Kahnemann, Daniel
Der Mann, der den rationalen Menschen entzauberte
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir im Supermarkt zur „90 % fettfreien“ Milch greifen, aber zögern, wenn auf der Packung „10 % Fettgehalt“ steht? Oder warum wir Kilometer weit fahren, um bei einem Paar Schuhe fünf Euro zu sparen, aber beim Kauf eines Neuwagens für 30.000 Euro kaum mit der Wimper zucken, wenn das Navigationssystem plötzlich 200 Euro mehr kostet? Wenn Sie sich dabei ertappt fühlen, sind Sie in bester Gesellschaft – und Sie sind ein Paradebeispiel für die Arbeit von Daniel Kahneman.
Kahneman war kein Wirtschaftswissenschaftler im klassischen Sinne, und doch erhielt er 2002 den Nobelpreis für Ökonomie. Er hat das Fundament einer ganzen Disziplin erschüttert: das Bild des Homo Economicus, des rein rational entscheidenden Menschen. Mit einer Mischung aus psychologischem Scharfsinn und mathematischer Präzision zeigte er uns, dass unser Gehirn zwar ein Wunderwerk der Evolution ist, aber eben auch eine Abkürzungsmaschine, die ständig über ihre eigenen Beine stolpert. Er hat uns gelehrt, dass wir nicht so rational sind, wie wir gerne glauben – und dass diese Irrationalität System hat.
Eine Kindheit im Schatten und der Weg zur Wissenschaft
Daniel Kahneman wurde 1934 in Tel Aviv geboren, verbrachte seine Kindheit jedoch im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkriegs. Diese prägende Zeit des Versteckens und der ständigen Bedrohung schärfte seinen Blick für das menschliche Verhalten unter Extrembedingungen. Er erzählte später oft eine Anekdote über einen SS-Soldaten, der ihn als kleinen Jungen auf den Arm nahm, ihm Geld gab und ihm ein Foto seines eigenen Sohnes zeigte – ein Moment der Menschlichkeit in einem grausamen System, der Kahnemans Interesse an der Komplexität und den Widersprüchen der menschlichen Psyche weckte.
Nach dem Krieg zog seine Familie nach Israel, wo er Psychologie und Mathematik studierte. Seine akademische Reise führte ihn schließlich in die USA, doch der entscheidende Wendepunkt war seine Zusammenarbeit mit Amos Tversky an der Hebräischen Universität in Jerusalem Ende der 1960er Jahre. Die beiden waren wie Feuer und Wasser – Tversky brillant, mathematisch und selbstbewusst, Kahneman eher zweifelnd, intuitiv und tiefgründig. Gemeinsam bildeten sie ein intellektuelles Power-Duo, das die kognitive Psychologie revolutionieren sollte. Sie verbrachten Stunden in kleinen Büros, lachten viel und entwickelten Experimente, die heute Weltruhm genießen.
System 1 und System 2: Die zwei Regisseure in unserem Kopf
Das Herzstück von Kahnemans populärstem Werk, „Schnelles Denken, langsames Denken“, ist die Unterscheidung zwischen zwei Systemen, die in unserem Kopf um die Vorherrschaft ringen. System 1 ist der Sprinter: Es arbeitet schnell, automatisch, emotional und ohne bewusste Anstrengung. Es ist das System, das uns sagt, dass jemand wütend ist, wenn wir sein Gesicht sehen, oder das uns „Vier!“ rufen lässt, wenn jemand „Zwei plus zwei“ fragt. Es ist unser intuitiver Autopilot, der uns sicher durch den Alltag steuert.
System 2 hingegen ist der Langstreckenläufer: Es ist langsam, logisch, berechnend und extrem anstrengend. Wir brauchen es, um komplexe Rechnungen zu lösen, eine neue Sprache zu lernen oder uns in einer fremden Stadt zu orientieren. Das Problem ist: System 2 ist faul. Es überlässt die Arbeit am liebsten System 1. Und genau hier entstehen die Fehler. Da System 1 auf Mustern und Abkürzungen basiert, neigt es dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Wir glauben oft, wir hätten eine rationale Entscheidung (mit System 2) getroffen, dabei hat uns System 1 längst eine intuitive Antwort untergejubelt, für die System 2 dann nur noch eine nachträgliche Rechtfertigung liefert.
Heuristiken: Wenn das Gehirn die Abkürzung nimmt
Kahneman und Tversky identifizierten eine Reihe von mentalen Daumenregeln, sogenannte Heuristiken, die uns oft in die Irre führen. Eine der bekanntesten ist die Verfügbarkeitsheuristik. Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach ein, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen. Nach einem Flugzeugabsturz, über den in allen Medien berichtet wird, haben viele Menschen Flugangst, obwohl die Autofahrt zum Flughafen statistisch gesehen viel gefährlicher ist. Aber das Bild des brennenden Flugzeugs ist im Gedächtnis „verfügbar“, während die Millionen sicheren Kilometer auf der Autobahn unsichtbar bleiben.
Ein weiteres faszinierendes Phänomen ist der Ankereffekt. Wenn wir den Wert von etwas schätzen sollen, lassen wir uns von einer völlig willkürlichen Zahl beeinflussen, die uns kurz zuvor präsentiert wurde. In einem Experiment ließ Kahneman Probanden an einem Glücksrad drehen, das manipuliert war und entweder die Zahl 10 oder 65 anzeigte. Danach sollten sie schätzen, wie viel Prozent der afrikanischen Staaten in der UN sind. Diejenigen mit der 10 schätzten im Schnitt 25 %, die mit der 65 schätzten 45 %. Ein simpler, bedeutungsloser Anker hatte ihr gesamtes Urteil verzerrt. Solche Mechanismen begegnen uns täglich: beim „Statt-Preis“ im Schlussverkauf oder bei Gehaltsverhandlungen.
Prospect Theory: Der Schmerz des Verlustes
Der wissenschaftliche Durchbruch, der Kahneman den Nobelpreis einbrachte, war die Prospect Theory (Neue Erwartungstheorie). Sie beschreibt, wie wir Entscheidungen unter Risiko treffen. Die wichtigste Erkenntnis: Wir hassen Verluste viel mehr, als wir Gewinne lieben. Psychologisch gesehen wiegt der Schmerz, 100 Euro zu verlieren, etwa doppelt so schwer wie die Freude, 100 Euro zu finden.
Diese „Verlustaversion“ erklärt, warum wir an Aktien festhalten, deren Kurse fallen (weil wir den Verlust nicht realisieren wollen), oder warum wir uns so schwer von Dingen trennen können, die wir bereits besitzen (der Besitztumseffekt). Kahneman zeigte, dass unsere Risikobereitschaft davon abhängt, wie eine Wahl präsentiert wird – das sogenannte Framing. Wenn man uns sagt, eine Operation habe eine Überlebenschance von 90 %, stimmen wir eher zu, als wenn es heißt, das Sterberisiko liege bei 10 %. Die Fakten sind identisch, aber die emotionale Reaktion von System 1 ist völlig verschieden.
Das Vermächtnis: Eine Welt voller „Nudges“
Kahnemans Einfluss reicht weit über die Hörsäle der Psychologie hinaus. Er ist der Vater der Verhaltensökonomie (Behavioral Economics). Regierungen weltweit nutzen heute seine Erkenntnisse, um das Verhalten der Bürger subtil zu beeinflussen, ohne Verbote auszusprechen – ein Konzept, das als „Nudging“ (Anstupsen) bekannt wurde. So werden Organspenderaten drastisch erhöht, wenn man die Anmeldung zum Standard macht und das Abmelden aktiv verlangt, statt umgekehrt. Hier wird die Trägheit von System 2 konstruktiv genutzt.
In seinen späteren Jahren widmete sich Kahneman verstärkt der Erforschung des Glücks. Er unterschied zwischen dem „erlebenden Selbst“ (wie wir uns im Moment fühlen) und dem „erinnernden Selbst“ (wie wir eine Episode rückblickend bewerten). Er fand heraus, dass unser Gedächtnis eine Geschichte schreibt, die oft wenig mit der tatsächlichen Dauer einer Erfahrung zu tun hat, sondern primär von den Höhepunkten und dem Ende einer Erfahrung geprägt ist (die Peak-End-Regel).
Daniel Kahneman hat uns einen Spiegel vorgehalten, der uns zwar weniger perfekt, aber dafür menschlicher zeigt. Er hat uns gelehrt, skeptisch gegenüber unserer eigenen Intuition zu sein und öfter mal innezuhalten, um System 2 einzuschalten. Er war ein Skeptiker mit Herz, ein Wissenschaftler, der den Zweifel zelebrierte und uns damit einen der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Geistes geschenkt hat.



