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Wiens blutige Geburt: Wie 150 Römergräber die Geschichte umschreiben

Aktualisiert: 8. Mai

Titelbild zu einem römischen Massengrab in Wien: Unter einem modernen Fußballfeld liegen freigelegte Skelette und eine verzierte römische Dolchscheide im Erdreich.

Wien erzählt seine Herkunft gern über Kultur, Handel und römische Ordnung. Über Straßen, Thermen, Mauern, Verwaltung. Alles richtig, aber womöglich zu sauber. Denn unter einem Fußballplatz in Simmering ist 2024 ein Befund aufgetaucht, der diese Ursprungserzählung brutal erdet: ein Massengrab aus der frühen Römerzeit mit mindestens 129 intakten Skeletten und wahrscheinlich mehr als 150 Toten. Das allein wäre spektakulär. Wirklich folgenreich wird der Fund aber erst, wenn man ihn historisch ernst nimmt. Dann geht es nicht mehr bloß um Archäologie. Dann geht es um die Frage, ob die urbane Geschichte Wiens nicht auch mit einem militärischen Desaster begann.


Die Grabung in der Hasenleitengasse wurde von der Stadtarchäologie Wien und dem Wien Museum öffentlich vorgestellt. Seitdem ist klar: Die Toten lagen ohne erkennbare Ordnung, oft auf Bauch oder Seite, teils ineinander verschränkt, hastig in eine Grube gedrängt. Die anthropologischen Untersuchungen zeigen bislang ausschließlich männliche Individuen, überwiegend junge Erwachsene. Viele Knochen tragen Spuren scharfer, stumpfer oder projektilbedingter Gewalt. Wer hier starb, starb nicht in einem regulären Friedhofszusammenhang. Er starb in einem Gewaltakt, der so chaotisch war, dass für römische Bestattungsrituale keine Zeit oder keine Möglichkeit mehr blieb.


Ein Grab, das gerade deshalb so laut spricht, weil es eigentlich nicht existieren dürfte


Die Römer verbrannten ihre Toten in weiten Teilen Europas bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. meist auf dem Scheiterhaufen. Genau deshalb ist dieser Fund so außergewöhnlich. Ein großes Feld aus unverbrennter, männlicher Kriegsgewalt ist in diesem Zeitraum nicht der Normalfall, sondern eine massive Ausnahme. Schon die offizielle Wiener Pressemeldung spricht von einem in Europa einzigartigen Befund. Das Wien Museum formuliert ähnlich deutlich: Ein Massengrab dieser Größenordnung aus römischem Kontext ist für Mitteleuropa ein Einschnitt.


Kontext: Warum die Körperbestattung hier so wichtig ist


Gerade weil Feuerbestattung im römischen Europa um 100 n. Chr. üblich war, lässt sich aus dieser Grube mehr ablesen als aus einem normalen Friedhof. Sie konserviert nicht nur Knochen, sondern die Logik eines Ausnahmezustands.


Hinzu kommen die Beifunde. Gefunden wurden unter anderem Teile von Schuppenpanzerung, eine Wangenklappe eines Helms, Nägel typischer Militärsandalen und ein Dolch mit römisch verzierter Scheide. Diese Funde verankern das Grab klar im militärischen Milieu und datieren es in das späte 1. bis frühe 2. Jahrhundert n. Chr. Das passt zur Phase, in der Vindobona vom kleineren Stützpunkt in Richtung Legionslager ausgebaut wurde.


War das die Schlacht, aus der Wien hervorging?


Genau an dieser Stelle wird der Fund historisch explosiv. Schriftquellen berichten von Kämpfen an der Donaugrenze des Römischen Reichs, besonders in den Donaukriegen unter Kaiser Domitian zwischen 86 und 96 n. Chr. In dieser Zeit geriet die Nordgrenze massiv unter Druck. Die Wiener Fachleute halten deshalb ein Gefecht um 92 n. Chr. für plausibel. Belegt ist das Datum noch nicht endgültig, aber die Richtung ist klar: Die Grube gehört sehr wahrscheinlich in die Phase, in der Rom begriff, dass dieser Abschnitt der Grenze eben kein ruhiger Vorposten war.


Das verändert den Blick auf Wien. Vindobona erscheint dann nicht primär als friedlich wachsender Außenposten römischer Zivilisation, sondern als Ort, dessen städtische Verdichtung aus Bedrohung erwuchs. Erst der militärische Druck machte den Ausbau robuster Befestigungen sinnvoll. Erst die Gewalt schuf den Anlass, die Präsenz zu verstärken. Das Massengrab wäre damit kein Randereignis, sondern ein frühes Echo jenes Konflikts, aus dem die spätere Stadt hervorging.


Die Pointe ist unangenehm, aber historisch produktiv: Städte entstehen nicht nur aus Märkten, Verwaltung und Infrastruktur. Sie entstehen oft auch aus Grenzziehung, Aufrüstung und der Notwendigkeit, Gewalt zu organisieren. Der Fund in Simmering zwingt dazu, Wiens Frühgeschichte nicht nur als Kulturgeschichte, sondern auch als Geschichte verletzlicher Herrschaft zu lesen.


Was wir wissen und was wir noch nicht wissen


Gerade weil der Befund so spektakulär ist, muss man die Unsicherheiten sauber benennen. Nicht jeder Tote ist bereits individuell als römischer Soldat identifiziert. Laut Associated Press konnte bislang nur ein Individuum sicher als römischer Krieger bestimmt werden. Das ist kein Widerspruch zur römischen Deutung des Befundes, aber ein wichtiger Präzisionspunkt. Die Grube liegt in römischem Grenzraum, die Beifunde sind militärisch und römisch, die Datierung passt, die Verletzungsmuster sprechen klar für ein Kampfgeschehen. Offen bleibt dennoch, ob hier ausschließlich Römer liegen, eine gemischte Gruppe beider Seiten oder eine andere, noch nicht verstandene Zusammenstellung der Toten.


Auch die Bioarchäologie ist noch nicht am Ende. Im Abstract zum Fund auf dem 4th International Congress on Roman Bioarchaeology wird betont, dass die Grube bisher nur in einer ersten Einschätzung vorliegt. DNA-Analysen und Strontium-Isotopen sollen helfen, Herkunft, Mobilität und womöglich Gruppenzusammensetzung besser zu klären. Das ist entscheidend. Denn gerade an Grenzräumen des Imperiums waren römische Armeen nie bloß „Römer“ im engen Sinne. Sie bestanden aus Bürgern, Hilfstruppen, Rekrutierten aus verschiedenen Provinzen und eng verflochtenen lokalen Netzwerken.


Der Ort selbst ist eine Botschaft


Mindestens so spannend wie die Knochen ist die Lage. Die Fundstelle liegt nicht im späteren Kern des Legionslagers, sondern auf unbebautem Terrain zwischen römischen Stützpunkten. Gerade das macht sie erzählerisch stark. Der Ort markiert eine Zone, die in der klassischen Stadtgeschichte leicht aus dem Blick fällt: den unsicheren Zwischenraum vor der befestigten Ordnung. Nicht das monumentale Zentrum, sondern die verletzliche Peripherie.


Das erinnert daran, wie selektiv Stadtgedächtnis funktioniert. Museen, Schulbücher und touristische Erzählungen lieben Mauern, Grundrisse, Inschriften und rekonstruierte Alltagswelten. Massengräber passen schlecht in diese saubere Grammatik der Herkunft. Sie erzählen nicht von Stabilität, sondern von Bruch. Nicht von Verwaltung, sondern von Kontrollverlust. Genau deshalb können sie einen historiografischen Schock auslösen.


Merksatz: Was der Fund wirklich umschreibt


Nicht die Tatsache, dass Wien römische Wurzeln hat, steht plötzlich infrage. Umgeschrieben wird vielmehr, wie diese Wurzeln aussehen: weniger geordnete Expansion, mehr konflikthafte Entstehung.


Von Vindobona zu Wien: urbanes Leben auf unsicherem Boden


Die Stadtarchäologie Wien und die Übersicht zu den antiken Siedlungsbereichen machen deutlich, wie bedeutend Vindobona später wurde: Legionslager, Lagervorstadt, zivile Siedlungsflächen, militärische Infrastruktur. All das wirkt in der Rückschau fast zwangsläufig. Doch genau diese Rückschau kann trügen. Historische Entwicklung erscheint oft linear, weil das Ergebnis feststeht. In Wirklichkeit war sie offen, riskant und von Rückschlägen geprägt.


Das Massengrab von Simmering liefert dafür einen seltenen physischen Beleg. Es zeigt, dass der Donauraum nicht bloß eine administrative Grenze war, sondern ein real umkämpfter Raum. Dass römische Präsenz nicht einfach „kam“, sondern verteidigt, stabilisiert und neu organisiert werden musste. Und dass die Anfänge Wiens womöglich enger mit einem militärischen Krisenmoment verknüpft sind, als die klassische Stadterzählung suggeriert.


Warum dieser Fund mehr ist als ein archäologischer Sensationsmoment


Sensationsfunde sind im Medienzyklus schnell verbraucht. Ein paar spektakuläre Bilder, ein paar Zahlen, dann das nächste Thema. Aber dieser Fund verdient mehr Geduld. Nicht wegen des Schauwerts der Skelette, sondern weil er ein seltenes Fenster öffnet: auf die Geburt einer Stadt unter Bedingungen von Gewalt, Unsicherheit und Improvisation.


Vielleicht liegt genau darin seine größte Bedeutung. Wien bekommt durch Simmering keine völlig neue Vergangenheit. Aber die Stadt bekommt eine ehrlichere. Eine, in der Urbanisierung nicht nur nach Stein, Wasserleitung und Lagerplan riecht, sondern auch nach Erde, Eisen und einem Massengrab, das fast zwei Jahrtausende lang verborgen lag.


Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung guter Archäologie: Sie ergänzt nicht nur Fakten. Sie stört Selbstbilder.


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