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Little-Albert-Experiment

Von Ratten und Reflexen: Eine Reise in die Anfänge des Behaviorismus


Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 1920. An der Johns Hopkins University herrscht eine Aufbruchstimmung in der Psychologie. Während die Psychoanalyse tief in der dunklen, unbewussten Seele kramt, will ein Mann die Psychologie zu einer harten, messbaren Naturwissenschaft machen: John B. Watson. Er ist überzeugt, dass wir Menschen das Ergebnis unserer Umwelt sind – kleine Maschinen, die auf Reize reagieren. Um seine radikale Theorie zu beweisen, dass sogar unsere tiefsten Emotionen wie Angst lediglich antrainierte Reaktionen sind, startet er zusammen mit seiner Assistentin Rosalie Rayner ein Experiment, das heute als eines der berüchtigtsten Kapitel der Wissenschaftsgeschichte gilt. Im Zentrum steht ein neun Monate altes Baby, das die Welt als „Little Albert“ kennenlernen wird.


Watson wollte demonstrieren, dass man einem Menschen Angst vor fast allem beibringen kann, solange man die richtigen Reize kombiniert. Bis zu diesem Zeitpunkt war Albert ein außergewöhnlich ruhiges, fast schon stoisches Kind, das kaum weinte und keine Angst vor Tieren oder Gegenständen zeigte. Er spielte fröhlich mit einer weißen Ratte, einem Kaninchen und sogar einem Affen. Er war die perfekte „leere Tafel“, auf die Watson seine psychologischen Gesetze schreiben wollte.


Die Logik der Angst: Wie klassische Konditionierung beim Menschen funktioniert


Methodisch folgte Watson den Spuren von Iwan Pawlow, der seinen Hunden beigebracht hatte, beim Klang einer Glocke zu speicheln. Watson übertrug dieses Prinzip der klassischen Konditionierung auf menschliche Gefühle. Der Versuchsaufbau war so simpel wie grausam: Jedes Mal, wenn Albert nach der weißen Ratte griff – die für ihn anfangs ein neutraler Reiz war –, schlug Watson hinter dem Rücken des Kindes mit einem Hammer auf eine schwere Eisenstange.


Der laute Knall fungierte als unkonditionierter Reiz, der eine natürliche, instinktive Furcht (die unkonditionierte Reaktion) auslöste. Nach nur sieben Wiederholungen dieser traumatischen Kopplung reichte der bloße Anblick der Ratte aus, um Albert in Panik zu versetzen. Das Tier war nun ein konditionierter Reiz, der eine konditionierte Angstreaktion hervorrief. Albert weinte und versuchte verzweifelt, vor der Ratte wegzukriechen, selbst wenn kein Geräusch mehr zu hören war. Watson hatte bewiesen, was er vermutet hatte: Angst ist lernbar.


Der Domino-Effekt: Wenn Angst keine Grenzen kennt


Doch Watson ging noch einen Schritt weiter. Er wollte wissen, ob diese künstlich erzeugte Angst auf ähnliche Objekte übertragen wird – ein Phänomen, das wir heute als Reizgeneralisierung bezeichnen. Die Ergebnisse waren alarmierend: Alberts Furcht beschränkte sich nicht mehr nur auf die kleine weiße Ratte. Er zeigte nun auch heftige Angstreaktionen beim Anblick eines Kaninchens, eines Hundes und sogar eines Pelzmantels aus Seehundfell.


Besonders bizarr und zugleich traurig war seine Reaktion auf eine Weihnachtsmann-Maske mit weißem Bart. Auch hier brach das Kind in Tränen aus. Die Angst hatte sich wie ein dunkler Schleier über alles gelegt, was weiß und flauschig war. In Alberts kleiner Welt war das Attribut „pelzig“ untrennbar mit der Erwartung eines schrecklichen Geräusches verknüpft worden. Watson hatte nicht nur eine spezifische Phobie erschaffen, sondern das emotionale Koordinatensystem eines Kindes nachhaltig verschoben.


Ein Schatten auf der Wissenschaft: Die ethische Katastrophe


Aus heutiger Sicht ist das Little-Albert-Experiment ein ethisches Desaster, das in keinem modernen Labor mehr zugelassen würde. Es gab keine informierte Einwilligung der Mutter – sie war eine Amme im Krankenhaus, in dem Watson forschte, und es ist unklar, ob sie wusste, was genau mit ihrem Sohn geschah. Aber der schwerwiegendste Vorwurf lautet: Watson und Rayner beendeten das Experiment, ohne die konditionierte Angst wieder zu löschen.


Sie hatten geplant, Albert zu „dekonditionieren“, indem sie die Ratte schrittweise wieder mit positiven Erlebnissen verknüpften. Doch Albert wurde aus dem Krankenhaus entlassen, bevor dies geschehen konnte. Watson wusste, dass er ein Kind mit einer potenziell lebenslangen Phobie in die Welt geschickt hatte. In einer Zeit, in der es keine Ethikkommissionen gab, galt dies als wissenschaftlicher Kollateralschaden, doch heute steht der Fall symbolisch für die Verantwortungslosigkeit, die entstehen kann, wenn wissenschaftlicher Ehrgeiz über das Wohl des Individuums gestellt wird.


Das Rätsel um Albert: Die Suche nach dem verlorenen Jungen


Was wurde aus dem Kind, dessen Tränen die Psychologie veränderten? Über Jahrzehnte blieb Alberts Identität ein Geheimnis. Erst im 21. Jahrhundert begannen Forscher mit detektivischer Kleinarbeit, sein Schicksal zu klären. Lange Zeit glaubte man, in Douglas Merritte das wahre „Little Albert“ gefunden zu haben. Die Geschichte nahm eine noch tragischere Wendung, als man entdeckte, dass Douglas an einem Hydrozephalus (Wasserkopf) litt und bereits im Alter von sechs Jahren starb. Dies warf die Frage auf, ob Watson absichtlich ein neurologisch krankes Kind für seine Tests missbraucht hatte.


Neuere Forschungen widersprechen dieser Theorie jedoch und deuten auf einen Jungen namens William Albert Barger hin. Barger wurde etwa zur gleichen Zeit geboren, war laut Aufzeichnungen ein gesundes Baby und lebte ein langes Leben bis ins Jahr 2007. Seine Nichte berichtete später, er habe zeitlebens eine unerklärliche Abneigung gegen Hunde und pelzige Tiere gehabt. Auch wenn wir vielleicht nie mit absoluter Gewissheit sagen können, wer Albert wirklich war, zeigt die Debatte, wie sehr uns das Schicksal dieses kleinen Jungen auch nach über hundert Jahren noch berührt.


Erkenntnis und Verantwortung: Was wir aus Alberts Tränen gelernt haben


Trotz seiner moralischen Verwerflichkeit war das Experiment ein Wendepunkt. Es legte den Grundstein für die Verhaltenstherapie. Die Erkenntnis, dass Ängste durch Lernprozesse entstehen, bedeutet im Umkehrschluss nämlich auch, dass sie wieder verlernt werden können. Moderne Verfahren wie die Konfrontationstherapie, mit der wir heute Phobien und Traumata behandeln, basieren direkt auf den Prinzipien, die Watson bei Albert beobachtet hatte.


Little Albert ist heute mehr als nur ein Versuchsbericht in alten Lehrbüchern. Er ist ein Mahnmal. Er erinnert uns daran, dass psychologische Forschung niemals im moralischen Vakuum stattfindet. Die Macht der Konditionierung wird heute in der Werbung und in sozialen Medien genutzt, um unsere Gefühle und unser Verhalten zu steuern. Alberts Geschichte lehrt uns, wachsam zu sein: gegenüber den Mechanismen unserer eigenen Angst, aber vor allem gegenüber einer Wissenschaft, die vergisst, dass hinter jedem Datenpunkt ein Mensch steht.

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