Wissenschaftliche Meldungen
Das Geheimnis des Glücks? Warum „sich geliebt fühlen“ so viel ausmacht
12.2.26, 14:23
Psychologie, Gesellschaft

Glück ist kein Kontostand – sondern ein Gefühl von Verbundenheit
„Wenn mich nur mehr Leute mögen würden“ klingt erstmal nach Kalenderkitsch. Doch genau um diese Idee dreht sich ein Gespräch in der Washington Post mit zwei Psycholog*innen: der Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky (UC Riverside) und dem Beziehungsforscher Harry Reis (University of Rochester). Ihre zentrale These: Für unser Wohlbefinden ist nicht so sehr entscheidend, wie viel wir besitzen oder erreichen, sondern ob wir uns von anderen Menschen wirklich gesehen und angenommen fühlen.
Wichtig dabei: Das ist keine neue einzelne „Wunderstudie“, die jetzt plötzlich das Geheimnis des Glücks gelüftet hätte. Es ist eher eine journalistisch aufbereitete Einordnung aus Forschung und Erfahrung – verbunden mit dem Start ihres Buches darüber, wie man sich im Alltag eher geliebt fühlt.
Warum „geliebt werden“ überhaupt so viel mit Überleben zu tun hat
Reis argumentiert biologisch: Menschenbabys sind ohne Fürsorge nicht überlebensfähig – und selbst Erwachsene funktionieren messbar besser, wenn sie eingebettet sind in stabile Beziehungen und ein Gefühl von Zugehörigkeit haben. Das passt zu einem robusten Forschungsstrang in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften: Qualität und Quantität sozialer Beziehungen hängen nicht nur mit höherer Lebenszufriedenheit zusammen, sondern auch mit Gesundheit und sogar Sterblichkeit.
Das bedeutet nicht, dass Liebe eine medizinische Schutzimpfung wäre. Aber es bedeutet: Soziale Verbindung ist kein Luxus oben drauf, sondern eine Art Grundnährstoff – und wenn er fehlt, reagiert der Mensch.
Einsamkeit als Alarmanlage – und warum sie manchmal hängen bleibt
Lyubomirsky beschreibt Einsamkeit als Signal: ein innerer Hinweis, dass Bindungen gerade nicht tragen. In dieser Logik ist Einsamkeit zunächst funktional, weil sie uns motivieren kann, wieder Kontakt aufzunehmen.
Problematisch wird es, wenn daraus ein Kreislauf entsteht. Manche Menschen reagieren auf Einsamkeit mit „Gegenbewegung“ – sie rufen jemanden an, verabreden sich, suchen Anschluss. Andere ziehen sich zurück, schämen sich, interpretieren ihr Alleinsein als persönlichen Makel oder flüchten in Ersatzhandlungen. Wer chronisch einsam ist, kann zudem misstrauischer werden und selbst echte Freundlichkeit als „hat bestimmt einen Haken“ umdeuten. Dann wird das, was eigentlich Verbindung herstellen könnte, als Bedrohung gelesen – und die Isolation verstärkt sich.
Hier lohnt die Einordnung: Forschung findet zwar Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, Stress, psychischer Belastung und körperlicher Gesundheit. Aber die Richtung ist nicht immer eindeutig. Einsamkeit kann krank machen – Krankheit kann aber auch einsam machen. Genau deshalb sind einfache Schuldzuweisungen („Du musst nur rausgehen“) oft nicht nur falsch, sondern kontraproduktiv.
Der Irrtum vom „erst perfekt werden, dann geliebt werden“
Ein Kernpunkt ist ein psychologisch plausibler Denkfehler: Viele glauben, sie müssten erst attraktiver, erfolgreicher oder souveräner wirken, um Liebe zu „verdienen“. Lyubomirsky widerspricht: Wenn wir nur die polierte Version von uns zeigen, werden wir zwar vielleicht bewundert – aber nicht wirklich gekannt. Und wenn wir nicht wirklich gekannt werden, bleibt immer der Zweifel: „Würdest du mich auch mögen, wenn du alles wüsstest?“
Das ist eine unbequeme Botschaft, weil sie das Gegenteil von Selbstoptimierungslogik ist. Sie sagt: Nähe entsteht nicht durch Fehlerlosigkeit, sondern durch Echtheit plus Sicherheit. Und Sicherheit entsteht durch Beziehungen, in denen man sich zeigen darf, ohne ständig bewertet zu werden.
Ein überraschender Hebel: Liebe eher auslösen als einfordern
Besonders konkret wird es im Alltag: Man fühlt sich oft geliebter, wenn man aktiv Interesse und Wärme gibt – nicht als Manipulation, sondern weil Beziehung ein wechselseitiger Prozess ist. Neugier auf das Innenleben anderer, echtes Zuhören, kleine Zeichen von Verlässlichkeit: Solche Dinge sind banal, aber sozialpsychologisch mächtig, weil sie Bindung signalisieren.
Auch hier gilt: Das ist kein Rezept, das bei allen gleich funktioniert. Menschen unterscheiden sich in Temperament, Lebenslage, Traumaerfahrungen, psychischer Gesundheit und sozialen Ressourcen. Wer etwa in Depressionen steckt oder sozial ängstlich ist, erlebt dieselben Schritte als viel höhere Hürde. Trotzdem ist der Gedanke wichtig, weil er Kontrolle zurückgibt: Nicht „Werde endlich liebenswerter“, sondern „Baue Verbindung über Verhalten, nicht über Status“.
Kann das sogar gesellschaftliche Spaltung lindern?
Am Ende steht eine größere These: Wenn Menschen lernen, weniger schnell zu urteilen und stattdessen neugieriger auf die Perspektive anderer zu werden, könnte das auch Polarisierung abmildern. Das ist plausibel im Sinne von „Kontakt und Verständnis helfen oft“ – aber die Evidenz ist komplex. Kontakt reduziert Vorurteile nicht automatisch; er funktioniert besonders dann, wenn Bedingungen wie Gleichwertigkeit, gemeinsame Ziele und Sicherheit gegeben sind. Als gesellschaftliche „Heilung“ taugt Liebe also nicht als einfache Parole, eher als Richtung: weniger Entmenschlichung, mehr echte Begegnung.
Was bleibt als wissenschaftlich nüchterne Quintessenz?
Glück besteht aus vielen Bausteinen – Gesundheit, Sicherheit, Sinn, Autonomie, Geld (bis zu einem gewissen Punkt), Persönlichkeit, Zufall. Aber soziale Verbundenheit ist einer der stabilsten und am besten belegten Faktoren, die über Jahre hinweg mit Wohlbefinden zusammenhängen. „Sich geliebt fühlen“ ist dabei nicht nur Romantik, sondern eine subjektive Erfahrung von Zugehörigkeit, Akzeptanz und Verlässlichkeit.
Und vielleicht ist das der eigentliche Perspektivwechsel: Nicht „Wie maximiere ich mein Glück?“, sondern „Wo erlebe ich echte Bindung – und wie kann ich sie pflegen?“
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