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Wissenschaftliche Meldungen

Eisbären in Südostgrönland: „Springende Gene“ als Signal für Anpassung an die Arktiserwärmung

29.12.25, 14:50

Klima & Umwelt, Biologie, Zoologie

Nahaufnahme eines Eisbären auf schmelzendem Eis in Südostgrönland, im Hintergrund Gletscher und Fjorde. Text im Bild: „Eisbären in der Evolution! Anpassung an die Erwärmung? Neue Studie enthüllt Überraschendes!“

Eisbären „evolvieren in Echtzeit“: Was eine Studie aus Südostgrönland über Anpassung an die Arktiserwärmung verrät


In Südostgrönland lebt eine kleine, lange unterschätzte Gruppe von Eisbären, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit einigen Jahren besonders aufmerksam beobachten. Der Grund ist nicht Romantik, sondern Biologie: Diese Tiere kommen in einer Region zurecht, in der das klassische Eisbären-Rezept – jagen auf stabilem Meereis – über weite Teile des Jahres nicht funktioniert. Neue genetische Befunde legen nahe, dass diese Population unter dem Druck der Erwärmung messbar anders reagiert als Eisbären aus kälteren Gebieten Grönlands. Das weckt Hoffnung, birgt aber zugleich die Gefahr, missverstanden zu werden: Anpassung ist möglich, aber sie ist weder garantiert noch ein Freifahrtschein für weiter steigende Emissionen.


Eine Population im Ausnahme-Lebensraum: Leben mit wenig Meereis


Die Besonderheit der Südostgrönland-Bären ist ihr Lebensraum. Während viele Eisbären Meereis als Plattform zum Jagen, Wandern, Paaren und Aufziehen der Jungen brauchen, sind die Tiere in Südostgrönland deutlich ortstreuer und nutzen Fjorde, in denen Gletschereis ins Meer kalbt. Dort entsteht ein Gemisch aus Eisbergen, Bruchstücken und Meereis, das zeitweise als Ersatz-Jagdgebiet dienen kann. Satelliten- und Felddaten zeigen, dass diese Bären vom klassischen Meereis für einen großen Teil des Jahres abgeschnitten sind und dennoch Wege finden, zu jagen und zu überleben.


Die Isolation hat auch eine genetische Seite. Frühere Auswertungen beschrieben die Gruppe als genetisch unterscheidbar und funktionell weitgehend isoliert – ein Muster, das zu einem subpopulationellen „Insel“-Effekt passt, nur eben auf Eis und zwischen Fjorden.


„Springende Gene“ als möglicher Anpassungsmechanismus


Die aktuelle Analyse, auf die sich der Bericht stützt, betrachtet nicht nur klassische genetische Marker, sondern sogenannte transponierbare Elemente, umgangssprachlich „springende Gene“. Das sind DNA-Abschnitte, die ihre Position im Genom verändern oder die Aktivität benachbarter Gene beeinflussen können. In den untersuchten Daten zeigten Eisbären aus Südostgrönland im Vergleich zu Tieren aus Nordostgrönland eine andere Aktivität solcher Elemente sowie Unterschiede in der Genaktivität in Bereichen, die mit Hitzestress, Stoffwechsel und Alterungsprozessen zusammenhängen.


In der Fachpublikation wird beschrieben, dass bestimmte Gruppen transponierbarer Elemente in der südöstlichen Population stärker aktiv und teilweise „jünger“ erscheinen. Das wird als Hinweis interpretiert, dass Umweltstress die Mobilisierung dieser DNA-Elemente begünstigen könnte. Entscheidend ist jedoch der methodische Rahmen: Die Studie arbeitet mit einer kleinen Zahl an Proben aus der südöstlichen Gruppe und verknüpft molekulare Muster mit Umweltbedingungen. Das macht die Ergebnisse interessant, begrenzt aber ihre Verallgemeinerbarkeit. Ein genetisches Signal ist noch kein Beweis dafür, dass daraus bereits ein klarer Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteil entsteht.


Hoffnung mit klaren Grenzen


Der Bericht hebt hervor, dass die südöstlichen Eisbären Hinweise darauf liefern könnten, welche biologischen Stellschrauben unter Wärme- und Nahrungsstress relevant werden. Das ist für die Forschung wertvoll, etwa um Risiken für andere Populationen besser einzuschätzen oder Schutzmaßnahmen gezielter zu planen.


Gleichzeitig bleibt die Realität hart: Der Eisbär ist evolutionär eng an das Leben auf Eis angepasst. Schrumpfendes Meereis trifft nicht nur die Jagd, sondern die gesamte Energiebilanz der Tiere. Selbst wenn einzelne Gruppen kurzfristig Ausweichstrategien entwickeln oder genetische Anpassungen zeigen, sagt das wenig darüber aus, ob Eisbären als Art in einem deutlich wärmeren Arktissystem langfristig bestehen können. Genau deshalb betonen die beteiligten Forschenden, dass die Ergebnisse Hoffnung machen, aber keinesfalls Entwarnung bedeuten oder die Dringlichkeit des Klimaschutzes mindern.


Einordnung: Was gesichert ist – und was offen bleibt


Gut belegt ist, dass es in Südostgrönland eine ungewöhnliche, räumlich und biologisch klar abweichende Eisbärgruppe gibt, die in einem gletschergeprägten Fjordsystem lebt und weniger abhängig vom klassischen Meereis ist als viele andere Populationen. Diese Einschätzung stützt sich auf mehrjährige Bewegungs-, Umwelt- und genetische Analysen.


Offen bleibt, wie stark die beobachteten molekularen Unterschiede tatsächlich in messbare Vorteile übersetzt werden, etwa in höhere Überlebensraten, besseren Fortpflanzungserfolg oder stabilere Jungtieraufzucht. Zudem müssen mögliche Effekte genetischer Drift berücksichtigt werden, die in kleinen, isolierten Gruppen Unterschiede verstärken können, ohne dass dahinter zwingend eine vorteilhafte Anpassung steht. Die Fachpublikation selbst weist auf diese Unsicherheiten hin und fordert weitere Daten und längere Zeitreihen.

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