Minnesota Twin Study

Anlage gegen Umwelt – Der ultimative Showdown
Wer sind wir? Sind wir das Produkt unserer Erziehung, geprägt durch die Liebe unserer Eltern, die Bücher in unserem Regal und die Freunde auf dem Pausenhof? Oder ist unser Schicksal bereits in dem Moment besiegelt, in dem sich Eizelle und Spermium treffen? Diese Frage nach „Nature vs. Nurture“ (Anlage gegen Umwelt) gehört zu den ältesten und hitzigsten Debatten der Psychologie. Lange Zeit glaubte man, dass die Umwelt fast alles bestimmt – dass ein Kind ein „unbeschriebenes Blatt“ sei. Doch im Jahr 1979 begann an der University of Minnesota ein Forschungsprojekt, das dieses Weltbild ordentlich durchschütteln sollte. Die „Minnesota Study of Twins Reared Apart“ (MISTRA), geleitet von Thomas J. Bouchard Jr., nutzte eine Laune des Schicksals, um das Unmessbare messbar zu machen: Sie untersuchte eineiige Zwillinge, die kurz nach der Geburt getrennt wurden und in völlig unterschiedlichen Familien aufwuchsen.
Die „Jim-Twins“: Ein biologisches Wunder?
Bevor wir in die trockenen Zahlen eintauchen, müssen wir über die beiden Jims sprechen. James Lewis und James Springer waren das wohl berühmteste Paar der Studie. Als sie sich im Alter von 39 Jahren zum ersten Mal trafen, nachdem sie bei der Geburt getrennt worden waren, kam eine Kaskade an Gemeinsamkeiten ans Licht, die fast schon unheimlich wirkte. Beide hießen James. Beide waren zweimal verheiratet gewesen – die erste Frau hieß jeweils Linda, die zweite Betty. Beide hatten einen Sohn namens James Alan (bzw. Allan). Beide rauchten dieselbe Zigarettenmarke, tranken dasselbe Bier und arbeiteten zeitweise als Hilfssheriffs. Sie machten sogar Urlaub am selben Strandabschnitt in Florida.
Solche Anekdoten sind natürlich faszinierend, aber für die Wissenschaft allein noch kein Beweis. Bouchard und sein Team wollten wissen: Sind das bloße Zufälle, oder steckt dahinter ein genetisches Programm? Über 20 Jahre lang luden sie hunderte von Zwillingspaaren in ihr Labor ein. Dort wurden sie eine Woche lang intensivsten Tests unterzogen: IQ-Tests, Persönlichkeitsprofile, medizinische Untersuchungen und sogar detaillierte Befragungen über ihren Lebensstil. Der entscheidende Vergleich fand zwischen eineiigen Zwillingen, die getrennt aufwuchsen, und solchen, die gemeinsam aufwuchsen, statt. Da eineiige Zwillinge 100 % ihrer Gene teilen, ist jeder Unterschied zwischen getrennt aufgewachsenen Paaren theoretisch auf die Umwelt zurückzuführen.
Die nackten Zahlen der Erblichkeit
Die Ergebnisse der Minnesota-Studie waren für viele Zeitgenossen ein Schock. Die Forscher berechneten den sogenannten Erblichkeitskoeffizienten $h^2$, ein statistisches Maß dafür, welcher Anteil der Unterschiede in einer Population auf genetische Unterschiede zurückzuführen ist. Bei der allgemeinen Intelligenz (IQ) lag dieser Wert bei erstaunlichen 70 %. Das bedeutet nicht, dass Ihr IQ zu 70 % feststeht, sondern dass 70 % der Varianz innerhalb der untersuchten Gruppe durch die Gene erklärt werden konnten. Zum Vergleich: Eineiige Zwillinge, die in verschiedenen Häusern aufwuchsen, waren sich in ihrer Intelligenz ähnlicher als zweieiige Zwillinge, die im selben Kinderzimmer groß wurden.
Auch bei den „Big Five“, den zentralen Dimensionen der Persönlichkeit (Extraversion, Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit), zeigte sich ein starker genetischer Einfluss von etwa 40 % bis 50 %. Ob Sie eher abenteuerlustig sind oder lieber gemütlich auf dem Sofa bleiben, ob Sie schnell gestresst reagieren oder ein Fels in der Brandung sind – ein beachtlicher Teil dieser Tendenzen scheint biologisch „vorverdrahtet“ zu sein. Sogar religiöse Einstellungen und politische Tendenzen zeigten im Erwachsenenalter eine messbare genetische Komponente, was die Vorstellung vom freien, rein kulturell geprägten Geist massiv infrage stellte.
Warum die Umwelt trotzdem nicht egal ist
Man könnte nun meinen, Erziehung sei völlig überflüssig, wenn die Gene ohnehin das Ruder in der Hand haben. Doch das wäre ein fataler Trugschluss, den auch die Minnesota-Forscher immer wieder korrigierten. Gene bestimmen nicht starr ein Endergebnis, sondern eher einen Reaktionsspielraum. Stellen Sie sich das wie einen Radiosender vor: Die Gene legen fest, welche Frequenzen Sie empfangen können, aber die Umwelt bestimmt, welche Musik tatsächlich gespielt wird und wie laut sie ist.
Ein wichtiger Aspekt, den die Studie beleuchtete, ist die sogenannte Gen-Umwelt-Korrelation. Menschen mit bestimmten genetischen Anlagen suchen sich aktiv Umgebungen, die zu ihnen passen. Ein Kind, das genetisch bedingt eine hohe intellektuelle Neugier besitzt, wird mehr lesen, mehr Fragen stellen und dadurch seine Intelligenz weiter fördern. Die Umwelt reagiert also auf die genetische Anlage. Ein „gutes“ Elternhaus ist daher vor allem deshalb wichtig, weil es dem Kind ermöglicht, sein genetisches Potenzial auch wirklich auszuschöpfen. Ohne die passende Umwelt bleibt die beste Anlage oft stumm.
Kritik und methodische Fallstricke
Keine Studie dieser Größenordnung bleibt ohne Kritik. Kritiker warfen Bouchard vor, dass die Trennung der Zwillinge oft nicht so total war, wie es schien. Manche Paare hatten bereits vor der Studie Kontakt, andere wuchsen in sehr ähnlichen sozioökonomischen Verhältnissen auf (da Adoptionsagenturen oft ähnliche Familien für Kinder auswählen). Dies könnte die Ähnlichkeiten künstlich aufgebläht haben. Zudem wurde kritisiert, dass die Studie die „Epigenetik“ noch nicht berücksichtigen konnte – also die moderne Erkenntnis, dass Umwelteinflüsse tatsächlich Schalter an unseren Genen umlegen können, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern.
Dennoch bleibt die Minnesota Twin Study ein Meilenstein. Sie beendete die Ära des extremen Milieutherapeutismus, in der man glaubte, man könne jedes Kind durch Erziehung zu allem machen (vom Genie bis zum Verbrecher). Sie lehrte uns, dass Kinder keine Knete sind, die man beliebig formen kann, sondern eher wie Pflanzen, die ihren eigenen inneren Bauplan mitbringen und für die wir lediglich den passenden Boden bereiten können.
Was bedeutet das für unser Selbstbild?
Die Minnesota Twin Study lädt uns zu einer faszinierenden Selbstreflexion ein. Wenn wir in den Spiegel schauen, sehen wir nicht nur uns selbst, sondern auch das Erbe von Generationen. Unsere Vorlieben, unsere Ängste und sogar unsere kleinen Ticks sind oft tiefer in uns verwurzelt, als uns bewusst ist. Das mag sich im ersten Moment deterministisch oder einengend anfühlen, kann aber auch sehr entlastend sein. Eltern müssen nicht mehr die alleinige Schuld fühlen, wenn das Kind „schwierig“ ist, und wir selbst können akzeptieren, dass manche Charaktereigenschaften schlicht Teil unseres biologischen Kerns sind.
Wir sind eine komplexe Co-Produktion aus Biologie und Biografie. Die Minnesota-Studie hat uns gezeigt, dass die Natur die Leinwand und die Farben liefert – aber das Bild, das am Ende entsteht, malen wir immer noch selbst, im ständigen Austausch mit der Welt um uns herum.



