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Wissenschaftliche Meldungen

Orang-Utans brauchen Kultur, um richtig essen zu lernen – neue Studie zeigt Grenzen des Alleingangs

1.1.26, 20:32

Biologie, Zoologie

Ein junges Orang-Utan-Jungtier sitzt im dichten Regenwald und betrachtet konzentriert eine Handvoll bunter Früchte, während im Hintergrund ein erwachsener Orang-Utan zuschaut. Im Vordergrund liegen verschiedene Nahrungsmittel, daneben kleine Bildausschnitte mit Fressbeobachtungen und einer grafischen Kurve. Großflächiger Text im Bild lautet: „Orang-Utans: Ohne Kultur keine volle Speisekarte!“ und „Sozial erlerntes Wissen entscheidet!“.

Worum es in der Studie geht


Wenn junge Orang-Utans irgendwann ohne Mutter unterwegs sind, müssen sie in einem komplexen Regenwaldalltag zuverlässig wissen, was essbar ist, wo es zu finden ist – und wie man es verarbeitet. Eine neue Studie in Nature Human Behaviour zeigt nun: Diese erwachsene „Speisekarte“ entsteht nicht einfach durch Ausprobieren. Entscheidend ist sozial erlerntes Wissen – also eine Art Orang-Utan-Kultur.


Datengrundlage: Langzeitbeobachtung trifft Computersimulation


Das Forschungsteam stützte sich auf mehr als zwölf Jahre Beobachtungsdaten aus dem Suaq-Balimbing-Gebiet auf Sumatra (2007–2019). In die Auswertung flossen tausende systematische Verhaltensbeobachtungen und insgesamt über 22.000 Beobachtungsstunden ein. Auf dieser Basis entwickelten die Forschenden ein agentenbasiertes Computermodell, das die Ernährungsentwicklung eines Jungtiers Tag für Tag simuliert – inklusive typischer Futterstellen, sozialer Kontakte und altersabhängiger Lernprozesse.


Wie groß ist ein erwachsener Orang-Utan-Speiseplan?


Im Datensatz identifizierte das Team 262 unterschiedliche Nahrungsarten, darunter Früchte, Blätter, Rinde, Insekten und Samen. Um abzuschätzen, wie viele davon ein erwachsener Orang-Utan typischerweise nutzt, berechneten die Forschenden eine Sättigungskurve. Daraus ergab sich eine erwachsene Repertoiregröße von rund 248 Nahrungsarten. Als „erwachsenentypisch“ definierten sie einen Schwellenwert von 90 Prozent davon, also etwa 223 Nahrungsarten.


Was im Modell als soziales Lernen gilt


Das Modell unterscheidet mehrere Wege des Lernens. Ein zentraler Faktor ist das langfristige Mitziehen mit der Mutter, durch das Jungtiere automatisch an viele geeignete Futterorte gelangen. Hinzu kommen Lerneffekte durch räumliche Nähe zu anderen fressenden Tieren sowie gezieltes Beobachten. Besonders wichtig ist dabei das sogenannte „Peering“: Jungtiere schauen aus kurzer Distanz genau zu, wie ältere Tiere Nahrung auswählen und verarbeiten. Dieses Verhalten erhöht im Modell deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass neue Nahrungsarten korrekt übernommen werden.


Der Kernbefund: Ohne Kultur bleibt die Diät unvollständig


In der vollständigen Modellvariante, die alle Formen sozialen Lernens berücksichtigt, entsprach die simulierte Entwicklung gut den realen Beobachtungen. Jungtiere erreichten bis zur Unabhängigkeit eine nahezu erwachsenentypische Ernährungsbreite – sowohl im Umfang als auch im zeitlichen Verlauf.


Wurden einzelne Lernwege entfernt, änderte sich das Bild drastisch. Ohne gezieltes Beobachten verzögerte sich der Aufbau des Speiserepertoires deutlich; nur noch etwa 1,6 Prozent der simulierten Jungtiere erreichten eine erwachsenentypische Diät. Entfernten die Forschenden zusätzlich die Lerneffekte durch unmittelbare Nähe zu anderen Tieren, schaffte es in der Simulation kein einziges Jungtier mehr, trotz extrem vieler Gelegenheiten zum eigenständigen Fressen. Allein häufiges Ausprobieren reichte also nicht aus.


Tierkultur jenseits einzelner Traditionen


Die Studie erweitert den Begriff der Tierkultur. Bisher konzentrierte sich die Forschung oft auf einzelne, auffällige Traditionen wie Werkzeuggebrauch. Hier geht es um ein umfassendes Wissenssystem, das ein einzelnes Tier kaum allein erwerben kann. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einem kulturell abhängigen Repertoire: einem Vorrat an Wissen, der sich nur über Generationen hinweg durch soziales Lernen ansammelt. Für Orang-Utans ist demnach selbst die alltägliche Ernährung Teil eines kulturellen Erbes.


Einordnung und Grenzen der Ergebnisse


Die Ergebnisse beruhen auf einer Kombination aus Langzeitdaten und Modellrechnungen. Das erlaubt Einblicke in Prozesse, die sich experimentell kaum testen lassen, bleibt aber zwangsläufig eine Vereinfachung der Realität. Die Forschenden betonen, dass manche Lernmechanismen eher konservativ abgebildet sind und sich einzelne Effekte nicht sauber voneinander trennen lassen. Dennoch ist die zentrale Aussage robust: Ohne soziale Lernprozesse entwickeln junge Orang-Utans ihre erwachsene Ernährungsvielfalt nicht rechtzeitig.


Bedeutung für Naturschutz und Auswilderung


Die Ergebnisse haben auch praktische Konsequenzen. Wenn Nahrungswissen kulturell vermittelt wird, reicht es in Auffangstationen und Auswilderungsprogrammen nicht aus, Tiere nur körperlich zu versorgen. Entscheidend ist auch, ob sie Zugang zu erfahrenen Artgenossen oder gezielt vermitteltem Wissen über lokale Nahrung haben. Der Erhalt sozialer Lernumgebungen könnte damit ein unterschätzter Faktor für den langfristigen Erfolg von Schutzmaßnahmen sein.

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