Ebbinghaus, Hermann
Der Pionier, der das Vergessen vermessbar machte
Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine Liste von Wörtern auswendig lernen. Vielleicht Vokabeln, vielleicht eine Einkaufsliste. Sie lesen sie einmal, zweimal, dreimal. Dann legen Sie das Blatt weg. Zehn Minuten später wissen Sie noch fast alles. Nach einer Stunde fehlen die ersten Details. Am nächsten Morgen ist die Liste wie weggeblasen, bis auf ein paar klägliche Reste. Wir alle kennen dieses Phänomen, wir alle leiden darunter, und wir alle nehmen es meist als gottgegebenes Schicksal hin. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es einen Mann, dem das bloße Erleben nicht reichte. Er wollte wissen: Wie schnell genau vergessen wir? Nach welchem mathematischen Gesetz schwindet die Information aus unserem Geist? Und lässt sich das menschliche Gedächtnis, dieser flüchtige, subjektive Apparat, überhaupt mit der Präzision einer Naturwissenschaft vermessen?
Dieser Mann war Hermann Ebbinghaus. Zu einer Zeit, als die Psychologie noch in den Kinderschuhen steckte und eher als ein Anhängsel der Philosophie galt, wagte er einen radikalen Schritt. Während Koryphäen wie Wilhelm Wundt, der Begründer des ersten psychologischen Labors, noch davon überzeugt waren, dass „höhere geistige Prozesse“ wie das Gedächtnis experimentell gar nicht fassbar seien, trat Ebbinghaus den Gegenbeweis an. Er tat dies nicht in einem prunkvollen Institut, sondern im stillen Kämmerlein, mit einer fast schon obsessiven Disziplin und einer bahnbrechenden methodischen Idee. Er verwandelte sich selbst in das Versuchskaninchen einer jahrelangen Studie, die das Fundament für die moderne Lern- und Gedächtnispsychologie legen sollte.
Ein philologischer Geist entdeckt die Psychophysik
Geboren wurde Hermann Ebbinghaus im Jahr 1850 in Barmen, im heutigen Wuppertal, als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Sein akademischer Weg deutete zunächst keineswegs auf eine Revolution der Naturwissenschaften hin. Er studierte Geschichte, Philologie und Philosophie in Bonn, Halle und Berlin. Ebbinghaus war ein klassischer Geisteswissenschaftler, der sich mit alten Sprachen und philosophischen Systemen beschäftigte. Doch ein Zufallsfund in einem Pariser Antiquariat sollte sein Leben und die Wissenschaftsgeschichte verändern.
Es heißt, er sei dort auf das Werk „Elemente der Psychophysik“ von Gustav Theodor Fechner gestoßen. Fechner hatte darin beschrieben, wie man mathematische Zusammenhänge zwischen körperlichen Reizen (wie Gewicht oder Lichthelligkeit) und der psychischen Empfindung herstellen kann. Ebbinghaus war fasziniert. Wenn man Empfindungen messen konnte, warum dann nicht auch die Zeit, die ein Gedanke im Kopf bleibt? Warum nicht das Lernen quantifizieren? Diese Inspiration traf auf einen Geist, der von einer tiefen Skepsis gegenüber bloßer Introspektion und philosophischer Spekulation geprägt war. Ebbinghaus wollte harte Daten. Da er jedoch weder ein Labor noch Studenten zur Verfügung hatte, begann er das wohl berühmteste Selbstexperiment der Psychologiegeschichte.
Die Erfindung der Sinnlosigkeit: Das CVC-Experiment
Um das Gedächtnis objektiv zu messen, stand Ebbinghaus vor einem gewaltigen Problem: Unser Gehirn ist eine Assoziationsmaschine. Wenn ich versuche, mir ein Gedicht von Goethe zu merken, spielt mein Vorwissen eine Rolle. Ich verstehe den Sinn, ich kenne die Wörter, ich habe Gefühle dazu. Das verfälscht die Messung der reinen Gedächtnisleistung. Ebbinghaus suchte nach dem „Nullpunkt“ des Lernens, nach Material, das für das Gehirn vollkommen neu und bedeutungslos war.
Seine Lösung war so simpel wie genial: Er erfand die „sinnlosen Silben“, heute oft als CVC-Trigramme (Consonant-Vowel-Consonant) bezeichnet. Er kombinierte zwei Konsonanten mit einem Vokal in der Mitte zu Konstrukten wie „DAX“, „BOK“ oder „YAT“. Insgesamt erstellte er einen Pool von etwa 2.300 solcher Silben. Über Jahre hinweg lernte er Listen dieser Silben auswendig. Er las sie im Takt eines Metronoms vor, um jede Silbe genau gleich lang zu betrachten, und prüfte sich selbst. Sobald er eine Liste zweimal fehlerfrei aufsagen konnte, galt sie als gelernt. Dann wartete er – mal Minuten, mal Stunden, mal Tage – und maß, wie lange er brauchte, um die Liste erneut perfekt zu lernen.
Hier kam seine entscheidende Maßeinheit ins Spiel: die Ersparnismethode. Wenn er beim ersten Mal 1.000 Sekunden brauchte, um eine Liste zu lernen, und nach zwei Tagen nur noch 600 Sekunden benötigte, um sie wieder „aufzufrischen“, betrug die Ersparnis 40 Prozent. Diese 40 Prozent waren der mathematische Beweis dafür, dass das Gedächtnis noch etwas bewahrt hatte, auch wenn er glaubte, alles vergessen zu haben. Ebbinghaus hatte das Unbewusste messbar gemacht, lange bevor Sigmund Freud die Bühne betrat – nur eben auf eine ganz andere, datengetriebene Weise.
Die Kurven des Geistes: Vergessen und Behalten
Die Ergebnisse seiner jahrelangen Selbstversuche veröffentlichte er 1885 in seiner Monographie „Über das Gedächtnis“. Es ist eines der seltenen Werke der Wissenschaft, die fast unmittelbar zum Klassiker wurden. Die darin beschriebene Vergessenskurve ist heute in jedem Psychologie-Lehrbuch der Welt zu finden. Ebbinghaus stellte fest, dass das Vergessen unmittelbar nach dem Lernen dramatisch schnell einsetzt. Bereits nach zwanzig Minuten ist fast die Hälfte des Stoffes weg, nach einem Tag sind es etwa zwei Drittel. Doch dann geschieht etwas Interessantes: Die Kurve flacht ab. Was nach zwei Tagen noch da ist, bleibt oft über Wochen oder sogar Monate stabil. Das Vergessen folgt einer logarithmischen Funktion – es ist ein steiler Absturz mit einem langen, flachen Auslauf.
Doch Ebbinghaus entdeckte noch mehr. Er fand heraus, dass die Länge einer Liste den Lernaufwand nicht linear, sondern überproportional steigert. Eine Liste mit sieben Silben konnte er meist nach einmaligem Lesen (die magische Zahl Sieben der Kurzzeitgedächtniskapazität lässt grüßen), für zwölf Silben brauchte er bereits überproportional viele Wiederholungen.
Besonders relevant für uns alle ist jedoch seine Entdeckung des „Spacing Effects“ (Verteilungseffekt). Ebbinghaus bewies statistisch, dass es weitaus effizienter ist, die Lernzeit aufzuteilen, als alles auf einmal zu pauken. Wer zehn Stunden lang am Stück lernt, behält deutlich weniger als jemand, der zehn Tage lang jeweils eine Stunde lernt. Diese Erkenntnis ist die wissenschaftliche Basis für fast alle modernen Lern-Apps und pädagogischen Konzepte. Ebbinghaus zeigte uns, dass das Gehirn Zeit braucht, um Informationen zu festigen, und dass Pausen kein Luxus sind, sondern eine biologische Notwendigkeit für das Gedächtnis.
Ein Brückenbauer zwischen den Disziplinen
Obwohl Ebbinghaus durch seine Gedächtnisstudien unsterblich wurde, war sein Wirken breiter gefächert. Er war kein Mann, der sich in einem Elfenbeinturm einschloss. Nach seiner Habilitation in Berlin und Professuren in Breslau und Halle engagierte er sich stark für die Institutionalisierung der Psychologie. Zusammen mit Arthur König gründete er die „Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane“. Dies war ein klares Statement: Er wollte die Psychologie weg von der Philosophie und hin zur Physiologie und den Naturwissenschaften rücken.
Ebbinghaus war auch ein Praktiker. Als die Stadt Breslau ihn bat, ein Verfahren zu entwickeln, um die Ermüdung von Schulkindern während des Unterrichts zu messen, erfand er den sogenannten „Lückentest“ (Kombinationsmethode). Die Kinder mussten Texte ergänzen, in denen Wörter oder Silben fehlten. Was als Test für Ermüdung begann, stellte sich als hervorragendes Maß für die intellektuelle Kombinationsfähigkeit heraus. Dieser Test gilt heute als einer der Vorläufer moderner Intelligenztests. Er erkannte, dass Intelligenz nicht nur aus isolierten Sinnenleistungen besteht, sondern aus der Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und Lücken im Wissen durch Logik und Kontext zu füllen.
Die menschliche Seite der harten Daten
Was Ebbinghaus in der Retrospektive so sympathisch macht, ist sein Schreibstil und seine Bescheidenheit. In einer Ära, in der deutsche Professoren oft zu einem schwerfälligen, autoritären Stil neigten, schrieb Ebbinghaus klar, präzise und fast schon unterhaltsam. Sein Lehrbuch „Grundzüge der Psychologie“, das er kurz vor seinem Tod im Jahr 1909 (er starb überraschend an einer Lungenentzündung) veröffentlichte, war ein Bestseller. Er hatte die Gabe, komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie sowohl für Fachkollegen als auch für interessierte Laien zugänglich waren – ein früher Vorreiter der Wissenschaftskommunikation.
In diesem Werk findet sich auch sein wohl berühmtester Satz: „Die Psychologie hat eine lange Vergangenheit, doch nur eine kurze Geschichte.“ Damit meinte er, dass sich die Menschheit zwar schon seit Jahrtausenden Gedanken über die Seele macht (die lange Vergangenheit), aber erst seit kurzem begonnen hat, diese Fragen mit den Methoden der Wissenschaft zu untersuchen (die kurze Geschichte). Ebbinghaus sah sich selbst als Teil dieses jungen, aufregenden Aufbruchs.
Kritik und bleibende Relevanz
Natürlich blieb Ebbinghaus nicht ohne Kritik. Spätere Generationen von Psychologen, insbesondere die Gestaltpsychologen oder Vertreter der kognitiven Psychologie wie Frederic Bartlett, kritisierten seinen Ansatz scharf. Ihr Argument: Das Lernen von sinnlosen Silben im Labor habe nichts mit dem echten Leben zu tun. Im Alltag lernen wir Dinge, weil sie wichtig sind, weil sie eine Geschichte erzählen oder weil sie uns emotional berühren. Ebbinghaus habe das Gedächtnis „sterilisiert“, indem er den Sinngehalt entfernte.
Doch diese Kritik übersieht oft den Zweck seines Vorgehens. Ebbinghaus wollte nicht das „Erzählen von Geschichten“ untersuchen, sondern die biologische Hardware unseres Erinnerungsvermögens. Er wollte die Basisfunktionen isolieren, so wie ein Chemiker ein Element reinigt, um seine Eigenschaften zu bestimmen. Und tatsächlich: Die Grundgesetze, die er mit seinen „künstlichen“ Silben fand, haben sich in Tausenden von Studien mit „echtem“ Material immer wieder bestätigt. Ob wir Vokabeln lernen, uns an Gesichter erinnern oder Klavierspielen üben – die Vergessenskurve und der Spacing-Effekt sind universelle Konstanten unseres Nervensystems.
Was bleibt von Hermann Ebbinghaus?
Hermann Ebbinghaus war mehr als nur der Mann mit den Silbenlisten. Er war ein Visionär, der bewies, dass der menschliche Geist kein mystisches, unantastbares Gebilde ist, sondern ein System, das Regeln folgt. Er brachte die Stoppuhr und die Mathematik in die Seelenlehre und verwandelte die Psychologie damit in eine ernstzunehmende empirische Wissenschaft.
Wenn Sie das nächste Mal eine neue Sprache lernen oder sich über Ihre eigene Vergesslichkeit ärgern, denken Sie an Ebbinghaus. Seine Forschung lehrt uns zwei wichtige Dinge: Erstens, Vergessen ist völlig normal und folgt einem Naturgesetz – es ist kein persönliches Versagen. Und zweitens, wir können unser Gedächtnis austricksen, wenn wir verstehen, wie es funktioniert. Die Verteilung von Lernportionen und das bewusste Wiederholen kurz vor dem steilen Abfall der Kurve sind Werkzeuge, die er uns geschenkt hat.
Ebbinghaus hat uns gezeigt, dass wir uns selbst vermessen können, um uns besser zu verstehen. Er hat die Psychologie aus dem Sessel der Philosophen geholt und sie auf den Prüfstand der Realität gestellt. Ein Vermächtnis, das heute, in der Ära der Neurowissenschaften und der künstlichen Intelligenz, aktueller ist denn je.



