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Wissenschaftliche Meldungen

Evolution im Stresstest: Simulationen zeigen, wie stark der Verlauf von der Reihenfolge der Umweltwechsel abhängt

31.12.25, 15:28

Biologie, Klima & Umwelt, Technologie

Quadratisches Facebook-Titelbild zur Evolution unter Stress: geteilte Szene mit extremer Hitze links (ausgedörrte Landschaft, Sonne, Gewitter) und Kälte rechts (verschneite Landschaft, Pinguin). In der Mitte eine Evolutionsreihe vom frühen Menschen zum modernen Läufer. Große Schlagzeile im Bild: „Evolution im Stress-Test: Schnelle Anpassung oder Stillstand?“ Visualisiert wechselnde Umweltbedingungen und ihre Wirkung auf Anpassung.

Evolution unter wechselnden Bedingungen: Warum derselbe Stress nicht überall dasselbe bewirkt


Umwelten sind selten stabil. Jahreszeiten, Extremwetter, Trockenperioden oder plötzliche Temperaturstürze verändern die Bedingungen, unter denen Populationen überleben und sich fortpflanzen. In der Evolutionsbiologie gilt deshalb seit Langem die Frage als zentral, ob häufige Schwankungen Organismen eher „trainieren“ und ihre Anpassungsfähigkeit stärken – oder ob ständige Umbrüche Evolution ausbremsen, weil Anpassungen immer wieder entwertet werden. Ein Forschungsteam der University of Vermont und der University of Cambridge hat diese Frage nun mit groß angelegten Computersimulationen systematisch untersucht und kommt zu einem Ergebnis, das einfache Erwartungen erschwert: Wechselnde Umwelten können die Anpassung beschleunigen, sie können sie aber auch deutlich behindern – und welche dieser beiden Richtungen eintritt, hängt stark davon ab, welche Umweltwechsel in welcher Reihenfolge auftreten und wo eine Population startet.


Ein Labor aus Code: Tausende Generationen „digitaler Organismen“


Die Studie arbeitet nicht mit realen Tieren oder Pflanzen, sondern mit digitalen Organismen in einer simulierten Evolution. Solche Modelle erlauben etwas, das in der biologischen Praxis kaum möglich ist: Evolution „wiederholen“ – viele Male und unter kontrolliert variierten Bedingungen. Genau das ist der Kern des Ansatzes. Statt eine einzige Population in einer einzigen Umwelt zu verfolgen, ließen die Forschenden zahlreiche Populationen in vielen unterschiedlichen, aber vergleichbaren Szenarien evolvieren.


Die zentrale Idee: Evolution spielt sich auf sogenannten Fitnesslandschaften ab. Vereinfacht gesprochen sind das Karten, die zeigen, wie gut bestimmte Ausprägungen (Phänotypen) in einer Umwelt abschneiden. Ändert sich die Umwelt, ändert sich auch die Landschaft – Gipfel und Täler verschieben sich. In den Simulationen nutzte das Team Paare solcher Fitnesslandschaften und ließ Populationen zwischen ihnen wechseln. Insgesamt wurden 105 unterschiedliche „variable Umwelten“ konstruiert, um systematisch zu testen, wie unterschiedlich Evolution auf scheinbar ähnliche Formen von Variabilität reagieren kann.


Der überraschende Befund: Variabilität ist kein einheitlicher „Turbo“


Über alle Experimente hinweg zeigte sich ein klares Muster: Umweltvariabilität führte im Mittel dazu, dass Populationen mehr Bereiche der Fitnesslandschaft erkundeten, im Durchschnitt höhere Fitness erreichten und zugleich robuster gegenüber Mutationen wurden als Populationen in statischen Umwelten. Das klingt zunächst wie ein Vorteil schwankender Bedingungen – doch der entscheidende Punkt folgt unmittelbar: Ob wechselnde Umwelt auch die evolutive „Entwicklungsfähigkeit“ in Richtung neuer, passender Anpassungen steigert, war keineswegs zuverlässig.


In manchen Fitnesslandschaft-Paaren half der Wechsel tatsächlich dabei, höhere Fitnessgipfel zu erreichen. In anderen Fällen bremste die Variabilität den Fortschritt oder lenkte Populationen auf Pfade, die langfristig ungünstiger waren. Die Studie beschreibt damit eine Art evolutiven Pfadabhängigkeitseffekt: Der Verlauf hängt nicht nur davon ab, dass sich etwas ändert, sondern davon, welche Änderungen zuerst kommen, wie oft sie auftreten und in welchem Zustand die Population in die wechselnde Umwelt hineingeht.


Warum „eine Population“ nicht für „eine Art“ stehen muss


Ein besonders praxisnaher Schluss betrifft die Interpretation vieler Evolutionsstudien. Häufig wird – ob im Labor oder in Feldbeobachtungen – eine Population unter einem definierten Stressor untersucht, etwa Trockenheit oder Hitze. Daraus werden dann Aussagen abgeleitet, wie „die Art“ auf Umweltwandel reagieren könnte. Die neuen Simulationen legen nahe, dass das riskant sein kann: Zwei Populationen derselben Art könnten in der Realität sehr unterschiedliche Umweltsequenzen erleben, etwa wiederkehrende Temperaturwechsel in einer Region und abwechselnde Dürre- und Starkregenphasen in einer anderen. Die Studie zeigt, dass solche Unterschiede genügen können, um Evolution in verschiedene Richtungen zu lenken – inklusive der Möglichkeit, dass Variabilität in einem Kontext Anpassung fördert, im anderen aber behindert.


Relevanz für Klimawandel, Antibiotikaresistenz – und sogar KI


Die Ergebnisse sind besonders brisant, weil sie zwei Felder berühren, in denen Prognosen zur Anpassungsfähigkeit entscheidend sind. Erstens der Klimawandel: Die Frage ist nicht nur, ob Arten „anpassungsfähig“ sind, sondern ob ihre Anpassung schnell genug und in die richtige Richtung erfolgt, wenn Umweltbedingungen nicht nur graduell steigen, sondern zwischen Extremen schwanken. Zweitens die Evolution von Antibiotikaresistenz: Auch hier können wechselnde Bedingungen – etwa unterschiedliche Antibiotikagaben oder Behandlungspausen – Evolution in sehr verschiedene Bahnen lenken.


Bemerkenswert ist außerdem die Brücke zur Informatik. Die Forschenden verweisen auf Parallelen zwischen Evolution in wechselnden Umwelten und dem Problem, das viele KI-Systeme beim fortlaufenden Lernen haben: Neues Lernen führt oft dazu, dass zuvor Gelerntes „vergessen“ wird. In der KI-Forschung wird dieses Feld als „online continual learning“ diskutiert. Die Studie ordnet die eigene Arbeit als Beitrag zu einem gemeinsamen Grundproblem ein: Wie Systeme unter wechselnden Anforderungen so lernen beziehungsweise evolvieren können, dass sie nicht nur kurzfristig reagieren, sondern langfristig leistungsfähig bleiben.


Was die Studie nicht zeigt – und was als Nächstes wichtig wäre


So stark die Ergebnisse wirken, so wichtig ist die Einordnung: Es handelt sich um Simulationen, also um Modellwelten, die Aspekte realer Biologie abstrahieren. Das ist ein Vorteil für systematische Tests, aber eine Einschränkung für direkte Vorhersagen. Die Studie liefert deshalb weniger ein Rezept nach dem Motto „Variabilität macht anpassungsfähiger“, sondern vielmehr eine Warnung vor zu einfachen Verallgemeinerungen: Die Eigenschaften der zugrunde liegenden Fitnesslandschaften – also welche Anpassungen in welcher Umwelt überhaupt erreichbar und miteinander kompatibel sind – entscheiden mit darüber, ob Schwankung hilft oder schadet.


Als nächster Schritt wäre entscheidend, die in den Simulationen identifizierten Muster als Hypothesen in biologischen Systemen zu prüfen: etwa in Mikroben, die in kontrollierten Sequenzen von Stressoren wachsen, oder in Modellorganismen unter klimarealistischen Wechseln von Hitze, Trockenheit und Ressourcenknappheit. Gerade weil die Studie zeigt, wie stark der „Startpunkt“ die Evolution prägt, wären Experimente mit mehreren Populationen und variierenden Umweltfolgen besonders aufschlussreich.

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