
Gesellschaft & Forschung
Warum schwache Lohnfortzahlung Krankheit ins Büro drängt
Eine heute, am 23. Juni 2026, veröffentlichte Bamberg-Mitteilung verweist auf eine europaweite Analyse aus 35 Ländern: Wo die gesetzliche Lohnfortzahlung schwächer ist, arbeiten Beschäftigte deutlich häufiger trotz Krankheit.
Die Debatte über Krankenstände sieht oft nur die leeren Stühle und übersieht die besetzten
Wenn über zu hohe Fehlzeiten gesprochen wird, folgt die politische Erzählung oft einem simplen Muster: Zu viele Menschen fehlen, also muss man Anreize zum Arbeiten stärken. Genau darin steckt jedoch ein analytischer Kurzschluss. Wer nur auf Abwesenheit blickt, sieht nicht, wie viele Beschäftigte aus Geldsorgen, Schuldgefühl oder Arbeitsplatzdruck krank am Schreibtisch, an der Kasse oder am Band erscheinen. Die heute, am 23. Juni 2026 veröffentlichte Mitteilung der Universität Bamberg beim idw lenkt den Blick genau auf diese übersehene Seite der Arbeitswelt: Präsentismus, also Arbeiten trotz Krankheit.
Das klingt zunächst wie eine Nebenfrage zur eigentlichen Gesundheitsdebatte. Interessant ist aber das Gegenteil. Wer krank arbeitet, verschiebt Kosten nicht einfach aus der Statistik. Die Kosten wandern nur an einen anderen Ort: in längere Genesung, schlechtere Konzentration, mehr Fehler, mehr Rückfallrisiko und bei Infektionen auch in die Gesundheit von Kolleginnen und Kollegen. Genau deshalb ist die jetzt frei zugängliche Studie im European Journal of Public Health mehr als ein Randthema. Sie stellt die eigentliche Frage neu. Nicht nur: Wie viele Tage fehlen Beschäftigte? Sondern auch: Unter welchen Regeln trauen sie sich überhaupt, krank zu Hause zu bleiben?
Was die Studie konkret untersucht hat
Der Studientyp ist eine peer-reviewte, beobachtende Mehrebenenanalyse mit europaweiten Survey-Daten. Das Team um Marvin Reuter, Tabea Gau, Sophie-Charlotte Meyer und Sascha Alexander Ruhle nutzte den European Working Conditions Survey von 2015 und verknüpfte ihn mit länderspezifischen Regeln zur gesetzlichen Lohnfortzahlung. Eingeschlossen waren 19.657 abhängig Beschäftigte aus 35 europäischen Ländern. Als großzügig galten jene Systeme, die vom ersten Krankheitstag an mindestens 80 Prozent des Lohns für mindestens zwei Wochen ersetzen. 43 Prozent der untersuchten Länder erfüllten dieses Kriterium.
Entscheidend ist, dass die Forschenden Präsentismus nicht indirekt aus Fehlzeiten erraten, sondern direkt schätzen. Sie kombinierten die selbst berichtete Zahl der Krankheitstage mit den Tagen, an denen Beschäftigte trotz Krankheit arbeiteten, und berechneten daraus den Anteil des krank geleisteten Arbeitens an allen Krankheitstagen. Genau hier wird sichtbar, warum die Studie substanziell ist. Viele frühere Arbeiten nahmen sinkende Fehlzeiten als Hinweis darauf, dass Menschen wohl eher krank gearbeitet hätten. Das bleibt spekulativ. Diese Analyse misst die fragliche Entscheidung unmittelbarer: Auskurieren oder trotzdem erscheinen.
Der Befund ist nicht spektakulär laut, aber politisch sehr klar
Die Hauptaussage der Studie ist präzise. In Ländern mit großzügiger gesetzlicher Lohnfortzahlung war die Präsentismusneigung im Schnitt um acht Prozentpunkte niedriger als in Ländern ohne solche Regelungen. Der geschätzte Zusammenhang lag bei einem durchschnittlichen marginalen Effekt von minus 0,08 und erklärte 12,4 Prozent der Unterschiede zwischen den Ländern. Das ist kein Wunderhebel, aber ein ernst zu nehmender Effekt. Wer in einem Krankheitssystem weniger Lohneinbußen befürchten muss, arbeitet im Mittel seltener krank weiter.
Auch die Länderunterschiede selbst sind aufschlussreich. Laut der heutigen Bamberger Mitteilung arbeiten Beschäftigte in Deutschland an rund 21 Prozent ihrer Krankheitstage weiter. In Spanien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich liegt dieser Anteil bei über 55 Prozent. Solche Unterschiede erklären sich nicht vollständig über Lohnfortzahlung, aber die Regeln tragen sichtbar dazu bei. Der Punkt ist nicht, dass ein einzelner Paragraf das Arbeitsverhalten komplett bestimmt. Der Punkt ist, dass Geldsorgen eine reale, strukturierte Rolle dabei spielen, ob Menschen Erholung als gesundheitliche Notwendigkeit oder als finanzielles Risiko erleben.
Warum gerade bestimmte Gruppen stärker reagieren
Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang bei älteren Beschäftigten, bei Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten, in Routinetätigkeiten sowie in der Industrie und der öffentlichen Verwaltung. Das ist sozialwissenschaftlich plausibel. Wer wenig finanziellen Puffer hat, erlebt eine Lücke im Einkommen unmittelbarer. Wer in standardisierten Tätigkeiten arbeitet, kann Ausfälle oft schlechter kaschieren und hat zugleich seltener die Freiheit, krank im Homeoffice halbwegs kontrolliert zu reduzieren. Ältere Beschäftigte könnten zudem stärker zwischen Gesundheitsbelastung und Pflichtgefühl eingeklemmt sein, gerade wenn lange Erwerbsbiografien mit hohen Verantwortungsnormen zusammenkommen.
Genau hier liegt die gesellschaftliche Pointe der Arbeit. Lohnfortzahlung ist nicht bloß eine technische Frage des Sozialrechts. Sie strukturiert, wer sich Schonung leisten kann und wer Krankheit in den Arbeitsalltag hinein verlängert. Das bedeutet nicht, dass finanzielle Motive die einzigen Treiber von Präsentismus wären. Auch Arbeitskultur, Teamnormen, Personalmangel, Angst vor Rückständen oder schwierige Führung spielen eine Rolle. Aber die Studie legt nahe, dass diese Motive nicht im luftleeren Raum entstehen. Sie treffen auf Regeln, die krankes Fernbleiben erleichtern oder verteuern.
Wie belastbar ist der Befund wirklich?
Die wichtigste Stärke der Arbeit ist ihre Konstruktion. Sie vergleicht nicht zwei oder drei Länder, sondern 35 europäische Staaten. Sie kontrolliert individuelle Merkmale wie Gesundheit, Beruf und soziodemografische Faktoren ebenso wie Ländermerkmale wie Arbeitslosigkeit, Bruttoinlandsprodukt und Bevölkerungsdichte. Vor allem aber nutzt sie ein direktes Maß für Präsentismus statt einer bloßen Absenz-Proxy. Für die europäische Debatte ist das ein deutlicher Fortschritt, weil die Forschung damit näher an die reale Entscheidung der Beschäftigten heranrückt.
Die wichtigste Grenze muss aber genauso deutlich benannt werden. Die Analyse ist beobachtend und basiert auf Querschnittsdaten aus dem Jahr 2015. Sie kann deshalb keine einfache Kausalformel beweisen. Es bleibt möglich, dass unbeobachtete Unterschiede in Arbeitskulturen, betrieblicher Organisation oder gesundheitlicher Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung einen Teil des Effekts mittragen. Außerdem erfasst die Studie nur abhängig Beschäftigte und nicht die gesamte Vielfalt prekärer oder informeller Arbeit. Erlaubt ist also der Schluss, dass großzügigere Lohnfortzahlung konsistent mit weniger krankem Arbeiten zusammenhängt. Nicht erlaubt wäre die Behauptung, eine Reform der Lohnfortzahlung allein löse Präsentismus im Kern auf.
Warum das für die aktuelle Debatte wichtiger ist als manche Fehlzeitenzahl
Gerade im Feld Gesellschaft und Forschung ist die Arbeit deshalb interessant, weil sie eine verbreitete Schlagseite der Debatte korrigiert. Wer nur über Abwesenheit spricht, kann leicht so tun, als sei Anwesenheit automatisch das gesündere oder produktivere Verhalten. Das ist zu schlicht. In vielen Berufen ist krankes Erscheinen keine Tugend, sondern eine verdeckte Kostenverschiebung. Menschen stecken andere an, erholen sich langsamer, machen mehr Fehler oder schleppen Beschwerden länger mit sich herum. Hohe Anwesenheit kann deshalb ebenso Ausdruck eines Problems sein wie hohe Fehlzeiten.
Das bedeutet nicht, dass jede politische Forderung nach strengerer Kontrolle von Krankmeldungen automatisch falsch wäre. Es bedeutet aber, dass sie wissenschaftlich unvollständig bleibt, wenn sie den Preis des Präsentismus ignoriert. Genau hier wird die neue Studie nützlich. Sie zeigt, dass Sozialpolitik und Arbeitssoziologie enger verbunden sind, als eine reine Fehlzeitenlogik vermuten lässt. Lohnfortzahlung formt nicht nur staatliche Ausgaben, sondern auch Alltagsentscheidungen am Arbeitsplatz.
Wenn man aus dieser heute veröffentlichten Mitteilung und der zugrunde liegenden Fachstudie einen Satz mitnehmen will, dann vielleicht diesen: Die relevante Gegenfrage zu hohen Krankenständen lautet nicht nur, wer fehlt, sondern auch, wer krank trotzdem da ist. Eine Arbeitswelt, die Menschen aus finanzieller Vorsicht krank ins Büro drängt, spart nicht an Krankheit. Sie verschiebt sie nur in den laufenden Betrieb.
Otto-Friedrich-Universität Bamberg / European Journal of Public Health
European Journal of Public Health
Einordnung:
Mittel bis stark für die Aussage, dass großzügigere gesetzliche Lohnfortzahlung in Europa mit weniger Präsentismus zusammenhängt, weil ein großer Ländervergleich, direkte Präsentismus-Messung und kontrollierte Mehrebenenmodelle zusammenkommen; begrenzt für harte Kausalbehauptungen, weil die Daten beobachtend, querschnittlich und auf das Jahr 2015 bezogen sind.
