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Artensterben, Mensch, Verantwortung: Ein Bericht, den die Natur nie schreiben wollte

Cartoonartige Illustration im frechen, überzeichneten Stil: In der Mitte steht ein lächelnder Braunbär im Anzug wie ein Geschäftsmann und präsentiert einen „Abschlussbericht“. Um ihn herum sitzen andere Tiere – ein besorgter Panda mit Tränen, eine Eule, ein Frosch mit Sanduhr und ein verwirrter Fisch. Auf dem Tisch liegen Dokumente, eine „Rote Liste“ mit fallender Kurve, Bücher und ein Schild „Extinct“. Im Hintergrund brennt die Erde, während ein Schmetterling und eine Biene durch die Szene fliegen.

Oben steht in großer gelber Schrift: „Abschlussbericht der Fauna“, darunter auf rotem Banner: „Rückblick auf eine bemerkenswerte Zusammenarbeit“. Unten schwarzer Balken mit weißem Schriftzug „Wissenschaftswelle.de“.

Abschlussbericht der Fauna an die Menschheit – Rückblick auf eine bemerkenswerte Zusammenarbeit


An: Die Menschheit (vertreten durch alle Unterzeichner von Umweltpetitionen, Käufer von Bio-Produkten, Mitglieder naturschutzaffiner WhatsApp-Gruppen sowie die Gesamtheit jener, die mindestens einmal einen Schmetterling fotografiert und mit dem Hashtag #savetheplanet gepostet haben)


Von: Die Fauna, c/o Erde


Betreff: Formeller Abschlussbericht – Projekt „Gemeinsame Zukunft"


Datum: Irgendwann im 21. Jahrhundert, Uhrzeit: kurz nach dem letzten Moment


Anlagen: Rote Liste (aktuell, sehr lang), ein Schweigen, das für sich spricht


Vorbemerkung


Zunächst: Danke für die Blumen. Buchstäblich. Die Balkonkästen mit Lavendel wurden wohlwollend zur Kenntnis genommen, auch wenn die Wildbienenpopulation in Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits statistisch erfasst war – und nicht im positiven Sinne. Fast die Hälfte der hierzulande heimischen 561 Wildbienenarten zeigt Bestandsrückgänge. Das wollten wir nur kurz einordnen. Zu den Blumen.


Die Fauna bedankt sich ausdrücklich für das langjährige Engagement der Menschheit. Der Bericht fasst die wesentlichen Ergebnisse unserer Zusammenarbeit zusammen und gibt – in aller gebotenen Sachlichkeit – einen Überblick über den aktuellen Stand.


Leistungsbewertung Wildtierbestände


Der Living Planet Index des WWF hat für den Zeitraum 1970 bis heute eine Gesamtbilanz erstellt. Die erfassten Wirbeltierpopulationen – Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien – verzeichnen global einen Rückgang von 73 Prozent. In Süßwasserökosystemen liegt der Verlust bei 85 Prozent.


Wir möchten an dieser Stelle keine Vorwürfe machen. Die Menschheit hat in diesem Zeitraum vieles erreicht: die Erfindung des Strohhalms aus Papier, die Einführung des Mülltrennsystems (zumindest in Teilen Europas, mit einigen Unsicherheiten beim Thema Pizzakarton) sowie eine beachtliche Zahl von Dokumentarfilmen über die Schönheit bedrohter Arten. Diese Produktionen wurden, soweit bekannt, von Millionen Menschen mit sichtlicher Betroffenheit gesehen.


Die Betroffenheit wurde zur Kenntnis genommen.


Sonderabschnitt Deutschland – Zur Situation der Insekten


Deutschland gilt gemeinhin als Land mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein. Wir erlauben uns deshalb, die hiesige Datenlage etwas detaillierter darzustellen.


Über einen Zeitraum von 27 Jahren wurden Schutzgebiete auf die Biomasse von Fluginsekten untersucht. Das Ergebnis: ein Rückgang von mehr als 75 Prozent. Nicht in Industriegebieten. In Schutzgebieten.


Die Fauna möchte diesen Punkt nicht überbetonen. Aber Schutzgebiete. Die Gebiete, die explizit dem Schutz dienen. Wir notieren: erledigt.


Zwischen 2008 und 2017 hat sich die Insektenbiomasse auf Grünlandflächen um zwei Drittel verringert, in Wäldern um 40 Prozent. Die Hauptursachen – intensive Landwirtschaft, Pestizide, Flächenversiegelung, Klimawandel – sind seit Jahrzehnten bekannt, ausführlich in Berichten dokumentiert und mehrfach preisgekrönt analysiert worden. Das Analysieren hat man sehr gut beherrscht.


Unter den Schmetterlingen verloren insbesondere jene Arten den Kampf, die auf bestimmte Futterpflanzen spezialisiert sind. Generalisten halten sich etwas besser. Das Prinzip der Anpassung an eine zunehmend unwirtliche Welt funktioniert, wie man sieht, in gewissem Rahmen. Leider kein Rahmen, der die Biodiversität sichert.


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Globale Bilanz – Rote Liste, Anhang sehr umfangreich


Von den 166.000 Tier- und Pflanzenarten, die die IUCN erfasst hat, sind über 46.300 mit einem Aussterberisiko eingestuft. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung schätzt, dass mehr als ein Viertel aller acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit vom Aussterben bedroht ist.


Um das in Relation zu setzen: Von vielen dieser Arten wissen wir nicht einmal, dass es sie gibt. Oder gab. Das ist eine wichtige Unterscheidung.


Das aktuelle Tempo des weltweiten Artensterbens liegt zehn- bis hundertmal höher als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Der Vergleich mit dem Massenaussterben der Dinosaurier ist in wissenschaftlichen Kreisen verbreitet und in seiner Nüchternheit bemerkenswert. Ein Viertel der Säugetierarten, jede achte Vogelart, jede fünfte Reptilienart sowie etwa 40 Prozent der Hai- und Rochenpopulationen gelten als bedroht.


Haie existieren seit rund 450 Millionen Jahren. Sie haben fünf Massenaussterben überlebt, darunter das Ereignis, das die Dinosaurier auslöschte. Sie sind älter als die Bäume. Wir dokumentieren dies ohne Kommentar.


Fristverlängerungen – Eine Chronologie


Die Fauna möchte transparent machen, dass Fristverlängerungen mehrfach gewährt wurden. Zur Erinnerung eine unvollständige Übersicht:


  • 1992: Erdgipfel in Rio. Internationale Beschlüsse zur Biodiversität. Frist gesetzt.

  • 2010: Nagoya-Protokoll. Neue Ziele, da die alten verfehlt wurden. Neue Frist gesetzt.

  • 2020: Nahezu alle Aichi-Biodiversitätsziele der UN verfehlt. Erneute Überarbeitung.

  • 2022: COP15 in Montreal. Weitreichende Ziele beschlossen: 30 Prozent der Landes- und Meeresfläche unter Schutz bis 2030. Neue Frist gesetzt.


Die Fauna nimmt zur Kenntnis, dass das Setzen von Fristen ein bewährtes Instrument der Hoffnungsproduktion darstellt. Wir zweifeln nicht an der Aufrichtigkeit der Beteiligten.


Hinweis zur Berichterstattung


Schätzungen zufolge sterben täglich 130 bis 150 Arten aus. Genau beziffern kann es niemand, auch weil parallel viele neue Arten entdeckt werden.

Dies erscheint uns der geeignete Moment, auf eine häufige Fehlannahme hinzuweisen: Neu entdeckte Arten sind keine Kompensation für ausgestorbene. Sie waren bereits vorher da. Wir haben sie nur noch nicht vorgestellt.


Seit 1870 ist die Hälfte der lebenden Korallen verschwunden. In den vergangenen 300 Jahren sind 85 Prozent der Feuchtgebiete der Welt verloren gegangen. Beide Ökosysteme bilden jeweils komplexe Systeme mit hohem Artenreichtum – ihr Verlust zieht weitere Verluste nach sich. Das nennt man in der Ökologie einen Kaskadeneffekt. In der Öffentlichkeit nennt man es meistens nichts, weil Kaskadeneffekte schwer zu fotografieren sind.


Würdigung positiver Entwicklungen


Die Fauna ist fair. Es gibt Lichtblicke. Der Europäische Bison, der in freier Wildbahn bereits als ausgestorben galt, umfasst heute wieder eine Population von rund 6.800 Tieren. Das ist ein Erfolg. Echte, messbare Arbeit. Wir verneigen uns.


Solche Beispiele zeigen: Es geht, wenn man es ernsthaft tut. Das macht den Rest der Bilanz nicht leichter zu lesen. Es macht ihn schwerer.


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Ausblick und Empfehlungen


Der Faktencheck Artenvielfalt 2024, erarbeitet von über 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 75 deutschen Institutionen, umfasst mehr als tausend Seiten. Von den rund 72.000 heimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten wurden etwa 40 Prozent hinsichtlich ihrer Gefährdung untersucht. Fast ein Drittel gilt als bestandsgefährdet, drei Prozent als ausgestorben. Über die Bodenfauna – die für Ökosystemgesundheit entscheidende Boden-Biodiversität wird in den Roten Listen bislang zu weniger als fünf Prozent abgebildet.


Was wir nicht messen, verlieren wir lautlos.


Die Fauna enthält sich an dieser Stelle eigener politischer Empfehlungen. Die wissenschaftlichen Empfehlungen existieren. Sie sind seit Jahrzehnten öffentlich zugänglich. Wer sie lesen möchte, findet sie.


Die Fauna dankt für die Aufmerksamkeit. Sie dankt für die Petitionen, die Hashtags, die Spendenbereitschaft und die aufrichtige Erschütterung beim Betrachten bestimmter Dokumentarfilme.

Sie bittet um Verständnis, dass sie für eine Antwort auf diesen Bericht nicht mehr zur Verfügung steht.


Mit freundlichen Grüßen


Die Fauna

Zu einem erheblichen Teil noch anwesend



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Quellenliste


  1. Faktencheck Artenvielfalt 2024 – Übersicht und Befunde – https://www.artensterben.de/faktencheck-artenvielfalt-2024-deutschland/

  2. WWF Living Planet Report 2024 – 73 % weniger Wildtiere – https://www.artensterben.de/wwf-living-planet-report-2024/

  3. IUCN Rote Liste Update 2024-2 – https://www.artensterben.de/update-der-iucn-rote-liste-version-2024-2/

  4. Deutsche Stiftung Meeresschutz: Biodiversitätskrise – https://www.stiftung-meeresschutz.org/biodiversitaetskrise/

  5. NABU: Studie zum Insektensterben (Krefelder Studie) – https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html

  6. NABU: Fakten zum Insektenschwund – https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insektensterben/23580.html

  7. Heinrich-Böll-Stiftung: Insektensterben in Deutschland – https://www.boell.de/de/2020/01/08/insektensterben-deutschland-abwaerts-im-trend

  8. Greenpeace: Artensterben – Zahlen und Fakten – https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/artenkrise/artensterben

  9. WWF Deutschland: Artensterben – https://www.wwf.de/themen-projekte/artensterben

  10. Europäisches Parlament: Verlust der Biodiversität – https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20200109STO69929/verlust-der-biodiversitat-ursachen-und-folgenschwere-auswirkungen

  11. DLR Projektträger: Biodiversität und Klimawandel – https://projekttraeger.dlr.de/de/news/biodiversitaet-wird-auch-durch-den-klimawandel-immer-staerker-bedroht

  12. Pflanzenforschung.de: Neue Zahlen zum Artensterben – https://www.pflanzenforschung.de/de/pflanzenwissen/journal/neue-zahlen-zum-artensterben

  13. scinexx.de: Drastischer Insektenschwund in Deutschland – https://www.scinexx.de/news/biowissen/drastischer-insektenschwund-in-deutschland/

  14. iDiv/Universität Jena: Rückgang von Insekten-Biomasse – https://nachrichten.idw-online.de/2025/12/02/rueckgang-von-insekten-biomasse-geht-mit-verlust-von-arten-einher

  15. Artensterben.de: Studie 2025 – Artensterben verlangsamt sich? – https://www.artensterben.de/studie-2025-artensterben-verlangsamt-sich/

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