Pinker. Steven
Der Anwalt der menschlichen Natur
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum jedes Kind auf der Welt – egal ob in den Vororten von Berlin oder in den Regenwäldern des Amazonas – innerhalb weniger Jahre lernt, komplexe Sätze zu bilden, ohne jemals ein Lehrbuch aufgeschlagen zu haben? Oder warum wir uns einerseits über Gewaltnachrichten im Fernsehen entsetzen, während wir statistisch gesehen in der friedlichsten Ära der Menschheitsgeschichte leben? Wenn Sie Antworten auf diese Fragen suchen, landen Sie unweigerlich bei Steven Pinker. Mit seiner markanten Lockenmähne und einem messerscharfen Verstand ist der kanadisch-amerikanische Psychologe so etwas wie der Popstar der kognitiven Wissenschaft.
Pinker gehört zu jener seltenen Spezies von Wissenschaftlern, die es schaffen, hochkomplexe Themen wie Linguistik, Evolutionsbiologie und statistische Geschichte so aufzubereiten, dass sie auf der Bestsellerliste der New York Times landen. Er ist ein erklärter Feind des intellektuellen Pessimismus und ein leidenschaftlicher Verteidiger der Aufklärung. Für Pinker ist der menschliche Geist keine „unbeschriebene Tafel“, sondern ein hochspezialisiertes Werkzeugkasten-System, das durch die Evolution geformt wurde. Er nimmt uns mit auf eine Reise, die im Gehirn beginnt und bei der Frage endet, ob wir als Spezies eigentlich noch zu retten sind.
Sprache als Instinkt: Warum wir nicht anders können
Bevor Pinker über den Fortschritt der Welt schrieb, galt sein Hauptinteresse dem, was uns Menschen am meisten auszeichnet: der Sprache. In seinem bahnbrechenden Werk „Der Sprachinstinkt“ räumte er mit der Vorstellung auf, Sprache sei lediglich ein kulturelles Artefakt, das wir mühsam von unseren Eltern lernen wie das Klavierspielen oder das Krawattenbinden. Inspiriert von Noam Chomsky, aber mit einer starken Prise Evolutionsbiologie gewürzt, argumentiert Pinker, dass Sprache ein biologischer Instinkt ist – so wie das Weben eines Netzes für eine Spinne.
Er zeigt uns, dass unser Gehirn mit einer „Universalgrammatik“ vorverdrahtet ist. Kinder „erfinden“ Sprache förmlich neu, wenn sie in einer Umgebung aufwachsen, in der nur rudimentäre Kommunikationsformen existieren (wie bei den sogenannten Kreolsprachen). Pinker betrachtet die Sprache als eine biologische Anpassung, die es unseren Vorfahren ermöglichte, Informationen über die Welt, über soziale Allianzen und über Gefahren zu teilen. Das macht uns zu dem, was wir sind. Für ihn ist die Linguistik deshalb keine trockene Grammatiklehre, sondern ein Fenster in die Architektur des menschlichen Geistes. Wenn wir sprechen, nutzen wir ein neuronales System, das über Jahrmillionen perfektioniert wurde, um Gedanken von einem Gehirn in ein anderes zu „beamen“.
Das Ende der „unbeschriebenen Tafel“
Eines der kontroversesten Themen, das Pinker anpackte, ist die Frage nach Anlage und Umwelt. Lange Zeit dominierte in der Psychologie das Dogma der „Tabula Rasa“: Der Mensch werde als unbeschriebenes Blatt geboren und erst durch Erziehung und Gesellschaft zu dem gemacht, was er ist. Pinker hält das für einen gefährlichen Irrtum. In seinem Buch „Das unbeschriebene Blatt“ (The Blank Slate) argumentiert er, dass dieses Bild der menschlichen Natur wissenschaftlich nicht haltbar ist und sogar moralisch problematische Folgen haben kann.
Er stützt sich auf die Verhaltensgenetik und die Evolutionspsychologie, um zu zeigen, dass viele unserer Persönlichkeitsmerkmale, Talente und sogar politischen Neigungen eine starke genetische Basis haben. Pinker betont jedoch, dass die Anerkennung einer biologischen Natur des Menschen nicht bedeutet, dass wir Sklaven unserer Gene sind. Im Gegenteil: Erst wenn wir verstehen, wie unsere „Hardware“ funktioniert – inklusive unserer egoistischen oder aggressiven Impulse –, können wir Institutionen und eine Kultur schaffen, die unsere besseren Seiten fördert. Er plädiert für einen „biologischen Realismus“, der den Menschen so nimmt, wie er ist, und nicht so, wie ihn sich Sozialingenieure erträumen.
Die Kurven des Fortschritts: Warum wir Grund zum Optimismus haben
In den letzten Jahren hat sich Pinkers Fokus von der Mikrowelt der Linguistik auf die Makrowelt der Weltgeschichte verlagert. In „Gewalt: Eine neue Auswertung“ und „Aufklärung jetzt“ stellt er eine These auf, die viele provoziert: Die Welt wird immer besser. Während wir uns beim Scrollen durch soziale Medien oft wie in einer dystopischen Endzeit fühlen, präsentiert Pinker Berge von Daten, die das Gegenteil belegen. Die Kindersterblichkeit sinkt, die Alphabetisierungsrate steigt, die Wahrscheinlichkeit, in einem Krieg oder durch einen Mord zu sterben, ist auf einem historischen Tiefstand.
Wie passt das zusammen? Pinker erklärt das mit den „besseren Engeln unserer Natur“ – Vernunft, Empathie, Selbstkontrolle und Moral. Durch die Aufklärung haben wir gelernt, diese Eigenschaften durch Wissenschaft, Handel und Demokratie zu verstärken. Er kritisiert unsere kognitive Anfälligkeit für schlechte Nachrichten (die Verfügbarkeitsheuristik, die wir schon bei Kahneman sahen): Ein Flugzeugabsturz ist eine Nachricht, aber die Millionen sicher gelandeten Flugzeuge sind es nicht. Pinker möchte uns aus unserer gefühlten Ohnmacht herausholen. Sein Optimismus ist kein naives „Alles wird gut“, sondern ein evidenzbasierter Aufruf, die Werkzeuge der Vernunft weiter zu nutzen, um die Probleme der Gegenwart – wie den Klimawandel – zu lösen.
Kritik, Kontroversen und das lockige Erbe
Natürlich bleibt ein Mann, der so deutliche Positionen bezieht, nicht ohne Widerspruch. Kritiker werfen Pinker vor, er sei zu technikgläubig und unterschätze die systemischen Ungerechtigkeiten der modernen Welt. Manche Anthropologen widersprechen seiner Darstellung der gewaltvollen Urvölker, und Philosophen kritisieren seinen Hang zum Szientismus – der Überzeugung, dass die Naturwissenschaften auf alle Fragen des Lebens die beste Antwort haben. Auch seine Verteidigung genetischer Einflüsse auf das Verhalten wird in politisch aufgeladenen Debatten oft als Rechtfertigung für den Status Quo missverstanden, obwohl Pinker stets betont, dass biologische Fakten niemals moralische Diskriminierung rechtfertigen.
Was bleibt von Steven Pinker? Er hat die Psychologie aus dem Elfenbeinturm geholt und sie mitten in die gesellschaftliche Debatte gestellt. Er hat uns gezeigt, dass Sprache tief in unserer Biologie verwurzelt ist, dass wir keine leeren Gefäße sind und dass die Vernunft unser wertvollstes Gut ist. Pinker fordert uns heraus, unsere Intuitionen mit harten Daten zu konfrontieren und uns nicht von der Angst regieren zu lassen. Er ist der Psychologe, der uns daran erinnert, dass der menschliche Geist zwar voller Fehler und Vorurteile steckt, aber eben auch die unglaubliche Fähigkeit besitzt, sich selbst zu verstehen und zu verbessern.



