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Wertheimer, Max

Der Mann, der das Ganze sah


Sie sitzen im Kino. Auf der Leinwand sehen Sie eine packende Verfolgungsjagd. Autos rasen um die Kurve, Reifen quietschen, Menschen bewegen sich flüssig und dynamisch. Doch wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind und die physikalische Realität betrachten, passiert dort eigentlich gar nichts dergleichen. In Wirklichkeit starrt Ihr Auge auf eine extrem schnelle Abfolge von statischen Einzelbildern – 24 pro Sekunde. Es gibt keine echte Bewegung auf der Leinwand, nur ein Nacheinander von Stillstand. Warum also „sieht“ unser Gehirn eine fließende Handlung? Warum können wir gar nicht anders, als die Bewegung als real wahrzunehmen?


Genau diese Frage stellte sich im Jahr 1910 ein junger Psychologe namens Max Wertheimer während einer Zugfahrt von Wien nach Frankfurt. Diese Reise sollte die Geburtsstunde einer der einflussreichsten Strömungen der modernen Psychologie werden: der Gestaltpsychologie. Wertheimer war davon überzeugt, dass unser Geist nicht einfach nur kleine Sinnesfetzen wie Puzzleteile zusammensetzt, sondern dass die Wahrnehmung von Anfang an Strukturen und Ganzeinheiten schafft. Sein Credo, das oft (leicht unpräzise) zitiert wird, lautet: Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile. Wertheimer lehrte uns, dass wir die Welt nicht als Pixelhaufen wahrnehmen, sondern als sinnhafte Gestalten.


Ein Geistesblitz im Schlafwagen: Das Phi-Phänomen


Max Wertheimer, 1880 in Prag geboren, war ein klassischer Intellektueller des alten Mitteleuropas. Er war hochmusikalisch, philosophisch gebildet und tief neugierig. Nach seinem Studium in Prag, Berlin und Würzburg (unter dem berühmten Oswald Külpe) war er auf der Suche nach einem Thema, das die damalige Psychologie aus ihren Angeln heben sollte. Zu jener Zeit herrschte der „Elementarismus“ vor – die Idee, dass man das Bewusstsein verstehen könne, indem man es in seine kleinsten Bestandteile zerlegt, so wie man eine chemische Verbindung analysiert.


Doch während jener legendären Zugfahrt stieg Wertheimer spontan in Frankfurt aus, kaufte sich ein Spielzeug-Stroboskop und begann in einem Hotelzimmer zu experimentieren. Er untersuchte, was passiert, wenn zwei Lichtpunkte in kurzem zeitlichem Abstand nacheinander aufleuchten. Wenn das Intervall genau richtig ist (etwa 60 Millisekunden), sehen wir nicht zwei blinkende Punkte, sondern einen einzigen Punkt, der von A nach B wandert.


Wertheimer nannte dies das Phi-Phänomen. Der Clou dabei: Die Bewegung ist eine psychische Realität, obwohl sie physikalisch nicht existiert. Er bewies damit, dass die Wahrnehmung keine bloße Kopie der Außenwelt ist, sondern eine aktive Leistung des Gehirns, das Informationen sofort in eine „Gute Gestalt“ bringt. Bewegung wird nicht „erschlossen“, sie wird unmittelbar erlebt. Damit war der Grundstein für die Frankfurter Schule der Gestaltpsychologie gelegt, die er später zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Köhler und Kurt Koffka weltberühmt machen sollte.


Die Grammatik des Sehens: Die Gestaltgesetze


Wenn Wertheimer recht hatte und unser Gehirn ständig Strukturen bildet, muss es dabei Regeln folgen. Warum sehen wir in einer Wolke ein Gesicht oder in einer Ansammlung von Sternen einen Bären? Wertheimer formulierte daraufhin die Gestaltgesetze, die bis heute das Fundament für Grafikdesign, Architektur und natürlich die Wahrnehmungspsychologie bilden.


Eines der bekanntesten ist das Gesetz der Nähe: Dinge, die räumlich nah beieinander liegen, werden von uns automatisch als zusammengehörig wahrgenommen. Ein weiteres ist das Gesetz der Ähnlichkeit: Wir gruppieren Objekte, die sich in Farbe oder Form gleichen, instinktiv zu einer Einheit. Dann gibt es das Gesetz der Geschlossenheit, das erklärt, warum unser Gehirn fehlende Linien in einer Zeichnung einfach „ergänzt“, um eine vollständige Figur zu sehen.


Diese Gesetze sind keine bloßen Spielereien. Sie sind Überlebensmechanismen. In einer komplexen, chaotischen Umwelt hilft uns die Tendenz zur „Prägnanz“ – also die Suche nach der einfachsten, stabilsten und am besten organisierten Form –, sofort das Wesentliche zu erkennen: den Räuber im Gebüsch oder die rettende Tür im brennenden Haus. Wertheimer zeigte, dass Ordnung keine Erfindung des Menschen ist, die wir der Welt überstülpen, sondern ein tief verwurzeltes Prinzip unserer Neurobiologie.


Denken als schöpferischer Akt: Produktives Denken


Wertheimers Interesse endete jedoch nicht bei der Frage, wie wir Punkte und Linien sehen. Er wollte wissen: Wie lösen wir Probleme? Wie entsteht ein „Aha-Erlebnis“? In seinem Spätwerk „Productive Thinking“ (Produktives Denken) untersuchte er den Prozess des menschlichen Erkenntnisgewinns. Er unterschied scharf zwischen dem bloßen Auswendiglernen (reproduktives Denken) und echtem Verständnis (produktives Denken).


Für Wertheimer war Denken ein Prozess der Umstrukturierung. Ein Problem zu lösen bedeutet, die Bestandteile einer Situation so lange geistig hin- und herzuwenden, bis sie eine neue, sinnvolle Gestalt annehmen – bis es „Klick“ macht. Er beschrieb dies wunderbar anhand von Beispielen aus der Geometrie oder durch seine Gespräche mit seinem engen Freund Albert Einstein. Wertheimer analysierte, wie Einstein zur Relativitätstheorie gelangte, und stellte fest, dass es nicht durch das Anhäufen von Formeln geschah, sondern durch eine radikale Neuanordnung von Begriffen wie Zeit und Raum.


Echtes Lernen bedeutet nach Wertheimer nicht, eine Formel zu pauken, sondern die innere Struktur eines Problems zu begreifen. Wer versteht, warum der Flächeninhalt eines Parallelogramms so berechnet wird, wie er berechnet wird, muss die Formel nie wieder auswendig lernen – er kann sie „sehen“.


Vertreibung und das Erbe in der Fremde


Die Blütezeit der Gestaltpsychologie in Berlin endete jäh mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Max Wertheimer, der jüdischer Herkunft war, erkannte die Gefahr sehr früh. Bereits 1933 emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Dort wurde er zu einem der Gründerväter der „University in Exile“ an der New School for Social Research in New York.


In den USA traf seine ganzheitliche Sichtweise auf den dort dominierenden Behaviorismus – eine Psychologie, die den Menschen als eine Art Blackbox betrachtete, die lediglich auf Reize reagiert. Wertheimer brachte eine dringend benötigte Prise Humanismus und kognitive Tiefe in die amerikanische Forschungslandschaft. Er betonte, dass man den Menschen nicht verstehen kann, wenn man nur seine Reflexe zählt; man muss seine Art und Weise verstehen, Sinn zu stiften.


Obwohl er 1943 in New York verstarb, wirkt sein Erbe in unzähligen Disziplinen fort. Die moderne Kognitionswissenschaft wäre ohne seine Vorarbeit undenkbar. In der Gestalttherapie (begründet von Fritz Perls, der viele Ideen Wertheimers übernahm) geht es darum, dass der Patient seine zerstückelte Lebensgeschichte wieder zu einer sinnvollen, handlungsfähigen „Gestalt“ zusammenfügt. Sogar in der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und Computer Vision greifen Programmierer heute auf Wertheimers Gesetze zurück, um Maschinen beizubringen, Objekte in Bildern als zusammenhängende Einheiten zu erkennen.


Warum Wertheimer heute noch wichtig ist


In einer Zeit, in der wir dazu neigen, alles in immer kleinere Datenpunkte zu zerlegen – Stichwort Big Data und algorithmische Analyse –, erinnert uns Max Wertheimer an die Bedeutung des Kontextes. Er lehrte uns, dass Information ohne Struktur wertlos ist. Er war ein Optimist des Geistes, der fest daran glaubte, dass der Mensch von Natur aus nach Wahrheit, Klarheit und Sinn strebt.


Wenn wir heute von „Ganzheitlichkeit“ sprechen, sei es in der Medizin, der Ökologie oder der Psychologie, dann schwingt darin immer ein Stück von Wertheimers Geist mit. Er hat uns die Augen dafür geöffnet, dass wir nicht nur passive Empfänger von Lichtwellen und Schallwellen sind. Wir sind die Schöpfer unserer Wahrnehmungswelt. Wir sehen nicht das, was da ist – wir sehen das, was wir daraus machen.

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