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Thorndike, Edward Lee

Die Katze im Kasten: Der Ursprung der Lernforschung


Sie sitzen in einem Labor am Ende des 19. Jahrhunderts. Vor Ihnen steht eine recht simpel zusammengezimmerte Holzkiste, in der eine sichtlich frustrierte Katze hockt. Die Katze möchte unbedingt nach draußen, denn direkt vor der Gittertür liegt ein verlockendes Stück Fisch. Sie kratzt an den Wänden, beißt in die Stäbe und drückt blindlings gegen alles, was sich bewegt. Plötzlich – eher durch Zufall – tritt sie auf eine kleine Holzplattform im Boden. Klick. Die Tür springt auf, die Katze ist frei und der Fisch verspeist.


Was für einen flüchtigen Beobachter wie ein banales Alltagsereignis wirken mag, war für Edward Lee Thorndike das Fundament einer wissenschaftlichen Revolution. Thorndike beobachtete diese Szene nicht nur einmal, sondern hunderte Male. Er stoppte die Zeit und zeichnete „Lernkurven“. Er bemerkte, dass die Katze beim zweiten, dritten und zehnten Mal immer weniger Zeit mit ziellosem Kratzen verbrachte und immer zielstrebiger auf den Auslöser trat. Doch – und das ist der entscheidende Punkt für Thorndikes Theorie – die Katze hatte keinen „Aha-Moment“. Sie verstand nicht plötzlich die Mechanik des Kastens. Sie lernte schlicht durch Versuch und Irrtum (Trial and Error). Thorndike erkannte hier ein universelles Prinzip, das nicht nur für Katzen, sondern für alle Lebewesen gilt: Erfolg prägt sich ein.


Das Gesetz des Effekts: Unsere biologische Programmierlogik


Aus seinen Beobachtungen in der „Problembox“ leitete Thorndike eines der wichtigsten Prinzipien der gesamten Psychologie ab: das Law of Effect (Gesetz des Effekts). In seiner einfachsten Form besagt es, dass Verhaltensweisen, die zu einem befriedigenden Ergebnis führen, mit der Situation verknüpft werden. Wenn die Situation erneut auftritt, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Lebewesen genau dieses Verhalten wiederholt. Umgekehrt gilt: Führt ein Verhalten zu Unbehagen, wird die Verbindung geschwächt und das Verhalten tritt seltener auf.


Thorndike nannte seinen theoretischen Ansatz Konnektionismus. Er stellte sich das Gehirn als ein gewaltiges Netzwerk von Verbindungen zwischen Reizen (Situationen) und Reaktionen vor. Lernen war für ihn der Prozess, bei dem diese „S-R-Verbindungen“ (Stimulus-Response) gestärkt oder geschwächt werden. Neben dem Gesetz des Effekts formulierte er das Law of Exercise (Gesetz der Übung), welches besagt, dass Wiederholung die Verbindung festigt – eine Erkenntnis, die heute jedem Klavierschüler und jeder Vokabelpaukerin nur allzu bekannt vorkommt. Thorndike war damit der Erste, der Lernen nicht als mysteriösen geistigen Vorgang beschrieb, sondern als messbare, mechanische Anpassung an die Umwelt.


Vom Labor in die Schule: Die Vermessung des Geistes


Edward Thorndike war kein Forscher, der sich im Elfenbeinturm der Theorie versteckte. Fast seine gesamte Karriere verbrachte er am Teachers College der Columbia University, wo er die Psychologie in den Dienst der Pädagogik stellte. Er war überzeugt: Wenn wir wissen, wie Lernen funktioniert, können wir auch das Bildungssystem optimieren. Sein Credo war radikal empirisch: „Alles, was existiert, existiert in einer bestimmten Menge und kann daher gemessen werden.“


Er begann, Tests zu entwickeln, um Intelligenz, Leseleistung und sogar moralische Einstellungen zu quantifizieren. Damit wurde er zu einem der Gründerväter der Psychometrie. Er räumte mit der damals populären Vorstellung der „formalen Disziplin“ auf. Man glaubte damals, dass das Lernen von Latein oder Mathematik das Gehirn wie einen Muskel trainiere und man dadurch automatisch auch in anderen Bereichen schlauer werde. Thorndike bewies durch Studien, dass das nicht stimmt. Er zeigte, dass Lernen sehr spezifisch ist: Man lernt das, was man übt. Wenn Sie Latein lernen, werden Sie gut in Latein, aber nicht zwangsläufig ein besserer Ingenieur. Diese Erkenntnis führte zu einer massiven Umgestaltung der Lehrpläne an amerikanischen Schulen, weg von reinem Auswendiglernen hin zu praxisrelevanteren Inhalten.


Der Halo-Effekt und die dunklen Seiten der Statistik


Thorndike hatte ein unglaubliches Gespür für menschliche Denkfehler. Er war derjenige, der den Begriff des Halo-Effekts (Hofschimmer-Effekt) prägte. In einer Studie mit Militäroffizieren bemerkte er, dass Vorgesetzte dazu neigten, Soldaten, die sie in einem Bereich (z. B. körperliche Fitness) gut bewerteten, automatisch auch in völlig unbeteiligten Bereichen (z. B. Loyalität oder Führungsstärke) besser einzustufen. Ein einzelnes positives Merkmal überstrahlt alles andere wie ein Heiligenschein (Halo). Diese Entdeckung ist bis heute ein Standardthema in jeder Einführungsvorlesung zur Sozialpsychologie und warnt uns täglich vor voreiligen Urteilen.


Doch wie viele Wissenschaftler seiner Zeit war auch Thorndike ein Kind seiner Epoche, was heute kritisch gesehen wird. Sein tiefer Glaube an die Messbarkeit und Erblichkeit von Intelligenz führte ihn in die Nähe der Eugenik-Bewegung. Er vertrat die Ansicht, dass die Gesellschaft effizienter gestaltet werden könne, wenn man Menschen basierend auf ihren messbaren Fähigkeiten selektiere. Diese technokratische Sicht auf den Menschen als eine Art „Datenpunkt“ in einer statistischen Verteilung ist ein kontroverser Teil seines Erbes, der uns daran erinnert, dass wissenschaftliche Methoden nie völlig frei von den moralischen Strömungen ihrer Zeit sind.


Ein bleibendes Fundament: Das Erbe Thorndikes


Edward Lee Thorndikes Einfluss auf die moderne Welt ist kaum zu überschätzen. Er schlug die Brücke zwischen der philosophisch angehauchten Psychologie des 19. Jahrhunderts und dem harten Behaviorismus des 20. Jahrhunderts. Ohne seine Vorarbeit mit den Katzen in der Problembox hätte ein B. F. Skinner vermutlich nie seine Operante Konditionierung in der Form entwickelt, wie wir sie heute kennen. Thorndike machte die Psychologie objektiv, numerisch und anwendbar.


Jedes Mal, wenn wir eine Lern-App benutzen, die uns bei richtigen Antworten mit Punkten belohnt, jedes Mal, wenn wir standardisierte Tests (wie den SAT oder PISA) absolvieren, und jedes Mal, wenn wir uns bewusst machen, dass Übung den Meister macht, begegnen wir den Ideen von Thorndike. Er hat uns gezeigt, dass Lernen kein Zufall ist, sondern einer inneren Logik folgt – einer Logik der Konsequenzen. Er hat die Katze aus dem Kasten gelassen und uns dabei geholfen, ein Stück weit besser zu verstehen, wie wir selbst funktionieren.

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