Blogverzeichnis Bloggerei.de
top of page

Watson, John Broadus

Der Mann, der die Seele abschaffte: Ein radikaler Neuanfang


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem psychologischen Labor des frühen 20. Jahrhunderts. Man bittet Sie, in sich hineinzuhören und genau zu beschreiben, welche Nuancen von "Traurigkeit" oder "Lichtempfindung" Sie gerade spüren. Für einen Mann wie John Broadus Watson war das kein seriöser Versuch, sondern reine Zeitverschwendung. Watson war der radikale Reformer, der die Psychologie von der Couch der Philosophen in die sterile Präzision des naturwissenschaftlichen Labors zerren wollte. Sein Ziel war nichts Geringeres als eine Revolution: Er wollte die "Seele" und das "Bewusstsein" aus der Psychologie streichen.


Für Watson war das Innenleben eines Menschen eine "Black Box" – ein dunkler Kasten, in den man nicht hineinsehen kann und über den man daher auch keine wissenschaftlichen Aussagen treffen sollte. Er forderte, dass sich die Psychologie ausschließlich auf das konzentriert, was man von außen beobachten, messen und zählen kann: das Verhalten. Mit seinem 1913 veröffentlichten Manifest "Psychology as the Behaviorist Views It" legte er den Grundstein für den Behaviorismus und veränderte die Art und Weise, wie wir über Lernen, Erziehung und uns selbst denken, fundamental.


Vom Rebellen zum Architekten einer neuen Wissenschaft


Der Weg zum einflussreichsten Psychologen seiner Zeit begann für Watson 1878 in einem eher schwierigen Umfeld in South Carolina. In seiner Jugend galt er als rebellisch, geriet mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt und war alles andere als ein Musterschüler. Doch hinter der rauen Fassade steckte ein brillanter Geist. Er schaffte es an die University of Chicago, wo er unter den Größen der damaligen Zeit Biologie und Physiologie studierte.


Besonders fasziniert war Watson von Tieren – vor allem von Ratten. Der Grund war simpel: Ratten können nicht reden. Sie können keine komplizierten Berichte über ihre Gefühle abgeben. Wenn man wissen will, was eine Ratte gelernt hat, muss man schauen, wie sie sich in einem Labyrinth verhält. Watson fragte sich: Warum machen wir es beim Menschen nicht genauso? Warum verlassen wir uns auf vage Beschreibungen des Bewusstseins, wenn wir doch einfach Reize setzen und die darauf folgenden Reaktionen beobachten können? Dieser Fokus auf die Reiz-Reaktions-Kette (Stimulus-Response) wurde zum Markenzeichen seines Schaffens.


Der "Kleine Albert" und die Mechanik der Angst


Watsons wohl bekanntestes – und aus heutiger Sicht ethisch höchst umstrittenes – Experiment ist das mit dem "Kleinen Albert" aus dem Jahr 1920. Watson wollte beweisen, dass menschliche Emotionen nicht etwa tiefenpsychologisch verwurzelt, sondern schlichtweg erlernt sind. Er konfrontierte den elf Monate alten Albert mit einer weißen Ratte. Zunächst zeigte das Kind keinerlei Furcht. Doch dann begann Watson, jedes Mal, wenn Albert die Ratte berühren wollte, mit einem Hammer auf eine Eisenstange zu schlagen – ein ohrenbetäubender Lärm.


Das Ergebnis war so vorhersehbar wie erschreckend: Nach nur wenigen Wiederholungen begann Albert schon beim bloßen Anblick der Ratte heftig zu weinen und wegzukriechen, selbst ohne das Geräusch. Mehr noch, die Angst generalisierte sich auf andere weiße, pelzige Objekte – sogar vor einer Weihnachtsmannmaske mit weißem Bart fürchtete sich das Kind fortan. Watson hatte demonstriert, dass man Angst "programmieren" kann. Damit lieferte er die empirische Basis für die klassische Konditionierung beim Menschen, hinterließ aber auch ein moralisches Trümmerfeld, da er Albert nie von seiner antrainierten Angst heilte.


Zwischen Madison Avenue und Kinderzimmer


Watsons akademische Karriere endete abrupt und skandalös. Eine Affäre mit seiner Assistentin Rosalie Rayner führte zu einer damals unerhörten Scheidung und seinem Rauswurf aus der Johns Hopkins University. Doch ein Mann wie Watson ließ sich nicht unterkriegen. Er wechselte in die Werbebranche – zur Agentur J. Walter Thompson – und wandte seine behavioristischen Prinzipien auf das Konsumverhalten an. Er war einer der Ersten, die erkannten, dass man Produkte nicht über rationale Argumente verkauft, sondern über die emotionale Konditionierung der Käufer. Ob Promi-Werbung oder die Einführung der "Kaffeepause" als rituelles Konsummuster – Watsons Handschrift ist in der modernen Marketingwelt bis heute omnipräsent.


Parallel dazu widmete er sich der Erziehung. In seinem Bestseller "Psychological Care of Infant and Child" vertrat er eine extrem distanzierte, fast mechanische Erziehungsmethode. Er warnte Eltern vor "zu viel Liebe" und körperlicher Nähe, da dies die Kinder verweichliche. Man solle sie wie kleine Erwachsene behandeln, kühl und objektiv. Diese Ansichten prägten Generationen von Eltern und führten paradoxerweise in seiner eigenen Familie zu tiefen emotionalen Narben, wie seine Kinder später berichteten. Watson war so überzeugt von der Formbarkeit des Menschen, dass er berühmt für sein Zitat wurde, man könne ihm ein Dutzend gesunder Kinder geben, und er könne aus jedem einzelnen durch reines Training wahlweise einen Arzt, einen Richter oder einen Dieb machen – unabhängig von deren Talenten oder Neigungen.


Das Erbe: Die Psychologie als exakte Wissenschaft


John B. Watson war eine polarisierende Figur: arrogant, kompromisslos und oft blind für die Nuancen der menschlichen Existenz. Doch sein Einfluss auf die Psychologie kann kaum überschätzt werden. Er war es, der das Fach von subjektiven Spekulationen befreite und den Weg für eine objektive, experimentelle Forschung ebnete. Ohne seinen radikalen Fokus auf das beobachtbare Verhalten hätten spätere Forscher wie B.F. Skinner den Behaviorismus nicht weiterentwickeln können, und auch die moderne Verhaltenstherapie würde heute anders aussehen.


Auch wenn wir heute wissen, dass der Mensch weit mehr ist als eine bloße Ansammlung von Reflexen und dass Gedanken und Gefühle eben doch eine entscheidende Rolle spielen, bleibt Watsons Erbe bestehen. Er lehrte uns, dass Verhalten durch die Umwelt geformt wird und dass wir lernen können, auf neue Reize anders zu reagieren. Er machte die Psychologie zu einer Wissenschaft, die nicht nur die Welt erklären, sondern sie durch die Vorhersage und Kontrolle von Verhalten auch verändern wollte. Watson hat die Seele vielleicht aus der Psychologie vertrieben, aber er hat ihr dafür ein stabiles, wissenschaftliches Fundament gegeben, auf dem sie bis heute steht.

bottom of page