Smart City ohne Nebelmaschine: Was Wien und Zürich tatsächlich messen
- Benjamin Metzig
- vor 10 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Wer "Smart City" hört, denkt oft zuerst an Sensoren, Apps, Kameras, Verkehrsampeln mit KI und Verwaltungsschalter, die endlich auch online funktionieren. Das ist nicht völlig falsch. Aber es ist nur die Oberfläche. Die spannendere Frage lautet: Woran erkennt eine Stadt eigentlich, ob sie wirklich smarter wird?
Genau an diesem Punkt werden viele Smart-City-Erzählungen dünn. Sie reden gern über Technik, aber ungern über Kriterien. Wien und Zürich sind deshalb interessante Gegenbeispiele. Beide Städte verwenden den Begriff Smart City weiterhin offensiv, doch wenn man in ihre Strategien, Dashboards und Monitorings schaut, zeigt sich etwas Ernüchterndes und zugleich Ermutigendes: Gemessen werden am Ende nicht primär Geräte, sondern Stadtresultate.
Das heißt konkret: weniger Emissionen, geringerer Energieverbrauch, bessere Mobilität ohne eigenes Auto, mehr nutzbare Freiräume, zugängliche digitale Dienste, offene Daten, nachvollziehbare Beteiligung und ein belastbarer Umgang mit Datenschutz. "Smart" ist hier kein Technikfetisch, sondern ein Versuch, urbane Politik überprüfbar zu machen.
Smart City misst in Wien zuerst Lebensqualität und Klimapolitik
Wien hat seine Smart Klima City Strategie ausdrücklich nicht als Digitalkonzept, sondern als Dachstrategie für Lebensqualität, Ressourcenschonung und Innovation angelegt. Im offiziellen Monitoring verweist die Stadt auf insgesamt 74 Ziele in 11 Themenfeldern, die jeweils mit quantitativen oder qualitativen Indikatoren hinterlegt sind. Das ist mehr als Symbolpolitik: Es ist der Versuch, aus einem Schlagwort ein Steuerungssystem zu machen.
Bemerkenswert ist schon der Einstieg in den Bereich Digitalisierung. Dort betont die Stadt ausdrücklich, Digitalisierung sei "kein Selbstzweck". Das klingt zunächst nach Verwaltungssprache, ist aber politisch entscheidend. Denn damit legt Wien fest, dass Technik nur dann als Fortschritt gilt, wenn sie Lebensqualität, Teilhabe und Klimaziele stärkt.
Die eigentlichen Messgrößen gehen deshalb weit über IT hinaus. Im offiziellen Indikatorenpapier tauchen unter anderem folgende Fragen auf:
Wie entwickeln sich die Non-ETS-Treibhausgasemissionen pro Kopf?
Hält Wien sein kumuliertes CO2-Budget ein?
Sinkt der Endenergieverbrauch pro Kopf?
Geht der konsumbasierte Materialfußabdruck zurück?
Steigt der Anteil des Umweltverbunds am Modal Split?
Sinkt der private Motorisierungsgrad?
Werden kurze Wege tatsächlich öfter zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt?
Wie verteilt sich der Straßenraum zwischen Autos, Öffis, Rad- und Fußverkehr?
Das ist der Kern des Wiener Ansatzes: Nicht die Sensorik ist die eigentliche Kennzahl, sondern das, was eine Stadt mithilfe von Daten, Planung und politischer Steuerung verändert.
Kernidee: Wien misst Smart City nicht als Technikmenge
Wien fragt nicht zuerst, wie viele digitale Systeme installiert sind, sondern ob Emissionen sinken, Wege kürzer und fossilfreie Mobilität wahrscheinlicher werden.
Interessant ist außerdem, dass Wien sogar die subjektive Lebensqualität in sein Set aufnimmt. Die Wiener Lebensqualitätsstudien und europäische Vergleichsdaten sind Teil der Logik. Das ist ungewöhnlich, weil viele Smart-City-Debatten so tun, als ließen sich gute Städte allein aus Technik- und Effizienzmetriken bauen. Wien hält dagegen: Wenn Menschen nicht gern in der Stadt leben, war das Projekt nicht besonders smart.
Zürich denkt Smart City stärker von Diensten, Daten und überprüfbaren Umweltzielen her
Auch Zürich definiert Smart City ausdrücklich nutzer*innenzentriert. Die Stadt betont Lebensqualität, nachhaltige Entwicklung und bessere Dienstleistungen. Der Zürcher Stil wirkt dabei etwas nüchterner als in Wien. Weniger Leitbildpoesie, mehr operative Systeme.
Was in Zürich auffällt: Die Messlogik ist nicht in einem einzigen Smart-City-Megadokument versammelt, sondern über mehrere konkrete Instrumente verteilt. Wer wissen will, was die Stadt tatsächlich misst, landet bei Umweltindikatoren, beim Netto-Null-Cockpit, bei Open Data und bei digitalen Verwaltungsservices.
Das macht den Ansatz fast schon ehrlicher. Denn so wird sichtbar, dass Smart City im Alltag oft nicht als Glamourprojekt auftritt, sondern als Kombination aus Verwaltungsmodernisierung, Klimasteuerung und Dateninfrastruktur.
Die Umweltindikatoren der Stadt Zürich zeigen das besonders deutlich. Dort geht es unter anderem um:
direkte Treibhausgasemissionen bis Netto-Null 2040
indirekte Treibhausgasemissionen pro Einwohner*in
Primärenergiebedarf pro Einwohner*in mit dem 2000-Watt-Ziel bis 2040
überhitzte Stadtflächen
gute Freiraumversorgung in Gehdistanz
Gerade die Freiraumversorgung ist aufschlussreich. Zürich misst nicht bloß Grünflächen in der Summe, sondern prüft, ob Menschen und Beschäftigte öffentliche Freiräume in Fußdistanz erreichen. Auf der Seite zur Freiraumversorgung nennt die Stadt dafür konkrete Richtwerte: 8 Quadratmeter nutzbarer Freiraum pro Einwohner*in und 5 Quadratmeter pro beschäftigter Person. Das ist ein gutes Beispiel für eine urbane Messgröße, die technisch unspektakulär klingt, aber politisch hoch relevant ist. Denn sie fragt nicht: Wie digital ist die Stadt? Sondern: Wie lebbar bleibt sie bei Verdichtung?
Die schärfste Metrik ist in beiden Städten das Klima
Wer Smart City immer noch vor allem als App-Frage versteht, stößt in Wien und Zürich an eine klare Grenze: Der eigentliche Test heißt Klimawirkung.
Wien ordnet seine Strategie explizit der Klimaneutralität bis 2040 unter. Die Stadt beschreibt in ihrem Monitoring, dass die Bewertung über festgelegte Indikatoren erfolgen soll und als Grundlage für Entscheidungen und Ressourcensteuerung dient. Zürich macht Ähnliches im Netto-Null-Cockpit, das offen zeigt, welche Bereiche wie viele Emissionen verursachen und welche Maßnahmenpakete für das Zieljahr 2040 nötig sind.
Das ist deshalb wichtig, weil es den Unterschied zwischen smarter PR und smarter Verwaltung markiert. Eine Stadt kann Hunderte Pilotprojekte, Sensoren und digitale Schauflächen besitzen und trotzdem klimapolitisch scheitern. Umgekehrt kann eine Stadt technologisch eher unspektakulär wirken, aber sehr präzise messen, ob sie bei Wärmeversorgung, Mobilität, Gebäuden und Flächennutzung tatsächlich vorankommt.
In Zürich ist besonders bemerkenswert, dass auch indirekte Treibhausgasemissionen mitgezählt werden. Dazu gehören laut Stadt etwa Emissionen aus dem Konsum, aus Baumaterialien oder aus Mobilität außerhalb des Stadtgebiets. Das verschiebt die Debatte. Eine Stadt kann sich dann nicht einfach dadurch grün rechnen, dass sie Emissionen räumlich auslagert.
Mobilität wird nicht an der App gemessen, sondern am Verhalten und am Raum
Genau hier trennt sich oft die wirkliche Stadtpolitik von der Smart-City-Show. Viele Projekte verkaufen digitale Mobilität als Erfolg, sobald Buchungsplattformen, Sharing-Apps oder Verkehrs-APIs existieren. Wien und Zürich messen strenger.
Wien fragt im Indikatorensystem, ob der Anteil des Umweltverbunds steigt, ob der Motorisierungsgrad sinkt, ob kurze Wege häufiger zu Fuß oder per Rad zurückgelegt werden und wie der Straßenraum verteilt ist. Das ist stadtpolitisch viel unbequemer als das bloße Zählen von Downloads. Denn damit wird sichtbar, ob Autos tatsächlich Raum verlieren und ob alternative Mobilität im Alltag trägt.
Zürich veröffentlicht über sein Open-Data-Ökosystem sogar detaillierte Verkehrszähldaten und koppelt Mobilität gleichzeitig an Umwelt- und Klimaziele. Damit wird die digitale Ebene nützlich, aber nicht zum Selbstzweck. Daten dienen hier dazu, Verhältnisse in der physischen Stadt zu verändern.
Faktencheck: Eine Verkehrs-App macht noch keine smarte Mobilität
Erst wenn Emissionen sinken, Flächen anders verteilt werden und Wege ohne eigenes Auto verlässlich funktionieren, wird aus digitaler Mobilität reale Stadtveränderung.
Datenpolitik ist nicht Beiwerk, sondern Teil der eigentlichen Messung
Ein zweiter verbreiteter Irrtum lautet: Smart City bedeutet einfach, möglichst viele Daten zu sammeln. Beide Städte zeigen, warum das zu kurz greift.
Wien verknüpft Digitalisierung ausdrücklich mit Open Government Data, digitaler Souveränität, Datenschutz und Beteiligung. Auf der Strategieseite heißt es, die Stadt wolle exzellente Datengrundlagen schaffen, sie zur Steuerung nutzen und der Allgemeinheit möglichst frei zur Verfügung stellen. Gleichzeitig betont Wien, dass die volle Souveränität über genutzte Daten bei der Bevölkerung bleiben müsse. Dazu kommen digitale Beteiligungsinstrumente und sogar Indikatoren für Partizipationsstandards und Beteiligungsreichweiten.
Zürich ist an dieser Stelle fast noch konkreter. Auf der Seite zu Open Government Data verweist die Stadt auf das seit 1. September 2021 verbindliche Prinzip "Open by Default". Datensätze sollen grundsätzlich offen bereitstehen, sofern keine schutzbedürftigen Inhalte entgegenstehen. Zugleich macht die Stadt mit dem Open-Data-Katalog, 3D-Stadtmodellen und Verkehrsdaten sichtbar, dass Offenheit nicht nur Transparenzsignal, sondern Infrastruktur ist.
Noch greifbarer wird die Verwaltungsseite mit "Mein Konto": über 250.000 Nutzer*innen, mehr als 50 Services, zentrale Zugänge für Steuern, Betreuung, Energie und Benachrichtigungen zu Bauprojekten im Wohnumfeld. Das ist eine wichtige Erinnerung daran, dass eine Stadt nicht dadurch smart wird, dass sie irgendwo KI testet. Sie wird es eher dann, wenn digitale Dienste für breite Teile der Bevölkerung wirklich benutzbar, sicher und alltagsrelevant sind.
Was beide Städte gerade nicht messen, ist fast ebenso aufschlussreich
Auffällig ist, dass weder Wien noch Zürich Smart City vor allem über Prestigegrößen wie "Anzahl der Pilotprojekte", "Menge der verbauten Sensoren" oder "Investitionssumme in urbane Technologie" definieren. Natürlich existieren solche Projekte im Hintergrund. Aber sie stehen nicht im Zentrum der öffentlichen Legitimationslogik.
Das passt auch zu einem breiteren internationalen Trend. Sowohl die OECD als auch UN-Habitat argumentieren inzwischen deutlich menschenzentrierter: Smart Cities sollen nicht Technik um ihrer selbst willen verbreiten, sondern nachprüfbar zu Wohlergehen, Inklusion und nachhaltiger Entwicklung beitragen.
Genau deshalb lohnt der Blick auf Wien und Zürich. Beide Städte sind nicht identisch, und beide haben ihre blinden Flecken. Aber sie zeigen, wie sich das Wort Smart City aus dem Marketing-Nebel holen lässt: indem man offenlegt, welche Ziele zählen, welche Indikatoren gelten und woran das Publikum den Fortschritt überprüfen kann.
Der eigentliche Unterschied zwischen smarter Technik und smarter Stadt
Eine smarte Technik kann ein guter Sensor sein. Eine smarte Stadt ist etwas anderes. Sie muss entscheiden, was sie für wichtig hält, wie sie Zielkonflikte abwägt, welche Daten sie erhebt, welche Daten sie offenlegt, welche Rechte sie schützt und wie sie die Bevölkerung einbezieht.
Wien und Zürich messen deshalb im Kern keine Digitalisierung. Sie messen Regierungskunst unter digitalen Bedingungen.
Das ist die vielleicht nüchternste, aber sinnvollste Definition von Smart City: nicht die Stadt mit den meisten Daten, sondern die Stadt, die öffentlich überprüfbar macht, ob Daten, Infrastruktur und Verwaltung das urbane Leben tatsächlich besser, gerechter und klimaverträglicher machen.
















































































