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Skinner, Burrhus Frederic

Die Revolution der Black Box: Psychologie ohne Seele


In der Geschichte der Psychologie gibt es einen Moment, in dem die Wissenschaft beschloss, radikal aufzuräumen. Nach den nebelhaften Traumdeutungen Freuds und den mythologischen Exkursen Jungs trat ein Mann auf den Plan, der Ordnung, Messbarkeit und knallharte Evidenz forderte. Burrhus Frederic Skinner, 1904 in Pennsylvania geboren, war kein Mann der Metaphern. Er war der Überzeugung, dass wir uns bei der Erforschung des Menschen viel zu lange mit Dingen aufgehalten haben, die wir gar nicht sehen können: Gedanken, Gefühle, Absichten oder gar eine „Seele“. Für Skinner war das alles eine „Black Box“ – ein Kasten, in den man nicht hineinsehen kann und der für eine echte Naturwissenschaft des Verhaltens schlichtweg irrelevant ist. Er wollte die Psychologie von der Philosophie befreien und sie in das Labor holen, direkt neben die Physik und Biologie.


Skinner war ein Tüftler, ein Bastler und ein brillanter Systematiker. Ursprünglich wollte er Schriftsteller werden, doch nachdem er feststellen musste, dass er über das menschliche Leben eigentlich nichts Greifbares zu sagen hatte, entdeckte er die Arbeiten von Iwan Pawlow und John B. Watson. Er erkannte: Wenn wir verstehen wollen, warum ein Lebewesen tut, was es tut, müssen wir nicht in seinen Kopf schauen, sondern auf seine Umwelt. Sein Ansatz, der radikale Behaviorismus, besagt, dass Verhalten nicht von innen heraus entsteht, sondern durch die Konsequenzen geformt wird, die darauf folgen. Der Mensch ist für Skinner kein freies, autonomes Wesen, sondern ein Organismus, der in einem ständigen, lernenden Austausch mit seiner Umgebung steht.


Die Skinner-Box und das Geheimnis der operanten Konditionierung


Um seine Thesen zu beweisen, erfand Skinner eine Apparatur, die heute unter dem Namen „Skinner-Box“ weltbekannt ist – er selbst nannte sie bescheidener „operante Konditionierungskammer“. In dieser kontrollierten Umgebung saßen Ratten oder Tauben. Es gab einen Hebel oder eine Pick-Scheibe und einen Mechanismus für Belohnungen, meist Futter. Hier isolierte Skinner die kleinsten Einheiten des Lernens. Die entscheidende Entdeckung war die sogenannte operante Konditionierung: Ein Lebewesen zeigt ein zufälliges Verhalten (die Ratte drückt den Hebel), und wenn dieses Verhalten eine angenehme Konsequenz hat (Futter fällt heraus), wird die Wahrscheinlichkeit höher, dass es dieses Verhalten wiederholt.


Skinner ging jedoch weit über dieses simple Prinzip hinaus. Er untersuchte die „Verstärkerpläne“ und fand heraus, dass die Art und Weise der Belohnung das Verhalten massiv beeinflusst. Erhielt die Ratte jedes Mal Futter, lernte sie schnell, hörte aber auch schnell wieder auf, wenn das Futter ausblieb. Wurde sie jedoch nur ab und zu und in unregelmäßigen Abständen belohnt – ein Prinzip, das man heute in jedem Spielcasino bei Slot-Maschinen findet –, entwickelte sie eine unglaubliche Ausdauer. Dieses „intermittierende Verstärken“ ist der Grund, warum wir zwanghaft unsere Social-Media-Feeds aktualisieren: Wir wissen nicht, wann der nächste „Like“ kommt, aber die Erwartung hält uns im Bann. Skinner hatte damit, lange vor dem digitalen Zeitalter, die psychologischen Grundlagen für Abhängigkeit und Gewohnheitsbildung entschlüsselt.


Verstärkung, Bestrafung und das Missverständnis der Kontrolle


Ein zentraler Aspekt von Skinners Lehre, der oft missverstanden wird, ist die Unterscheidung zwischen Verstärkung und Bestrafung. Skinner war ein vehementer Gegner der Bestrafung. In seinen Experimenten konnte er zeigen, dass Strafe das unerwünschte Verhalten meist nur unterdrückt, solange die Strafandrohung präsent ist. Sobald der Kontrolleur wegsieht, kehrt das Verhalten zurück. Schlimmer noch: Strafe erzeugt Angst, Aggression und soziale Distanz. Sein Ideal war eine Gesellschaft, die ausschließlich über positive Verstärkung funktioniert.


Er prägte Begriffe, die heute zum Standardwissen der pädagogischen Psychologie gehören. Die „positive Verstärkung“ (Hinzufügen eines angenehmen Reizes) und die oft verwechselte „negative Verstärkung“ (Entfernen eines unangenehmen Reizes, wie das Abstellen eines nervigen Alarmtons) waren für ihn die Werkzeuge, um Verhalten konstruktiv zu formen. Durch das sogenannte „Shaping“ (Verhaltensformung) zeigte er, wie man komplexes Verhalten aufbaut, indem man schon kleinste Annäherungen an das Zielverhalten belohnt. So brachte er Tauben bei, Tischtennis zu spielen oder gar Raketen zu steuern – nicht durch Zwang, sondern durch eine präzise choreografierte Kette von Belohnungen.


Jenseits von Freiheit und Würde: Die Provokation des Determinismus


Im Jahr 1971 veröffentlichte Skinner sein wohl kontroversestes Buch: „Jenseits von Freiheit und Würde“. Darin griff er die Grundpfeiler des westlichen Menschenbildes an. Er behauptete, dass „Freiheit“ und „Würde“ veraltete Konzepte seien, die wir nur deshalb benutzen, weil wir die tatsächlichen Ursachen unseres Verhaltens noch nicht kennen. Für Skinner war der freie Wille eine Illusion. Wenn unser Handeln vollständig durch unsere genetische Ausstattung und unsere Lernbiografie bestimmt wird, dann gibt es niemanden „da drinnen“, der entscheidet.


Diese Ansicht löste einen Sturm der Entrüstung aus. Man warf ihm vor, den Menschen zum Roboter zu degradieren und einer totalitären Überwachung das Wort zu reden. Doch Skinner sah sich selbst als Humanisten. Er argumentierte, dass wir ohnehin ständig durch Werbung, Politik und soziale Normen kontrolliert werden – meist jedoch planlos und oft zum Schaden des Einzelnen. Seine Vision war eine wissenschaftlich gestaltete Kultur, in der die Umwelt so programmiert ist, dass Menschen sich fast automatisch „gut“, kooperativ und glücklich verhalten. In seinem utopischen Roman „Walden Two“ beschrieb er eine solche Gemeinschaft, die ohne Polizei und ohne Zwang auskommt, weil das richtige Verhalten von Kindesbeinen an positiv verstärkt wird.


Vom Raketenvogel zum programmierten Lernen


Skinners Erfindergeist kannte kaum Grenzen. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er an einem Projekt, bei dem Tauben in der Spitze von Gleitbomben sitzen und durch Picken auf einen Bildschirm die Flugbahn korrigieren sollten. Das Militär hielt die Idee für zu skurril, obwohl die Versuche erfolgreich waren. Später entwickelte er den „Air Crib“, ein klimatisiertes, hygienisches Kinderbett für seine eigene Tochter, um den Alltag für Eltern und Kind stressfreier zu gestalten – was ihm prompt den (unberechtigten) Vorwurf einbrachte, er würde seine Kinder in Käfigen aufziehen.


In den 1950er Jahren wandte er sich dem Bildungswesen zu. Er war entsetzt über die Ineffizienz im Klassenzimmer, wo Lehrer oft erst Tage später Feedback zu Hausarbeiten gaben. Skinner entwickelte „Lernmaschinen“, die den Stoff in winzige, logische Schritte zerlegten. Der Schüler erhielt nach jeder Antwort sofort die Rückmeldung, ob er richtig lag – eine unmittelbare Verstärkung. Dieses „programmierte Lernen“ war der direkte Vorläufer der heutigen Lern-Apps und Online-Kurse. Skinner wollte Bildung demokratisieren und sicherstellen, dass jeder Schüler in seinem eigenen Tempo Erfolgserlebnisse feiern kann.


Kritik, kognitive Wende und das bleibende Erbe


Ende der 1950er Jahre begann der Siegeszug des Behaviorismus zu bröckeln. Der Linguist Noam Chomsky veröffentlichte eine vernichtende Kritik an Skinners Buch „Verbal Behavior“. Chomsky argumentierte, dass Kinder Sprache viel zu schnell lernen, als dass dies allein durch Belohnung und Nachahmung erklärbar wäre; es müsse angeborene, interne Strukturen geben. Dies war der Startschuss für die „kognitive Wende“: Die Psychologie begann wieder, in die Black Box hineinzuschauen – Gedanken, Gedächtnis und Informationsverarbeitung rückten in den Fokus.


Dennoch wäre es ein schwerer Fehler, Skinner als überholt abzutun. Sein Erbe ist omnipräsent. Die moderne Verhaltenstherapie, die weltweit erfolgreichste Methode zur Behandlung von Phobien, Zwängen und Suchterkrankungen, basiert in ihrem Kern auf Skinners Prinzipien. In der Arbeit mit autistischen Kindern ist die „Applied Behavior Analysis“ (ABA) ein Standardverfahren. In der Wirtschaftswissenschaft nutzen wir seine Erkenntnisse für Motivationssysteme, und in der Softwareentwicklung wird „Nudging“ betrieben – das sanfte Anstupsen des Nutzers durch kleine Belohnungen.


B.F. Skinner hat uns vielleicht das romantische Bild der Seele genommen, aber er hat uns eine präzise Sprache gegeben, um zu verstehen, wie wir lernen und wie wir wachsen. Er lehrte uns, dass wir nicht nur Opfer unserer Impulse sind, sondern dass wir die Macht haben, unsere Umwelt so zu gestalten, dass sie das Beste in uns zum Vorschein bringt. Er war der Architekt der Gewohnheit und ein Mahner für eine wissenschaftliche Ethik, die Taten über Worte stellt.

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