Bobo-Doll-Experiment

Das Ende des „leeren Blattes“
Stellen Sie sich vor, Sie beobachten ein Kind beim Spielen. Es schnappt sich ein Spielzeugtelefon und führt ein täuschend echtes Gespräch, inklusive der exakt gleichen Handbewegungen, die Sie morgens beim Telefonieren machen. Wir finden das meistens niedlich und verbuchen es unter „Nachahmungstrieb“. Doch hinter dieser simplen Beobachtung verbirgt sich eine der fundamentalsten Erkenntnisse der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Bevor Albert Bandura im Jahr 1961 die Bühne der Wissenschaft betrat, herrschte eine ganz andere Vorstellung davon, wie wir Menschen lernen. Die dominierende Strömung war der Behaviorismus: Man glaubte, Lernen funktioniere ausschließlich über Belohnung und Bestrafung. Ein Kind lernt demnach nur dann, nicht auf die Herdplatte zu fassen, wenn es sich einmal die Finger verbrannt hat (Bestrafung) oder wenn es für vorsichtiges Verhalten ein Lob bekommt (Belohnung). Bandura aber hatte eine radikale Vermutung: Wir lernen einen Großteil unseres Verhaltens einfach nur durch Zuschauen. Sein Bobo-Doll-Experiment sollte diese These untermauern und gleichzeitig eine hitzige Debatte über die Vorbildfunktion von Erwachsenen und Medien auslösen.
Der Versuchsaufbau: Ein ungleicher Kampf im Spielzimmer
Für sein Experiment suchte sich Bandura 72 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren aus dem Kindergarten der Stanford University. Der Aufbau war so simpel wie genial. Die Kinder wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe beobachtete einen Erwachsenen (das „Modell“), der sich gegenüber einer sogenannten „Bobo Doll“ extrem aggressiv verhielt. Die Bobo Doll war eine etwa 1,50 Meter große, aufblasbare Plastikpuppe mit einem Gewicht im Boden, sodass sie immer wieder aufstand, wenn man sie umstieß – ein klassisches Stehaufmännchen.
Das Modell setzte sich in diesem Raum nicht einfach nur zur Wehr, sondern agierte geradezu filmreif gewalttätig: Die Puppe wurde mit einem Holzhammer geschlagen, in die Luft geworfen, getreten und mit verbalen Beschimpfungen wie „Hau ihn um!“ oder „Kick ihn!“ bedacht. Die zweite Gruppe sah einen Erwachsenen, der völlig friedlich mit anderen Spielsachen spielte und die Puppe ignorierte. Die dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe und sah überhaupt kein Modell.
Um sicherzustellen, dass die Kinder auch wirklich einen Grund hatten, später aktiv zu werden, baute Bandura eine geschickte psychologische Hürde ein: Bevor die Kinder allein in das Zimmer mit der Bobo Doll durften, wurden sie künstlich frustriert. Man ließ sie kurz mit besonders tollem Spielzeug spielen und nahm es ihnen dann mit der Begründung weg, es sei für andere Kinder reserviert. Mit dieser Portion aufgestauter Wut im Bauch wurden sie schließlich in den Raum mit der Bobo Doll gelassen, in dem auch der Hammer und die anderen Utensilien des Modells bereitlagen.
Wenn Zuschauen zum Handeln führt: Die Ergebnisse
Was Bandura dann durch einen Einwegspiegel beobachtete, veränderte die Pädagogik nachhaltig. Die Kinder, die zuvor das aggressive Modell gesehen hatten, zeigten ein signifikant höheres Maß an Gewalt gegenüber der Puppe. Sie kopierten dabei nicht nur vage die aggressive Stimmung, sondern imitierten exakt die Handlungen und Worte, die sie zuvor beobachtet hatten. Sie schwangen den Hammer, traten die Puppe und riefen dieselben Phrasen. Die Kinder der anderen Gruppen verhielten sich hingegen wesentlich friedlicher.
Besonders spannend war der feine Unterschied zwischen den Geschlechtern. Jungen reagierten insgesamt physisch aggressiver als Mädchen, vor allem wenn sie ein männliches Vorbild beobachtet hatten. Bei der verbalen Aggression gab es hingegen kaum Unterschiede. Bandura konnte zeigen, dass Lernen ein kognitiver Prozess ist, der in einem sozialen Kontext stattfindet. Das Kind speichert das Verhalten des Modells ab (Akquisition) und ruft es bei Bedarf ab (Performanz) – und zwar ganz ohne, dass es selbst jemals für dieses Verhalten belohnt oder bestraft wurde. Er nannte dieses Phänomen das Lernen am Modell oder auch Beobachtungslernen.
Die Geburtsstunde der Sozialkognitiven Lerntheorie
Die Studie war der Todesstoß für den reinen Behaviorismus. Bandura bewies, dass wir keine passiven Maschinen sind, die nur auf Reize reagieren. Wir sind Beobachter, die Informationen interpretieren und bewerten. In späteren Erweiterungen des Experiments zeigte Bandura zudem, dass es eine Rolle spielt, ob das Vorbild für seine Aggression im Film belohnt oder bestraft wurde. Wurde das Modell gescholten, sank die Neigung der Kinder, das Verhalten zu kopieren – aber sie hatten es trotzdem gelernt! Wenn man den Kindern nämlich später eine Belohnung versprach, falls sie das Verhalten des Modells nachahmen könnten, taten sie es prompt und fehlerfrei.
Daraus folgerte Bandura, dass wir ständig lernen, aber nicht alles Gelernte sofort zeigen. Wir filtern unsere Handlungen durch die Erwartung von Konsequenzen. Diese Erkenntnis bildet das Fundament der Sozialkognitiven Lerntheorie. Sie besagt, dass menschliches Verhalten ein Wechselspiel aus Umweltfaktoren, persönlichen Überzeugungen und dem Verhalten selbst ist. Ein zentraler Begriff ist hierbei die Selbstwirksamkeit: Der Glaube daran, dass man durch eigenes Handeln Ziele erreichen kann – ein Konzept, das heute in der Psychotherapie und im Coaching unverzichtbar ist.
Ethik und die ewige Debatte um Mediengewalt
Trotz seines Ruhms ist das Bobo-Doll-Experiment ethisch nicht unumstritten. Kritiker werfen Bandura vor, er habe Kinder absichtlich manipuliert und ihnen aggressives Verhalten beigebracht, ohne die langfristigen Folgen für ihre Psyche zu berücksichtigen. Auch die „Künstlichkeit“ der Situation wurde bemängelt: Eine Plastikpuppe ist kein Mensch, und das Schlagen eines Spielzeugs ist nicht dasselbe wie ein Angriff auf eine Person. Dennoch lässt sich die Korrelation kaum leugnen.
Das Experiment befeuerte zudem eine Debatte, die uns bis heute begleitet: Der Einfluss von Gewalt in den Medien. Wenn Kinder durch bloßes Zuschauen lernen, was bedeutet es dann für eine Gesellschaft, wenn Gewalt in Filmen, Nachrichten oder Videospielen allgegenwärtig ist? Bandura selbst war überzeugt, dass die Gesellschaft eine große Verantwortung trägt, welche Modelle sie Kindern präsentiert. Seine Forschung war ein Weckruf für Eltern, Lehrer und politische Entscheidungsträger gleichermaßen: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Kinder nur das tun, was wir ihnen sagen – sie werden unweigerlich das tun, was wir ihnen vorleben.
Ein Spiegel für unser tägliches Handeln
Die Quintessenz aus Banduras Arbeit ist ebenso simpel wie fordernd: Wir sind alle Modelle, ob wir wollen oder nicht. Jedes Mal, wenn wir im Stau fluchen, bei einem Streit laut werden oder respektlos über andere sprechen, liefern wir potenzielles Lernmaterial für die nächste Generation. Das Bobo-Doll-Experiment nimmt uns die Illusion, dass Erziehung nur in den Momenten stattfindet, in denen wir aktiv „belehren“.
In einer Welt, die durch soziale Medien und ständige Sichtbarkeit geprägt ist, ist Banduras Erkenntnis aktueller denn je. Wir lernen nicht im luftleeren Raum, sondern in einem dichten Netz aus Vorbildern. Das Wissen um das Modelllernen gibt uns aber auch eine mächtige Ressource an die Hand: Wir können prosoziales Verhalten, Empathie und konstruktive Konfliktlösung ebenso effektiv vorleben, wie es die Modelle im Labor mit der Gewalt taten. Am Ende ist das Gehirn des Kindes vielleicht kein leeres Blatt, aber ein extrem aufmerksamer Spiegel.



