Pilze als Baustoff: Wo Myzel heute schon hilft und warum es Beton noch nicht ersetzt
- Benjamin Metzig
- 28. Apr.
- 6 Min. Lesezeit

Beton ist ein Wundermaterial der Moderne und zugleich eines ihrer größten Klimaprobleme. Kaum ein anderer Baustoff hat Städte, Brücken, Tunnel und Wohnblöcke so radikal möglich gemacht. Kaum ein anderer Baustoff steht aber auch so direkt für hohe Prozess- und Energieemissionen wie Zement, dessen Dekarbonisierung laut IEA noch immer weit hinter dem nötigen Tempo zurückbleibt. Wenn also plötzlich ein Stoff aus dem Untergrund der Natur auftaucht, gewachsen aus Pilzfäden auf landwirtschaftlichen Reststoffen, ist die Fantasie schnell da: Könnten Myzelien Beton teilweise ersetzen?
Die kurze Antwort lautet: noch nicht dort, wo Beton stark sein muss. Aber die längere, wichtigere Antwort ist spannender. Myzel könnte an mehreren Stellen in der Bauwirtschaft relevant werden, nur eben anders, als Schlagzeilen es oft suggerieren.
Was Myzel als Baustoff überhaupt ist
Myzel ist das fädige Netzwerk, mit dem Pilze organisches Material durchdringen. In der Materialforschung wird dieses Netzwerk genutzt, um Hanfschäben, Stroh, Holzreste oder andere pflanzliche Substrate zu einem leichten Verbundstoff zusammenwachsen zu lassen. Das Ergebnis sind sogenannte Myzel-Komposite: gewachsene Materialien, bei denen der Pilz wie ein biologischer Klebstoff wirkt.
Der große Reiz liegt auf der Hand. Man braucht keine Hochöfen, keine extremen Brenntemperaturen und oft nur Reststoffe, die sonst entsorgt oder minderwertig verwertet würden. In einer Branche, die laut UNEP dringend kohlenstoffärmere Materialien skalieren muss, ist das kein exotischer Nebengedanke, sondern ein ernstes Suchfeld.
Warum der Vergleich mit Beton trotzdem meist schief ist
Die Versuchung ist groß, Myzel direkt gegen Beton antreten zu lassen. Genau an diesem Punkt beginnt aber oft die begriffliche Unschärfe. Beton ist nicht einfach „ein Baustoff“, sondern in vielen Anwendungen ein strukturelles Schwergewicht: druckfest, robust, normiert, massenhaft verfügbar, planbar und in allen Klimazonen erprobt.
Myzel-Komposite spielen physikalisch in einer anderen Liga. Eine Scientific-Reports-Studie zur Ökobilanz und Anwendbarkeit von Myzel-Bausteinen nennt Literaturwerte, nach denen Myzel-Komposite in manchen Setups nur auf etwa 0,17 MPa Druckfestigkeit kommen, während Beton typischerweise jenseits von 17 MPa liegt. Auch die Dichte ist völlig anders: rund 300 kg/m³ gegenüber etwa 1900 kg/m³ bei Betonsteinen.
Faktencheck: Der eigentliche Vergleich
Wer fragt, ob Myzel „Beton ersetzen“ kann, sollte zuerst präzisieren: tragenden Beton, Betonsteine, Dämmstoffe, Verkleidungen oder Innenausbau? Für diese Funktionen gelten völlig unterschiedliche Anforderungen.
Genau deshalb ist der 1:1-Vergleich oft irreführend. Er vergleicht nicht nur zwei Materialien, sondern zwei Rollen im Gebäude, die heute meistens nicht deckungsgleich sind.
Wo Myzel heute schon realistisch stark ist
Seine aktuelle Stärke liegt nicht in der tragenden Primärstruktur, sondern dort, wo Leichtigkeit, Dämmung, Akustik und biobasierte Kreisläufe zählen. Eine Untersuchung zu natürlich gewachsenen Myzel-Kompositen als Dämmmaterial berichtet eine Wärmeleitfähigkeit um 0,05 W/(m·K). Das ist interessant, weil es in den Bereich von Materialien führt, die bauphysikalisch für Dämmung oder leichte Paneele relevant sein können.
Hinzu kommt die akustische Qualität vieler poröser Myzel-Strukturen. Dass Myzel im Innenausbau, bei Akustikpaneelen und nichttragenden Elementen schneller vorankommt als im Rohbau, ist deshalb keine Enttäuschung, sondern materiallogisch. Ein Baustoff muss nicht alles können, um wichtig zu werden. Holz ersetzt auch nicht überall Stahl, und Gipskarton ersetzt keine Fundamente.
Ein zweiter Pluspunkt ist das Verhalten im Brandfall. Forschende an RMIT arbeiten an myzelbasierten, feuerhemmenden Schichten und verweisen darauf, dass Myzel beim Erhitzen eine schützende Kohleschicht bilden kann. Für Fassadenbekleidungen oder Innenanwendungen ist das deutlich relevanter als für das große Versprechen vom „Pilz-Hochhaus“.
Die Schwächen sind nicht kosmetisch, sondern zentral
So viel Potenzial da ist, so klar sind die Hürden. Feuchte ist eine davon. Die Dämmstoff-Studie zeigt auch, dass Wasseraufnahme Risse, Eigenschaftsverluste und Haltbarkeitsprobleme fördern kann. Genau das ist im Bausektor heikel: Ein Material darf nicht nur im Labor beeindrucken, sondern muss Jahre und Jahrzehnte in wechselnden Temperatur- und Feuchtebedingungen zuverlässig funktionieren.
Dazu kommt die Prozessseite. Myzel wächst nicht einfach magisch aus Abfällen. Es braucht kontrollierte Bedingungen, sterile oder zumindest stark kontrollierte Produktionsschritte, Trocknung und häufig energieintensive Nachbehandlung. Die Bristol-Forschung weist deshalb auf einen wichtigen blinden Fleck vieler Hoffnungsnarrative hin: Wenn der Strommix fossil geprägt ist, kann die Ökobilanz biobasierter Myzelmaterialien deutlich schlechter ausfallen als erwartet.
Die erwähnte Scientific-Reports-Analyse zeigt das konkret. Dort treiben vor allem Stromverbrauch, Wasserbedarf und Nachbearbeitung die Umweltwirkung. Anders gesagt: Myzel ist nicht automatisch nachhaltig, nur weil es organisch aussieht. Ob es klimatisch gewinnt, entscheidet die Prozesskette.
Der eigentliche Fortschritt liegt wahrscheinlich in Hybridlösungen
Gerade deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Bereiche, in denen Pilze die Bauwelt realistischer verändern könnten. Nicht als Totalersatz, sondern als Ergänzung.
Ein Beispiel sind Schutz- und Reparaturfunktionen. In einer Studie zu fungaler Biomineralisierung auf Beton konnten Pilze Calciumcarbonat auf Mörteloberflächen abscheiden. Die entstehende biomineralisierte Schicht wirkte wasserabweisender und reduzierte die Wasseraufnahme. Das ist kein Ersatz für Beton, aber ein möglicher Weg, Beton langlebiger und wartungsärmer zu machen.
Noch weiter geht die Idee des selbstheilenden Betons. Eine Übersichtsarbeit zu filamentösen Pilzen in selbstheilendem Beton hält das Forschungsfeld für vielversprechend, betont aber ebenso klar die offenen Fragen: Welche Arten überleben im alkalischen Milieu? Wie müssen Sporen verkapselt werden? Wie schnell läuft die Heilung? Welche Rissbreiten lassen sich realistisch schließen? Hier ist also Potenzial, aber noch keine baureife Standardlösung.
Kernidee: Die plausiblere Zukunft
Die Pilzrevolution im Bau könnte weniger darin liegen, Beton zu verdrängen, als darin, Beton gezielter zu ergänzen, zu schützen, zu reparieren oder in einzelnen Bauteilschichten durch leichtere biobasierte Alternativen zu ersetzen.
Auch Pilzreste könnten wichtiger werden als lebendes Myzel
Ein oft übersehener Punkt: Vielleicht ist nicht das gewachsene Myzel selbst der wichtigste Hebel, sondern das Material, das nach der Pilzzucht übrig bleibt. Studien zu „spent mushroom substrate“, also verbrauchten Pilzsubstraten, untersuchen bereits, wie sich solche Reststoffe als partielle Zuschläge in Zementsteinen und anderen mineralischen Baustoffen nutzen lassen. Die aktuelle Arbeit zu Spent Mushroom Substrate in Zementsteinen ordnet solche Ansätze in eine Entwicklung ein, bei der Pilzreste zur Gewichtsreduktion, besseren Dämmung und Reststoffverwertung beitragen könnten.
Das ist redaktionell weniger glamourös als die Vision vom Haus aus Pilzen, aber möglicherweise industriepolitisch viel relevanter. Denn bestehende Bauprozesse ändern sich leichter schrittweise als revolutionär. Ein Baustoff, der 10 oder 15 Prozent in einer etablierten Lieferkette verbessert, kann unter Umständen schneller Wirkung entfalten als ein Material, das auf einen kompletten Systemwechsel wartet.
Warum spektakuläre Demonstratoren trotzdem wichtig sind
Projekte wie MycoTree von KIT, ETH Zürich und Cornell sind gerade deshalb interessant, weil sie nicht so tun, als sei Myzel plötzlich stärker als Stahlbeton. Sie arbeiten mit Geometrie, Kombinationen und Strukturprinzipien, die schwächere Materialien sinnvoll einsetzen. Die Botschaft dieser Demonstratoren lautet nicht „Problem gelöst“, sondern eher: Vielleicht müssen wir Gebäude anders denken, wenn wir andere Materialien nutzen wollen.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Viele Nachhaltigkeitsdebatten scheitern daran, dass neue Materialien gegen alte Regeln antreten müssen, obwohl sie unter anderen Regeln stark wären. Myzel zwingt den Bausektor genau zu dieser Frage: Geht es nur darum, Beton möglichst eins zu eins zu ersetzen, oder auch darum, Bauteile, Lastpfade, Lebensdauern und Rückbau neu zu entwerfen?
Kann Myzel Beton also teilweise ersetzen?
Ja, aber nur, wenn man „teilweise“ sehr genau meint.
Wenn damit tragende Wände, Fundamente, Brücken oder massive Decken gemeint sind, ist die Antwort nach heutigem Stand überwiegend nein. Die mechanischen Unterschiede sind zu groß, die Normung zu jung, die Dauerhaftigkeitsfragen zu offen und die Prozessketten zu uneinheitlich.
Wenn damit hingegen nichttragende Elemente, Innenausbau, Dämmung, Akustik, temporäre Strukturen, Schutzschichten oder die Integration pilzbasierter Reststoffe in bestehende mineralische Baustoffe gemeint sind, dann lautet die Antwort: durchaus ja, und genau dort dürfte die Entwicklung zuerst Wirkung entfalten.
Die ehrlichste Formulierung wäre also: Myzel ersetzt heute nicht „den Beton“, sondern es besetzt jene Zonen des Bauens, in denen Gewicht, Dämmung, Kreislaufwirtschaft und Materialherkunft wichtiger sind als maximale Druckfestigkeit.
Der eigentliche Maßstab ist nicht Hype, sondern Systemwirkung
Das Problem der Bauwirtschaft wird nicht durch ein einzelnes Wunder-Material gelöst. Es geht um einen Mix aus weniger Materialverbrauch, längerer Nutzungsdauer, besserer Sanierung, niedrigerem Klinkeranteil, neuen Bindemitteln, besseren Entwurfsprinzipien und biobasierten Ergänzungen dort, wo sie wirklich sinnvoll sind.
Myzel passt in dieses Bild erstaunlich gut, solange man es nicht falsch castet. Es ist kein grüner Betonklon. Es ist eher ein Kandidat für jene Teile des Bauens, die bislang unnötig petrochemisch, unnötig schwer oder unnötig wegwerfbar organisiert sind.
Wer also fragt, ob Pilze Beton ersetzen werden, stellt fast die richtige Frage. Die bessere lautet: An welchen Stellen können Pilze helfen, dass wir überhaupt weniger Beton brauchen, ihn seltener reparieren müssen oder seine Aufgaben intelligenter auf mehrere Materialien verteilen?
Darauf gibt es inzwischen keine märchenhafte, aber eine wissenschaftlich interessante Antwort.

















































































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