Gute Wissenschaft ist oft ungehorsam: Was Feyerabend mit „anything goes“ wirklich meinte
- Benjamin Metzig
- vor 2 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Paul Feyerabend gehört zu den Denkern, deren Ruf schneller zirkuliert als ihre eigentliche Position. Wer seinen Namen kennt, kennt meist auch die Formel anything goes. Das klingt nach philosophischer Kapitulation: keine Regeln, keine Maßstäbe, jeder Unsinn gleichberechtigt neben Physik, Medizin oder Biologie. Genau so wollte Feyerabend aber nicht gelesen werden. Sein Ziel war präziser und für die Wissenschaft unbequemer: Er hielt die offiziellen Erzählungen darüber, wie Forschung angeblich funktioniert, oft für sauberer, strenger und einheitlicher, als es die Geschichte der Wissenschaft hergibt.
Darum ist Feyerabend bis heute interessant. Er erinnert daran, dass Erkenntnis nicht nur aus Disziplin entsteht, sondern oft auch aus Störungen, Umwegen und Regelbrüchen, die im Nachhinein gern aus dem Bild verschwinden.
Kernaussagen
Feyerabend griff nicht Wissenschaft als Erkenntnisform an, sondern die Idee, sie folge überall derselben festen Methode.
Sein berühmtes anything goes war eine polemische Waffe gegen Methodenmonismus, kein Freibrief für Beliebigkeit.
Historische Fallstudien, vor allem Galileo, sollten zeigen, dass Fortschritt oft dort entsteht, wo Forscher gegen etablierte Standards arbeiten.
Mit dem Begriff der Inkommensurabilität betonte Feyerabend, dass neue Theorien alte Begriffe nicht nur ergänzen, sondern ihren Sinn verschieben können.
Seine spätere politische Pointe lautet nicht „Misstraut jeder Forschung“, sondern: Verwechselt die Autorität konkreter Forschung nicht mit dem Mythos einer einheitlichen, unfehlbaren Instanz namens Wissenschaft.
Der Skandal lag in der Parole
Wer Feyerabend nur über die Parole liest, hält ihn leicht für einen Dadaisten der Erkenntnis. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy zeigt aber schon im Überblick, dass er aus der Wissenschaftsphilosophie selbst kam und sich zunächst intensiv mit Popper, Quantenphysik und Theorienwandel beschäftigte. Sein Konflikt mit dem philosophischen Mainstream entstand nicht, weil er Erkenntnis gering schätzte, sondern weil er meinte, dass Philosophen und manche Wissenschaftler aus der lebendigen Praxis ein zu glattes Regelwerk gemacht hatten.
Das berühmte Buch Against Method richtete sich genau gegen diese Glättung. Feyerabend wollte zeigen, dass erfolgreiche Forschung historisch nicht so aussieht, als hätte sie ein überzeitliches Handbuch befolgt. Sie arbeitet mit Hypothesen, Improvisation, taktischen Übertreibungen, provisorischen Hilfskonstruktionen und manchmal mit Verfahren, die nach den offiziell verkündeten Standards eigentlich unzulässig wären.
Definition: Was Feyerabend mit Methodenmonismus meinte
Gemeint ist die Vorstellung, gute Wissenschaft lasse sich auf ein einziges, allgemeingültiges Set von Regeln zurückführen. Genau gegen diese Verengung schrieb Feyerabend an.
Das ist der entscheidende Punkt: anything goes ist bei ihm keine Beschreibung der Welt und auch keine Empfehlung, Wahrheit aufzugeben. Es ist eine zugespitzte Kampfansage an den Wunsch, wissenschaftliche Kreativität nachträglich in eine einzige Form disziplinierter Vernunft zu pressen.
Dass Feyerabend gerade nicht bei platter Beliebigkeit landen wollte, zeigt schon der Kontext späterer Ausgaben von Against Method: Dort wird ausdrücklich markiert, dass die Kritik am Methodenideal nicht einfach auf Populismus oder einen naiven Relativismus hinauslaufen soll.
Warum ihn Galileo so interessierte
Feyerabend argumentierte ungern nur abstrakt. Er ging in die Wissenschaftsgeschichte, und dort vor allem zu Galileo. Das war kein dekoratives Beispiel, sondern der Kern seines Angriffs. Wenn man sehen will, wie Forschung tatsächlich vorankommt, dann nicht in idealisierten Methodenschemata, sondern in konkreten Konflikten, in denen neue Ideen gegen eingespielte Begriffe, Beobachtungsweisen und Autoritäten antreten.
Galileo war für ihn deshalb so wichtig, weil hier gerade nicht einfach „die Daten“ gegen Irrtum siegten. Neue Instrumente mussten erst Vertrauen gewinnen. Alte Begriffe mussten umgebaut werden. Wahrnehmung, Theorie und Darstellung arbeiteten nicht sauber nacheinander, sondern ineinander. Wer die historische Episode genauer sehen will, findet im Wissenschaftswelle-Beitrag Galileo Galilei: Teleskop, Wahrheit und der Konflikt mit der Kirche denselben Brennpunkt aus Sicht der Wissenschaftsgeschichte.
Für Feyerabend war daran etwas Grundsätzliches sichtbar: Gute Forschung beginnt oft nicht damit, dass eine Methode ordnungsgemäß angewendet wird. Sie beginnt damit, dass jemand die Ordnung selbst verschiebt. Neue Instrumente, neue Metaphern, neue Visualisierungen und neue Deutungsrahmen können dabei wichtiger sein als die Treue zu vorhandenen Regeln. Genau deshalb passt hier auch der interne Anschluss zu Wenn Bilder mitforschen: Wie wissenschaftliche Visualisierung Erkenntnis formt: Forschung überzeugt nicht nur mit Schlussketten, sondern auch mit Darstellungen, die neue Dinge überhaupt erst sichtbar machen.
Regelbruch ist nicht Willkür
Der stärkste Einwand gegen Feyerabend liegt auf der Hand: Wenn Regeln ständig gebrochen werden dürfen, bleibt dann nicht nur Willkür? Gerade hier lohnt die Präzisierung. Feyerabend behauptet nicht, dass jede Theorie gleich gut sei oder dass Belege bedeutungslos würden. Er behauptet, dass Regeln nie ausreichen, um Fortschritt im Voraus vollständig zu verwalten.
Ein starres Methodenideal kann sogar schaden. Das arbeitet auch Ian James Kidd in seiner Einordnung von Feyerabends Wissenschaftskritik klar heraus: Die eigentliche Zielscheibe ist nicht Forschung, sondern ein vereinheitlichtes Bild von „der Wissenschaft“, das ihre historische Vielfalt unterschlägt. Wenn erfolgreiche Forschung in Wahrheit viele Wege nimmt, dann wird ein einziges Regelmodell schnell zum Erkenntnishindernis.
Damit wird Feyerabend nicht zum Feind rationaler Prüfung. Er erinnert vielmehr daran, dass rationale Prüfung selbst historisch beweglich ist. Welche Einwände zählen? Welche Probleme gelten als wichtig? Welche Belege überzeugen? Solche Fragen lassen sich nicht vollständig losgelöst von Forschungspraxis beantworten. Wer das für gefährlich relativistisch hält, berührt genau die Spannung, die auch im Wissenschaftswelle-Text Objektivität: Warum dieses unerreichbare Ideal so verdammt wichtig ist zentral ist: Objektivität bleibt wichtig, aber sie wird schwach, wenn man sie mit Starrheit verwechselt.
Wenn neue Theorien alte Begriffe verschieben
Ein zweiter Schlüsselbegriff bei Feyerabend ist die Inkommensurabilität. Das Wort klingt sperrig, trifft aber einen einfachen Nerv: Neue Theorien sind nicht immer bloß bessere Versionen alter Theorien, die sich sauber Punkt für Punkt vergleichen lassen. Manchmal verändern sie schon die Sprache, mit der ein Gegenstand beschrieben wird.
Die Stanford-Enzyklopädie zur Inkommensurabilität zeigt, wie Feyerabend den Begriff nutzte, um gegen begriffliche Trägheit zu argumentieren. Wenn eine neue Theorie die Bedeutung zentraler Begriffe verschiebt, ist der Übergang nicht einfach ein Upgrade innerhalb derselben Sprache. Dann ändert sich mit der Theorie auch das Raster, durch das Wirklichkeit lesbar wird.
Das ist keine Einladung zum Nebel, sondern ein Hinweis auf einen realen Mechanismus wissenschaftlichen Wandels. Wer alte Begriffe für selbstverständlich hält, unterschätzt, wie tief Theorien in Beobachtung eingreifen. In abgeschwächter Form kennt man dieselbe Einsicht auch aus der Hermeneutik: Verstehen beginnt nie aus einem neutralen Nullpunkt. Der passende interne Nachbar ist hier Kein Text kommt nackt zu uns: Was Gadamer am Verstehen verändert. Bei Feyerabend geht es nicht um Texte, sondern um Wissenschaft, aber der Grundgedanke ähnelt sich: Erkenntnis arbeitet nie ohne Vorstruktur.
Feyerabend wollte nicht die Abschaffung von Maßstäben
Der verbreitete Kurzschluss lautet: Wer eine einheitliche Methode kritisiert, muss Beliebigkeit predigen. Genau dagegen lohnt der Blick in spätere Kontexte seines Werks. Die Beschreibung von Science in a Free Society macht sichtbar, dass Feyerabend seine Kritik politisch zuspitzte: mehr Vielfalt in Bildung, mehr Raum für konkurrierende Traditionen, mehr Skepsis gegenüber Expertenmonopolen. Das klingt drastisch, ist aber noch keine Absage an wissenschaftliche Standards.
Auch die bibliografisch erschlossene Zusammenfassung von „Democracy, Elitism, and Scientific Method“ läuft auf etwas Engeres hinaus: Wissenschaftliche Standards sind nie einfach neutrale Werkzeuge, die sich ohne Weiteres in politische Herrschaft übersetzen lassen. Wer Politik ausschließlich mit dem Verweis auf „die Wissenschaft“ legitimiert, überdeckt, dass politische Entscheidungen immer auch Wertentscheidungen, Interessenabwägungen und Machtfragen enthalten.
Hier liegt die produktive Provokation. Feyerabend sagt nicht, Laien wüssten automatisch besser Bescheid. Er sagt, dass aus Fachautorität nicht automatisch politische Letztautorität folgt. Das ist ein Unterschied, den man gerade in Debatten über Wahrheit, Expertise und öffentliche Vernunft leicht verliert. Darum passt an dieser Stelle auch der interne Verweis auf Wahrheit ist kein Besitz: Warum wir alte Gewissheiten neu sortieren müssen: Wahrheit verschwindet nicht, nur weil ihr institutioneller Besitzanspruch fragwürdig wird.
Die Grenze seiner Provokation
Feyerabends Problem ist zugleich seine Stärke: Er schrieb so, dass man ihn schwer folgenlos lesen konnte. Der Ton war absichtlich scharf. Er wollte Mythen beschädigen. Aber genau dadurch machte er Fehllektüren leichter. Wer nur die Slogans übernimmt, kann aus seiner Wissenschaftskritik sehr schnell ein pauschales Anti-Wissenschaftsprogramm bauen, das seinen eigentlichen Punkt verfehlt.
Darauf weist auch die Rezension zu The Tyranny of Science hin: Die späte Stoßrichtung richtet sich gegen die Vorstellung einer monolithischen Instanz namens „Science“, die mit einer Stimme spricht und allein aus dieser Abstraktion epistemisches oder politisches Gewicht gewinnt. Das ist ein scharfer Einwand gegen Scientismus, aber kein vernünftiger Grund, Forschungsergebnisse nach Belieben zu ignorieren.
Gerade deshalb ist die Unterscheidung wichtig, die Wissenschaftswelle schon in Skepsis und Zynismus: Warum Zweifel klug macht – und Verachtung blind stark gemacht hat. Produktive Skepsis prüft Ansprüche, Institutionen und Selbstbeschreibungen. Zynismus erklärt alles zur Farce. Feyerabend war ein nerviger Skeptiker, kein Prophet des erkenntnistheoretischen Alles-ist-egal.
Was von ihm bleibt
Feyerabends bleibende Zumutung lautet: Wer Wissenschaft ernst nimmt, darf ihre offiziellen Selbstbilder nicht mit ihrer tatsächlichen Geschichte verwechseln. Forschung lebt von Disziplin, aber nicht nur von Disziplin. Sie lebt von Standards, aber nicht immer von denselben. Sie lebt von Kritik, aber auch von Einfällen, die zunächst regelwidrig aussehen können.
Das macht seine Philosophie nicht automatisch zur letzten Wahrheit über Wissenschaft. Manche seiner politischen Zuspitzungen sind überzogen, manche Formulierungen unnötig grob, manche Konsequenzen schwer praktisch zu übersetzen. Aber gerade seine Übertreibung zwingt zu einer nützlichen Frage: Wie viel Ordnung braucht Erkenntnis wirklich, und ab welchem Punkt beginnt Ordnung selbst, Erkenntnis zu blockieren?
Die beste Antwort auf Feyerabend ist deshalb weder Verehrung noch Abwehr. Sie besteht darin, seine Warnung ernst zu nehmen, ohne seine Provokationen zu vergötzen. Wissenschaft braucht Maßstäbe. Sie braucht aber auch Räume, in denen neue Begriffe, neue Methoden und unpassende Ideen überhaupt auftauchen dürfen. Gute Wissenschaft ist nicht chaotisch. Aber sie ist oft ungehorsamer, als ihre Legenden es erlauben.
Autorenprofil
Benjamin Metzig ist Gründer, Autor und redaktionell Verantwortlicher von Wissenschaftswelle.de. Wissenschaftswelle ist ein persönlich geführtes redaktionelles Wissensprojekt, das komplexe Themen aus unterschiedlichen Fachbereichen sorgfältig recherchiert, strukturiert und verständlich aufbereitet. Moderne Recherche-, Analyse- und KI-Werkzeuge dienen dabei als Unterstützung, während Auswahl, Einordnung, Ton, Quellenbewertung und Veröffentlichung redaktionell bei Benjamin Metzig verantwortet bleiben. Mehr zum Profil: Autorenprofil von Benjamin Metzig.

















































































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