Blogverzeichnis Bloggerei.de
top of page

Köhler, Wolfgang

Der Moment, in dem es „Klick“ macht: Die Entdeckung der Einsicht


Sie sind ein Schimpanse namens Sultan. Sie leben in einem Gehege auf Teneriffa, und hoch über Ihnen, unerreichbar an der Decke, hängt eine Staude saftiger Bananen. In Ihrem Gehege liegen ein paar Kisten verstreut. Was tun Sie? Ein Hund würde vielleicht verzweifelt hochspringen, ein Huhn würde kopflos hin- und herrennen. Sie aber setzen sich erst einmal hin. Sie schauen die Bananen an, Sie schauen die Kisten an. Sie kratzen sich am Kopf. Und plötzlich – als hätte jemand in Ihrem Gehirn einen Schalter umgelegt – springen Sie auf, stapeln die Kisten präzise übereinander, klettern hinauf und schnappen sich die Beute.


Genau diese Szene beobachtete Wolfgang Köhler in den Jahren des Ersten Weltkriegs. Was er dort sah, war mehr als nur ein hungriger Affe; es war eine wissenschaftliche Revolution. Köhler erkannte, dass Lernen nicht immer ein mühsamer Prozess von Versuch und Irrtum sein muss, wie es die damalige Psychologie glaubte. Es gibt ihn wirklich: den Geistesblitz, den Moment der „Einsicht“. Mit seinen Experimenten auf der Kanareninsel katapultierte Köhler die Psychologie aus der Ära der bloßen Reiz-Reaktions-Ketten hinein in das Zeitalter der Kognition. Er bewies, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere fähig sind, die Struktur eines Problems zu erfassen und eine Lösung „vor dem inneren Auge“ zu entwerfen.


Vom Baltikum in die Welt der Gestalten


Wolfgang Köhler wurde 1887 im estnischen Reval (heute Tallinn) geboren, wuchs aber im deutschen Kaiserreich auf. Sein akademischer Weg führte ihn durch die Eliteuniversitäten seiner Zeit – Tübingen, Bonn und schließlich Berlin. Dort begegnete er Carl Stumpf, einem Giganten der frühen Psychologie, bei dem er auch promovierte. Doch die eigentliche Initialzündung für sein Lebenswerk geschah 1910 in Frankfurt. Dort traf er auf Max Wertheimer und Kurt Koffka. Gemeinsam bildeten sie das legendäre Triumvirat der Gestaltpsychologie.


Diese drei jungen Forscher hatten genug von der damals vorherrschenden „Mosaik-Psychologie“, die versuchte, das menschliche Erleben in kleinste Atome zu zerlegen. Köhler und seine Mitstreiter waren überzeugt: Unser Gehirn ist kein Buchhalter, der einzelne Sinnesreize addiert. Es ist ein Künstler, der sofort Ganzheiten schafft. Wenn wir eine Melodie hören, hören wir nicht eine Summe von Frequenzen; wir hören die Melodie, selbst wenn sie in eine andere Tonart transponiert wird und kein einziger physikalischer Ton mehr derselbe ist. Die „Gestalt“ bleibt erhalten. Köhler wurde zum theoretischen Rückgrat dieser Bewegung, indem er versuchte, die Gesetze dieser Gestalten nicht nur psychologisch, sondern auch physikalisch zu begründen.


Die Affen von Teneriffa: Ein unfreiwilliges Exil als Forschungsglück


Dass Köhler heute in jedem Lehrbuch steht, verdankt er auch einem historischen Zufall. 1913 reiste er auf die Insel Teneriffa, um die Leitung einer Forschungsstation für Anthropoiden (Menschenaffen) zu übernehmen. Geplant war ein kurzer Aufenthalt, doch dann brach der Erste Weltkrieg aus. Köhler saß auf der Insel fest – sechs Jahre lang. Fernab der europäischen Schlachtfelder widmete er sich mit einer Engelsgeduld der Beobachtung seiner Schimpansen.

In dieser Zeit entstanden seine berühmten „Intelligenzprüfungen an Anthropoiden“. Köhler kritisierte scharf die Experimente des US-Psychologen Edward Thorndike, der Katzen in Käfige sperrte, aus denen sie nur durch zufälliges Betätigen eines Hebels entkamen. Köhler argumentierte: Wenn man ein Tier in eine Situation bringt, in der es die Lösung gar nicht „sehen“ kann, dann bleibt ihm nichts anderes übrig als blindes Probieren.


Er hingegen gab seinen Schimpansen Werkzeuge an die Hand – Stöcke, die man zusammenstecken konnte, oder Kisten, die als Podest dienten. Er beobachtete, wie die Tiere nach einer Phase des Innehaltens die Situation „umstrukturierten“. Der Stock war plötzlich kein Spielzeug mehr, sondern eine Armverlängerung. Die Kiste war kein Sitzplatz mehr, sondern ein Bauelement. Dieses schlagartige Erkennen von Beziehungen nannte Köhler „Lernen durch Einsicht“. Damit legte er den Grundstein für die moderne Kognitionspsychologie und die Erforschung der Problemlösefähigkeit.


Die Physik der Seele und das Prinzip der Isomorphie


Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Köhler 1922 Nachfolger seines Lehrers Carl Stumpf auf dem prestigeträchtigen Lehrstuhl für Psychologie in Berlin. In dieser Phase versuchte er etwas ungemein Ambitioniertes: Er wollte die Brücke zwischen der Psychologie und der theoretischen Physik schlagen. Köhler war ein großer Bewunderer von Max Planck und sah in der Gestaltpsychologie eine Parallele zur Feldtheorie in der Physik.


Er formulierte das Prinzip des „psychophysischen Isomorphismus“. Das klingt kompliziert, bedeutet aber im Kern etwas sehr Faszinierendes: Köhler glaubte, dass die Struktur unseres Erlebens (die psychische Gestalt) eins zu eins der Struktur der elektrischen Prozesse in unserem Gehirn (der physischen Gestalt) entspricht. Wenn wir einen Kreis sehen, dann sollte es im Gehirn ein entsprechendes „Feld“ von Aktivität geben, das die organisatorischen Eigenschaften eines Kreises besitzt. Auch wenn die moderne Neurowissenschaft diese Idee heute differenzierter sieht, war Köhlers Ansatz wegweisend: Er wollte das Mentale aus der Esoterik herausholen und es als Teil der natürlichen, physikalischen Welt begreifen.


Widerstand gegen den Ungeist: Ein mutiger Protest


Wolfgang Köhler war nicht nur ein brillanter Wissenschaftler, sondern auch ein Mann von bemerkenswerter moralischer Integrität. Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernahmen und begannen, jüdische Professoren aus den Universitäten zu drängen, blieb Köhler als einer der wenigen „arischen“ Professoren nicht stumm. In einem heute berühmten Artikel mit dem Titel „Gespräche in Deutschland“, der in der Deutschen Allgemeinen Zeitung erschien, übte er mutig Kritik – getarnt als Verteidigung der Menschlichkeit und der Vernunft. Es war das letzte Mal, dass eine öffentliche Stimme in der Presse gegen die rassistische Personalpolitik des Regimes protestierte.


Köhler weigerte sich standhaft, seine Vorlesungen mit dem Hitlergruß zu beginnen, und setzte sich für seine jüdischen Mitarbeiter ein. Als der Druck der Gestapo und der regimetreuen Studentenvertreter unerträglich wurde und sein Institut systematisch zerstört wurde, zog er die Konsequenzen. 1935 emigrierte er in die USA, wo er am Swarthmore College in Pennsylvania eine neue Heimat fand. Sein Abschied aus Deutschland markierte das Ende der glanzvollen Ära der Berliner Gestaltpsychologie, die unter den Nationalsozialisten als „jüdische Psychologie“ verfemt wurde.


Ein Erbe, das mehr ist als die Summe seiner Teile


In Amerika angekommen, musste Köhler seine Theorien gegen den dort vorherrschenden Behaviorismus verteidigen. Er wurde jedoch schnell zu einer zentralen Figur der US-amerikanischen Psychologie und schließlich sogar zum Präsidenten der American Psychological Association (APA) gewählt. Sein Einfluss auf die psychologische Forschung war und ist immens.


Was von Wolfgang Köhler bleibt, ist weit mehr als die Anekdote vom Kisten stapelnden Schimpansen. Er hat uns gelehrt, dass Wahrnehmung und Denken aktive, organisierende Prozesse sind. Seine Forschung zum „produktiven Denken“ beeinflusst bis heute, wie wir in Schulen unterrichten – weg vom stumpfen Auswendiglernen, hin zum Verständnis von Zusammenhängen. In der modernen Hirnforschung finden sich seine Ideen über dynamische Felder in der Untersuchung von neuronalen Netzwerken wieder.


Köhler erinnerte uns daran, dass wir die Welt nicht als eine Ansammlung von isolierten Datenpunkten begreifen sollten. Ob in der Kunst, in der Wissenschaft oder im sozialen Miteinander: Die Bedeutung entsteht erst durch die Gestalt, durch das Gefüge der Beziehungen. Er war ein Forscher, der stets das große Ganze im Blick behielt – sowohl in seinen Experimenten als auch in seinem Leben.

bottom of page