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Kerry James Marshall korrigiert die Leerstelle der Malerei: Warum seine Bilder den westlichen Kanon neu ordnen

Dramatisches Titelbild mit einer Schwarzen Künstlerfigur in einem Atelier vor monumentalen Gemälden, dazu die Schriftzüge „Schwarze Figuren“ und „Malerei neu ordnen“ im Wissenschaftswelle-Stil.

Wer durch ein großes Museum läuft, bekommt schnell den Eindruck, die Malerei habe schon immer gewusst, wer im Zentrum eines Bildes stehen darf. Herrscher, Heilige, Venusgestalten, Feldherren, Kaufleute, Bürgerfamilien, Mythengötter, Salonfiguren: Die westliche Kunstgeschichte ist voll von Würde, Schönheit und Bedeutung. Aber sie hat diese Würde nie gleichmäßig verteilt. Genau an diesem Punkt setzt Kerry James Marshall an. Seine Bilder fügen der Kunstgeschichte nicht bloß „mehr Repräsentation“ hinzu. Sie legen offen, dass der Kanon selbst auf Ausschlüssen gebaut wurde.


Dass das keine nachträgliche Überinterpretation ist, sagt Marshall selbst ziemlich klar. In einem Art21-Gespräch formuliert er, der „privilegierte Körper“ der Kunstgeschichte sei traditionell ein weißer Körper. Seine eigene Arbeit solle dieselben malerischen Funktionen erfüllen, aber die Schwarze Figur zentralisieren. Das ist der entscheidende Punkt: Marshall will nicht um Aufnahme bitten. Er arbeitet so, als gehöre diese Bildwelt längst dorthin, wo sie historisch systematisch fehlte.


Es geht nicht nur um Sichtbarkeit, sondern um bildnerische Souveränität


Viele Debatten über Repräsentation bleiben auf der Ebene von Anwesenheit stehen. Wer kommt vor, wer fehlt, wer wird vergessen? Bei Marshall reicht das nicht. Seine Figuren sollen nicht einfach sichtbar werden. Sie sollen Anspruch auf all das haben, was die große Malerei jahrhundertelang verteilt hat: Schönheit, Feierlichkeit, Intelligenz, Begehren, Erinnerung, Melancholie, Macht, Selbstverständlichkeit.


Die große Retrospektive Kerry James Marshall: Mastry im Met beschrieb sein Werk deshalb treffend als Praxis, die den Platz der Schwarzen Figur im westlichen Kanon „wieder behauptet“. Das ist mehr als ein kuratorischer Lobesatz. Es beschreibt die eigentliche Verschiebung. Marshall malt nicht so, als stünden Schwarze Leben außerhalb der Hochkultur. Er malt so, als wäre es ein Fehler der Malereigeschichte gewesen, sie nicht längst dort hineingeschrieben zu haben.


Darum wirken seine Bilder oft so souverän. Sie argumentieren nicht defensiv. Sie entschuldigen sich nicht. Sie treten auf, als hätten sie jedes Recht, monumental, raffiniert, gelehrt und schön zu sein.


Kernidee: Kerry James Marshall erweitert die Malerei nicht am Rand.


Er besetzt ihr prestigeträchtiges Zentrum neu.


Die Farbe Schwarz ist bei ihm keine Lücke, sondern eine Behauptung


Ein Schlüssel zu Marshalls Wirkung liegt in der Art, wie er Schwarz malt. Seine Figuren sind oft so dunkel gesetzt, dass ihre Haut fast wie ein eigener Bildraum wirkt. Das ist keine naturalistische Beschreibung und auch kein illustrativer Realismus. Es ist eine formale und politische Entscheidung.


Schon in der frühen Arbeit A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self wird das sichtbar. Der Kopf scheint fast im schwarzen Grund aufzugehen, nur Augen und Zähne treten scharf hervor. Das Bild spielt mit Karikatur, Unsichtbarkeit und Selbstbehauptung zugleich. Es ist bitter, witzig und theoretisch aufgeladen, ohne trocken zu werden. Marshall zeigt damit früh, dass „nicht gesehen werden“ in der Bildgeschichte nie einfach Abwesenheit bedeutet. Es ist ein Effekt von Konventionen.


Diese Konventionen dreht er nicht durch reine Gegenillustration um, sondern durch malerische Präzision. In seinem Met-Beitrag zu Ingres erklärt Marshall, Präzision bedeute nicht bloß Korrektheit, sondern Wahl. Genau so funktionieren seine eigenen Bilder. Sie stellen Schwarze Haut nicht als Problem der Sichtbarkeit dar, sondern als bewusste Setzung, die das Auge neu diszipliniert. Wer diese Figuren sehen will, muss sich aus den alten Sehgewohnheiten lösen.


Alltag wird bei Marshall zur großen Gattung


Besonders stark ist Marshall dort, wo er Motive wählt, die der klassische Kanon nie für groß genug gehalten hätte. Wohnanlagen, Parks, Salons, Studios, Wohnzimmer, Boote, Nachbarschaften, intime Innenräume: Seine Themen liegen nicht außerhalb der Geschichte, sondern mitten in den Lebenswelten Schwarzer Gemeinschaften.


Die MacArthur Foundation hob schon in den 1990er Jahren hervor, dass Marshall häufig gewöhnliche, oft übersehene afroamerikanische Lebenswelten malt und ihnen allegorische Größe verleiht. Genau darin liegt seine Sprengkraft. Er behandelt das, was Museen und Kunstgeschichten lange als sozial zu klein, zu lokal, zu nicht-kanonisch angesehen haben, mit derselben Ernsthaftigkeit wie ein Renaissance-Atelier oder ein Historienbild.


In Arbeiten aus dem Garden Project, etwa Better Homes, Better Gardens, wird das besonders klar. Der Titel klingt zunächst fast freundlich, fast werblich. Doch gerade diese Mischung aus Wohnversprechen, öffentlichem Raum und sozialer Realität macht die Bilder so stark. Marshall verwandelt städtische Schwarze Lebensräume nicht in Elendsikonen. Er zeigt sie als Orte von Struktur, Schönheit, Erinnerung und politischer Lesbarkeit.


Das ist entscheidend, weil Repräsentation in seinem Werk nicht nur bedeutet, dass Schwarze Menschen vorkommen. Sie bedeutet, dass ihre Räume nicht länger als bloßer Hintergrund erscheinen.


Erinnerung braucht bei ihm keinen Heldensockel


Ein zweites großes Feld seines Werks ist die Erinnerung. Die Souvenir-Serie gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür. Dort erinnert Marshall an afroamerikanische Musiker, Aktivisten und Kulturfiguren der 1960er Jahre, aber nicht im Modus staatlicher Monumente. Stattdessen landen Trauer, Feierlichkeit und Geschichte in Wohnräumen, auf Sofas, an dekorierten Wänden, in häuslichen Szenen.


Das Whitney beschreibt Souvenir IV als Werk, das Trauer mit Würde und sogar mit einer Form von Optimismus verbindet. Marshall selbst sagt dort, er habe den Kreis derer erweitern wollen, die als erinnerungswürdig gelten. Genau das macht diese Bilder so intelligent. Sie behandeln Geschichte nicht als fernes Monument, sondern als etwas, das in Interieurs weiterlebt, in Musik, in Namen, in Gegenständen, in alltäglicher Erinnerung.


Auch SFMOMA fasst diese Werkgruppe als Gedenken an die Bürgerrechtsbewegung und an ihr verlorenes Potenzial. Dieser zweite Halbsatz ist wichtig. Marshall betreibt keine bloße Heroisierung. Seine Bilder wissen, dass historische Errungenschaften unvollständig geblieben sind. Sie sind nicht nostalgisch. Sie sind nachtragend im besten Sinne: Sie bestehen darauf, dass Geschichte noch nicht erledigt ist.


Schönheit ist bei Marshall eine politische Kategorie


Ein besonders kluger Zug seines Werks besteht darin, dass er Schönheit nicht dem Politischen opfert. Im Gegenteil: Schönheit ist Teil seines Arguments. Die üppigen Oberflächen, die sorgfältigen Kompositionen, die kontrollierte Farbigkeit, das Glitternde, Dekorative, manchmal fast Feierliche seiner Bilder sagen mit jeder Leinwand, dass Schwarze Präsenz nicht nur im Modus des Leidens malbar ist.


Das zeigt sich etwa in School of Beauty, School of Culture. Ein Friseursalon wäre im traditionellen Gattungsdenken leicht als „kleine Szene“ lesbar, als bloßer Alltag, als Randthema. Marshall macht daraus ein monumentales Gemälde. Ein Ort Schwarzer Schönheitsarbeit und sozialer Intimität wird zur Kunstgeschichte auf Augenhöhe mit den großen Bildern europäischer Tradition.


Gerade darin liegt seine Präzision. Er beantwortet den weißen Kanon nicht nur mit Kritik, sondern mit Konkurrenz. Seine Bilder sagen: Wenn Schönheit historisch exklusiv verteilt wurde, dann muss man die Verteilung ändern, nicht den Anspruch auf Schönheit aufgeben.


Das Atelier ist bei Marshall ein Machtort


Vielleicht wird seine ganze Strategie nirgends klarer als in Untitled (Studio). Das Met beschreibt das Werk als Bild voller kunsthistorischer Verweise, das zugleich nach Zugang, Autorenschaft und Sichtbarkeit fragt. Wer durfte in der Geschichte malen? Wer durfte Modell sein? Wer durfte überhaupt als Bildsubjekt ernst genommen werden?


Das Gemälde ist deshalb so stark, weil es nicht nur Schwarze Figuren zeigt, sondern Schwarze künstlerische Autorität. Das Studio ist in der europäischen Kunst nie bloß ein Raum. Es ist ein Ort von Rang, Bildung, Meisterschaft, Zunft, Genie, Kanon. Wenn Marshall diesen Ort besetzt, geht es nicht nur darum, dass ein Schwarzer Künstler existiert. Es geht darum, dass Schwarze Kunstproduktion als Trägerin der großen malerischen Tradition erscheint.


Noch bedeutungsvoller wird das, wenn man den biografischen Hintergrund mitliest: Laut The Met war der Besuch im Studio des Künstlers Charles White für Marshall als Jugendlicher prägend. Man kann dieses Bild also auch als Weitergabe von Möglichkeit lesen. Nicht nur: So sieht ein Atelier aus. Sondern: Auch das kann dein Ort sein.


Geschichtsmalerei ohne falsches Pathos


Marshall ist außerdem einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, die das alte, eigentlich schwer belastete Format der Geschichtsmalerei wirklich produktiv gemacht haben. In Werken wie Great America oder Voyager geht es um Nachleben der Sklaverei, um die Middle Passage, um Erinnerungslücken und historische Gewalt.


Bemerkenswert ist dabei, dass Marshall Trauma nicht als direkte Schockillustration ausstellt. In der NGA-Broschüre zu In the Tower erklärt er, dass die Middle Passage sich gar nicht angemessen als unmittelbare Erfahrung darstellen lasse. Deshalb nähert er sich ihr indirekt. In Great America wird aus dem historischen Abgrund eine unheimliche Vergnügungspark-Szene, in der sich Freizeit, Geisterbahn und Gewaltgeschichte übereinanderschieben.


Das ist kein Trick zur Entschärfung, sondern eine formale Einsicht. Es gibt Geschichte, die nicht direkt abbildbar ist, ohne in Kitsch oder falsche Evidenz zu kippen. Marshall antwortet darauf mit Verfremdung. Seine Geschichtsbilder sind nicht weniger politisch, weil sie Umwege gehen. Sie sind klüger politisch, weil sie den Bildakt selbst zum Problem machen.


Auch Afro-Atlantic Histories zeigt das an Voyager: Das Werk verweist auf ein reales Sklavenschiff, setzt aber auf symbolische Überlagerungen statt auf didaktische Rekonstruktion. Gerade dadurch erscheint Geschichte nicht als abgeschlossene Episode, sondern als Druck auf die Gegenwart.


Warum Marshall gerade heute so wichtig ist


Kerry James Marshall ist deshalb so relevant, weil er eine Debatte präzisiert, die oft zu grob geführt wird. Wenn heute über Kanon, Diversität oder Sichtbarkeit gestritten wird, klingt das schnell nach Personalpolitik für Museen oder nach symbolischer Korrektur. Marshall führt vor, dass es tiefer geht. Die Frage lautet nicht nur, wer an die Wand kommt. Die Frage lautet, welche Vorstellungen von Schönheit, Würde, Alltag, Erinnerung und Größe überhaupt als malwürdig gelten.


Das macht seine Arbeit auch jenseits des Kunstbetriebs interessant. Denn viele Institutionen funktionieren ähnlich wie alte Museen: Sie behaupten Neutralität, obwohl ihre Normen historisch sehr spezifisch sind. Marshall zeigt, dass Korrektur nicht mit moralischer Beschriftung beginnt, sondern mit formaler Macht. Wer den Kanon verändern will, muss nicht nur neue Namen hinzufügen. Er muss die Maßstäbe selbst umstellen.


Genau deshalb sind Marshalls Bilder so überzeugend. Sie wollen nicht bloß beweisen, dass Ausschluss stattgefunden hat. Sie zeigen, wie eine andere Kunstgeschichte aussieht, wenn man ihre Zentren neu besetzt.


Der eigentliche Eingriff liegt im Selbstverständlichen


Am Ende ist das vielleicht Marshalls größte Leistung: Er malt Schwarze Figuren nicht als Ausnahmezustand. Nicht als pädagogischen Sonderfall. Nicht als moralisch aufgeladene Ergänzung eines ansonsten intakten Kanons. Er malt sie als selbstverständliche Träger von Bildmacht.


Das klingt schlicht, ist aber ein radikaler Eingriff. Denn in der Geschichte westlicher Malerei war genau dieses Selbstverständliche nie selbstverständlich. Marshall korrigiert diese Leerstelle nicht mit Lautstärke allein, sondern mit Können, Belesenheit, Witz, Bilddisziplin und einer fast unverschämten Sicherheit im Umgang mit der Tradition.


Wer seine Bilder sieht, sieht deshalb mehr als Repräsentation. Man sieht eine Kunst, die den Kanon zwingt, sich endlich selbst zu erklären.


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