Medien als Totalpropaganda
Alle Medien seien zentral gesteuert und manipulativ

Warum die Erzählung von der Totalpropaganda unsere Sehnsucht nach Ordnung stillt
Es ist ein später Dienstagabend, das bläuliche Licht des Smartphones ist die einzige Lichtquelle im Raum. Ein Nutzer – nennen wir ihn Thomas – scrollt durch seinen Feed. Er sieht eine Nachricht über eine neue politische Entscheidung, dann ein Video eines Experten, kurz darauf einen Kommentar eines Journalisten. Alle sagen, in Nuancen zwar verschieden, aber im Kern doch ähnlich: „Dies ist der notwendige Schritt.“ Thomas hält inne. Ein ungutes Gefühl beschleicht ihn. Es ist nicht nur inhaltlicher Widerspruch; es ist das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Warum klingen sie alle so gleich? Warum erscheinen diese Meldungen zeitgleich auf allen Kanälen? In diesem Moment klickt er auf einen Link, der ihm eine alternative Sichtweise verspricht. Dort liest er: „Es ist alles gesteuert. Eine zentrale Redaktion. Eine Agenda. Totalpropaganda.“
In diesem Augenblick passiert etwas in Thomas’ Gehirn. Die Verwirrung der komplexen, widersprüchlichen Welt weicht einer schlagartigen Klarheit. Das Chaos der Nachrichtenflut ordnet sich zu einem Muster. Es ist ein ungemein befriedigender Moment. Thomas hat gerade nicht nur eine Information konsumiert, er hat ein Betriebssystem für seine Weltwahrnehmung gefunden. Er ist nun kein passiver Empfänger mehr, sondern ein Eingeweihter, ein Beobachter der Beobachter. Willkommen in der Welt der Erzählung von der Totalpropaganda.
Das Theater der Marionetten: Wenn die Welt zum Skript wird
Die Vorstellung, dass Medien – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zur Lokalzeitung – Teil eines monolithischen Apparates sind, ist mehr als eine bloße Medienkritik. Es ist eine umfassende Weltdeutung. In diesem Narrativ gibt es keine Zufälle, keine handwerklichen Fehler und vor allem keinen echten Pluralismus. Stattdessen wird das Bild eines „Regisseurs“ gezeichnet, der im Verborgenen die Fäden zieht.
Für den Gläubigen an diese Theorie ist die Tagesschau kein journalistisches Produkt, das unter Zeitdruck und nach professionellen Standards entsteht, sondern eine tägliche „Verlautbarung“. Die Vielfalt der Medienlandschaft wird als Mimikry interpretiert: Die Unterschiede zwischen den Zeitungen seien nur kosmetischer Natur, um den Anschein von Freiheit zu wahren, während der Kern der Botschaft zentral vorgegeben werde. Begriffe wie „Gleichschaltung“ oder „Systemmedien“ dienen hierbei als Ankerpunkte. Sie suggerieren, dass die gesamte vierte Gewalt ihre Kontrollfunktion aufgegeben hat und stattdessen zu einem Instrument der Herrschenden geworden ist.
Diese Erzählung ist von einer tiefen Ästhetik der Entlarvung geprägt. Jede ähnliche Wortwahl in verschiedenen Medien wird zum „Beweis“ für ein zentrales Skript. Jedes verschwiegene Detail wird zur „bewussten Manipulation“. Es entsteht das Bild einer hermetisch abgeliegelten Informationsblase, aus der man nur ausbrechen kann, wenn man die „offiziellen“ Quellen als das erkennt, was sie angeblich sind: reine Fiktion.
Von Flugblättern und Funkwellen: Die Ahnenreihe des Misstrauens
Die Idee der totalen Steuerung der Massenmeinung ist kein Phänomen des Internetzeitalters. Sie hat tiefe historische Wurzeln, die oft in realen Traumata gründen. Die Geburtsstunde der modernen Propaganda liegt im frühen 20. Jahrhundert, als Denker wie Edward Bernays – der Neffe Sigmund Freuds – begannen, psychologische Erkenntnisse für die Beeinflussung der Massen zu nutzen. Bernays nannte dies die „Engineering of Consent“ (Konstruktion von Zustimmung).
Die totalitären Regime des Nationalsozialismus und des Stalinismus setzten diese Theorien mit erschreckender Effizienz in die Tat um. Hier war Propaganda tatsächlich total: Eine zentrale Behörde steuerte jedes geschriebene und gesprochene Wort. Diese historische Erfahrung hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Sie ist der Schatten, der über jeder modernen Demokratie schwebt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges setzten sich diese Dynamiken fort. Geheimoperationen wie das „Project Mockingbird“ der CIA, bei dem versucht wurde, Einfluss auf US-Medien zu nehmen, lieferten den Treibstoff für späteres Misstrauen. Das Problem dabei: Während diese historischen Ereignisse reale, punktuelle Versuche der Einflussnahme waren, macht die Verschwörungstheorie daraus einen dauerhaften, lückenlosen Normalzustand. Sie nimmt die dunklen Kapitel der Mediengeschichte und erklärt sie zum universellen Gesetz der Gegenwart.
Das Gehirn als Mustersucher: Warum wir Zufälle hassen
Warum ist unser Verstand so anfällig für die Idee einer großen Regie? Die Antwort liegt in der Architektur unseres Denkens. Evolutionär gesehen war es für den Menschen überlebenswichtig, Muster zu erkennen. Das Rascheln im Gebüsch konnte der Wind sein – oder ein Säbelzahntiger. Wer hinter jedem Geräusch eine Absicht (Agency) vermutete, überlebte im Zweifel eher als derjenige, der an den Zufall glaubte.
Psychologen nennen dies „Hyperaktive Agency Detection“. Wir neigen dazu, hinter komplexen Ereignissen einen handelnden Akteur zu vermuten. Die Vorstellung, dass die Welt ein chaotischer Ort ist, an dem Millionen von Journalisten, Politikern und Lobbyisten ohne zentralen Plan aneinander vorbeireden, ist kognitiv anstrengend und emotional beängstigend. Eine Verschwörungstheorie hingegen reduziert diese Komplexität. Sie ersetzt das Chaos durch eine Absicht.
Hinzu kommt die „Apophenie“ – die Tendenz, Verbindungen zwischen eigentlich unzusammenhängenden Datenpunkten zu sehen. Wenn drei Zeitungen am selben Morgen eine ähnliche Headline verwenden, sieht der Mustersucher darin eine Anweisung „von oben“. Er ignoriert dabei, dass Nachrichtenagenturen wie dpa oder Reuters die Primärquelle für fast alle Redaktionen sind, was zwangsläufig zu Ähnlichkeiten führt. Das Gehirn wählt den Weg des geringsten Widerstands: Eine große Erklärung ist einfacher zu verarbeiten als tausend kleine, technische Details.
Die Droge der Erleuchtung: Das Hochgefühl, „bescheidzuwissen“
Es gibt eine starke emotionale Komponente beim Glauben an die Totalpropaganda: das Gefühl der moralischen und intellektuellen Überlegenheit. Wer die „Lüge“ durchschaut hat, gehört zur Elite der Aufgewachten. Man ist nicht mehr Teil der „Schlafschafe“, die sich von den Fernsehnachrichten hypnotisieren lassen.
Dieses „Enthüllungs-Dopamin“ ist ein mächtiger Motivator. Jede neue Information, die in das Weltbild passt, löst ein kleines Belohnungsgefühl aus. Es ist wie das Lösen eines Puzzles. Dass die Teile des Puzzles oft mit Gewalt passend gemacht werden müssen, spielt für das subjektive Empfinden keine Rolle.
Zudem bietet die Theorie einen Identitätsschutz. Wenn die eigene Lebensrealität nicht mit den Erfolgsmeldungen oder den gesellschaftlichen Entwicklungen übereinstimmt, die in den Medien thematisiert werden, bietet die Propaganda-Theorie einen Ausweg: „Nicht ich liege falsch oder habe Pech, sondern die Welt, die mir da gezeigt wird, ist gelogen.“ Dies stabilisiert das Selbstwertgefühl in einer volatilen Welt.
Die Festung aus Zirkelschlüssen: Warum Kritik an der Theorie abprallt
Eines der faszinierendsten Merkmale der Erzählung von der Totalpropaganda ist ihre rhetorische Unverwundbarkeit. Sie ist ein „closed loop system“. Wenn ein Medium über die Verschwörung berichtet und sie kritisiert, wird das als Beweis für die Unterdrückung der Wahrheit gewertet („Sie müssen uns angreifen, weil wir gefährlich für sie sind“). Wenn die Medien schweigen, gilt das als Beweis für die Zensur („Sie trauen sich nicht, darüber zu sprechen“).
Diese Immunisierungsstrategie macht die Theorie unwiderlegbar. In der Wissenschaftstheorie nach Karl Popper gilt eine Theorie nur dann als wissenschaftlich, wenn sie falsifizierbar ist – wenn man also Bedingungen angeben kann, unter denen sie falsch wäre. Die Totalpropaganda-Theorie kennt keine solche Bedingung. Jeder Gegenbeweis wird in das System integriert.
Ein weiteres Element ist die „Verschiebung der Torpfosten“ (Moving Goalposts). Werden Beweise für die Unabhängigkeit einer Redaktion geliefert, wird behauptet, diese Redaktion sei nur ein „Alibi“, um die wahre Agenda zu tarnen. Die Logik ist zirkulär: Die Medien lügen, weil sie Teil des Systems sind, und sie sind Teil des Systems, weil sie lügen. Aus diesem intellektuellen Hamsterrad gibt es kaum ein Entrinnen, solange man die Grundprämisse nicht infrage stellt.
Die Anatomie der Redaktion: Zwischen Zeitdruck und Idealismus
Wenn man den Blick von der Theorie weg und hin zur realen journalistischen Praxis wendet, zeigt sich ein Bild, das weit weniger nach James Bond und viel mehr nach Büroalltag aussieht. Ein realer Reality-Check der „Totalpropaganda“ stößt schnell auf logische Hindernisse.
Zunächst ist da das Problem der Skalierung. Um eine lückenlose Propaganda in einer pluralistischen Gesellschaft wie der deutschen aufrechtzuerhalten, müssten tausende von Journalisten, Volontären, Technikern und freien Mitarbeitern täglich koordiniert werden. Und sie müssten alle schweigen. In einer Branche, in der die „Enthüllung“ die höchste berufliche Währung ist, ist die Vorstellung, dass niemand auspackt, um den Scoop seines Lebens zu landen, soziologisch höchst unwahrscheinlich. Whistleblower wie Edward Snowden haben gezeigt, dass selbst hochgeheime staatliche Apparate nicht lückenlos dicht sind. Ein loses Netzwerk aus privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern wäre es erst recht nicht.
Tatsächlich erklären sich Ähnlichkeiten in der Berichterstattung oft durch weitaus banalere Mechanismen:
Ressourcenmangel: Wenige Agenturen liefern das Basismaterial für viele Medien.
Intermedia Agenda Setting: Journalisten beobachten sich gegenseitig. Wenn die „Süddeutsche“ ein Thema setzt, ziehen andere nach, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Soziale Homogenität: Journalisten haben oft ähnliche Bildungshintergründe, was zu ähnlichen Perspektiven führen kann – ganz ohne Befehl von oben.
Diese Mechanismen sind kritisierbar, ja, sie sind oft problematisch für die Vielfalt. Aber sie sind kein Zeichen einer zentralen Steuerung, sondern einer systemischen Trägheit.
Die Echokammer-Maschine: Wie Algorithmen Feindbilder züchten
Warum wirkt die Theorie heute mächtiger als noch vor zwanzig Jahren? Die Antwort liegt in der Infrastruktur unserer digitalen Kommunikation. Soziale Netzwerke sind nicht darauf programmiert, Wahrheit zu fördern, sondern Engagement. Und nichts erzeugt mehr Engagement als Empörung und die Bestätigung des eigenen Weltbildes.
Wenn Thomas anfängt, nach Begriffen wie „Lügenpresse“ zu suchen, lernt der Algorithmus. Er serviert ihm fortan mehr Inhalte, die diese Sichtweise stützen. Innerhalb kurzer Zeit sieht seine digitale Welt tatsächlich so aus, als gäbe es nur noch diese eine Wahrheit. Die „Totalpropaganda“ wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung: In seiner Timeline gibt es keine abweichenden Meinungen mehr, also muss die Gegenseite sie wohl unterdrücken.
Die Aufmerksamkeitsökonomie belohnt zudem die Radikalität. Ein besonnener Artikel über die Schwierigkeiten der Recherche bekommt weniger Klicks als ein reißerisches Video über „Die geheimen Pläne der Medienelite“. Wir leben in einer Zeit, in der die Distribution von Information demokratisiert wurde, aber die Filterung dieser Information privatisiert und automatisiert ist. Dies schafft den perfekten Nährboden für Erzählungen, die die Welt in Gut und Böse unterteilen.
Die Erosion des gemeinsamen Bodens
Die gesellschaftlichen Folgen dieses Narrativs sind gravierend, gehen aber oft tiefer als die bloße politische Polarisierung. Wenn eine große Gruppe von Menschen davon überzeugt ist, dass alle etablierten Informationsquellen lügen, bricht das Fundament der deliberativen Demokratie zusammen. Demokratie basiert auf dem Austausch von Argumenten auf der Basis geteilter Fakten. Wenn es keine geteilten Fakten mehr gibt, wird jedes Gespräch zum Grabenkrieg.
Wir beobachten eine Radikalisierung im Stillen. Menschen ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs zurück, weil sie das Gefühl haben, ohnehin nur „bespielt“ zu werden. Dies führt zu einer Entfremdung, die schwer zu heilen ist. Misstrauen wird zum Default-Zustand. Das ist besonders tragisch, weil ein gesundes Misstrauen gegenüber Macht eigentlich eine demokratische Tugend ist. Die Erzählung von der Totalpropaganda jedoch verwandelt dieses produktive Misstrauen in einen lähmenden Zynismus.
Am Ende steht eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, Krisen gemeinsam zu bewältigen, weil bereits die Definition der Krise als „mediale Inszenierung“ abgelehnt wird. Die reale Gefahr ist nicht die „Gleichschaltung“ der Medien, sondern die atomisierte Gesellschaft, in der jeder in seiner eigenen, absolut gesetzten Realität lebt.
Das Handwerk der Kritik: Wo Skepsis zur Ideologie kippt
Um die Erzählung von der Totalpropaganda zu verstehen, muss man sie von berechtigter Medienkritik abgrenzen. Dies ist der vielleicht wichtigste Punkt für eine analytische Betrachtung. Es gibt valide Gründe, Medien hart zu kritisieren:
Die Konzentration von Medienmacht in den Händen weniger Verleger.
Der „Haltungsjournalismus“, der Analyse mit Aktivismus verwechselt.
Die Vernachlässigung bestimmter ländlicher oder sozial schwacher Milieus in der Berichterstattung.
Der Einfluss von PR-Agenturen auf Nachrichteninhalte.
Der entscheidende Unterschied: Professionelle Medienkritik benennt Mechanismen, Strukturen und Akteure. Sie bleibt im Bereich des Korrigierbaren. Die Verschwörungstheorie hingegen totalisiert diese Mängel. Sie macht aus einem strukturellen Problem eine moralische Verschwörung.
Während der Kritiker sagt: „Wir müssen über die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen sprechen“, sagt der Verschwörungstheoretiker: „Sie sind alle gekauft, um uns zu vernichten.“ Die Grenze verläuft dort, wo die Möglichkeit zur Korrektur endet. Eine Verschwörung kann man nicht reformieren, man kann sie nur stürzen. Diese Radikalität ist es, die aus einer notwendigen Debatte einen ideologischen Kampf macht.
Brücken bauen über den Abgrund des Schweigens
Wie begegnet man Menschen, die fest an das Narrativ der Totalpropaganda glauben? Die klassische „Faktenkeule“ versagt hier meistens, da Fakten innerhalb des Systems bereits als manipulierte Daten markiert sind. Wer versucht, mit Statistiken gegen ein tief sitzendes Gefühl der Täuschung anzukämpfen, wird oft nur als weiterer „Systemagent“ wahrgenommen.
Ein effektiverer Weg ist die Methode des Sokratischen Fragens. Statt Antworten zu geben, stellt man Fragen nach der internen Logik der Theorie: „Wie genau stellen Sie sich die morgendliche Anweisung an tausende Journalisten vor? Warum ist bisher kein einziger entlassener Journalist mit Beweisen an die Öffentlichkeit gegangen?“ Es geht darum, die Komplexität der Realität wieder in das starre Weltbild einzuladen, ohne das Gegenüber bloßzustellen.
Empathie bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, der Theorie zuzustimmen. Es bedeutet, das dahinterliegende Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle anzuerkennen. Oft ist die Flucht in die Verschwörung eine Reaktion auf eine Überforderung durch die Moderne. Wenn wir das Gespräch verweigern, bestätigen wir nur die Ausgrenzungserfahrung. Wenn wir aber die Grenze zwischen der Person (die wir respektieren) und der Idee (die wir kritisieren) wahren, bleibt die Tür für eine Rückkehr in den gemeinsamen Realitätsraum offen.
Das Ende der Gewissheit
Am Ende unseres Deep Dives steht eine ernüchternde, aber befreiende Erkenntnis: Die Welt ist weitaus chaotischer, unstrukturierter und fehleranfälliger, als es uns sowohl die offiziellen Narrative als auch die Verschwörungstheorien weismachen wollen. Die Erzählung von der Totalpropaganda ist im Kern ein verzweifelter Versuch, der Welt wieder einen Sinn zu geben – selbst wenn dieser Sinn ein bösartiger ist. Denn eine Welt, die von bösen Mächten gesteuert wird, ist für die menschliche Psyche paradoxerweise leichter zu ertragen als eine Welt, die von niemandem gesteuert wird.
Wahre intellektuelle Reife bedeutet, die Ambiguität auszuhalten. Es bedeutet zu akzeptieren, dass Medien Fehler machen, dass sie verzerrt sein können und dass sie Machtinteressen dienen – und gleichzeitig zu erkennen, dass sie kein monolithischer Block der Täuschung sind.
Die Zukunft unserer Informationsgesellschaft wird davon abhängen, ob wir lernen, diese Nuancen wieder wahrzunehmen. Wir brauchen keine „Aufgewachten“, die in neuen Dogmen gefangen sind, sondern wache Geister, die bereit sind, ihre eigenen Gewissheiten täglich aufs Neue zu prüfen. Das Rauschen im Gebüsch ist meistens eben doch nur der Wind – und das zu akzeptieren, ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.
Was bleibt?
Komplexitätsreduktion: Die Theorie der Totalpropaganda dient als psychologische Entlastung, um eine unübersichtliche Welt in ein einfaches Gut-Böse-Schema zu pressen.
Mustererkennung: Unser Gehirn bevorzugt absichtsvolle Pläne gegenüber zufälligen oder systemischen Fehlern (Hyperactive Agency Detection).
Historischer Treibstoff: Reale historische Propagandafälle werden missbraucht, um eine lückenlose Dauerverschwörung in der Gegenwart zu legitimieren.
Digitale Verstärkung: Algorithmen schaffen künstliche Beweiswelten, die den Ausstieg aus dem Narrativ durch Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) erschweren.
Differenzierung ist der Schlüssel: Eine gesunde Demokratie braucht scharfe Medienkritik, muss diese aber von totalisierenden Verschwörungsmythen abgrenzen, um gesprächsfähig zu bleiben.



