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Was bedeutet Mullah? Wie ein Begriff zum politischen Stempel wird

Quadratisches, kontrastreiches Cartoon-Thumbnail mit großer Headline „Mullahs im Iran?“ oben und rotem Banner „Alltagstitel, Machtbegriff oder beides?“. Drei überzeichnete Figuren (Gelehrter mit Buch, strenger Kleriker, Soldat) vor surreal-buntem Hintergrund; unten steht „Wissenschaftswelle.de“.

Was bedeutet Mullah? Eine kleine Begriffs-Detektivgeschichte aus dem Iran


Du liest „Mullah-Regime“ in einer Schlagzeile, und im Kopf entsteht sofort ein Bild: alte Männer mit Turban, die alles bestimmen – Politik, Alltag, Moral. Praktisch. Leider auch gefährlich praktisch.


Denn „Mullah“ ist erst mal kein offizieller Rang wie „Professor“ oder „Bischof“. Es ist ein Wort, das je nach Region, Sprecher*in und Kontext etwas anderes markiert: Respekt, Alltag, Spott – oder politische Pauschalisierung. In Iran ist „Mullah“ oft eher ein unscharfer Sammelbegriff als eine präzise Berufsbezeichnung.


Was bedeutet Mullah im Iran – und warum ist das so unscharf?


Stell dir eine Stadt vor. In einem Viertel sitzt jemand im kleinen Büro neben der Moschee, beantwortet Fragen zu Trauerritualen, Streit in der Familie, Bestattungen, Feiertagen. Im nächsten Viertel hält jemand Vorträge über Rechtsmethodik, kommentiert religiöse Texte, bildet Seminarstudierende aus. Und irgendwo – weit weg von dieser Alltagsarbeit – wird in politischen Gremien über Kandidaturen und Gesetze entschieden.


In vielen westlichen Texten landen diese sehr unterschiedlichen Rollen in einem Topf: „die Mullahs“. Genau da beginnt das Problem: Das Wort wirkt wie eine klare Berufsgruppe, ist aber häufig eine Etikette, die Komplexität wegwischt. In Iran selbst gilt „Mullah“ traditionell als Bezeichnung für Geistliche oder religiös Gebildete, aber ohne automatisch „höchste Autorität“ zu bedeuten.


Woher kommt das Wort „Mullah“?


Sprachlich führt die Spur über Persisch und Arabisch: Häufig wird „mullā“ als persische Form erklärt, die aus dem arabischen „mawlā“ stammt – ein Wortfeld rund um „Herr“, „Schutzherr“, „Meister“. In europäischen Sprachen taucht „mullah“ als Lehnwort über verschiedene Vermittlungen (u. a. Türkisch/Persisch/Urdu) auf.


Das ist wichtig, weil der Ursprung schon zeigt: Es ging nicht um eine sauber definierte Amtsstufe, sondern um eine ehrende Anrede, die in unterschiedlichen Gesellschaften sehr verschieden „andocken“ konnte.


Wenn Wörter zu Waffen werden: „Mullah-Regime“ als politisches Framing


Warum ist „Mullah“ in Berichten über Iran so präsent? Weil es als Kurzform funktioniert: ein einziges Wort, das Religion, Staat, Macht und Rückständigkeitsklischee in einem Atemzug transportiert.


Medienanalysen zeigen genau dieses Muster: „mullah“ wird nicht nur als religiöser Titel verwendet, sondern als Chiffre für „die iranische Regierung“ – oft mit abwertender Konnotation. Das Wort macht aus einem politischen System eine karikierbare Figurengruppe. Und Karikaturen sind bequem: Man muss dann nicht mehr erklären, welche Institutionen handeln, welche Akteure sich widersprechen, wer im Sicherheitsapparat dominiert – oder dass Teile der religiösen Elite selbst in Konkurrenz zueinander stehen.


Warum sagen manche in Iran lieber „Ruhani“ statt „Mullah“?


Ein interessanter Gegenmove: Im iranischen Kontext wurde (und wird) „ruhani“ („Geistlicher“, wörtlich etwa „spirituell“) als alternative Bezeichnung gefördert – gerade weil „mullah“ (ähnlich wie „akhund“) im Alltag auch spöttisch oder abwertend klingen kann. Sprache ist eben nie neutral: Wenn ein Begriff zum Stempel wird, versuchen Menschen, sich diesem Stempel zu entziehen.


Drei Denkfehler, die das Wort „Mullah“ fast automatisch triggert


  1. Denkfehler „Ein Rang“: Als wäre „Mullah“ eine Stufe in einer festen Hierarchie. In der Praxis ist es oft ein lose verwendeter Titel.

  2. Denkfehler „Eine Gruppe“: Als wären „die Mullahs“ politisch homogen. Schon die religiöse Gelehrtenwelt ist plural – und politischer Einfluss hängt nicht nur von Theologie ab, sondern auch von Institutionen, Netzwerken und Machtapparaten. (Wer dafür tiefer einsteigen will, landet schnell bei Begriffen wie hawza und marjaʿ.)

  3. Denkfehler „Religion erklärt alles“: Das Wort schiebt den Eindruck nach vorn, Iran sei ausschließlich „religiös gesteuert“. Tatsächlich gibt es religiöse Legitimation – ja. Aber auch sehr weltliche Mechanismen: Verwaltung, Sicherheitsorgane, wirtschaftliche Interessen, internationale Konfliktlogik. Der Begriff „Mullah“ verdeckt eher, als dass er erklärt.


Ein praktischer Sprachtest: Was wäre die präzisere Alternative?


Wenn du wirklich verstehen willst, wer was tut, hilft oft ein simples Spiel: Ersetze „die Mullahs“ durch eine konkrete Bezeichnung.


  • Meinst du religiöse Prediger vor Ort?

  • Meinst du Gelehrte in Seminaren (hawza)?

  • Meinst du hochrangige schiitische Autoritäten (z. B. marjaʿ al-taqlid)?

  • Meinst du Staatsinstitutionen und politische Gremien?

  • Oder meinst du schlicht „die Führung“ – ohne zu wissen, wer genau?


Dieses „Nachschärfen“ wirkt kleinlich, ist aber der Unterschied zwischen Analyse und Etikett. Und Etiketten sind die Lieblingswerkzeuge von Propaganda – egal aus welcher Richtung.


Ein Wort, das mehr über uns verrät als über Iran


„Mullah“ ist ein echtes Chamäleon: Es kann respektvoll sein, neutral, ironisch – und als politischer Kampfbegriff erstaunlich effektiv. Wer „Mullah-Regime“ sagt, reduziert ein komplexes System auf ein Bild, das sich gut empören lässt, aber schlecht verstehen.


Wenn du beim nächsten Iran-Artikel innerlich stolperst, ist das ein gutes Zeichen. Genau da beginnt kritisches Lesen: bei dem Moment, in dem ein Wort zu glatt wirkt.


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Folge mir auch auf:


Hier landen die kurzen Aha-Snacks zwischen den langen Texten.



Quellen:


  1. Encyclopaedia Britannica – „Mullah | Religious Leader, Cleric, Islamic Law“ – https://www.britannica.com/topic/mullah

  2. Merriam-Webster – „mullah“ (Definition) – https://www.merriam-webster.com/dictionary/mullah

  3. Etymonline – „mullah (n.)“ – https://www.etymonline.com/word/mullah

  4. Wikipedia (EN) – „Mullah“ (Etymologie & Gebrauch, inkl. Hinweis auf „ruhani“) – https://en.wikipedia.org/wiki/Mullah

  5. Wikipedia (DE) – „Mullah“ – https://de.wikipedia.org/wiki/Mullah

  6. Süddeutsche Zeitung – „Iran: Was ist ein Mullah?“ – https://www.sueddeutsche.de/meinung/iran-mullah-ayatollah-lexikon-li.3371337

  7. Cambridge (Iranian Studies) – Fayyaz (2013): „Good Iranian, Bad Iranian…“ (Diskurs über ‚mullah‘ in US-Magazinen) – https://www.cambridge.org/core/journals/iranian-studies/article/good-iranian-bad-iranian-representations-of-iran-and-iranians-in-time-and-newsweek-19982009/7E5F3606E810A1444F50419FD9EE5B3F

  8. UNLV Thesis (2017) – Medienanalyse, Hinweis auf abwertende Nutzung von „mullah“ – https://oasis.library.unlv.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=4018&context=thesesdissertations

  9. Wikipedia (EN) – „Hawza“ – https://en.wikipedia.org/wiki/Hawza

  10. Wikipedia (EN) – „Marja’“ – https://en.wikipedia.org/wiki/Marja%27

  11. Encyclopedia.com – „Marja al-taqlid“ – https://www.encyclopedia.com/religion/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/marja-al-taqlid

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