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Festingers Dissonanztheorie

Ein Dollar für eine Lüge: Wenn der Verstand sich biegt


Stellen Sie sich vor, Sie verbringen eine volle Stunde mit einer der langweiligsten Aufgaben, die man sich vorstellen kann. Sie sitzen an einem Tisch und müssen mit einer Hand Holzspulen auf ein Tablett legen, sie wieder herunternehmen und dann erneut auflegen. Danach drehen Sie quadratische Holzklötze jeweils um eine Vierteldrehung – immer und immer wieder. Es ist monoton, es ist geisttötend, es ist absolut sinnfrei.


Genau das ließen Leon Festinger und James M. Carlsmith ihre Probanden im Jahr 1959 an der Stanford University tun. Doch der eigentliche Kern des Experiments begann erst, als die Arbeit getan war. Die Forscher baten die Teilnehmer um einen Gefallen: Sie sollten dem nächsten Probanden, der draußen wartete, erzählen, dass die Aufgabe unglaublich spannend, lustig und lehrreich gewesen sei. Man bot ihnen dafür eine Belohnung an. Einer Gruppe gab man 20 Dollar (was damals eine beachtliche Summe war), der anderen Gruppe gab man lediglich einen mickrigen Dollar.


Was glauben Sie, wer am Ende wirklich davon überzeugt war, dass die Aufgabe Spaß gemacht hat? Die Logik würde sagen: Diejenigen, die mehr Geld bekamen. Doch das Ergebnis war genau umgekehrt. Und genau hier liegt die Geburtsstunde einer der einflussreichsten Theorien der Psychologie: der kognitiven Dissonanz.


Die Langeweile als Versuchsaufbau


Um zu verstehen, warum dieses Experiment die Psychologie revolutionierte, muss man sich die damalige Zeit ansehen. In den 1950er Jahren herrschte der Behaviorismus vor. Man glaubte, Menschen funktionierten wie einfache Maschinen: Große Belohnung führt zu großer Motivation und starker Lerneffekt. Festinger jedoch vermutete, dass in unserem Kopf etwas viel Komplexeres passiert. Er postulierte, dass wir ein tiefes Bedürfnis nach innerer Konsistenz haben. Wenn unsere Überzeugungen, Gefühle und Handlungen nicht zusammenpassen, entsteht ein unangenehmer Spannungszustand – die kognitive Dissonanz.


Im Experiment erzeugte Festinger diesen Zustand künstlich. Die Probanden wussten: „Die Aufgabe war sterbenslangweilig“ (Kognition 1). Gleichzeitig sagten sie: „Die Aufgabe war toll“ (Verhalten/Kognition 2). Diese beiden Informationen passen nicht zusammen. Es knirscht im Gebälk der Psyche. Um dieses unangenehme Gefühl loszuwerden, muss der Mensch eine der beiden Seiten anpassen.


Das Paradox der Belohnung: Weniger ist mehr


Hier kommt der geniale Kniff der Studie ins Spiel. Die Teilnehmer, die 20 Dollar erhielten, hatten eine perfekte Rechtfertigung für ihre Lüge. Sie konnten sich sagen: „Ich habe zwar gelogen, aber ich habe es für viel Geld getan.“ Die Dissonanz war gering, weil die Belohnung als Brücke fungierte. Sie konnten bei ihrer inneren Überzeugung bleiben, dass die Aufgabe langweilig war, und die Lüge einfach als „Job“ abhaken.


Die Teilnehmer der 1-Dollar-Gruppe hatten dieses Glück nicht. Ein Dollar war selbst 1959 zu wenig, um eine glatte Lüge vor sich selbst zu rechtfertigen. Sie gerieten in Erklärungsnot: „Ich bin ein ehrlicher Mensch, ich lüge nicht für einen läppischen Dollar. Wenn ich aber gesagt habe, dass es Spaß macht, dann... nun ja, dann muss es wohl tatsächlich ein bisschen Spaß gemacht haben!“


Um die Dissonanz aufzulösen, änderten sie nicht ihr Verhalten (das war ja bereits geschehen), sondern ihre Einstellung. Sie redeten sich die Aufgabe im Nachhinein schön, um ihr Selbstbild als ehrliche Person zu retten. Bei der abschließenden Befragung gaben sie konsistent an, die Holzklötze seien eigentlich ganz interessant gewesen. Sie hatten sich selbst überzeugt, um die Spannung in ihrem Kopf zu beenden.


Der Mechanismus dahinter: Das Gehirn als Harmonie-Junkie


Festingers Theorie besagt, dass wir drei Wege haben, um Dissonanz zu reduzieren. Erstens können wir unser Verhalten ändern – das ist oft am anstrengendsten (z. B. mit dem Rauchen aufhören). Zweitens können wir die dissonante Kognition herunterspielen (z. B. „Mein Opa hat auch geraucht und wurde 90“). Oder drittens: Wir fügen neue, konsonante Informationen hinzu, die das Ganze rechtfertigen.


Das Experiment von 1959 illustriert den sogenannten Effekt der „unzureichenden Rechtfertigung“. Es ist eine psychologische Ironie: Je geringer der äußere Anreiz für ein Verhalten ist, das unseren Überzeugungen widerspricht, desto stärker müssen wir unsere innere Einstellung ändern, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Wenn wir gezwungen werden, etwas zu tun, bleiben wir innerlich oft bei unserer Meinung. Wenn wir es aber „freiwillig“ für eine kleine Belohnung tun, fangen wir an, das Getane wirklich zu glauben.


Von der Theorie zum Alltag


Die Tragweite dieser Entdeckung ist kaum zu überschätzen. Sie erklärt, warum wir uns nach einem teuren Fehlkauf (z. B. ein Auto, das ständig in der Werkstatt steht) die Vorteile des Wagens so lange schönreden, bis wir den Kauf nicht mehr bereuen. Wir wollen nicht als „jemand, der sein Geld verschwendet“ dastehen.


Auch in der Politik oder bei religiösen Gemeinschaften spielt Dissonanz eine Schlüsselrolle. Festinger selbst untersuchte eine Sekte, die den Weltuntergang vorhersagte. Als die Welt nicht unterging, lösten die Anhänger die massive Dissonanz nicht etwa durch Austritt auf. Stattdessen behaupteten sie, ihr Gebet habe die Welt gerettet – eine neue Information, die ihr bisheriges Verhalten (alles aufgeben für die Sekte) wieder sinnvoll erscheinen ließ. Dissonanzreduktion ist also oft ein Mechanismus der Selbsttäuschung, der uns hilft, in einer komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben, ohne ständig an Selbstzweifeln zu zerbrechen.


Ein kritischer Blick auf das Modell


Heute wissen wir, dass kognitive Dissonanz nicht bei jedem Menschen und in jeder Situation gleich stark auftritt. Faktoren wie das Selbstwertgefühl oder die Kultur spielen eine Rolle. Menschen mit einem sehr stabilen Selbstbild halten Widersprüche manchmal besser aus, während andere sofort in Rechtfertigungsnot geraten. Dennoch bleibt Festingers Studie ein Meilenstein, weil sie zeigte, dass der Mensch kein rein rationales Wesen ist, sondern ein rationalisierendes. Wir suchen nicht nach der Wahrheit, sondern nach der Bestätigung, dass wir kluge und moralisch handelnde Individuen sind.


Das Experiment lehrt uns eine gesunde Skepsis gegenüber unseren eigenen Meinungen. Wenn Sie sich das nächste Mal dabei ertappen, wie Sie leidenschaftlich etwas verteidigen, das Sie eigentlich erst vor kurzem abgelehnt haben, halten Sie kurz inne. Fragen Sie sich: Glaube ich das wirklich, oder versucht mein Gehirn nur gerade, einen „psychologischen Dollar“ zu rechtfertigen?

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