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Jährlich 100 Milliarden sparen: Die fünf Hebel, die Deutschland nicht wehtun müssen

Aktualisiert: 15. Mai

Fünf massive Metallhebel vor einer eurobeleuchteten deutschen Haushaltskulisse, darüber eine große gelbe Schlagzeile zum Sparpotenzial des Staates.

Wenn in Deutschland von 100 Milliarden Euro Sparpotenzial die Rede ist, denken viele sofort an das falsche Bild: geschlossene Schwimmbäder, kaputte Schulen, noch langsamere Behörden, marode Schienen, weniger Forschung, mehr Druck auf Pflege und Sozialstaat. Das ist die reflexhafte Version der Haushaltsdebatte. Sie unterstellt, Sparen beginne dort, wo der Staat für die breite Gesellschaft sichtbar wird.


Genau dort liegt aber oft nicht der große Hebel. Wer wirklich in die Größenordnung von 100 Milliarden pro Jahr kommen will, muss nicht zuerst Leistungen zerschneiden, die ohnehin knapp sind. Er muss an teure Routinen, schlecht begründete Steuerprivilegien, historisch gewachsene Ausnahmen und schwachen Vollzug heran. Das ist politisch unerquicklich. Aber fiskalisch ist es die deutlich sauberere Route.


Ein Gefühl für die Größenordnung hilft: Laut Bundesfinanzministerium liegen die für 2026 veranschlagten Ausgaben im Bundeshaushalt, im Klima- und Transformationsfonds und im Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität zusammen bei 128,7 Milliarden Euro. 100 Milliarden sind also kein kleiner Korrekturbetrag. Es ist fast die Größenordnung einer ganzen Investitionsoffensive.


Der erste Denkfehler: Nicht jede Einsparung ist ein Verlust für alle


Der Staat spart nicht nur dann, wenn er etwas streicht, das Menschen direkt nutzen. Er spart auch dann, wenn er aufhört, Verhalten zu subventionieren, das ökologisch schädlich ist, ökonomisch wenig bringt oder sozial schief verteilt wirkt. Er spart, wenn er Mitnahmeeffekte reduziert. Er spart, wenn er Löcher im Vollzug schließt. Und er spart, wenn er Privilegien abbaut, die sich über Jahrzehnte so normalisiert haben, dass sie kaum noch als politische Entscheidung wahrgenommen werden.


Das ist der Unterschied zwischen Kahlschlag und Priorisierung.


Der 30. Subventionsbericht des Bundes weist für 2026 insgesamt 77,8 Milliarden Euro an Finanzhilfen und Steuervergünstigungen aus. Das heißt nicht, dass diese Summe einfach gestrichen werden könnte oder sollte. Es heißt aber sehr wohl: Der deutsche Staat bewegt schon heute jedes Jahr sehr große Beträge über Sonderregeln, Hilfen und Ausnahmen. Wer behauptet, es gebe keine Spielräume, bevor man an Kernbereiche geht, macht es sich zu leicht.


Hebel 1: Steuervergünstigungen auf Wirksamkeit trimmen


Der Bundesrechnungshof spricht von jährlich 30 Milliarden Euro Einsparpotenzial bei Steuervergünstigungen von Bund und Ländern. Das ist bemerkenswert, weil der Rechnungshof keine politische Kampforganisation ist, sondern die trockene Instanz für Wirtschaftlichkeit und Kontrolle.


Die zugrunde liegende Logik ist simpel: Steuervergünstigungen werden oft eingeführt, weil sie gut klingen, schnell beschlossen sind und im politischen Alltag milder wirken als direkte Ausgaben. Aber steuerlich geförderte Ausnahmen haben denselben Effekt auf den Haushalt wie Zuschüsse: Sie kosten Geld. Nur sind sie häufig schlechter sichtbar.


Der Rechnungshof nennt Beispiele, die zeigen, worum es geht. Die steuerliche Begünstigung von Dieselkraftstoff liegt nach seiner Darstellung bei 7 Milliarden Euro. Die Steuerermäßigung für Handwerkerleistungen kostet 2,1 Milliarden Euro. Beim ermäßigten Umsatzsteuersatz geht es um mehrere Milliarden. Keine dieser Positionen allein löst das Haushaltsproblem. Aber genau so entsteht die fiskalische Masse: nicht durch ein großes Tabu, sondern durch viele teure Ausnahmen, deren Wirkung selten hart gegen Alternativen getestet wird.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Ist diese Förderung beliebt?“ Sondern: „Erreicht sie ihren Zweck besser als eine gezieltere, transparentere Lösung?“


Hebel 2: Verkehr und Energie dort entprivilegieren, wo der Staat falsche Anreize bezahlt


Besonders groß ist das Sparpotenzial dort, wo Finanzpolitik und Klimapolitik gegeneinander arbeiten. Das Umweltbundesamt beziffert die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland für 2018 auf 65,425 Milliarden Euro und betont selbst, dass das eher eine Untergrenze ist.


Gerade im Verkehrsbereich wird sichtbar, wie teuer Gewohnheit sein kann:


  • Dieselkraftstoff steuerlich begünstigt: 8,202 Mrd. Euro

  • Entfernungspauschale: 6,0 Mrd. Euro

  • Privat genutzte Dienstwagen pauschal begünstigt: mind. 3,1 Mrd. Euro

  • Kerosin steuerfrei: 8,357 Mrd. Euro

  • Internationale Flüge von der Mehrwertsteuer befreit: 3,997 Mrd. Euro


Das sind keine neutralen Haushaltspositionen. Es sind staatlich bezahlte Signale: lange Wege sind okay, schwere Autos sind okay, Fliegen ist steuerlich geschont, Diesel bleibt privilegiert. Wer gleichzeitig mehr Mittel für Bahn, Stromnetze oder Gebäudesanierung sucht, sollte sich fragen, warum der Staat an anderer Stelle den gegenteiligen Kurs finanziert.


Hinzu kommen energiepolitische Sonderregeln für die Industrie. Das UBA nennt unter anderem 5,4 Milliarden Euro für die besondere Ausgleichsregelung des EEG, 3,66 Milliarden Euro für das Eigenstromprivileg der Industrie und 3,6 Milliarden Euro bei der Konzessionsabgabe für Strom. Nicht alles davon lässt sich von heute auf morgen streichen. Ein Teil hängt an Wettbewerbsfragen, ein Teil an europäischem Rahmenrecht. Aber gerade deshalb ist der richtige Maßstab nicht Symbolpolitik, sondern Wirksamkeitsprüfung: Welche Entlastungen verhindern echte Abwanderung, und welche sind längst zur stillen Grundausstattung geworden?


Wer hier aufräumt, spart nicht nur Geld. Er beendet auch das teure Nebeneinander von Förderung und Gegenförderung. Genau an diesem Punkt lohnt der Blick zurück auf den älteren Wissenschaftswelle-Beitrag über den Tankrabatt und andere Entlastungen: Die teuersten Entlastungen sind oft die, die am wenigsten präzise helfen.


Hebel 3: Immobilienprivilegien abbauen statt Arbeit immer weiter zu belasten


Ein besonders unterschätzter Hebel liegt nicht im Konsum, sondern im Besitz. Das DIW Berlin kommt für eine Reform der Immobilienbesteuerung auf rund 27 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlichem Aufkommen. Der Kern der Diagnose ist unangenehm klar: In Deutschland werden Arbeit und Sozialbeiträge hoch belastet, während Immobilienvermögen und Bodenwertgewinne vergleichsweise mild behandelt werden.


Das betrifft mehrere Ebenen zugleich: unterbesteuerte Bodenwerte, steuerfreie Veräußerungsgewinne nach langen Haltefristen, Gestaltungsmöglichkeiten über Immobiliengesellschaften, Begünstigungen bei Share Deals und sehr niedrige laufende Belastungen im internationalen Vergleich. Das Resultat ist kein Zufall, sondern eine politische Struktur, die Besitz schont und Erwerb belastet.


Der Clou dieses Hebels ist, dass er nicht auf die breite Alltagsnutzung zielt, sondern auf Privilegien in einem Markt, der Vermögen konzentriert. Gerade deshalb gehört er in jede ernsthafte Debatte über „schmerzarmes“ Sparen oder Konsolidieren. Wenn Deutschland zusätzliche Spielräume will, ohne die Mitte immer stärker zu drücken, führt an dieser Zone kaum ein Weg vorbei.


Hier passt auch die Brücke zur Ungleichheitsanalyse über Deutschland: Wer nur auf Ausgaben starrt, übersieht oft, dass Ungleichheit auch durch die Architektur der Einnahmeseite stabilisiert wird.


Hebel 4: Familienbesteuerung präziser machen, statt ein altes Modell pauschal weiterzufinanzieren


Kaum ein Instrument ist kulturell so aufgeladen wie das Ehegattensplitting. Gerade deshalb lohnt Nüchternheit. Es geht nicht um die Abschaffung von Familie, sondern um die Frage, ob ein teures Instrument heute noch die richtigen Anreize setzt.


Das DIW Berlin kommt bei einer moderaten Reform über ein Realsplitting auf 5,3 Milliarden Euro direktes Mehraufkommen. Hinzu kämen laut DIW bei zusätzlichem Arbeitsangebot gut 6 Milliarden Euro an Steuern und Sozialbeiträgen.


Das ist interessant, weil dieser Hebel nicht nur fiskalisch wirkt. Er verändert auch Erwerbsanreize, vor allem dort, wo Zweitverdienste durch die Kombination aus Steuersystem, Minijoblogik und sozialrechtlichen Regeln unattraktiv werden. „Nicht wehtun“ bedeutet hier: nicht pauschal Leistungen kürzen, sondern ein teures Instrument so umbauen, dass Unterstützung gezielter wird und weniger an einem alten Familienmodell hängt.


Natürlich ist das politisch heikel. Aber genau das ist ja der Punkt dieses Artikels: Die großen Summen liegen selten dort, wo Reformen bequem sind.


Hebel 5: Steuervollzug ernst nehmen statt Milliardenverluste zu verwalten


Ein Staat kann nicht glaubwürdig über Sparzwang sprechen und gleichzeitig akzeptieren, dass er fällige Einnahmen nur unvollständig eintreibt. Auch hier geht es um große Zahlen. Die Europäische Kommission schätzt Deutschlands Umsatzsteuerlücke für 2023 auf 31 Milliarden Euro. Auf Missing-Trader-Intra-Community-Fraud entfallen davon rund 5 Milliarden Euro.


Zusätzlich warnt der Bundesrechnungshof, dass in bargeldintensiven Branchen bei sehr hohen Betrugsquoten jährlich Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe verloren gehen. Das ist kein theoretischer Schönheitsfehler. Es ist ein Strukturproblem.


Hier zeigt sich, dass Haushaltsdebatten oft in die falsche Richtung laufen. Der Staat diskutiert dann über die Kürzung sichtbarer Programme, obwohl an anderer Stelle riesige Beträge durch schwache Kontrollen, veraltete IT und lückenhaften Datenaustausch wegrinnen. Genau deshalb ist auch der institutionelle Unterbau wichtig. Wer sich für die Verwaltungsseite interessiert, findet bei Wissenschaftswelle bereits einen passenden Anschluss im Beitrag über Open Data in der Verwaltung und in der Analyse zu Deutschlands digitaler Modernisierung. Ohne moderne Systeme wird aus Steuerrecht keine wirksame Finanzpolitik.


Kommt man damit wirklich in die Nähe von 100 Milliarden?


Ja, aber nur, wenn man sauber rechnet.


Wer die Summen aus allen Studien schlicht addiert, baut Scheinpräzision. Einige Potenziale überschneiden sich. Manche Reformen wären nur schrittweise möglich. Andere brauchen europäische Abstimmung oder sozialen Ausgleich. Die Zahl 100 Milliarden ist deshalb keine Excel-Magie, sondern eine politische Größenordnung.


Trotzdem ist diese Größenordnung belastbar. Schon der Bundesrechnungshof sieht 30 Milliarden Euro bei Steuervergünstigungen. Das UBA dokumentiert 65,4 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen als Untergrenze. Das DIW sieht 27 Milliarden Euro bei Immobilienprivilegien. Dazu kommen 5,3 Milliarden Euro aus einer moderaten Reform des Ehegattensplittings sowie Milliardenpotenziale im Steuervollzug, etwa bei der Umsatzsteuerlücke.


Natürlich ist das kein additiver Wunschzettel. Aber selbst wenn man großzügig Überschneidungen abzieht, landet man immer noch in einer Sphäre, die zeigt: 100 Milliarden sind nicht nur durch Sozialabbau, Leistungsabbau oder Investitionsstopp erreichbar. Sie liegen schon heute im System verborgen.


Was „nicht wehtun“ in Wahrheit heißt


Ganz ohne Verlierer geht es nicht. Wer Diesel, Kerosin, Dienstwagen oder steuerliche Besitzprivilegien abbaut, greift in reale Vorteile ein. „Nicht wehtun“ heißt deshalb nicht: niemand merkt etwas. Es heißt etwas Präziseres.


Es heißt erstens: Die breite Funktionsfähigkeit des Landes wird nicht angegriffen. Schulen, Pflege, Forschung, Netze und Verwaltungskapazität werden nicht zuerst geschwächt.


Es heißt zweitens: Wer trifft, soll möglichst Fehlanreize, Mitnahmeeffekte und ungleich verteilte Privilegien treffen, nicht das Existenzminimum oder öffentliche Grundversorgung.


Und es heißt drittens: Dort, wo Reformen Belastungen erzeugen, müssen sie mit Übergängen, Zielgenauigkeit und gegebenenfalls Rückverteilung verbunden werden. Der Abbau des Falschen ist politisch nur stabil, wenn er nicht als blinder Strafzug wirkt.


Die eigentliche Zumutung liegt also nicht im Geld, sondern in der Ehrlichkeit. Deutschland kann große Summen bewegen, wenn es will. Die Frage ist nur, ob es sich an die Zonen herantraut, in denen Gewohnheit, Lobbyinteressen und steuerliche Komfortlagen sitzen.


Wer 100 Milliarden sucht, muss nicht zuerst an das gehen, was das Land zusammenhält. Er muss an das gehen, was sich das Land zu lange schöngerechnet hat.


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Der Beitrag wurde am 15.05.2026 vollständig aktualisiert


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