Systemische Ansätze

Der Mensch als Teil eines großen Mobiles
Stellen Sie sich ein Mobile vor, das über einem Kinderbett schwebt. Es besteht aus vielen verschiedenen Elementen – bunten Vögeln, Sternen und Monden –, die alle über feine Fäden miteinander verbunden sind. Wenn Sie nun einen der Vögel anstupsen, was passiert? Nicht nur dieser eine Vogel bewegt sich. Das gesamte Gebilde gerät in Schwingung. Die Sterne fangen an zu tanzen, der Mond schwankt, und nach einer Weile pegelt sich das gesamte System auf eine neue Art und Weise wieder ein. Genau dieses Bild ist der Schlüssel zum Verständnis systemischer Ansätze in der Psychologie. Während andere Schulen den Fokus fast ausschließlich auf das Innere eines Menschen richten – seine Triebe, seine Kindheit oder seine neuronalen Verschaltungen –, tritt der Systemiker einen Schritt zurück. Er schaut nicht nur auf den „Vogel“, der gerade zappelt, sondern auf die Fäden, die ihn mit den anderen Elementen verbinden. In der systemischen Sichtweise ist ein Mensch niemals eine isolierte Insel; er ist immer Teil eines Systems, sei es die Familie, das Arbeitsteam oder die Gesellschaft. Probleme werden hier nicht als Defekte eines Individuums gesehen, sondern als Ausdruck von Dynamiken innerhalb dieses Beziehungsgeflechts.
Von der Kybernetik zur Kommunikation: Die Wurzeln
Die Entstehung der systemischen Ansätze in der Mitte des 20. Jahrhunderts war eine interdisziplinäre Meisterleistung. Es war nicht allein die Psychologie, die hier Pate stand. Vielmehr bediente man sich bei der Biologie, der Soziologie und vor allem der Kybernetik – der Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Systemen. In den 1950er-Jahren traf sich in Palo Alto, Kalifornien, eine Gruppe von Querdenkern um den Anthropologen Gregory Bateson. Sie begannen, menschliche Kommunikation wie einen Regelkreis zu untersuchen. Ihr bahnbrechender Gedanke: Psychische Störungen, insbesondere die Schizophrenie, könnten eine Reaktion auf paradoxe Kommunikationsmuster innerhalb der Familie sein.
Paul Watzlawick, ein prominentes Mitglied dieser Gruppe, prägte später Sätze, die heute zum psychologischen Allgemeingut gehören, wie etwa: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Diese frühen Systemiker begriffen, dass Information das Blut des Systems ist. Wenn die Kommunikation „krank“ ist, reagiert das System mit Symptomen. Später flossen die Ideen des Soziologen Niklas Luhmann ein, der Systeme als autopoietisch beschrieb – also als Einheiten, die sich selbst erhalten und nach eigenen Regeln organisieren. Das war ein radikaler Bruch mit der klassischen Vorstellung von Ursache und Wirkung. In einem System gibt es kein einfaches „A verursacht B“. Alles wirkt auf alles zurück.
Das Menschenbild: Autonomie und Lösungsbegabung
Das Menschenbild der systemischen Ansätze ist geprägt von tiefem Respekt vor der Autonomie des Einzelnen. Man geht davon aus, dass jedes System – also auch jeder Mensch und jede Familie – über alle Ressourcen verfügt, die es zur Lösung seiner Probleme benötigt. Der Therapeut oder Berater ist hier nicht der allwissende Experte, der dem Klienten sagt, was „falsch“ an ihm ist. Stattdessen versteht er sich als ein Begleiter, der durch geschickte Impulse von außen die Selbstorganisation des Systems anregt.
Ein zentraler Begriff ist die „Neutralität“. Der Systemiker schlägt sich nicht auf eine Seite, er bewertet nicht nach „gut“ oder „böse“, „gesund“ oder „krank“. Er fragt stattdessen nach der Funktion. Wenn ein Kind in der Schule stört, fragt der systemische Ansatz nicht: „Was stimmt mit dem Kind nicht?“, sondern: „Welchen Nutzen hat dieses Verhalten für das Familiensystem?“. Vielleicht lenkt das störende Verhalten die Eltern von ihrem eigenen Paarkonflikt ab und hält so die Familie zusammen. Das Symptom wird somit als ein (unbewusster) Lösungsversuch gewürdigt. Diese wertschätzende Haltung ist ein Kernmerkmal des systemischen Arbeitens.
Zentrale Konzepte: Zirkularität und Reframing
Eines der wichtigsten Konzepte, um die Welt systemisch zu verstehen, ist die Zirkularität. In linearen Denkmodellen sagen wir: „Er trinkt, weil sie schimpft.“ Die systemische Sichtweise schließt den Kreis: „Er trinkt, weil sie schimpft – und sie schimpft, weil er trinkt.“ Es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur einen Teufelskreis aus gegenseitigen Verstärkungen. Um solche Kreise zu durchbrechen, nutzen Systemiker das „Reframing“ (Umdeutung). Dabei wird einem Verhalten ein neuer Rahmen gegeben. Wenn ein Jugendlicher extrem rebelliert, könnte man das als „unerträgliche Respektlosigkeit“ rahmen – oder systemisch als „kraftvolles Streben nach Autonomie und Reife“. Diese neue Sichtweise verändert nicht die Tatsachen, aber sie verändert die Reaktion der Umwelt und eröffnet so neue Handlungsspielräume.
Ein weiteres mächtiges Werkzeug sind die systemischen Fragen. Besonders bekannt ist die „Zirkuläre Frage“: „Was glauben Sie, was Ihre Frau denkt, wenn Sie so schweigen?“. Solche Fragen zwingen die Beteiligten, die Perspektive zu wechseln und Informationen über die Beziehungen im System zu generieren. Auch die „Wunderfrage“ von Steve de Shazer ist legendär: „Stellen Sie sich vor, über Nacht geschieht ein Wunder und Ihr Problem ist gelöst. Woran würden Sie es am nächsten Morgen als Erstes merken?“. Hier wird der Fokus radikal weg vom Problem und hin zur erwünschten Zukunft gelenkt.
Die Methoden: Sichtbarmachen, was zwischen uns liegt
Systemische Ansätze arbeiten oft sehr anschaulich. Eine der bekanntesten Methoden ist die Familienaufstellung oder die Arbeit mit dem Familienbrett. Hierbei werden Symbole oder Personen stellvertretend für Familienmitglieder im Raum angeordnet. Die räumliche Distanz, die Blickrichtungen und die Nähe machen Beziehungsstrukturen auf einen Schlag sichtbar, die man mit Worten kaum beschreiben könnte. Plötzlich wird klar: „Oh, ich stehe ja ganz weit weg von meinem Partner, aber ganz nah bei meiner Mutter.“
Auch das Genogramm ist ein Standardwerkzeug. Es ist eine Art erweiterter Stammbaum, der nicht nur Geburtsdaten, sondern auch Beziehungsmuster, Krankheiten und „Vermächtnisse“ über mehrere Generationen hinweg darstellt. Oft zeigt sich dabei, dass aktuelle Probleme die Wiederholung von Themen sind, die schon Großeltern oder Urgroßeltern beschäftigt haben. Durch das Sichtbarmachen dieser unsichtbaren Fäden erhält das Individuum die Freiheit, sich bewusst für oder gegen die Fortführung solcher Traditionen zu entscheiden.
Abgrenzung: Wo steht der Systemiker?
Im Vergleich zur Psychoanalyse, die tief in die Vergangenheit und das Unbewusste eintaucht, ist der systemische Ansatz deutlich gegenwarts- und zukunftsorientiert. Er gräbt nicht nach dem „Warum“ in der frühen Kindheit, sondern fragt nach dem „Wie“ im aktuellen Miteinander. Während der Behaviorismus den Menschen als lernendes Wesen sieht, das auf Belohnung und Bestrafung reagiert, betont der systemische Ansatz, dass Reize von außen durch das System immer erst eigenlogisch interpretiert werden.
Ein Systemiker würde sagen: Man kann einen Hund nicht „instruieren“ zu wedeln; man kann ihm nur ein Umfeld bieten, in dem er von sich aus wedelt. Die größte Abgrenzung liegt jedoch im Fokus: Die klassische Psychologie ist „individuumzentriert“, die systemische Psychologie ist „beziehungsorientiert“. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Praxis: In der systemischen Therapie sitzen oft ganze Familien oder Paare im Raum, weil man davon ausgeht, dass die Veränderung eines Einzelnen ohne die Einbeziehung des Systems oft zum Scheitern verurteilt ist (der sogenannte „Heimkehrer-Effekt“).
Kritik und moderne Relevanz
Kritiker werfen systemischen Ansätzen manchmal vor, sie seien zu oberflächlich, weil sie die individuelle Leidensgeschichte und tiefenpsychologische Prozesse vernachlässigen könnten. Auch die philosophische Nähe zum Konstruktivismus – der Idee, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern jeder seine eigene Realität konstruiert – führt manchmal zu Vorwürfen der Beliebigkeit. Wenn „alles nur eine Frage der Perspektive“ ist, wo bleibt dann die Verantwortung?
Dennoch ist der Siegeszug der systemischen Ansätze nicht aufzuhalten. In Deutschland ist die systemische Therapie seit 2008 wissenschaftlich anerkannt und seit 2018 auch eine Kassenleistung für Erwachsene. Ihr Einfluss reicht weit über die Therapie hinaus. Im modernen Management ist systemisches Coaching der Goldstandard für Führungskräfteentwicklung. In der Organisationsberatung hilft das systemische Denken dabei, komplexe Firmenstrukturen zu verstehen und Veränderungsprozesse (Change Management) so zu gestalten, dass sie nicht am Widerstand der Belegschaft scheitern. Die Erkenntnis, dass wir alle Teil vernetzter Strukturen sind, ist in einer globalisierten, hochkomplexen Welt aktueller denn je. Der systemische Ansatz bietet uns die Brille an, mit der wir die Komplexität nicht nur aushalten, sondern aktiv und wertschätzend gestalten können.



