Permafrost-Methan: Warum der tauende Boden in Sibirien und Nordamerika das Klima verstärkt
- Benjamin Metzig
- vor 2 Stunden
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Permafrost-Methan: Warum der tauende Boden in Sibirien und Nordamerika das Klima verstärkt
Unter dem Eis liegt kein Stillstand
Unter dem gefrorenen Boden von Sibirien, Alaska und Kanada liegt kein Museumsraum der Eiszeit. Dort steckt einer der groessten Kohlenstoffspeicher der Erde. NASA beschreibt den nordlichen Permafrostraum als Boden, der etwa doppelt so viel Kohlenstoff enthaelt wie heute in der Atmosphaere schwebt. Das ist nicht nur eine riesige Zahl. Es ist auch ein Zeichen dafuer, wie viel klimasensibles Material noch unter der Oberflaeche wartet.
Solange der Boden gefroren bleibt, ist dieser Vorrat vergleichsweise ruhig. Doch wenn Permafrost taut, werden Mikroben aktiv. Sie zersetzen das alte organische Material und machen daraus Treibhausgase. Je nach Sauerstoffangebot entsteht eher Kohlendioxid oder Methan. Genau hier beginnt die eigentliche Unruhe.
Warum Methan so heikel ist
Methan ist kein langlebiges Gas wie CO2. Es bleibt in der Atmosphaere im Schnitt nur rund zehn Jahre. Aber in dieser kurzen Zeit heizt es deutlich staerker auf: ueber einen Zeitraum von 100 Jahren wirkt es rund 28-mal so stark wie dieselbe Menge CO2. Das macht Methan nicht zur groessten Gasmenge im Klimasystem, aber zu einem besonders gefaehrlichen Beschleuniger.
Deshalb ist die Permafrostfrage keine einfache Entweder-oder-Frage. Nicht jeder auftauende Boden wird zu einer Methanquelle, und nicht jeder Ort reagiert gleich. Aber je mehr waermt, desto mehr tauen die oberen Schichten, desto tiefer reicht die Saisonauftauschicht, und desto groesser wird die Chance auf anaerobe Zonen, in denen Methan entsteht.
Was die Daten inzwischen zeigen
Die neueren Budgets sind deutlich weniger bequem als fruehere Hoffnungsschlaege. Eine 2024 veroeffentlichte umfassende Schaetzung fuer die Jahre 2000 bis 2020 kommt fuer den gesamten Permafrostraum auf einen klaren Nettoausstoss von Methan und Lachgas. Die CO2-Bilanz lag zwar innerhalb grosser Unsicherheiten nahe bei null, aber das Gesamtbild war nicht mehr das eines stabilen, unbeteiligten Bodens.
NOAA formuliert es fuer die Arktis-Tundra noch schaerfer: Mit den Emissionen aus Waeldern gerechnet, ist die Region inzwischen eine CO2-Quelle und zugleich eine konstante Methanquelle. Dazu kommt, dass die Permafrosttemperaturen 2024 an vielen alaskaweiten Messstationen die hoechsten seit Messbeginn waren. Die Richtung ist also klar, auch wenn die genaue Groesse der Zukunft noch unscharf bleibt.
Wichtig ist dabei: Das ist keine Show von einem einzigen grossen Ausbruch. Es ist eine breite, ungleichmaessige Verschiebung vieler kleiner und mittlerer Quellen. Waelder koennen noch CO2 binden, Feuchtgebiete und Seen geben Methan ab, und Braende setzen zusaetzlich Kohlenstoff frei. Der Norden ist kein einheitlicher Klotz, sondern ein Flickenteppich aus gegensaetzlichen Prozessen.
Warum abrupter Tau die Sache verschlimmert
Gerade deshalb sind abrupte Tauprozesse so relevant. NASA berichtete schon 2018 ueber Thermokarst-Seen, in denen permafrostbedingte Emissionen nicht langsam, sondern ploetzlich und tief aus dem Boden kommen koennen. Die Studie hinter dem Bericht schaetzte, dass abrupter Tau die bisherigen Emissionsannahmen um 125 bis 190 Prozent uebersteigt. Das ist ein riesiger Unterschied.
Noch interessanter ist, dass Methan nicht nur aus den klassischen Feuchtgebieten kommt. Die NSF meldete 2024, dass trockene Hochland-Taliks im Permafrost unerwartet grosse Methanmengen freisetzen koennen, teils fast dreimal so viel wie nordliche Feuchtgebiete. Das verschiebt den Blick: Nicht nur Seen und Suempfe zaehlen. Auch scheinbar trockene Plaetze koennen klimatisch heikel werden, wenn tiefere Schichten ununterbrochen auftauen.
Also doch eine Klimabombe?
Ja, aber nicht im Hollywood-Sinn. Es gibt keinen Schalter, der ploetzlich den gesamten Permafrost auf einmal enthuellt. Die echte Gefahr ist leiser und tückischer: ein Feedback, das das Klimasystem unnachgiebiger macht.
Mehr Erwaermung bedeutet mehr Auftauen. Mehr Auftauen bedeutet mehr freigesetzten Kohlenstoff. Mehr Kohlenstoff bedeutet mehr CO2 und Methan in der Atmosphaere. Und genau diese Gase machen die naechste Runde des Auftauens wahrscheinlicher. Darum ist Permafrost-Methan weniger eine einzelne Explosion als ein Verstärker, der jede weitere Zehntelgrad Erwarmung wertvoller oder teurer macht.
Die gute Nachricht ist unbequem, aber wichtig: Der Effekt ist nicht magisch und nicht ausserhalb unseres Einflusses. Wir koennen den schon freigesetzten Kohlenstoff nicht zurueck in den Boden zaubern. Aber wir koennen verhindern, dass wir noch mehr des gefrorenen Vorrats auf einmal freilegen. Jede vermiedene Erwarmung senkt das Risiko, dass aus der klimatischen Bremse ein weiterer Beschleuniger wird.
Quellen
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