Schmerz bei Tieren: Von Descartes bis Dekapoden-Verbot – eine kurze Geschichte
- Benjamin Metzig
- vor 2 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Schmerz bei Tieren: Eine Timeline vom Automaten zum Mitgefühl
Ein Hummer wird ins kochende Wasser gehalten. Ein Fisch hängt am Haken. Ein Hund liegt nach der OP still in der Ecke. In allen drei Szenen steckt dieselbe unbequeme Frage: Erleben Tiere Schmerz – oder sehen wir nur Reflexe, die wir menschlich missverstehen?
Warum „Schmerz“ mehr ist als ein Reflex
In der Biologie gibt es einen klaren, messbaren Kern: Nociception. Das ist die Verarbeitung potenziell schädlicher Reize (Hitze, Druck, Chemie) – inklusive Rückzugsreflexen.
Schmerz ist größer: eine unangenehme Erfahrung, die Verhalten, Lernen und Prioritäten verschiebt. Die Internationale Schmerzgesellschaft betont ausdrücklich: Auch wenn ein Wesen nicht „berichten“ kann, heißt das nicht, dass es keinen Schmerz erlebt.
Timeline: Schmerz bei Tieren in 12 Wendepunkten
17. Jahrhundert – Das Tier als Maschine
In der frühen Moderne wird das Tier oft mechanistisch gedacht: komplex, aber innerlich „leer“. Das prägt, wie man Schreie, Zucken, Flucht deutet: als Uhrwerk, nicht als Erleben. (Die Forschungslage zu Descartes ist differenziert – aber der Automatismus-Diskurs wirkt kulturell lange nach.)
1789 – Bentham stellt die falsche Frage richtig
Jeremy Bentham verschiebt den Fokus weg von Intelligenz und Sprache hin zu Leidensfähigkeit: Nicht „Können sie denken?“, sondern „Können sie leiden?“. Damit wird Schmerz plötzlich politisch.
1965 – Brambell-Report: Verhalten wird zum moralischen Datenpunkt
Die Idee, Tierwohl als Mindeststandard zu definieren, gewinnt institutionelle Form. Aus dem Brambell-Kontext entstehen später die „Five Freedoms“: nicht nur weniger Leiden, sondern Bedingungen, unter denen Leiden überhaupt erkannt und verhindert werden kann.
1979 – Schmerz wird offiziell „sensorisch und emotional“
Die IASP-Definition macht klar: Schmerz ist nicht nur ein Signal im Draht, sondern auch Bewertung, Gefühl, Bedeutung. Das ist entscheidend, weil es die Latte höher legt: Nicht jedes Zucken ist „Schmerz“ – aber Schmerz ist auch nicht nur Zucken.
1994 – „Five Domains“: Vom Vermeiden des Schlechten zum Ermöglichen des Guten
Moderne Tierwohl-Modelle betrachten neben Hunger, Verletzung und Krankheit auch affektive Zustände: Angst, Stress, Komfort, positive Erfahrungen. Schmerz wird damit Teil eines größeren „Erlebens-Budgets“.
2003 – Fische rücken ins Zentrum der Debatte
Arbeiten zu Nociceptoren und Verhaltensänderungen bei Fischen (z. B. Reaktionen auf noxische Reize) liefern Munition gegen den Satz „Fische fühlen nichts“. Gleichzeitig bleibt die Interpretation umkämpft: Was ist Reflex, was flexible Bewertung?
2010 – Die EU nimmt Cephalopoden in den Schutz der Versuchstier-Richtlinie auf
Ein bemerkenswerter Schritt: Die EU begründet die Einbeziehung von Kopffüßern explizit mit wissenschaftlichen Hinweisen auf die Fähigkeit, Schmerz, Leid, Distress und bleibenden Schaden zu erleben. Das ist Politik, die sich auf Neuro- und Verhaltensforschung stützt.
2010 – „Grimace Scales“: Schmerz bekommt ein Gesicht
Der „Mouse Grimace Scale“ zeigt: Gesichtsausdrücke können systematisch als Schmerzmarker codiert werden – nicht perfekt, aber besser als Bauchgefühl. Das verändert Forschung und Tiermedizin, weil „stilles Leiden“ sichtbar(er) wird.
2012 – Cambridge Declaration on Consciousness
Ein Kreis von Forschenden hält fest: Viele nichtmenschliche Tiere besitzen neurobiologische Voraussetzungen, die mit bewusster Erfahrung korrespondieren. Das ist kein endgültiger Beweis für Schmerzqualia – aber ein deutlicher Gegenwind gegen „Bewusstsein nur beim Menschen“.
2020 – Update der Schmerzdefinition: Kommunikationsfähigkeit ist kein Kriterium
Die überarbeitete IASP-Definition und ihre „Notes“ schärfen den Punkt: Nicht sprechen zu können, schließt Schmerz nicht aus – explizit auch bei nichtmenschlichen Tieren. Das ist ein rhetorischer und klinischer Hebel gegen das Wegschauen.
2022 – UK Animal Welfare (Sentience) Act
Das Vereinigte Königreich verankert Sentience gesetzlich; der Geltungsbereich umfasst u. a. Wirbeltiere sowie Cephalopoden und Dekapoden. Hier sieht man: Die Debatte ist nicht mehr nur akademisch, sie schreibt Regeln.
2024–2025 – Deklarationen, Praxis, Verbote: Politik holt die Kochtöpfe ein
2024 bringt die New York Declaration eine breit getragene Position zu tierlichem Bewusstsein in die Öffentlichkeit. 2025 kündigt die britische Politik Schritte gegen Praktiken wie das lebendige Kochen von Dekapoden an – mit Verweis auf die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden.
Was wir heute über Schmerz bei Tieren relativ robust sagen können
Nociception ist weit verbreitet: Viele Tiergruppen besitzen Rezeptoren und Bahnen für schädliche Reize – das ist Biologie, kein Gefühl.
Schmerzähnliche Zustände werden plausibler, wenn Verhalten flexibel wird: Lernen aus negativen Ereignissen, Abwägen („Ich ertrage das jetzt, um an Futter zu kommen“), Schutzverhalten, anhaltende Verhaltensänderungen.
Analgesie-Argumente sind stark, aber nicht allmächtig: Wenn Schmerzmittel „Normalverhalten“ zurückbringen, ist das ein Hinweis – doch auch Stress- und Entzündungswege können mitspielen.
Der Satz „Man sieht es doch“ ist gefährlich: Viele Tiere zeigen Schmerzen subtil, weil Sichtbarkeit in der Natur riskant ist.
Wo Daten aufhören und Deutung beginnt
Drei typische Denkfallen – und warum sie so hartnäckig sind:
Anthropomorphismus: Wir lesen menschliche Mimik in Arten, die anders kommunizieren. Ergebnis: falscher Alarm oder falsche Entwarnung.
Anthropozentrismus: Wir verlangen eine menschliche Gehirnarchitektur als Eintrittskarte ins Erleben. Ergebnis: „Kein Neocortex, kein Schmerz“ – ein Kurzschluss, der wissenschaftlich umstritten bleibt.
Komfort-Bias: Wenn die Konsequenzen teuer oder unbequem sind (Fischerei, Haltung, Forschung), wird Unsicherheit zur Ausrede: „Nicht bewiesen = wahrscheinlich egal.“
Wenn dir solche Grenzfragen zwischen Evidenz und Ethik gefallen: Abonniere den Newsletter – dort landen neue Artikel samt Quellen und Debattenstoff.
Was du praktisch daraus machen kannst (ohne Tiere zu vermenschlichen)
Bei Haustieren: „Still“ ist nicht „okay“. Achte auf Schonhaltung, Appetit, Schlaf, Rückzug, Aggression – und sprich Schmerzmanagement aktiv an.
Bei Konsumentscheidungen: Tierwohl ist nicht nur Stallgröße, sondern auch Umgang mit Verletzung, Transport, Betäubung/Schlachtung.
In Diskussionen: Frag nach Kriterien: Geht es um Reflexe? Um Lernen? Um Langzeiteffekte? Um Gesetzeslage? Das klärt mehr als Bauchgefühl.
Und wenn du willst, dass solche Themen sichtbarer werden: Like und kommentiere (gerne auch kritisch). Folge außerdem:
Schmerz bei Tieren ist kein Ja/Nein-Schalter
„Schmerz bei Tieren“ ist keine einzelne Entdeckung, sondern eine Kette aus besseren Messmethoden, weniger Vorurteilen und mehr politischer Verantwortung. Die ehrlichste Antwort bleibt zweigeteilt: Wir können vieles plausibel machen – und müssen trotzdem mit Unsicherheit leben.
Die ethische Frage ist dann nicht: Wissen wir es absolut? Sondern: Wie hoch darf der Preis des Irrtums sein – und wer bezahlt ihn?
#Tierschmerz #Tierethik #Schmerzforschung #AnimalWelfare #Neurobiologie #Verhaltensbiologie #Cephalopods #Fische #Wissenschaftskommunikation
Quellenliste:
IASP – Revised Definition of Pain (News & Notes) – https://www.iasp-pain.org/publications/iasp-news/iasp-announces-revised-definition-of-pain/
Raja et al. (2020) – The Revised IASP Definition of Pain (PMC) – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7680716/
EU (2010) – Directive 2010/63/EU (PDF; inkl. Cephalopoden) – https://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ%3AL%3A2010%3A276%3A0033%3A0079%3Aen%3APDF
Langford et al. (2010) – The Mouse Grimace Scale (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20453868/
Sneddon (2003) – Do fishes have nociceptors? (Royal Society Publishing) – https://royalsocietypublishing.org/rspb/article/270/1520/1115/71980/Do-fishes-have-nociceptors-Evidence-for-the
Cambridge Declaration on Consciousness (2012, PDF) – https://fcmconference.org/img/CambridgeDeclarationOnConsciousness.pdf
UK – Animal Welfare (Sentience) Act 2022 – https://www.legislation.gov.uk/ukpga/2022/22
UK – Animal Welfare (Sentience) Act 2022, Section 5 (Definition „animal“) – https://www.legislation.gov.uk/id/ukpga/2022/22/section/5
LSE (2021, PDF) – Sentience in cephalopod molluscs and decapod crustaceans (Final report) – https://www.lse.ac.uk/news/news-assets/pdfs/2021/sentience-in-cephalopod-molluscs-and-decapod-crustaceans-final-report-november-2021.pdf
EU – Vertrag über die Arbeitsweise der EU, Artikel 13 (Tierschutz/„sentient beings“) – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A12012E013
New York Declaration on Animal Consciousness (NYU, 2024) – https://sites.google.com/nyu.edu/nydeclaration/declaration
Five Freedoms (historischer Überblick, MSU Extension) – https://www.canr.msu.edu/news/an_animal_welfare_history_lesson_on_the_five_freedoms
Le Monde (2025) – Bericht zu UK-Schritten gegen lebendiges Kochen von Dekapoden – https://www.lemonde.fr/en/environment/article/2025/12/31/uk-moves-to-ban-boiling-lobsters-shrimp-crabs-and-langoustines-alive-recognizing-their-capacity-for-pain_6748952_114.html








































































































Kommentare