit: Falsches Lob kann schaden. Wenn wir Kinder (oder Mitarbeiter) ständig für ihr feststehendes Talent preisen, züchten wir ihnen paradoxerweise eine Angst vor dem Lernen an. Wir bauen ihnen ein goldenes Podest, von dem sie sich nicht mehr heruntertrauen, aus Angst, beim nächsten Schritt zu stolpern.


Das Gehirn als Muskel: Die Brücke zur Neuroplastizität


Carol Dweck war eine der ersten, die psychologische Motivationstheorien konsequent mit der Biologie des Gehirns verknüpfte. Sie nutzte die Erkenntnisse der Neuroplastizität – die Fähigkeit unseres Gehirns, sich durch Erfahrung physisch zu verändern –, um ihre Theorie zu untermauern. Wenn wir etwas Neues lernen, bilden unsere Neuronen neue Verbindungen. Je mehr wir üben, desto dicker wird die „Isolierschicht“ (Myelin) um diese Nervenbahnen, und desto schneller fließen die Signale.


Dweck ging in Schulen und erklärte Kindern genau das: „Dein Gehirn wird schlauer, wenn du schwierige Dinge tust.“ Diese Information allein reichte oft aus, um die Motivation von Schülern zu steigern, die sich bereits als „hoffnungslose Fälle“ aufgegeben hatten. Plötzlich war das Gehirn kein geschlossener Kasten mehr, sondern ein Garten, den man bewässern konnte. Dieser Ansatz gab Millionen von Menschen die Handlungsfähigkeit zurück: Wir sind nicht das Produkt unserer Gene, sondern das Ergebnis unserer Anstrengungen und Strategien.


Die Falle des „falschen Growth Mindset“ und die Kritik


Wie jede große Theorie blieb auch Dwecks Werk nicht ohne Gegenwind. In den letzten Jahren geriet die Mindset-Forschung in den Sog der sogenannten Replikationskrise der Psychologie. Kritiker merkten an, dass die Effekte von Mindset-Interventionen in unabhängigen Studien oft kleiner ausfielen, als Dwecks ursprüngliche Arbeiten vermuten ließen. Manche warfen ihr vor, strukturelle Probleme – wie Armut oder schlechte Schulsysteme – zu ignorieren, indem sie die Verantwortung allein auf das Denken des Individuums schob.


Dweck reagierte auf diese Kritik gewohnt reflektiert und prägte den Begriff des „False Growth Mindset“. Sie stellte fest, dass viele Lehrer und Eltern ihre Theorie missverstanden hatten. Sie glaubten, ein Growth Mindset bedeute einfach nur, Kinder für „bloße Anstrengung“ zu loben, selbst wenn diese völlig ineffektiv war. „Du hast es versucht, und das ist das Wichtigste“, wurde zum Trostpreis für ausbleibenden Lernerfolg.


Dweck stellte klar: Ein echtes Growth Mindset geht nicht um blindes Bemühen. Es geht um die Suche nach neuen Strategien, um das Einholen von Feedback und um den Fokus auf den tatsächlichen Lernzuwachs. Es reicht nicht, fest an sich zu glauben; man muss auch wissen, wie man die nächste Sprosse der Leiter erreicht.


Ein Erbe zwischen Stanford und Silicon Valley


Heute ist Carol Dweck Professorin an der Stanford University und ihre Wirkung ist fast überall spürbar. Von den Umkleidekabinen der Profiligen bis hin zu den Vorstandsetagen im Silicon Valley – überall hängen Plakate mit ihren Weisheiten. Microsoft-Chef Satya Nadella führt den Turnaround seines Unternehmens maßgeblich auf die Einführung einer Growth-Mindset-Kultur zurück: weg von der Kultur der „Besserwisser“ (Know-it-alls), hin zu einer Kultur der „Alles-Lernen-Woller“ (Learn-it-alls).


Ihr Buch „Selbstbild“ (Original: Mindset) hat die Art und Weise, wie wir über Bildung, Führung und persönliche Entwicklung denken, nachhaltig verändert. Dweck hat uns ein mächtiges Werkzeug an die Hand gegeben: Das Wort „Noch“. Wenn wir sagen „Ich kann das nicht“, setzen wir einen Punkt. Wenn wir sagen „Ich kann das noch nicht“, öffnen wir eine Tür. Es ist dieser kleine, aber feine Unterschied, der aus einem frustrierten Scheitern eine spannende Entdeckungsreise macht. Carol Dweck hat uns gezeigt, dass die wichtigste Grenze in unserem Leben meistens die ist, die wir in unserem eigenen Kopf ziehen.

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