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Die Entstehung des Lungenkreislaufs im Fossilbericht: Wie frühe Fische, Lungen und Herzen den Weg an Land vorbereiteten

Quadratisches Wissenschaftswelle-Cover mit großer gelber Überschrift „Wie Lungen entstanden“, rotem Banner „Fossilien erzählen den Weg des Bluts“, einem frühen lappenflossigen Fisch im Flachwasser und einer fossilartigen Schnittansicht mit leuchtenden roten und blauen Gefäßbahnen zwischen Herz und Lungen.

Wenn wir heute vom Lungenkreislauf sprechen, klingt das nach einem geschlossenen, fertigen System: sauerstoffarmes Blut wird zur Lunge geschickt, dort beladen, dann über die Lungenvenen zurück zum Herzen geführt und von dort in den Körper gepumpt. Aber evolutionsgeschichtlich war das kein Schalter, der plötzlich umgelegt wurde. Es war ein langsamer Umbau an mehreren Stellen gleichzeitig: an den Luftorganen, an den Kiemenbögen, am Herzen, an den Schädeln und an der gesamten Art, wie frühe Wirbeltiere atmeten.


Gerade deshalb ist der Fossilbericht auf den ersten Blick frustrierend. Knochen fossilieren oft hervorragend, Gefäße und Lungen fast nie. Wer also wissen will, wie der Lungenkreislauf entstand, findet keinen einzelnen Sensationsfund mit der Aufschrift: Hier beginnt die moderne Pulmonalzirkulation. Stattdessen muss man eine viel spannendere Frage stellen: Welche Bauteile tauchen wann auf, und ab welchem Punkt ergeben sie zusammen ein neues physiologisches Prinzip?


Warum ausgerechnet der Lungenkreislauf so schwer zu fossilieren ist


Der zentrale methodische Punkt ist simpel: Lungen und Blutgefäße gehören zu den Geweben, die im Fossilbericht fast immer verloren gehen. Genau das formulieren Cupello et al. 2022 sehr klar. Die Autorinnen und Autoren zeigen, dass die frühe Evolution der Wirbeltierlunge wegen der Seltenheit erhaltener Weichteile vor allem über den Vergleich lebender Gruppen rekonstruiert werden muss.


Faktencheck: Was der Fossilbericht wirklich zeigt


Der Fossilbericht zeigt beim Lungenkreislauf nur selten direkte Weichteile. Belastbar wird die Rekonstruktion erst dann, wenn Fossilien, Embryologie, Vergleichsanatomie und Phylogenie dasselbe Muster stützen.


Das ist keine Schwäche der Paläontologie, sondern eine ihrer Stärken. Gute Paläontologie behauptet nicht mehr, als das Material hergibt. Aber wenn mehrere unabhängige Linien auf dieselbe Lösung zulaufen, wird aus vielen indirekten Hinweisen eine erstaunlich robuste Geschichte.


Die erste falsche Intuition: Zuerst kam nicht der fertige Kreislauf


Ein moderner Lungenkreislauf braucht mindestens vier Dinge:


  1. ein Luftorgan, das wirklich Sauerstoff aufnehmen kann

  2. eine Gefäßanbindung, die sauerstoffarmes Blut gezielt dorthin bringt

  3. einen Rückweg, der sauerstoffreiches Blut wieder zum Herzen führt

  4. ein Herz, das diese Ströme zumindest teilweise trennt, statt alles sofort wieder komplett zu vermischen


Genau dieser Punkt ist entscheidend. Die Evolution musste nicht auf einmal ein Säuger- oder Vogelherz hervorbringen. Sie brauchte zunächst nur eine funktionelle Verbesserung: mehr Kontrolle darüber, welches Blut wohin fließt. Der Lungenkreislauf entstand also nicht als fertige Zweikreis-Architektur, sondern als graduell zunehmende Entmischung und Spezialisierung.


Die Lunge selbst ist älter und komplizierter, als viele denken


Ein interessanter Befund aus der jüngeren Forschung lautet, dass die Lunge wahrscheinlich nicht als von Anfang an paariges Organ begann. Cupello et al. 2022 argumentieren auf Basis lebender luftatmender Knochenfische und ihrer Entwicklung dafür, dass der primitive Zustand eher unpaar war und sich echte Paarigkeit später auf dem Weg zu den Tetrapoden stabilisierte.


Das ist für den Lungenkreislauf mehr als ein Detail. Ein paariges, flächenreicheres Lungensystem vergrößert Austauschfläche, Volumen und Compliance. Es macht Luftatmung nicht nur möglich, sondern leistungsfähiger. Damit wächst auch der Selektionsdruck, Blutströme gezielter zu organisieren.


Die neuere Genomik verschiebt den Horizont noch weiter nach hinten. Wang et al. 2025 zeigen, dass ein beträchtlicher Teil der genetischen Grundlage für Lungenentwicklung offenbar schon im letzten gemeinsamen Vorfahren der Kiefermäuler angelegt war. Anders gesagt: Die anatomische Innovation, die wir später im Fossilbericht indirekt greifen können, stand möglicherweise auf deutlich älteren molekularen Voraussetzungen.


Was Devon-Fossilien wirklich verraten


Der Devon gilt oft als das große Labor der frühen Wirbeltier-Evolution. Hier werden Luftatmung, Flachwasserökologie und der Weg an Land besonders greifbar. Aber auch hier gilt: Nicht die Lunge selbst spricht zuerst zu uns, sondern die Knochen, die mit ihr zusammenarbeiten mussten.


Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Clement und Long 2010. Sie beschreiben bei einem marinen Devon-Lungenfisch osteologische Merkmale, die mit Luftschlucken und Luftatmung zusammenhängen. Das ist wichtig, weil es die alte Erzählung untergräbt, Luftatmung sei bloß eine Notlösung kleiner Süßwasserbewohner in sauerstoffarmen Tümpeln gewesen. Wenn selbst marine Lungenfische bereits entsprechende Anpassungen zeigen, dann war der Schritt zur Luftatmung evolutiv breiter aufgestellt.


Die Autorinnen und Autoren argumentieren außerdem, dass wir wegen der schlechten Weichteilerhaltung auf genau solche Skelettindikatoren angewiesen sind: craniale Rippen, Merkmale des Mund- und Kiemenapparats, Hinweise auf eine große Buccalhöhle, also auf jene Anatomie, mit der Luft überhaupt erst effizient geschluckt und bewegt werden konnte.


Die Schädel erzählen, wie Luft in den Körper kam


Noch konkreter wird es bei den stem-Tetrapoden. Cieri et al. 2014 zeigen an Polypterus, einem heute lebenden Flösselhecht, einen mechanischen Luftatmungsmodus über Spirakeln. Das ist für sich genommen schon interessant, aber der eigentliche Punkt liegt im Vergleich mit Fossilien.


Große, hochliegende Spirakeln bei Formen wie Tiktaalik, Gogonasus oder Ventastega waren lange ein Rätsel. Die Arbeit von Cieri und Kolleginnen liefert nun ein plausibles Funktionsmodell: Solche Strukturen könnten Luftaufnahme nahe der Wasseroberfläche erleichtert haben, gerade in flachen, sauerstoffarmen Randhabitaten. Damit bekommt die Schädelmorphologie plötzlich kreislaufbiologische Bedeutung. Denn ohne verlässliche Luftaufnahme lohnt sich auch kein Umbau der Blutführung zur Lunge.


Der eigentliche Kern: Wann wird aus Luftatmung ein Lungenkreislauf?


Hier muss man sauber zwischen Luftatmung und Lungenkreislauf unterscheiden. Ein Tier kann Luft schlucken, ohne bereits eine weitgehend getrennte pulmonale und systemische Zirkulation im modernen Sinn zu besitzen. Die entscheidende evolutionäre Frage lautet also: Ab wann wird sauerstoffarmes Blut bevorzugt zur Lunge geleitet und sauerstoffreiches Blut bevorzugt von dort zurückgeführt?


Die stärkste Brücke zwischen Fossilbefund und Kreislaufmechanik liefern hier lebende Lungenfische. Sie sind keine „lebenden Fossilien“ im simplen Pop-Sinn, aber sie bewahren anatomische Organisationsprinzipien, die für die Rekonstruktion sehr wertvoll sind. Icardo et al. 2005 beschreiben beim afrikanischen Lungenfisch Protopterus dolloi einen Herzaufbau, bei dem sauerstoffreiches Blut über einen pulmonalen Kanal gezielt in den linken Vorhof geleitet wird. Das ist keine vollständige Trennung wie bei Vögeln oder Säugern, aber es ist bereits eine funktionelle Sortierung.


Genau hier wird sichtbar, warum die Geschichte des Lungenkreislaufs nicht mit einer einzigen anatomischen Neuerung erklärt werden kann. Das Herz muss nicht sofort perfekt getrennt sein. Es genügt zunächst, wenn bestimmte Falten, Klappen, Kanäle und Vorhofstrukturen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass pulmonal oxygeniertes Blut bevorzugt in die richtige Richtung gelangt.


Der sechste Kiemenbogen als evolutiver Umbauplatz


Noch deutlicher wird der Zusammenhang in der vergleichenden Respirationsforschung. Perry et al. 2005 rekonstruieren die frühe Evolution des Tetrapoden-Respirationsapparats aus indirekter Evidenz und formulieren einen Schlüsselsatz: In Lungenfischen und Tetrapoden werden die Lungen über Pulmonalarterien versorgt, die vom sechsten Kiemenbogen abgeleitet sind.


Das ist evolutionsbiologisch enorm elegant. Der Lungenkreislauf fällt nicht vom Himmel, sondern entsteht aus einem Umbau bereits vorhandener Gefäßarchitektur. Die gleiche Wirbeltierentwicklung, die ursprünglich Kiemen versorgt, wird Schritt für Schritt umgeleitet, spezialisiert und neu funktionalisiert. Genau deshalb ist die Entstehung des Lungenkreislaufs kein Bruch mit der Fisch-Vergangenheit, sondern deren Umbau.


Definition: Was mit „Entstehung des Lungenkreislaufs“ gemeint ist


Gemeint ist nicht der plötzliche Start eines modernen Zweikreislaufs, sondern der evolutive Prozess, in dem Blut zunehmend gezielt zur Lunge geführt, dort oxygeniert und anschließend funktionell getrennt in den Körperkreislauf zurückgespielt wird.


Warum das Herz nicht einfach „vier Kammern bekommen“ musste


Ein häufiger Denkfehler besteht darin, den Lungenkreislauf direkt mit dem vierkammerigen Herz zu verwechseln. Das ist zu spät angesetzt. Schon vorher konnte Selektion auf bessere Trennung wirken: über geteilte Vorhöfe, Spiralstrukturen im Ausflusstrakt, Falten, Kanäle und lokale Druckverhältnisse.


Gerade Lungenfische zeigen, wie viel physiologische Ordnung bereits mit partieller Trennung möglich ist. Das macht sie für die Frage nach dem Ursprung des Lungenkreislaufs so zentral. Sie stehen nicht am Ende der Geschichte, aber sie zeigen ein plausibles Zwischenstadium: genug Separation, damit Luftatmung nicht nur zusätzlich, sondern kreislaufmechanisch sinnvoll wird.


Der Fossilbericht liefert also kein Foto, sondern eine Sequenz


Wenn man alle Puzzleteile zusammenlegt, ergibt sich kein einzelner Gründungsmoment, sondern eine Abfolge:


Zuerst stehen luftfähige Organe oder Organvorstufen. Dann tauchen Skelettmerkmale auf, die aktives Luftschlucken und Ventilation wahrscheinlicher machen. Parallel oder kurz darauf wird die Gefäßanbindung über bestehende Kiemenbogenstrukturen umgebaut. Schließlich entstehen Herzarchitekturen, die pulmonalen und systemischen Rückstrom partiell entmischen.


Aus genau diesem Grund ist die Formulierung „Entstehung des Lungenkreislaufs im Fossilbericht“ zugleich richtig und missverständlich. Richtig, weil Fossilien zentrale Belege liefern. Missverständlich, weil der Kreislauf als Funktion nie vollständig nur im Stein liegt. Er entsteht erst in der Zusammenschau aus Fossilien, Vergleichsanatomie und Entwicklungsbiologie.


Was wir noch nicht sicher wissen


Gerade ein seriöser Leitartikel darf die Unsicherheiten nicht wegbügeln. Wir wissen weiterhin nicht bei jeder devonischen Form genau, wie effizient ihre Luftatmung war. Wir wissen oft nicht, wie stark Blutströme im Herzen bereits getrennt waren. Und wir wissen bei vielen Linien nicht, welche Anpassungen primär für Hypoxie, für Aktivität, für Flachwasserleben oder für mehrere dieser Faktoren zugleich entstanden.


Das ist aber keine Schwäche der Forschung. Es ist die normale Lage an einer tiefen evolutiven Schwelle. Die gute Nachricht lautet: Die großen Linien werden trotzdem schärfer. Die Evidenz spricht klar dafür, dass der Lungenkreislauf nicht plötzlich bei Landwirbeltieren „erfunden“ wurde, sondern aus einem älteren Paket von Luftatmung, Gefäßumbau und Herzsortierung hervorging.


Warum diese Geschichte mehr ist als ein Kapitel Urzeit


Die Entstehung des Lungenkreislaufs ist kein exotisches Paläothema am Rand der Biologie. Sie erklärt, warum unser eigener Körper so gebaut ist, wie er gebaut ist. Unser Herz-Kreislauf-System trägt noch immer die Spuren eines sehr alten Umbaus: von einer Welt, in der Wasser die primäre Atemumgebung war, zu einer Welt, in der Luftatmung hohe Stoffwechselraten, Landgang und schließlich völlig neue Lebensformen ermöglichte.


Vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre aus dem Fossilbericht: Evolution arbeitet selten mit Neuanfängen. Meistens nimmt sie vorhandene Leitungen, Bögen, Falten und Kanäle und zwingt sie in neue Aufgaben. Der Lungenkreislauf ist dafür ein Musterbeispiel. Er ist keine einzelne Erfindung, sondern eine Umbaugeschichte aus vielen kleinen, aber folgenreichen Schritten.


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