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Vygotsky, Lew Semjonowitsch

Der Mozart der Psychologie im Schatten der Revolution


Stellen Sie sich vor, Sie versuchen, ein kompliziertes Puzzle zu lösen. Alleine kommen Sie nach einer Weile nicht weiter – die Teile scheinen einfach nicht zu passen. Doch dann setzt sich jemand zu Ihnen, gibt Ihnen einen kleinen Hinweis, deutet auf eine Farbe oder hilft Ihnen, die Randstücke zu sortieren. Plötzlich verstehen Sie das Prinzip und können den Rest alleine bewältigen. Was hier passiert, ist weit mehr als eine nette Geste: Es ist der Kern dessen, was menschliche Intelligenz ausmacht. Während viele Psychologen seiner Zeit glaubten, dass Lernen ein einsamer Prozess im Kopf eines Kindes ist, erkannte ein junger Gelehrter im revolutionären Russland, dass wir erst durch die anderen zu uns selbst werden. Sein Name war Lew Wygotski.


Obwohl er bereits im Alter von nur 37 Jahren an Tuberkulose starb, hinterließ er ein Werk, das so tiefgreifend und originell war, dass man ihn später den „Mozart der Psychologie“ nannte. Wygotski lebte in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Nach der Russischen Revolution von 1917 herrschte Aufbruchstimmung; man wollte den „neuen Menschen“ erschaffen. Wygotski wollte verstehen, wie die Gesellschaft und die Kultur unsere Biologie formen. Er trat an, um die Kluft zwischen der harten Naturwissenschaft und den Geisteswissenschaften zu überbrücken – und veränderte dabei für immer unseren Blick darauf, wie Kinder lernen.


Die soziale Wiege des Denkens: Kultur als Werkzeugkasten


Lange Zeit dominierte in der Psychologie die Ansicht von Jean Piaget, dass Kinder wie kleine Wissenschaftler sind, die die Welt allein durch Ausprobieren und logisches Reifen entdecken. Wygotski widersprach dem nicht völlig, aber er fügte eine entscheidende Dimension hinzu: das Soziale. Für ihn war der Mensch nicht einfach ein biologisches Wesen, das von innen heraus reift, sondern ein Wesen, das in eine Kultur hineingeboren wird.


Er argumentierte, dass jede höhere geistige Funktion in der Entwicklung des Kindes zweimal auftritt: zuerst auf der sozialen Ebene (zwischen Menschen) und erst danach auf der individuellen Ebene (im Inneren des Kindes). Denken Sie an eine einfache Geste: Ein Baby greift nach einem Gegenstand, den es nicht erreichen kann. Die Mutter sieht das und reicht ihm das Spielzeug. Durch die Reaktion der Mutter lernt das Kind, dass das Greifen eine Bedeutung hat – es wird zum Zeigen. Aus einer missglückten Handlung wird durch soziale Interaktion ein Kommunikationsmittel. Kultur ist für Wygotski wie ein riesiger Werkzeugkasten, den uns die vorangegangenen Generationen hinterlassen haben. Sprache, Rechensysteme, Kunst und sogar Computer sind „psychologische Werkzeuge“, die wir uns aneignen, um unser Denken zu erweitern.


Die Zone der nächsten Entwicklung: Das Herzstück des Lernens


Das wohl berühmteste Konzept Wygotskis ist die „Zone der nächsten Entwicklung“ (ZPD). Es ist ein genialer Gedanke, der heute das Fundament jeder modernen Pädagogik bildet. Wygotski beobachtete, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was ein Kind heute ganz allein leisten kann, und dem, was es mit ein wenig Unterstützung durch einen kompetenten Partner (einen Lehrer, ein älteres Geschwisterkind oder einen Mentor) erreichen kann.


Diese Differenz ist die Zone der nächsten Entwicklung. Wygotski war überzeugt, dass wir nicht das messen sollten, was das Kind bereits kann (das ist nur die Vergangenheit der Entwicklung), sondern das, was es mit Hilfe leisten kann – denn das ist seine Zukunft. Lernen funktioniert dann am besten, wenn wir uns genau in dieser Zone bewegen: nicht zu einfach, damit keine Langeweile aufkommt, aber auch nicht so schwer, dass Frustration entsteht. Ein guter Lehrer ist wie ein Gerüstbauer (ein Konzept, das später als „Scaffolding“ bekannt wurde): Er errichtet eine Stütze, die es dem Lernenden ermöglicht, eine Ebene höher zu bauen, als er es alleine könnte. Sobald das Kind das neue Wissen verinnerlicht hat, kann das Gerüst abgebaut werden.


Sprache als Motor des Geistes: Vom Geplapper zum Gedanken


Ein weiterer faszinierender Aspekt von Wygotskis Theorie ist das Verhältnis von Sprache und Denken. Sicher haben Sie schon einmal beobachtet, wie kleine Kinder beim Spielen laut vor sich hinsprechen: „Jetzt nehme ich den blauen Stein, dann kommt das Dach drauf...“ Piaget hielt dieses „egozentrische Sprechen“ für einen Ausdruck kindlicher Unreife. Wygotski sah das völlig anders. Für ihn war dieses laute Sprechen der Beweis dafür, dass das Kind die Sprache als Werkzeug nutzt, um sein eigenes Verhalten zu planen und seine Probleme zu lösen.


Im Laufe der Entwicklung verschwindet dieses laute Sprechen nicht einfach, sondern es wandert nach innen. Es wird zur „inneren Sprache“, zu unserem stillen Denken. Wenn wir als Erwachsene vor einer besonders kniffligen Aufgabe stehen, fangen wir manchmal wieder an, laut mit uns selbst zu reden – wir greifen in Stressmomenten auf das ursprüngliche Werkzeug zurück, um uns zu strukturieren. Sprache ist also nicht nur ein Mittel, um Gedanken nach außen zu transportieren; Sprache ist das Material, aus dem unsere Gedanken gewebt sind. Ohne die Sprache der Gesellschaft, in der wir aufwachsen, wäre unser Denken ein völlig anderes.


Ein unterdrücktes Erbe und der späte Triumph


Wygotskis Leben endete tragisch früh im Jahr 1934. In der Sowjetunion unter Stalin gerieten seine Ideen kurz nach seinem Tod in Ungnade. Seine Theorie, die so stark auf die Bedeutung der Kultur und der individuellen Vermittlung setzte, passte nicht in das starre ideologische Schema der Zeit. Seine Werke wurden verboten und verschwanden für Jahrzehnte in den Archiven. Erst in den 1960er und 70er Jahren wurden sie im Westen „wiederentdeckt“ und lösten eine Revolution in der Bildungsforschung aus.


Was Wygotski uns heute noch zu sagen hat, ist hochaktuell. In einer Welt, in der wir über künstliche Intelligenz und digitale Lernplattformen diskutieren, erinnert er uns daran, dass echtes Lernen immer ein sozialer Akt ist. Wissen wird nicht einfach übertragen wie Daten von einer Festplatte auf die andere; es wird gemeinsam konstruiert. Wygotski hat uns gezeigt, dass wir keine isolierten Inseln sind, sondern Teil eines großen, historischen Stroms von Wissen und Kultur. Er gab uns die Hoffnung, dass jeder Mensch – unabhängig von seinem Startpunkt – über sich hinauswachsen kann, solange er Menschen an seiner Seite hat, die ihm das richtige Gerüst bauen.

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